Auf Kosten der Kinder - Foto Claudia Paulussen © FotoliaDer für 2013 versprochene Ausbau der Kinderbetreuungsplätze nähert sich der Phase, in der es immer peinlicher wird, sein Scheitern zu leugnen. Bemerkenswert spät, erst in den letzten zwei Monaten des Jahres 2012 hat in der Presse endlich eine Berichterstattung eingesetzt, die hoffen lässt, dass bald freimütiger als bisher darüber geschrieben und gesprochen werden kann, was Erwachsene Kindern in vielleicht norm- aber keineswegs kindgerechten Krippen und Kindertagesstätten über viele Stunden des Tages zumuten.

Mal werden im Zuge von Bauarbeiten 50 Kinder mittel- oder langfristig in einem einzigen Gruppenraum betreut, mal werden Krippenkinder in einem „Kindergartencontainer“ untergebracht, dessen bauphysikalische Nachteile durch einen farbenfrohen Anstrich nicht behoben werden können. Viele Erzieherinnen oder Kinderpflegerinnen lässt man monatelang allein eine Gruppe leiten. Es gibt Missstände ohne Ende. – Lasst uns deshalb nicht mehr so tun, als seien moderne Kindergärten Orte, in denen Kinder optimal gebildet werden könnten!

Hinter der Fassade der Hochglanzbroschüren

Krippen und Kitas mögen noch so idyllisch aussehen – es handelt sich um Institutionen, deren erweiterte Öffnungszeiten hauptsächlich arbeitgeberfreundlich sind. Weder die Zertifizierung einer Einrichtung als „Familienzentrum“ noch die Hochglanzbroschüren der Ministerien können  darüber hinwegtäuschen, dass es insbesondere in großen Häusern alles andere als familiär zugeht. Auch wenn es dort durchaus menschelt… Mal werden Kinder nicht vorschriftsmäßig mit Gummihandschuhen gewickelt, weil eine Erzieherin das schrecklich findet, mal ekelt sich eine vor dem Wickeln im Akkord und würde die pflegerische Arbeit am liebsten der nächstbesten Praktikantin überlassen.

Um die seit einigen Jahren gewünschten „Portfolios“ und „Bildungsdokumentationen“ flott füllen zu können, gibt es kopierfreundliche Kinderurkunden – vom „kleinen Klokönig“ bis hin zum „Forscherpass“.

Marketing und Show der Einrichtungen können Eindruck schinden. Die tatsächlich den Kindern zugute kommende pädagogische Betreuung hingegen hinkt vielen Versprechungen hinterher. Unvergesslich darum für mich die grimmige Bemerkung einer engagierten Kindergartenleiterin, die sich dem Druck, ihre Einrichtung als Familienzentrum zertifizieren zu lassen, konsequent widersetzt hat. „Meinst du, ich will so einen Schmu auch noch an die Eltern austeilen?“ meinte sie, als wir gemeinsam kartonweise KiBiz-Broschüren in den Altpapiercontainer kippten.

Wir brauchen keine Beschönigungskultur und keine falsche Bescheidenheit!
Erzieherinnen sollten die Gunst des Erziehermangels nutzen und endlich unmissverständlich Forderungen formulieren und Grenzen setzen. Wie viel besser wäre es, wenn sie das Wohl der Kinder und ihr eigenes ernster nehmen würden als weisungsgebundenes Arbeiten und arbeitsvertragliche Verpflichtungen zur Verschwiegenheit! Sollen doch andere empört nach Luft schnappen!

Ein heilsamer Schock schadet der Gesellschaft, schadet Kindern weniger als überlastete Erzieher und Erzieherinnen, die anstatt in aller Ruhe etwas zu erklären, Kindern grundlos alles Mögliche verbieten, ihnen ein langweiliges Puzzle auf den Tisch knallen oder sie gar anschreien.

Die Gruppen sind zu groß, alle wissen es. Trotzdem sollen noch mehr Kinder in ihnen aufgenommen werden? Obwohl Ruhe- und Toberäume regelmäßig von Kindern genutzt werden, planen Träger sie zur Erfüllung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz provisorisch für die Betreuung von Krippenkindern „umzuwidmen.“ Längst nicht alle Bauvorhaben werden 2013 fristgerecht beendet werden können. Es drohen chaotische Zustände und von Erzieher/innen wird erwartet, dass sie gute Miene zum bösen Spiel machen, lächelnd zur Verfügung stehen, um Versprechungen zu erfüllen, die andere gegeben haben.

Wie – das scheint der „Verantwortlichen“ aus Politik und Wirtschaft bemerkenswert egal zu sein. Es ist aber nicht egal!

