Lernen durch Spielen - Foto iStock © SDI Productions

Spielen der Kinder wird oft mit ausschließlich positiven Gefühlen verbunden. In Wirklichkeit aber erleben Kinder beim Spielen die unterschiedlichsten Gefühle. Genau das aber bietet die entscheidenden Möglichkeiten, ihr Lernen und ihre Entwicklung zu fördern.

Denken Sie an einige Ihrer liebsten Kindheitserinnerungen beim Spielen zurück. Diese Erinnerungen zaubern Ihnen wahrscheinlich ein Lächeln ins Gesicht. Tatsächlich betrachten die meisten Menschen das Spiel als Spaß und Freude und körperliches Vergnügen, bei dem man ganz im Moment lebt, mit einer besonderen Kombination aus Zuversicht und Aufregung.

Spielen – ein emotionaler Werkzeugkasten

In einer neueren Untersuchung der PALS-Gruppe (Internationale Gruppe von Spiel- und Lernforschern) wurden Mütter in fünf Ländern (Argentinien, Dänemark, Hongkong, Großbritannien und den Vereinigten Staaten) zu den Gefühlen befragt, die sie mit dem Spielen verbinden. In ihren Antworten dominierten angenehme Gefühle. Eine amerikanische Mutter sagte beispielsweise:

„Wenn sie spielen, warum sollten sie nicht glücklich sein, weil sie ja Spaß haben, aktiv sind, ihre Fantasie benutzen und sich engagieren.“

Eine Mutter aus Hongkong meinte, dass das Spielen den Kindern Erfahrungen aus erster Hand bietet, die „nicht wirklich aus einem Buch gelernt werden können… [z.B.] wie man mit anderen Menschen kommuniziert, wie man den Gesichtsausdruck von Menschen liest oder wie man erkennt, wie sie sich fühlen, wie sie ihre eigenen Gefühle ausdrücken“. Mütter auf der ganzen Welt betrachteten das Spielen als mit angenehmen Gefühlen verbunden, aber sie erkannten auch, dass Kinder beim Spielen eine Reihe von unterschiedlichen Emotionen erleben.

Da Kinder nun mal die besten Experten dafür sind, wie sie sich beim Spielen fühlen, baten die PALS-Forscher auch fünf- und siebenjährige Kinder zu beschreiben, was Spielen für sie bedeutet. Überraschenderweise erwähnten die Kinder mehr als nur angenehme Gefühle. Mit ihren Worten, Gesten und Taten sprachen sie davon, dass sie Spaß haben, sich aber auch anstrengen, denken und sich konzentrieren müssen.

Wie ein siebenjähriger Junge aus Argentinien sagte, betritt man im Spiel „eine Fantasiewelt, und es macht wirklich Spaß und man konzentriert sich “. Kinder sprachen vom Spiel als einer Möglichkeit, in eine Welt einzutauchen, die nur sie selbst bewohnen. Sie berichteten aber auch, dass sie verärgert oder frustriert wurden, wenn sie warten mussten, bis sie an der Reihe waren, nicht gewannen oder feststellten mussten, dass eine Aktivität zu schwierig für sie war. Ein fünfjähriges Mädchen aus Großbritannien beschrieb, wie sie sich ärgerte, wenn jemand anderes die Seifenblasen platzen ließ, die sie gepustet hatte. Andere erklärten, dass sie sich verwirrt, nervös oder sogar etwas ängstlich fühlten, wenn sie Spiele spielten, die sie nicht ganz verstanden. Sie sprachen auch von Einsamkeit, wie etwa wenn sie sich nach einem Freund sehnten, aber allein spielen mussten.

Umfassendere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Vielfalt der Gefühle erweitert, die Kinder beim gemeinsamen Rollenspiel empfinden können, wenn sie beobachten, wie ihre Spielkameraden mit Lachen, Tränen oder Ungeduld reagieren.

