Sensible Kinder brauchen mehr Zuwendung - Foto Elisabetta Figus © FotoliaKein Kind ist wie das andere. So trivial diese Einsicht ist, so häufig wird sie ignoriert – in Ratgebern, in der Politik und wohl häufig auch bei den Müttern, die auf dem Spielplatz ihre Kinder vergleichen. Ein guter Teil dieser Unterschiede ist „angeboren“, genetisch bedingt, ein anderer Teil entwickelt sich durch die Bedingungen, unter denen die Kinder aufwachsen, sogar schon im Mutterleib. Aus diesem Zusammenspiel von Ererbtem und Erworbenen bildet sich die individuelle Persönlichkeit und damit die Lebenschancen und Schicksale im Jugend- und Erwachsenenalter.

Ein anschauliches Bild für diesen Zusammenhang stammt aus der schwedischen Folklore und wurde von dem Londoner Entwicklungspsychologen Jay Belsky, als wissenschaftliche Hypothese populär gemacht: Das Bild von Löwenzahn und Orchidee.

Orchidee oder Löwenzahn

Manche Kinder, die „Löwenzähne“ werden mit einem Temperament geboren, das ihnen ermöglicht, auch ungünstige äußere Umstände ohne bleibende Schäden an Leib und Seele wegzustecken. Ihre „Antennen“ für die Umwelt sind weniger sensibel, negative Erlebnisse, weniger Zuwendung und Geborgenheit hindert sie nicht an einer „normalen“ Entwicklung. Der Würzburger Verhaltensforscher Klaus-Peter Lesch beschreibt die „Löwenzähne“ so: „Sie schlagen überall Wurzeln, halten durch und überleben. Einige sind aber wie Orchideen: zerbrechlich und unbeständig, aber im Treibhaus blühen sie wunderbar auf.“

Ganz anders die „Orchideen“!

Geboren bereits hochsensibel, feinfühlig und offen für alle Umwelteinflüsse, von den Eltern oft „missverstanden“ und daher verunsichert, leiden diese Kinder unvorstellbar getrennt von der Mutter und ohne eine „Fluchtmöglichkeit“ in die Arme einer feinfühligen Betreuerin in der unruhigen bis turbulenten Krippen-Umgebung mit „toxischem Stress“ überschwemmt und „blockiert“. Sie ziehen sich in sich selbst zurück zum Schutz vor den auf sie einprasselnden Eindrücken, die sie nicht verarbeiten können. Ihre Sensibilität wird – schon aus Überlebensnotwendigkeit – abgekapselt. Die Folgen sind oft: Depression, asoziales Verhalten, Realitätsflucht bis hin zu Drogenkonsum. Konsequenzen, die auch noch im Erwachsenenalter prägend sein können.

Damit aber verliert eine Gesellschaft im raschen Wandel genau die Personen und Fähigkeiten – Innovationsbereitschaft, den Mut zum Risiko, Kreativität und tätige Zuversicht – die für ihre Zukunft von überragender Bedeutung sind.

Eine Studie hat jetzt diesem Bild ein paar neue Striche hinzugefügt.

Die Forscher hatten die Entwicklung von 165 Babys, die besonders sensibel und scheu auf neue Situationen reagierten, bis zum Alter von 14 – 17 Jahren verfolgt. Welche dieser „von Natur aus“ scheuen und schüchternen Kinder entwickelten psychische Auffälligkeiten, vor allem Angst-Störungen, und welche wuchsen zu selbstbewussten, offenen Jugendlichen heran? Und wo lagen die Gründe für diesen Unterschied?

Es stellte sich heraus, dass bei diesen Kindern, sehr viel stärker als bei Kindern mit „robusterem“ Temperament, die Art der Bindung vor allem zu ihren Müttern von ausschlaggebender Bedeutung war.

Je enger und sicherer die Bindung dieser sensiblen Kinder zur Mutter, je geborgener sie aufgewachsen waren, desto angstfreier und selbstbewusster traten die Jugendlichen auf. Angst- und depressive Störungen fanden sich nur bei den in der Kindheit unsicher gebundenen Jugendlichen.

Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler vom National Institute of Mental Health und den Universtäten von Waterlooo und Maryland, USA: „Kompetente und feinfühlige Eltern, die eine sichere Bindung zu ihren Kindern aufbauen, haben einen enorm günstigen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder, vor allem der eher empfindlichen und zurückhaltenden.“

Jungen auf Mutterliebe stärker angewiesen als Mädchen

Bei den Jungen war der Einfluss dieser engen Bindung auf ihre Persönlichkeitsentwicklung deutlich stärker als bei den Mädchen.

von Redaktion fürKinder

Erstveröffentlichung Feb. 2015

Links zum Thema

Lese-Tipp

Orchidee oder Löwenzahn? – Warum Menschen so unterschiedlich sind und wie sich alle gut entwickeln können, W. Thomas Boyce, Droemer Knaur Verlagsgruppe, 2019

Studie

Erin Lewis-Morrarty et al., Infant Attachment Security and Early Childhood Behavioral Inhibition Interact to Predict Adolescent Social Anxiety Symptoms, Child Development, 17. Dezember 2014, online vorab veröffentlicht.

Studie

Differential Susceptibility to the Environment: A neurodevelopmental Theory, Development and Psychopathology, DOI: 10.1017/S0954579410000611, Source: PubMed, February 2011

Studie

Differential susceptibility 2.0: Are the same children affected by different experiences and exposures?, Jay Belsky, Xiaoya Zhang and Kristina Sayler, Cambridge University of 26 February 2021,pdf

Fachartikel

In einer eigenen Studie überprüften Marinus van IJzendoorn und Marian Bakermans-Kranenburg, Erziehungswissenschaftler die Ergebnisse anderer Forscher: Beeinflusst ein Gen die Eltern-Kind-Beziehung? Im Fachartikel „Glücksfall Problemkind“ von Ingrid Glomp, Biologin, Journalistin, Konradin Medien GmbH, Gesellschaft+Psychologie, 20. Dezember 2011 heißt es: „Der Einfluss auf die Eltern-Kind-Bindung bestand tatsächlich. Trugen die Kinder die sogenannte 7-Repeat-Variante des Gens, und die Mütter waren mit nicht verarbeiteten traumatischen Erfahrungen belastet, war das Risiko für eine sehr unsichere Bindung am größten. […] Spannend war eine andere Erkenntnis: „Trugen die Kinder diese Gen-Variante, die Mütter hatten aber ihre traumatischen Erfahrungen bewältigt, so entwickelten sie sogar die sicherste Bindung“, erklärt der Erziehungswissenschaftler. Das angebliche Risiko-Gen kann sich also in einem stabilen sozialen Umfeld positiv auswirken.“
Bakermans-Kranenburg, M., van IJzendoorn, M., Juffer, F. (2003). Less is more: metaanalysis of sensitivity and attachment interventions in early childhood. In: Psychological, Bulletin, 129, 195–215.

Quelle: Science Daily