Schnuller-Leitfaden - AdobeStock © VesnaEin Baby kommt auf die Welt und sucht innerhalb von 40 Minuten die Brust der Mutter. [1] Damit der Nachwuchs das schafft und somit sein Überleben sichert, wird es mit einem starkem Saugbedürfnis geboren. Dies behält der Säugling auch erstmal viele Monate bei. Es sichert dem Baby neben Nahrung auch Geborgenheit und schafft Ruhe bei ihm und der Mutter. Das Europäische Institut für Stillen und Laktation schreibt auf seiner Webseite, dass das Saugen außerdem „schmerzlindernd wirkt, beim Einschlafen hilft, tröstet und die Aktivierung des Verdauungssystems erleichtert.“ [2], [3]

Über viele tausende Jahre hat die Menschheit wohl mit der Brust der Mutter den natürlichen Saugreflex des Babys gestillt. Irgendwann in der Geschichte lassen sich dann Spuren von schnullerähnlichen „Instrumenten“ finden. So wurden im alten Ägypten vor 4500 Jahren, Babys mit Saugnäpfen aus Ton beruhigt. Später bastelten die Menschen dann Lutschbeutel aus Stofflappen, die „mit einem Mus aus Mehl, Brot und Honig gefüllt“ waren. Das sich daraus viele gesundheitliche Probleme, wie „Karies, Infektionen und Gebissstörungen“ ergaben, ist verständlich. Daher forschten der Zahnmediziner Dr. Adolf Müller und der Kieferorthopäde Prof. Wilhelm Balters bis 1949 an einem kiefergerechte Beruhigungssauger aus Gummi. Seit 1956 wird dieser unter dem Namen NUK vertrieben. [4], [5], [6]

„Nur wenn ein Säugling seine Bedürfnisse erfüllt bekommt, kann er die nächste Stufe erreichen, so wird er selbständig und unabhängig.“
Prof. Dr. med. Wulf Schiefenhövel, Ethnomediziner und Humanwissenschaftler

Aber brauchen wir wirklich einen Schnuller?

Es gibt tatsächlich medizinische Notwendigkeiten, die für einen Schnullereinsatz sprechen. Dazu zählen laut Nicola Schmidt, Autorin des Buches Artgerecht – Das andere Baby-Buch, „Schreibabys, Frühgeborene, kranke Kinder, erschöpfte Mütter mit wunden Brustwarzen. Oder wenn das Kind ohne Mutter sein muss und zum Beispiel bei Papa sein Saugbedürfnis nicht befriedigen kann.“

Wie beruhige ich mein Baby ohne Schnuller?

Schnuller-Leitfaden - Foto iStock © oksixViele Eltern entscheiden sich bewusst gegen die Verwendung eines Schnullers. Oft sind es gar nicht die Eltern, sondern das Baby selbst, welches den Schnuller ablehnt. Wenn die Eltern das akzeptieren, suchen sie gemeinsam mit ihrem Baby andere Wege, um die Bedürfnisse zu stillen. Bei der Suche im Internet „Wie beruhige ich mein Baby ohne Schnuller?“ kommen viele hilfreiche Tipps zusammen. So empfiehlt eine Autorin zunächst auf die Ursachen zu schauen. Hat mein Baby Hunger, ist die Windel voll, liegt vielleicht eine Überreizung vor, braucht mein Baby Nähe, hat es Bauchweh? Andere Autor:innen nennen in ihren Beiträgen verschiedene Lösungsvorschläge: Das Baby im Wiegegriff sanft schaukeln, Körperkontakt durch ein Tragetuch/Trage herstellen, tragend rausgehen oder mit dem Kinderwagen, babygerechte Stoffe zum Saugen anbieten wie etwa ein Baumwolltuch – dies lässt eine Atmung auch im feuchten Zustand zu, eine Babymassage, ein Bad probieren oder ein wärmendes Kissen gegen Bauchweh auflegen. Auf keinen Fall sollten Sie ihr Baby schreien lassen, sondern wenden Sie sich ihm zu und versuchen Sie die Bedürfnisse zu verstehen.