In Trossingen haben von einer Praktikantin erhobene Vorwürfe dazu geführt, dass die Staatsanwaltschaft Rottweil Ermittlungen gegen Erzieherinnen einer Kindertagesstätte der Giant Leap GmbH & Co.KG  aufgenommen hat. Geklärt werden muss, ob es im Rahmen der Kinderbetreuung zu den Delikten  Körperverletzung, Freiheitsberaubung oder Nötigung gekommen ist. Eltern gaben an, vermummte Kinder gesehen zu haben und die Praktikantin wurde noch konkreter:
„Die Kinder wurden auf ein Bett gelegt und dann kam so ein Tuch drüber und dann nochmal drüber und nochmal. Das hatte keine Möglichkeit, sich zu bewegen. Gar nicht“, sagte die Praktikantin laut Report Mainz vom 5.12.2012. „Und zum Essen wurden die Kinder festgehalten und das Essen reingedrückt. Wenn sie es ausgespuckt haben, dann wurde es wieder reingedrückt. Das war Nötigung.“
Erzieherinnen der Einrichtung und Träger hingegen bestreiten die Vorwürfe und die Kinder, um die es geht, sind noch zu klein, um etwas zu sagen.

Extreme „Einzelfälle“ sind Symptome für Fehlentwicklungen

Auch in Altenburg brachte das Verhalten einer Praktikantin einen Stein ins Rollen. Sie hatte Fotos von fest in Tüchern gepuckten Kindern in ihre Arbeitsmappe gelegt. Lehrer ihrer Schule haben nach der Durchsicht derselben Anzeige erstattet. Jenen Kindern hatte man sogar Tücher aufs Gesicht gelegt. Unter den Tüchern hätten die ruhig gestellten „Schreikinder“ ersticken können.

Was geht in deutschen Krippen unbemerkt von der Öffentlichkeit vor? Die Altenburger Erzieherinnen haben gegen ihre Entlassung geklagt. Ob sie zu ihrer Rechtfertigung anführen, dass es sich beim Pucken um eine alte Kulturtechnik handelt, die ihr Träger geduldet hat? Dass sie pro Person maximal zwei Kinder in den Schlaf streicheln können und dass die Kleinen ausdauernder weinen, solange noch eine Erzieherin im Raum anwesend ist, die sie hochnehmen und trösten könnte?

Das Richtige und Notwendige scheitert im Alltag

Auf Kosten der Kinder - Foto haywire_media © FotoliaEltern möchten glauben, dass es sich bei den geschilderten Vorfällen um Ausnahmen handelt, deren Auftreten so unwahrscheinlich wie ein  Sechser im Lotto sei. Doch würden sie häufiger unangemeldet in Einrichtungen auftauchen, käme mehr ans Licht. Immer wieder werden Kinder grob behandelt oder auf eine Weise erzogen, die mit dem hoch gelobten Konzept der Einrichtung nichts zu tun hat.

Angesichts eines gravierenden Personalmangels kann Kindern nur selten geboten werden, was wünschenswert wäre. Im profanen Alltag eines kunterbunten Tohuwabohus verlieren auch ehemals engagierte Erzieherinnen und Erzieher immer öfter die Geduld und die Fähigkeit, entspannt und liebevoll auf genau jene Kinder einzugehen, die es besonders nötig haben.

„Keiner von uns geht mehr mit Rabea aufs Klo. Wenn sie immer noch Angst hat, ohne einen Erwachsenen da hinzugehen, dann muss sie eben in die Hose machen.“
Es werden Teambeschlüsse gefasst, die nüchtern betrachtet nicht ein Beweis fachlicher Kompetenz, sondern ein Zeichen von Abgestumpftheit oder Überforderung sind. Wie oft kommt es gerade in großen Einrichtungen am Ende eines stressreichen Arbeitstages zu einer Einigung auf der Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners!

Die Presse drückt sich vor ihrer Aufgabe

Journalisten sollten den ganz normalen Wahnsinn in Krippen und Kitas auf sich wirken lassen und sich nicht damit begnügen, nur über den neuen freundlichen Anstrich in den Sommerferien oder möglichst spektakuläre Fälle zu schreiben. In Hameln-Pyrmont ist am 9.7. 2012 eine mutige Erzieherin hinter einem in einen Schacht gefallenen Dreijährigen in die Tiefe gesprungen. Sie – selbst Mutter! – hat ihr Leben riskiert, um ein ihr anvertrautes Kindergartenkind zu retten – und sie hat es geschafft. Großartig!

Doch warum folgt keine mediale Auseinandersetzung mit der Frage, wie es um die latenten Ängste vor unvorhersehbaren Unfällen von Erzieherinnen aussehen mag, die mit Kindergruppen Ausflüge unternehmen, weil sie gar kein oder nur ein beschämend kleines Außengelände für die Kinder nutzen können? – „Kindergärten ohne Garten?“ war bislang noch kein Thema für den deutschen Blätterwald…

Die Situation in krippen und Kindergärten spitzt sich ständig zu: Massenkinderhaltung

Zu Beginn meiner Erzieherausbildung habe ich als Ungelernte in einem dreigruppigen Kindergarten auf der Stelle einer Kinderpflegerin gearbeitet. Da Kindergartenplätze auch Anfang der Neunziger knapp waren, hatten wir nur wenige Dreijährige in den Gruppen. Heute gibt es mehr vier- bis achtgruppige Einrichtungen und in geringfügig verkleinerten Gruppen werden mittlerweile oftmals schon mehr Zweijährige betreut, als man früher Dreijährige unter den Kindergartenneulingen hatte. In überfüllten Außengeländen den Überblick über die Kinder zu behalten, ist anstrengender geworden. Richtig anstrengend, wenn man die Aufgabe ernst nimmt und sich nicht darauf verlässt, dass eine der Kolleginnen aus dem Großteam alles im Blick hat.

Es ist mehr durchdringendes Weinen zu hören als früher. Wie mag sich diese Massenkinderhaltung, die dazu geführt hat, dass immer wieder weinende oder wimmernde Kinder zu sehen oder zu hören sind, langfristig auf die Psyche von Kindern auswirken? – Wächst daran ihre Fähigkeit zur Empathie – oder stumpfen die Jungen und Mädchen darüber ab? Trotz der üblichen „Angebote“ zur Förderung der sozialen und emotionalen Kompetenzen gibt es Kinder,  die im Außengelände abrupt ihrem Lauf eine andere Richtung geben, wenn sie ansonsten auf ein weinendes Zweijähriges zusteuern würden. Das Weinen ist ihnen zu viel.

Erzieherinnen sollten nicht nur von der Reizüberflutung durch zu viel Fernsehen sprechen. Auch moderne Kindergärten bieten Reizüberflutung.

Auf Kosten der Kinder - Foto Robert_Kneschke © fotoliaIn meiner letzten Kindergartengruppe hat mich ein Junge während der Phase der Eingewöhnung der neuen Kinder gefragt „Muss ich mit dem Geburtstag feiern? Ich kenne den doch gar nicht.“ Er wollte lieber draußen spielen, wie so viele Kinder, die von ihren Erzieherinnen nicht an die frische Luft gelassen werden, bevor nicht der Morgenkreis vorbei ist oder das Kind an einem bildenden Angebot teilgenommen hat.
Gehe ich als Springkraft in Kindergärten einmal ins Außengelände, um mit dort spielenden Mädchen und Jungen nur ein paar Worte zu wechseln und mich vorzustellen, erlebe ich immer wieder, dass vor allem Jungen zusammenzucken und missmutig reagieren: „Ich bin noch gar nicht lange draußen! Ich will noch nicht rein!“

Eltern, ErzieherInnen, Presse sollten zu ihrer politischen Verantwortung stehen
Wir brauchen Eltern und Erzieherinnen, die sich die politisch gewollten Arrangements einer viel zu billigen und schlechten Kinderbetreuung nicht weiterhin bieten lassen. Wir brauchen Journalisten, die recherchieren und bereit sind, auch das zu schreiben, was unbequem und schwer zu verkaufen ist. Warum haben diejenigen, die angeblich zum Wohle der Gesellschaft und sozial benachteiligter Kinder den Betreuungsplatzausbau als ein Wettrennen der Bundesländer inszeniert haben, sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht in Eltern- und Erzieherforen zu lesen, was dort über den Alltag von Krippen- und Kindergartenkindern zu entnehmen war?

Arbeitsbedingungen verschlechtern sich seit langem

Schon bevor der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für Einjährige verkündet wurde, haben Erzieherinnen darüber geklagt, dass sich ihre Arbeitsbedingungen verschlechtert haben. Einmal „Depressionen“ oder „Burnout“ in die Suchfunktion eines Fachforums eingegeben und es kann gelesen werden, dass es tatsächlich Erzieherinnen gibt, die unter  dem Einfluss starker Psychopharmaka wie zum Beispiel „Tavor“ arbeiten. Im Netz sind Fakten zu erfahren, die auf keinem Elternabend zur Sprache kommen. Eine Recherche auf kindergarten-workshop.de oder im Forum für Erzieher/innen https://www.forum-fuer-erzieher.de/index.php zeigt viele Facetten…

Sehr gute Kitas sind rar. Gute auch. Und die mittelmäßigen lassen enorm zu wünschen übrig… Nicht selten haben Erzieherinnen Kopfschmerzen, weil sie – entgegen dem Kaffeetantenimage – zu wenig trinken. Wann sollten sie auch die Toilette aufsuchen, wenn Personalmangel sie zwingt, stundenlang alleine in der Gruppe zu arbeiten?

Damit vorgeschriebene Fortbildungen besucht werden können, fehlen regelmäßig Erzieherinnen. Wenn sie zurück sind, melden sich immer wieder Zweitkräfte krank. Und sobald diese wieder zum Dienst erscheinen, erwischt vielleicht die  Gruppenleiterin ein Infekt. Auch die Kinder werden in den feucht-warmen Gruppenräumen immer wieder angesteckt, manche so oft, dass sie nach einem besonders schlimmen Magen-Darm-Infekt aus Angst vor einem erneuten Erbrechen schon keine Nahrung mehr zu sich nehmen wollen!

und die „Einzelfälle“ häufen sich

Am 6.12 stand in der Saarbrücker Zeitung, dass ein Krippenkind von einem anderen während der Mittagsruhe in einem „Schlafsaal“ 15 Mal gebissen und schwer verletzt worden sein soll. Ein tragischer Einzelfall? Einmal „Kind – Krippe – gebissen“ bei Google eingeben und es erscheint eine Seite voller Hinweise. Verunsicherte und empörte Mütter berichten, dass Erzieherinnen nicht verhindert haben oder nicht verhindern konnten, dass ihr Kind üble Biss- und Quetschwunden davongetragen hat.  Ja, der Personalmangel hinterlässt seine Spuren. Mit einem Kind auf der Hüfte und einem, das ihr Bein umklammert, können Erzieherinnen beim besten Willen nicht beliebig dahin sprinten, wo ihr Eingreifen nötig wäre.

Nicht weniger erschütternd als den Fall des 15 Mal gebissenen Kleinkindes finde ich die Unterbringung von acht Kindern in einer neu gegründeten Krippengruppe. Ich zitiere aus einem am 20. November 2012 um 20.36 im Forum für Erzieher/innen eingestellten Beitrag von „Gelöschter User“:
„Erst gestern habe ich eine Schülerin in einer (neu eröffneten) Krippengruppe besucht, die im Intensivraum einer Kindergartengruppe untergebracht wurde: Gesamtfläche ca. 12qm, freie Bodenfläche etwa 2qm, darin untergebracht: Tische, Stühle, Regale, Wickeltisch(!), mehrere Töpfchen(!) und ein Regal mit Spielzeug. „Bewohnt“ wird dieser Raum von 8 Kindern zwischen 0,9 und 2,4 Jahren, 1 Erzieherin und einer SPS-Praktikantin im ersten Jahr. Der Kindergartenraum nebenan ist mit 28 Kindergartenkindern voll belegt und muss durchquert werden, wenn man nach draußen oder zur Toilette möchte.
Der Stress in diesem Raum war förmlich zu riechen, als ich die Tür öffnete. Und auch, wenn solch extreme Bedingungen doch glücklicherweise die Ausnahme sind, fristen viele Krippenkinder in Umgebungen, die nicht für sie vorbereitet wurden, ihren Krippentag.“

Ob „Gelöschter User“ die geschilderten Zustände mittlerweile bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft, der Kindertagesstättenaufsicht oder dem Jugendamt angezeigt hat, weiß ich nicht. Dass es sich bei den Angaben lediglich um die Hirngespinste eines Forentrolls handelt, glaube ich nicht.

Warum schweigen Eltern und Erzieherinnen?

Nur widerstrebend mag man sich vorstellen, wie viele Erwachsene zu einer derart unzulänglichen Unterbringung von Kleinkindern geschwiegen haben. Haben die Erzieherinnen geglaubt, es sei allein Sache der Eltern, sich zu beschweren? Und haben die Eltern gemeint, es sei alles in Ordnung, wenn eine Erzieherin unter den beschriebenen Umständen sich nicht weigert ihren Dienst anzutreten?

Wann kommt der Tag, an dem Jugendämter aufgefordert werden, vernachlässigte Kinder nicht nur aus ihren Familien, sondern auch aus viel zu schlechten Krippen herauszuholen? Es wird Zeit, dass nicht nur wenige Praktikantinnen Missstände ans Licht der Öffentlichkeit bringen, auch Eltern, Erzieherinnen, Pastore, Nachbarn und die Fachlehrer, die zu Praxisbesuchen in Krippen und Kitas gehen, könnten Zustände zur Anzeige bringen, die mit dem Wohl von Kindern unvereinbar sind.

von Angelika Mauel

Links zum Thema

Presse

„Wo ist das Kind gut aufgehoben?“, Frankfurter Allgemeine