Als Erwachsene denken wir manchmal, dass Kinder „nur“ spielen. Tatsächlich aber bietet das Spiel viele Gelegenheiten für Kinder, emotional wie auch kognitiv zu wachsen.

Daher funktioniert das Spiel wie ein emotionaler Werkzeugkasten – ein sicherer Raum, in dem viele Gefühle erlebt und erprobt werden können, ohne dass es Konsequenzen hat oder man sich Gedanken darüber machen muss, ob das Gefühl für die Erwachsenen akzeptabel ist.

Spielerisches Lernen ist mehr als „nur“ ein Spiel

Lernen durch Spielen - Foto Pexels © Victoria BorodinovaDer Gefühlsbogen, den Kinder beim Spielen erleben, ist wichtig für ihr Wohlbefinden und dies umso mehr während einer Pandemie. Angesichts der Ereignisse, die sich auf der ganzen Welt abspielen, kann eine intensive Beschäftigung mit dem Spiel Kindern helfen, ihren eigenen Sorgen und Unsicherheiten und denen anderer zu entfliehen. Kinder werden in diser Zeit wahrscheinlich viele Emotionen erleben, die mit den gewaltigen Veränderungen in ihrem Leben zusammenhängen – die Schulen wurden geschlossen, sie können ihre Freunde und Verwandten nicht sehen, sie sitzen drinnen fest, Sportvereine sind zu und Familienmitglieder fühlen sich möglicherweise unwohl oder gar psychisch belastet. Und man kann sich leicht vorstellen, wie etwa die Verschiebung von Geburtstagsfeiern wirkt, auf die sich Kinder oft das ganze Jahr über gefreut haben.

Rollenspiele sind eine großartige Möglichkeit, Kindern zu helfen, ihre Gefühle auszudrücken, ohne dass sie diese Gefühle als ihre eigenen ausgeben müssen. Eltern und Geschwister können mitmachen und phantasievolle Szenarien und Spielwelten schaffen. Das Rollenspiel hilft Kindern auch, mit intensiven Gefühlen aus beunruhigenden Erlebnissen umzugehen. Schon vor Corona beschrieb eine Mutter aus Dänemark, wie sie Kinder beobachtete, „wenn sie spielten, dass jemand gestorben ist oder ins Krankenhaus musste. Aber auch dass sie Dinge mit ins Spiel nehmen, die sie in ihrer Umgebung hörten“. Diese Art des Spiels bietet Kindern die Möglichkeit, ihre Ängste zu verarbeiten und an einen sicheren Ort zurückzukehren.

„Im Spiel sind Kinder einen Kopf größer als sie selbst“

Lernen durch Spielen - Foto Pexels © Collin GuernseyWenn Kinder spielen, üben sie auch zu kommunizieren und mit ihren Gefühlen auf sozial akzeptable Weise umgehen können (z.B. ist es inakzeptabel, im Zorn körperlich um sich zu schlagen). Die Verarbeitung dieser Emotionen im Spiel hilft, sozio-emotionale Fähigkeiten wie Selbstregulation, Einfühlungsvermögen und das Sehen mit anderen Augen zu entwickeln. Das Spiel lehrt Kinder, dass Gefühle kommen und gehen. Zu Beginn eines Spiels streiten sich Kinder vielleicht über eine Regel und eine Minute später befolgen sie vielleicht dieselbe Regel ohnen Zögern. Das Spiel lässt Kinder den Umgang mit schwierigen Situationen üben und gibt ihnen das Selbstvertrauen, solche Situationen in Zukunft zu lösen. In ähnlicher Weise kann die Konzentration während des Spiels den Kindern helfen, ihre Aufmerksamkeitsspanne zu erhöhen, was sich in einer verbesserten Aufmerksamkeit in der Schule, zu Hause, beim Sport und bei Kunstprojekten führen kann.

Wie Lew Wygotski, der bekannte russische Kindertheoretiker, schrieb: „Im Spiel sind Kinder einen Kopf größer als sie selbst“ – was bedeutet, dass Kinder, wenn sie phantasievoll spielen, reifere Perspektiven einnehmen als im wirklichen Leben, wenn sie zum Beispiel einen Lehrer, einen Verkäufer, einen mächtigen Zauberer oder einen Superhelden spielen.

