Scheiden tut weh - Foto WavebreakmediaMicro © fotoliaDie Folgen von Trennungen und Scheidung für Männer und Jungen sind ein bisher vernachlässigtes Thema. Dabei ist der Verlauf von Beziehungen von grundlegender Bedeutung für alle Menschen. Der Qualität des Miteinanders von Männern und Frauen, von Eltern und ihren Kindern kommt eine herausragende Bedeutung zu. Davon hängt nicht nur die persönliche Gesundheit und Lebensqualität ab. Sie hat vielmehr weitreichende Auswirkungen auf die Gesellschaft wie: Verarmung, Vereinsamung, den Wunsch nach Wiederverheiratung, Kinderwunsch und Glücksfähigkeit von Kindern.

Mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf Jungen und Väter beschäftigten sich zwei Tage lang rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beim zweiten wissenschaftlichen Männerkongress an der Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf :

„Scheiden tut weh – Elterliche Trennung aus Sicht der Väter und Kinder“

Der Kongress sollte die bislang weitgehend vernachlässigten, oft leidvollen Folgen von Trennung und Scheidung für Männer und Jungen erstmals in den Vordergrund rücken.

Einseitige Zuschreibung von Täter- und Opferrollen überwinden

Trennungen und Abschiede sind Wendepunkte in jeder Biografie und markieren Reifungsschritte. Werden Beziehungen jedoch unter konflikthaften oder sogar traumatischen Bedingungen getrennt, führt das für alle Beteiligten häufig zu leidvollen Erschütterungen ihres Lebensgefüges. Deren Folgen können schwerwiegend und langfristig sein, wenn keine sinnvollen Hilfen zur Verfügung stehen.

Die alltäglich gewordene Täterzuschreibung an Männer wie die Opferzuschreibung an Frauen hilft beiden nicht, weil sie den Blick auf die emotionalen und gesellschaftlichen Probleme verstellt, die auch von Vätern und Jungen gelöst werden müssen.

Der Kongress behandelte das Thema der Elterntrennung mit seinen vielfältigen Facetten aus historischer, psychoanalytischer, soziologischer, medizinischer und juristischer Sicht. Dabei stand das gesellschaftliche Tabu der Trennungskinder im Vordergrund.

Forderungen an Politik und Gesellschaft

Nach ausführlicher Diskussion wurden von den TeilnehmerInnen am Ende des Kongresses zentrale Forderungen an Politik und Gesellschaft verabschiedet:

