Sensible Kinder brauchen mehr Zuwendung - Foto Elisabetta Figus © FotoliaKein Kind ist wie das andere. So trivial diese Einsicht ist, so häufig wird sie ignoriert – in Ratgebern, in der Politik und wohl häufig auch bei den Müttern, die auf dem Spielplatz ihre Kinder vergleichen. Ein gut Teil dieser Unterschiede ist „angeboren“, genetisch bedingt, ein anderer Teil entwickelt sich durch die Bedingungen, unter denen die Kinder aufwachsen, sogar schon im Mutterleib. Aus diesem Zusammenspiel von Ererbtem und Erworbenen bildet sich die individuelle Persönlichkeit und damit die Lebenschancen und Schicksale im Jugend- und Erwachsenenalter.

Ein anschauliches Bild für diesen Zusammenhang stammt aus der schwedischen Folklore und wurde von dem Londoner Entwicklungspsychologen Jay Belsky, als wissenschaftliche Hypothese populär gemacht: Das Bild von Löwenzahn und Orchidee.

Manche Kinder, die „Löwenzähne“ werden mit einem Temperament geboren, das ihnen ermöglicht, auch ungünstige äußere Umständen ohne bleibende Schäden an Leib und Seele wegzustecken. Ihre „Antennen“ für die Umwelt sind weniger sensibel, negative Erlebnisse, weniger Zuwendung und Geborgenheit hindert sie nicht an einer „normalen“ Entwicklung. Ganz anders die „Orchideen“: Ihre Sensoren sind hochempfindlich. Nur bei intensiver, liebevoller Pflege in geschützten Räumen blühen sie zu voller Schönheit auf. Vernachlässigung, Stress oder traumatisierende Erlebnisse lassen sie dahinwelken, ihre feinnervigen Reaktionen, ihre Kreativität gehen verloren – und damit ein Stück gesellschaftlicher Anpassungs- und Innovationsfähigkeit.

Eine Studie hat jetzt diesem Bild ein paar neue Striche hinzugefügt.

Die Forscher hatten die Entwicklung von 165 Babys, die besonders sensibel und scheu auf neue Situationen reagierten, bis zum Alter von  von 14 – 17 Jahren verfolgt. Welche dieser „von Natur aus“ scheuen und schüchternen Kinder entwickelten psychische Auffälligkeiten, vor allem Angst-Störungen, und welche wuchsen zu selbstbewussten, offenen Jugendlichen heran? Und wo lagen die Gründe für diesen Unterschied?

Es stellte sich heraus, dass bei diesen Kindern, sehr viel stärker als bei Kindern mit „robusterem“ Temperament, die Art der Bindung vor allem zu ihren Müttern von ausschlaggebender Bedeutung war. Je enger und sicherer die Bindung zur Mutter, je geborgener die Kinder aufgewachsen waren, desto angstfreier und selbstbewusster traten die Jugendlichen auf. Angst- und depressive Störungen fanden sich nur bei den in der Kindheit unsicher gebundenen Jugendlichen.

Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler vom National Institute of Mental Health und den Universtäten von Waterlooo und Maryland, USA: „Kompetente und feinfühlige Eltern, die eine sichere Bindung zu ihren Kindern aufbauen, haben einen enorm günstigen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder, vor allem der eher empfindlichen und zurückhaltenden.“

Bei den Jungen war der Einfluss dieser engen Bindung auf ihre Persönlichkeitsentwicklung deutlich stärker als bei den Mädchen.

Links zum Thema

Studie

Erin Lewis-Morrarty et al., Infant Attachment Security and Early Childhood Behavioral Inhibition Interact to Predict Adolescent Social Anxiety Symptoms, Child Development, 17. Dezember 2014, online vorab veröffentlicht.

Quelle: Science Daily