Die Aufgabe des Erwachsenen

Als Erwachsene könnten wir manchmal denken, dass Kinder „bloß“ spielen. Aber in Wirklichkeit bietet das Spiel Kindern viele Möglichkeiten, emotional und kognitiv zu wachsen.

Dies wirft einige Fragen auf. Wenn das Spiel ein emotionaler Werkzeugkasten ist, der das sozio-emotionale Lernen von Kindern unterstützt, wann sollten dann die Erwachsenen eingreifen? Sollten Erwachsene den Kindern eine Lösung anbieten, wenn sie sich streiten? Zwar sollten natürlich Erwachsene eingreifen, wenn Kinder in einer Weise reagieren, die ihnen selbst oder anderen schaden könnte. Aber andernfalls könnten Kinder, wenn sie einen Schritt zurücktreten, Konflikte auf unerwartete Weise selbst lösen. Wenn Kinder jemanden bitten, einzugreifen oder bestimmte negative Verhaltensweisen zu unterbinden, bauen sie ihre Verhandlungsfähigkeiten aus. Sie lernen, für sich selbst oder andere einzustehen, als Reaktion auf etwas, was sie als ungerecht empfinden.

Sich die Zeit zu nehmen, Kinder beim Spielen zu beobachten, kann Erwachsenen helfen, die Ängste, Sorgen und Interessen der Kinder zu verstehen.

Eltern können sich auf verschiedene Weise am Spiel beteiligen, etwa indem sie fragen, was genau die Kinder da tun und wie sie sich fühlen. Die Eltern können eine weitere Figur zum Rollenspiel hinzufügen, um die Handlung voranzubringen und zu erweitern. Oder Eltern und Kinder können gemeinsam einen Tanz oder ein Lied erfinden, das zu den Interessen der Kinder passt. Wenn man die Kinder spielen lässt, während sie den heftigen Andrang der Emotionen erleben, wird es ihnen helfen, sich im Hier und Jetzt besser zu fühlen. Sie werden so auf viele zukünftige Situationen vorbereitet, in denen Emotionen eine große Rolle spielen, auch in der Schule.

von

übersetzt von Redaktion fürKinder

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Eltern wissen am besten: Wie man gleichzeitig spielen und lernen kann, Play and Learning Scholars Around the World (PALS), Child&Family Blog

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Broschüre „Kindheitsspuren“, Gedichte und Aphorismen, Geschenkbüchlein mit IIlustrationen von Rainer Fischer

Learning through play: more than laughter and smiles, Child&Family Blog, , International group of play and learning researchers, May 2020

PALS-Forscher, Entwicklungspsychologie und Pädagogik, aus 5 Ländern arbeiten seit 2015 zusammen, um die Vorstellungen von Kindern und Eltern über das Spielen und Lernen zu untersuchen. Hauptforscher: Doris Cheng (Hongkong), Teresa Cremin (Vereinigtes Königreich), Roberta Michnick Golinkoff (Vereinigte Staaten von Amerika), Jill Popp (Dänemark), Nora Scheuer (Argentinien). Mitarbeit: Lucia Bugallo (Argentinien), Sarah Jane Mukherjee (Vereinigtes Königreich), Marcia Preston (Vereinigte Staaten von Amerika), Nicholas Wang und Cassy Yeung (beide Hongkong).

Trotz der Tatsache, dass im Spiel viel gelernt wird, was Erwachsene vielleicht nicht bemerken, ist Spiel für Kinder sinnvoll und transformativ. Als Forscher über die Welten und Denkweisen von Kindern aus fünf verschiedenen Ländern erklären wir das Spiel durch eine Lupe, die seinen Wert sowohl für Familien, die ihre Kinder derzeit zu Hause betreuen, als auch für die Zeit nach der Pandemie hervorhebt.