  • Um den Bedürfnissen aller Betroffenen eines Trennungskonflikts gerecht zu werden, sind ideologiefreie Hilfen in staatlich finanzierten Konfliktberatungsstellen für Kinder, Männer und Frauen notwendig.
  • Die politische Dimension der derzeitigen „Vater-Entwertung“ sollte in den Blick genommen werden.
  • Die deutlich erhöhten gesundheitlichen Risiken von Jungen nach der elterlichen Trennung müssen thematisiert, wirkungsvolle Instrumente für ihre Behandlung entwickelt werden. Hierbei sind bei der Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten psychotherapeutische und psychosoziale Unterstützungsangebote einer medikamentösen Behandlung vorzuziehen.
  • In Schulen und Kindertageseinrichtungen sollten mehr Männer eingestellt werden. Da Jungen besonders unter der Diskontinuitätserfahrung in der Primärfamilie leiden, sollten wenigstens in Schule und Kindergarten intensive Wertschätzung und Unterstützung sowie Beziehungs- und Identifikationserfahrungen mit „sozialen Vätern“ möglich sein.
  • Um Trennungsfolgen angemessen zu bewerten, sollte man Vater-Mutter-Kind(er)-Familien, Einelternfamilien und Patchwork-Familien unvoreingenommen daraufhin untersuchen, was sie jeweils sowohl zur Entstehung der Trennungsproblematik wie zu ihrer Lösung beitragen. Dabei müssen die Erfahrungen und Bedürfnisse der Kinder und vor allem die Unterstützung elterlicher Kompetenzen und Ressourcen stärker beachtet werden als normative Konzepte.
  • Eltern sollten vom Staat mehr Zeit und Geld für die Erziehung ihrer Kinder einfordern. Gerade unter den verunsichernden Bedingungen einer Trennung sollte die haltgebende Präsenz der primären Bindungspersonen – Mutter und Vater – erhalten bleiben.
  • Die Gesetzgebung hat im Bereich Trennung/Scheidung für die beteiligten Professionen einen veränderten Auftrag formuliert: Es geht nicht mehr darum, den besser geeigneten Elternteil zu finden, sondern darum, die kindliche Beziehung zu beiden Eltern zu erhalten. Diese Umorientierung wird vom Gesetzgeber in Bezug auf die Rechte nicht-ehelicher Väter und von vielen Familiengerichten bei Konflikten in  der Beziehungsgestaltung des Kindes zum nicht betreuenden Elternteil noch nicht konsequent eingelöst. Dadurch entsteht bei hochstrittigen Eltern ein Spielraum für lang anhaltende Auseinandersetzungen mit jeweils offenem Ausgang.
  • In behördlichen und gerichtlichen Verfahren muss eine geeignete unabhängige Vertretung des betroffenen Kindes oder Jugendlichen ermöglicht werden.
  • Im Kontext von Trennung und Scheidung besteht häufig eine Benachteiligung von Vätern. Das führt immer wieder zu einem Zustand „psychologischer Ungleichheit“ im Rahmen „rechtlicher Gleichheit“, den verstärkt Männer aushalten müssen. Der daraus resultierende Elternstreit ist der mit Abstand größte Belastungsfaktor für Trennungskinder.
  • Hochstrittige Eltern stellen deshalb die Beratungsdienste vor neue Herausforderungen. Dieses Phänomen gilt es zu verstehen, angemessene Haltungen und Interventionsformen müssen entwickelt werden. Paare in hochstrittigen Trennungenssituationen sollten intensiv auf ihre gemeinsame elterliche Verantwortung aufmerksam gemacht und zur Annahme von Mediations-Beratungs- und Terapieangeboten motiviert werden.
  • Das „Wechselmodell“ bietet den besten Rahmen im Interesse einer spannungsarmen Nachtrennungsfamilie. Deshalb muss frühestmögliche (psychologische) Parität zwischen Müttern und Vätern hergestellt werden. Das betrifft Betreuung, Versorgung und Lebensmittelpunkt der Kinder. Dafür bedarf es eines lösungsorientierten Vorgehens auf allen professionellen Ebenen, Begutachtung eingeschlossen.
  • Angesichts der demografischen Trends müssen die Trennungsfolgenforschung in Deutschland intensiver betrieben und existierende praxistaugliche Unterstützungsprogramme (Elterntrainings, Interventionen für Kinder) müssen für alle Betroffenen breitenwirksam angeboten werden.
  • Jede frühe Hilfe ist wirksamer und kostengünstiger als jede späte Hilfe.
  • Unsere Städte sind so arm, dass wir uns nicht leisten können auf Prävention und frühe Hilfen zu verzichten.

Der Veranstalter der Tagung, Prof. Dr. Matthias Franz, erklärte abschließend: „Das Ende jeder Liebesbeziehung und die Trennung ist für alle Betroffenen ein schmerzliches Ereignis. Nicht selten rührt es an den Kern der eigenen Identität und führt zu heftigsten emotionalen Erschütterungen. Für mitbetroffene Kinder und besonders die Jungen ist die elterliche Trennung mit tiefgreifenden Verunsicherungen und erheblichen Entwicklungsrisiken verbunden. Wenn sie hochstrittig abläuft kommt das im Erleben vieler – besonders noch kleiner – Kinder einem Weltuntergang gleich. Wir brauchen deshalb mehr Sensibilität für das Erleben dieser Kinder.“ Und fügte selbstkritisch hinzu: „Auch wir Ärzte und Psychotherapeuten müssen sich verschließenden Männern in Trennungssituationen mit größerer Aufmerksamkeit und Hilfsangeboten begegnen.“

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Abstracs

„Männerkongress 2012“, Abstracts der Kongressbeiträge, Klinisches Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Düsseldorf und die Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik Düsseldorf