Eine Expertin auf dem Gebiet des richtigen Einsatzes von Schnullern bzw. Beruhigungssaugern ist Mathilde Furtenbach von der Universität Innsbruck. Laut ihr ist der Beruhigungssauger wie ein Medikament einzusetzen. D. h., es ist zu prüfen, ob in der Situation wirklich gerade nach einem Schnuller gefragt wird oder ein anderes Bedürfnis gestillt werden möchte. Es ist darauf zu achten, wie lange und oft der Schnuller eingesetzt wird. Weiterhin sollten sich Eltern und Fachpersonal über die Nebenwirkungen informieren und als viertes Kriterium eine zeitige Entwöhnung einplanen. [7], [8]

Was macht der Schnuller mit der Mutter-Kind-Bindung?

In anderen Worten ausgedrückt, ist der Schnuller eine Art „Mutterattrappe“? Und ganz drastisch formuliert Nicola Schmidt „ersetzt er Zuwendung durch Plastik?“ Bei der Beobachtung an Naturvölkern verschiedener Kontinente fiel Bernhard Hassenstein, Prof. für Verhaltensbiologie, auf: „Wenn Säuglinge oder Kleinkinder erschrecken, klammern sie sich nicht nur stärker an die Mutter, sondern nehmen auch eine ihrer Brustwarzen in die Lippen; manchmal saugen sie auch etwas Milch. Dies legt folgende biologische Deutung nahe: Das Wahrnehmen der Brustwarze mit den Lippen und die Möglichkeit, daran zu saugen, ist für den Säugling ein untrügliches Zeichen dafür, im Schutz seiner Mutter zu sein.“

Das zeigt, dass unter dem Begriff „Stillen“ nicht alleine die Nahrungsaufnahme zu verstehen ist, sondern genauso die Geborgenheit und die Beruhigung durch den Körperkontakt. Darum empfiehlt das Europäische Institut für Stillen und Laktation den Schnuller „nicht als erste Beruhigungsmaßnahme für ein unruhiges Baby“.

Ruhig und zufrieden mit Schnuller?

Wird der Schnuller nun als Instrument für Geborgenheit eingesetzt, ist zu vermuten, dass die alternativen Beruhigungsmethoden – Zuwendung, Körperkontakt und Tragen – nicht zum Zuge kommen. Dabei sind Babys und Kinder von Natur aus abhängig von ihren Bezugspersonen. Sie lernen von ihren Vorbildern. Gudrun von der Ohe, Ärztin, Still- und Laktationsberaterin IBCLC, betont, dass Babys mit ca. drei Monaten mit der Lautbildung beginnen. Dabei starten Babys die Kommunikation in Richtung ihrer Bezugsperson. „Mit Schnuller im Mund hört das Kind sich selbst weniger, kann von anderen nicht gehört werden und bekommt somit weniger Ansprache. Die Kommunikation mit der Umwelt findet weniger statt. Das Kind verarmt an Kommunikation.“ [4]

Für eine gesunde Reife des Babys ist die weitgehende Anwesenheit der Mutter wichtig, „um das Kind aus der bestehenden Abhängigkeit im ersten Lebensjahr, über die Anhänglichkeit im zweiten Lebensjahr in die zunehmende Selbstständigkeit im dritten Lebensjahr zu begleiten“, so die Erziehungswissenschaftlerin Erika Butzmann. [9]

Vom Saugbedürfnis zur Selbstberuhigung

Meistens empfindet das Baby die Beruhigung durch den Schneller recht schnell. Ist ein Beruhigungssauger oder der Finger der Eltern zur Beruhigung des Babys ein hilfreiches Mittel, so sollte das Kind dabei „nicht sich selbst überlassen, sondern [von seinen Eltern] begleitet werden, ihm Nähe geben (ein Kind, das saugen will, kann seinen Kummer noch nicht selbst austragen). Anschließend sollte der Beruhigungssauger wieder bewusst weggeräumt werden. Das Kind braucht dann vielleicht noch etwas Nähe oder Begleitung, um wieder in ein freies Spiel zu finden“, so Gudrun von der Ohe.

Die Kraft der Synchronität

Eine einfühlsame Beziehung ist gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Pflege, ein echtes Bewusstsein für die emotionalen und praktischen Bedürfnisse des Babys und die so wichtige Synchronität von Verhalten und Emotionen, die jede Bindung zu verstärken scheint.

Der Aufbau einer sicheren Bindung zur Mutter, wird durch viel Hautkontakt und die damit verbundene Hormonausschüttung unterstützt. Die Freisetzung der Hormone kann am allerbesten durch den natürlichen Stillprozess erzeugt werden, aber auch durch viel Haut-auf-Haut-Kuscheln. Diese Hormonausschüttung sorgt auch bei der Mutter für ein wunderbares Glücksgefühl, so dass sie jegliche Liebe auf ihr Kind ausstrahlt und es sich beschützt und geborgen fühlt.

Jesper Juul beschrieb es so:
„Kinder können nicht verwöhnt werden, indem sie zu viel von dem bekommen, was sie wirklich brauchen.“

von Cora Dechow

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Shop-Tipp

Benjamin und die Schnullerfee – Eine Entscheidungshilfe zur Verwendung eines Schnullers

weitere Informationen

[1] Righard L., Alade M. Effect of delivery room routines on success of first breast-feed. Lancet 1990;336:1105-1107, und DVD Geddes Production (2005)

[2] Europäisches Institut für Stillen und Laktation. (kein Datum). SCHNULLER – PRO UND CONTRA. Abgerufen am 08. 07 2020 von https://www.stillen-institut.com/de/schnuller-pro-und-contra.html

[3] Die Sache mit dem Schnuller, https://cdn.website-editor.net/fbecae35f0d04078b90baf90c3032ed5/files/uploaded/Handout_2019-2_DE_Die-Sache-mit-dem-Schnuller_PRINT%2520%25281%2529.pdf

[4] Ohe, G. v. (2006). Der Schnuller – notwendig, kiefergerecht oder doch ein Störfaktor? Hamburg.

[5] NUK Schnuller Größenkonzept, https://www.youtube.com/watch?v=epRaJ1agF9Q&feature=emb_rel_pause

[6] Die NUK Saugerform und -funktion, https://www.nuk.de/de_de/ueber-nuk/nuk-konzepte/nuk-saugerform

[7] Furtenbach, M. (2013). Myofunktionelle Anforderungen an Beruhigungssauger. Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Ernährungsauger und Beruhigungssauger. Medizinische Universität Innsbruck. Von http://www.praesens.at/praesens2013/wp-content/uploads/daten/Myo-Download_02_BS_mit_Abb.pdf

[8] Furtenbach, M. (2013). Prävention orofazialer Dysfunktionen im Spannungsfeld von Kieferorthopädie und Logopädie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag KG. doi:http://dx.doi.org/10.1055/s-0033-1361092Inf

[9] Butzmann, E. Bindung und Empathie – wann geschieht was im Kinderleben? https://fuerkinder.org/blog/bindung/bindung-und-empathie-wann-geschieht-was-im-kinderleben/

Bier, A. (02 2013). Schnuller und SIDS – ein altes Thema neu aufgekocht. Abgerufen am 08. 07 2020 von Europäische Institut für Stillen und Laktation: https://www.stillen-institut.com/media/Schnuller-und-SIDS.pdf

Bier, A. (2015). Stillen verringert das Risiko für Zahnfehlstellungen dosisabhängig, Schnuller sind kontraproduktiv. Neuigkeiten und Interessantes – Anlage zum Newsletter September 2015. Europäischen Instituts für Stillen und Laktation .

