Das Kindeswohl fest im Blick 1 - Foto monika-rams © unsplashWer Kinder erzieht oder erzogen hat, der kennt Spannungen und Meinungsverschiedenheiten unter Vätern und Müttern. Diese scheinen normal zu sein. Betrachtet man jedoch die Ergebnisse der Tarzan-Studie von Margrit Stamm werden die Auswirkungen der geschlechtsspezifischen Sichtweisen offensichtlich und bezieht man diese und die Bedürfnisse des Kindes mit ein, wären viele Konflikte von vorherein für das Familien- und Kindeswohl vermeidbar.

Ein Gedankenspiel zur Vermehrung des Glücksempfindens

Was wäre, wenn im Sinne einer positiven Entwicklung des Kindes und unabhängig von wirtschaftlichen Interessen Mütter die ersten 16 bis 18 Monate ganztags für das Kind zur Verfügung stehen und in den nächsten 12 Monaten weiterhin halbtags? Der Vater könnte im zweiten Lebensjahr halbtags – also zeitgleich mit der Mutter – einsteigen, um die Weiterentwicklung des Kindes und seine Bindung zum Kind zu fördern, damit die Ablösung von der Mutter moderat gestaltet werden kann. Das müsste jedoch über mehrere Monate und vorwiegend in der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres vonstattengehen, damit es eine Wirkung für die psychische Stabilität des Kindes hat. Die beiden Vätermonate am Anfang des zweiten Lebensjahres haben kaum eine Wirkung, weil das Kind in der intensivsten Bindungsphase an die Mutter steckt und eine abrupte Trennung von ihr zur Stressbelastung beim Kind führt, was das Einlassen auf den Vater erschweren kann.

Die von vielen Fachleuten derzeit fokussierte Mutter-Vater-Kind-Triade von Beginn an ist dadurch keineswegs in Gefahr, da sich diese Triade nur ein wenig später entwickelt und dann umso stabiler ist.

Unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Fähigkeiten wären für die frühe Fürsorgearbeit der Väter die Bedürfnisse der Kinder als Richtschnur geeignet.

Mütterliche und väterliche Verantwortungsbereiche

Aus der Tarzan-Studie gehen zwei gegenläufige Verantwortungsbereiche von Vätern und Müttern hervor: Unabhängig vom Erwerbsmodell fühlen sich Mütter für die meisten regelmäßigen Hausarbeiten verantwortlich; die Väter kümmern sich dagegen um die sporadischen und längerfristigen Haushaltsarbeiten, wie etwa Entsorgungen und Reparaturen. Stamm stellt fest, dass kaum ein Mann mehr im Haushalt tun möchte.

Bei der Verteilung der Hausarbeit spielen die geschlechtsspezifischen Fähigkeiten bzw. Unfähigkeiten von Frauen und Männern eine wichtige Rolle.

Die besondere Gehirnstruktur der meisten Frauen bewirkt durch mehr Verbindungen zwischen beiden Gehirnhälften, also der zeitgleichen Nutzbarkeit beider Hälften und der stärkeren Myelinisierung von Axonen [1,2] eine schnellere Wahrnehmung, eine bessere Übersicht über Problembereiche und eine geringere Vergesslichkeit.[3]

Sie können deshalb die Organisation der Familie und des Haushalts besser bewältigen als die meisten Männer.[1,4] So kommt es zwangsläufig zu Konflikten bei der Verteilung der Hausarbeit, weil vieles den Frauen leichter von der Hand geht und Männer für das, was sie machen sollen, mehr Zeit benötigen und sie u. U. die Notwendigkeit dieser Arbeiten anders einschätzen. Das beklagte Herumnörgeln der Frauen an den Männern [5] kommt auch dadurch zustande. Die hohen Erwartungen an den Partner ergeben sich aus den hohen Erwartungen, die Frauen an sich selbst stellen durch das geschlechtsspezifische totale Im-Blick-haben der ganzen Familienorganisation. Weil das zu viel ist und ihnen Stress bereitet, erwarten sie die Unterstützung durch den Partner.

Wenn Mütter und Väter die Dinge machen, die ihnen am leichtesten fallen, könnten die Konflikte über die Verteilung der Hausarbeit verringert werden. Solches Vorgehen ist eher entspannend und erhöht dann die Chancen, dem anderen zu helfen. Die geschlechtsspezifische Sichtweise spielt hier eine wichtige Rolle, die natürlicherweise auch vom jeweiligen Vorbild in der Kindheit geprägt ist; denn das verstärkt die den Männern und Frauen naheliegenden Fähigkeiten. Da diese Aktivitäten auch jeweils besser von der Hand gehen, wäre es kontraproduktiv, wenn aus ideologischen Gründen gegenteilige Arbeiten in einer Familienphase durchgezogen würden, wo es gilt, zusätzlichen Stress zu vermeiden. Ein Umpolen des durch das Vorbild verstärkten geschlechtsspezifischen Verhaltens ist deshalb in der frühen Familienphase nicht erfolgversprechend.

von Erika Butzmann

Anmerkung der Redaktion fürKinder: In unserem Elternkurs „Bindung entdecken“ in den Bausteinen: Elternliebe und Elternschaft erfahren Sie mehr über die geschlechtsspezifischen Fähigkeiten von Frauen und Männern und wie diese das Denken und Verhalten beeinflussen.

Literaturverzeichnis

[1] Bischof-Köhler, D.: Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede, Stuttgart: Kohlhammer, 2002, S. 200, S. 390.

[2] Haier, R.J., et. al.: The neuroanatomy of general intelligence: sex matters, NeuroImage, 25, 2005, S. 320-327.

[3] Hausmann, M.: Eine Frage der Symmterie, Gehirn&Geist 6, 2003, S. 56-61.

[4] Macha, H., Witzke, M.: Familie und Gender. Rollenmuster und segmentierte gesellschaftliche Chancen, Zeitschrift für Pädagogik 34, 2008, S. 261-278.

[5] Stamm, M.: Neue Väter brauchen neue Mütter. Warum Familie nur gemeinsam gelingen kann, München: Piper, 2018, S. 132.

Ein Beitrag aus unserer Praxis-Rubrik:

FamilieLeben – besser verstehen


Sind Eltern zufrieden und glücklich entwickeln sich ihre Kinder zu kleinen Persönlichkeiten mit einer großen Portion gesundem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Doch was brauchen Familien, damit Spannungen und Konflikte gar nicht erst aufkommen und wie gestalten sie ihre Beziehung und erhalten sie aufrecht? Was wäre nötig, damit Väter selbstbewusst die Vaterrolle annehmen, die Verteilung der Familienarbeit gerecht aufgeteilt ist und die Unstimmigkeiten im Hinblick auf die Kindererziehung nicht ständig Thema sind. Kann Familie gelingen, wenn das geschlechtsspezifische Denken, Wahrnehmen und Verhalten im täglichen Umgang miteinander berücksichtigt wird?