Stress-Arme Kinder - Zeichnung © Julia GinsbergIn vielen Studien der letzten Jahre ist die Armut als das wohl wichtigste Entwicklungs- und Bildungsrisiko erkannt. Wie kommt es zu den Unterschieden etwa in der Konzentrationsfähigkeit oder in der Entwicklung und Funktion des Gehirns zwischen Kindern aus sozial schwachen Familien und Kindern aus wohlhabendem Elternhaus?

Arme Kinder sind immer auf der Hut

In Labor-Experimenten mit bestimmten Aufgabenstellungen und mit Messungen von Gehirnströmen (EEG, ERP) versuchten jetzt kanadische Forscher der Beantwortung dieser Frage näher zu kommen.

Der Grund, so ihre Schlussfolgerung, liegt in der frühen Kindheit. Kinder in prekären Umfeldsituationen – in den USA etwa in den Ghettos mit reichlich Gewalterfahrung – lernen diese Kinder frühzeitig, viele Signale aus ihrer Umgebung möglichst gleichzeitig wahrzunehmen, um einer Bedrohung rechtzeitig ausweichen zu können. Dadurch geht ihnen ein Teil der Konzentrationsfähigkeit auf einen vor ihnen liegenden Gegenstand oder eine Aufgabe verloren. Anders die Kinder, die behütet in Mittelstands- und Oberschicht-Familien aufwachsen.

Stresshormon und Gehirnströme

In Versuchen und Untersuchungen mit jeweils 14 Kinder im Alter von 12-14 Jahren aus sozial benachteiligten und aus Mittelschichts-Wohngebieten wollten die Forscher herausfinden, ob und wie  der „Gebrauch“ des Gehirns und seiner Verbindungen  sich zwischen den beiden Gruppen unterschied und welche Auswirkungen das auf die Selbstkontrolle, die emotionale Stabilität und die Motivation haben könnte.

Zunächst mussten die Kinder an einem normalen Schultag in einem fahrenden Labor eine Speichelprobe für die Messung des Stress-Hormons Cortisol abgeben und verschiedene Fragebogen ausfüllen. Am Nachmittag dann sollten sie aus einer Serie verschiedener Töne einen bestimmten Ton erkennen und wann immer ihnen dieser Ton auffiel, schnell auf einen Signalknopf drücken.

Gleichzeitig wurden ihre Gehirnströme gemessen und „kartiert“. In der Geschwindigkeit der Reaktionen und in der Fähigkeit, die Töne zu erkennen, gab es keinen wesentlichen Unterschied zwischen den Gruppen.  Auch die Cortisol-Spiegel im Blut veränderten sich während des Experiments auf vergleichbare Weise.

Dauerstress und diffuse Aufmerksamkeit bei armen Kindern

Erstaunliche Unterschiede aber zeigten sich sowohl in den Cortisolwerten zu Beginn der Messungen als auch in der Art der Gehirnströme in den verschiedenen Gehirnregionen. Die dauerhaft erhöhten Werte des Stresshormons bei den Kindern aus den ärmeren Vierteln deutete auf ständige Stressbelastungen – Reaktionen auf wahrgenommene Bedrohungen, Konflikte oder Trennungen – in den ersten Lebensjahren hin.

Bei den Gehirnmessungen zeigte sich, dass die Ausschläge der Schwingungen bei den Mittelstands-Kinder immer dann wesentlich höher waren, wenn sie die Töne hörten und erkannten, nach denen gefragt war. Umgekehrt bei den Unterschicht-Kindern: Sie bezogen stärker die nicht „relevanten“ Töne in ihre Aufmerksamkeit ein, während die Schwingung der Gehirnströme bei den „richtigen“ Tönen deutlich geringer waren.

Außerdem beobachteten die Forscher auch erhebliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen in Bezug auf die „Nutzung“ der beiden Gehirnhälften. Die  Wissenschaftler schließen aus diesen Ergebnissen, dass sich Kinder und Jugendliche aus Unterschichten-Milieus sehr viel mehr anstrengen müssen, irrelevante Tatsachen, Ereignisse, Bewegungen, Töne bei der Lösung von Aufgaben auszublenden als Mittelschichten-Kinder.

In anderen Worten: Durch die frühe „Programmierung“ des Gehirns in unsicheren, vielleicht  subjektiv gefahrvollen Lebenssituationen und der Notwendigkeit, alle möglichen Umweltsignale wahrzunehmen und zu verarbeiten, um zu „überleben“, ist die Konzentration auf einen Punkt, eine Aufgabe, für diese Kinder ungleich schwieriger und anstrengender als für Kinder aus gesicherten, überschaubaren und gefahrlosen Milieus.

von Redaktion fürKinder

Links zum Thema

Studie

Amedeo D’Angiulli et al., Frontal EEG/ERP correlates of attentional processes, cortisol and motivational states in adolescents from lower and higher socioeconomic status, Frontiers in Human Neuroscience, 19 November 2012, vorab online veröffentlicht

Quelle: Science Daily