Bier, A. (September 2017). Risikofaktoren für das ausschließliche Stillen mit 3 und 6 Monaten. Von Europäisches Institut für Stillen und Laktation: https://www.stillen-institut.com/de/risikofaktoren-fuer-das-ausschliessliche-stillen-mit-3-und-6-monaten.html

BZgA. (28. 05 2019). Gesunde Zähne von Anfang an. (B. f. Aufklärung, Herausgeber) Abgerufen am 21. 07 2020 von kindergesundheit-info.de: https://www.kindergesundheit-info.de/themen/risiken-vorbeugen/zahngesundheit/gesunde-zaehne/

BZgA. (kein Datum). Dem Plötzlichen Kindstod vorbeugen. (B. f. (BZgA), Herausgeber) Von kindergesundheit-info.de: https://www.kindergesundheit-info.de/themen/risiken-vorbeugen/ploetzlicher-kindstod-sids/vorbeugung-kindstod/

BZgA. (kein Datum). Senkt ein Schnuller beim Schlafen das Risiko des Plötzlichen Kindstodes? Abgerufen am 20. 07 2020 von kindergesundheit-info.de: https://www.kindergesundheit-info.de/themen/faq/senkt-ein-schnuller-beim-schlafen-das-risiko-des-ploetzlichen-kindstodes/

Frank, S. (2013). Möglichkeiten, ein Baby zu beruhigen. Laktation & Stillen (3), S. 17-18.

Hassink, D. m. (2011). Stillen, Schnuller und Co: Empfehlungen für Zahnärzte und Eltern. Von Zahnärztekammer Nordrhein: http://www.zahnaerztekammernordrhein.de/fuer-patienten/patienteninfos/stillen-schnuller-und-co-empfehlungen-fuer-zahnaerzte-und-eltern.html

Largo, R. H. (2012). Babyjahre. München: Piper Verlag GmbH.

Lins, U. (Juni 2010). Der verantwortungsbewusste Umgang mit dem Schnuller aus logopädischer Sicht. Masterthesis. Graz. Von http://www.inter-uni.net/static/download/publication/masterthesen/VT_Lins_Schnuller_aus_logopaedischer_Sicht.pdf

Ökotest. (2018). Schnuller-Test: Diese Silikonschnuller sind empfehlenswert. In Jahrbuch Kleinkinder 2018. Von https://www.oekotest.de/kinder-familie/Schnuller-Test-Diese-Silikonschnuller-sind-empfehlenswert_110630_1.html

Redaktion Kinderärzte im Netz, Nuckeln macht Zähne und Kiefer krank, www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/nuckeln-macht-zaehne-und-kiefer-krank/

Renz-Polster, H. Wie Kinder selbstständig werden. Die Sicht der evolutionären Anthropologie, https://familienhandbuch.de/babys-kinder/bildungsbereiche/selbststaendigkeit/WieKinderselbststaendigwerden.php

Schumann, Dieter; Zenk, Therapie angeborener und erworbener Kieferfehlstellungen, Witold, Dtsch Arztebl 1998; 95(4): A-143 / B-119 / C-115, Daumenlutschen www.aerzteblatt.de/archiv/treffer?mode=s&wo=2032&typ=16&aid=9164&s=daumenlutschen

University of Gothenburg. (07. Mai 2013). Parents who suck on their infants‘ pacifiers may protect their children against developing allergy. Von Science Daily: https://www.sciencedaily.com/releases/2013/05/130507103144.htm

Wiessinger, D. (kein Datum). Dreifach-Nippel-Syndrom und vorzeitiges Abstillen. Von Übersetzung: Regine Gresens: https://www.stillkinder.de/dreifach-nippel-syndrom-und-vorzeitiges-abstillen/

Wiessinger, D. (kein Datum). Schnuller. Von Übersetzung: Regine Gresens: https://www.stillkinder.de/schnuller/?