Spuren der Kindheit - Foto iStock © Mixmike„Die Familie ist ein Abgrund, in den man schauen muss, um sich selbst besser zu verstehen“, Franz Kafka (1883-1924).

Auf den Spuren der eigenen Identität begegnen uns auch Menschen, an die wir uns nicht gern erinnern.

Viele Erwachsene aus belasteten Familien entdecken irgendwann an sich selbst Verhaltensweisen oder Stimmungslagen, die sie nicht verstehen. Sie fühlen sich etwa grundlos traurig oder wertlos, obwohl sie eigentlich viel leisten, oder beobachten bei sich Suchtverhalten, das sie doch so unbedingt vermeiden wollten – in dem Anspruch, bloß nicht so zu werden wie Vater oder Mutter. Tragisch zu beobachten ist, wie sich Belastungen in bestimmten Familien verdichten und von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Kinder aus Suchtfamilien haben ein um sechsfach erhöhtes Risiko, selbst an einer Suchterkrankung zu erkranken, verglichen mit Kindern nichtsüchtiger Eltern. So sehen wir oft, dass Großvater, Vater und Sohn Alkoholiker sind. Ebenso gibt es ein hohes Risiko für andere psychische Eigenerkrankungen, so etwa für Töchter von Alkoholikern ein hohes Risiko für Essstörungen.

Jeder Erwachsene aus einer belasteten Familie bewegt sich zwischen Chance und Risiko: die Kette der Weitergabe der Sucht (Transmission) unhinterfragt fortzusetzen oder die Weitergabe der familiären Dynamik zu durchbrechen. Dies gelingt u. a. dadurch, dass familiäre Tabus, verleugnete Gefühle und die spezifische Dynamik endlich zur Sprache kommen.

Meist können diese erwachsenen Kinder sich selbst in ihrem „So-Sein“ erst dann verstehen, wenn sie es gewagt haben, in den ihnen wie ein Abgrund erscheinenden familiären Kontext ihrer Kindheitstage zu blicken. Oft erst dann, wenn die Spuren dieser Tage verstanden und entdeckt sind, wird Veränderung möglich.

von Waltraud Barnowski-Geiser

Erstveröffentlichung: www.barnowski-geiser.de, 5.01.2023

Ein Beitrag aus unserer Praxis-Rubrik:

FamilieLeben – besser verstehen


Sind Eltern zufrieden und glücklich entwickeln sich ihre Kinder zu kleinen Persönlichkeiten mit einer großen Portion gesundem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Doch was brauchen Familien, damit Spannungen und Konflikte gar nicht erst aufkommen und wie gestalten sie ihre Beziehung und erhalten sie aufrecht? Was wäre nötig, damit Väter selbstbewusst die Vaterrolle annehmen, die Verteilung der Familienarbeit gerecht aufgeteilt ist und die Unstimmigkeiten im Hinblick auf die Kindererziehung nicht ständig Thema sind. Kann Familie gelingen, wenn geschlechtsspezifisches Denken, Wahrnehmen und Verhalten im täglichen Miteinander berücksichtigt wird – und welche konkrete Unterstützung können Familien von der Gesellschaft erwarten, um diesen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen?