Emil sucht ständig nach Aufmerksamkeit - Foto iStock © HispanolisticEmil kam mit 1,5 Jahren in die Krippe. Er hat sich von Beginn an heftig dagegen gewehrt, wollte dort nicht bleiben. Beim Abholen weigerte er sich jedoch, mit der Mutter nach Hause zu gehen. Später im Kindergarten verhielt er sich genauso.

Zu Hause ist er seit dem Krippeneintritt hoch unruhig, hört nicht zu, verweigert sich bei allem und sucht ständig die Aufmerksamkeit der Eltern. Diese bemühten sich immer wieder aufs Neue, Emil zu beruhigen, das Verhalten wurde jedoch nicht besser. Am Schlimmsten für die Eltern ist Emils Verhalten bei Veränderungen von einfachen Situationen. Nicht nur die Probleme beim Bringen und Abholen in der Kita, auch bei jeder Situationsveränderung zu Hause oder unterwegs „dreht“ Emil durch. Er ist inzwischen 6 Jahre alt.

Die übermäßig starke Aufmerksamkeitssuche von Emil und sein Situationsverhalten lassen auf eine tiefgreifende Verunsicherung schließen. Diese ist entstanden durch Verlassenheits- und Verlustängste, die viele früh fremdbetreute Kinder empfinden, wenn die Mutter nicht da ist. So kann das Kind in Panik geraten, weil es aufgrund seines noch nicht funktionierenden Erinnerungsvermögen nicht weiß, dass die Mutter wiederkommt. Der Zustand der hohen Ängste und der inneren Panik veranlasst ein Kind dann, sich anzupassen, zu funktionieren, um die Situation zu ertragen. Das sind biologisch gesteuerte Überlebensmechanismen. (siehe auch Verlustängste von Krippenkindern)

In einer fremden Situation verhalten sie sich dann ruhig und protestieren nicht. Das gilt besonders für sensible Kinder und für diejenigen, die aus unterschiedlichen Gründen keinen guten Start ins Leben hatten. Dieses unbewusste Schutzverhalten führt jedoch zu einer hohen inneren Anspannung, die das Kind unter Stress setzen. Emils Protest beim Abholen aus der Krippe zeigte das: er steckte vollständig im Anpassungsmodus, wo er durch die Mutter herausgeholt wurde, so dass er sich dagegen nur wehren konnte. Er war aufgrund der hohen inneren Anspannung nicht in der Lage, ein angemessenes Verhalten (sich auf die Mutter freuen) zu zeigen.

Um das zu verstehen, hilft es zu wissen, warum die erlebten Trennungs- und Verlassenheitsängste zu dem geschilderten auffälligen Verhalten führte. Es blieben zwei entwicklungsbedingte Verhaltenweisen auf der Strecke, die normalerweise nur wenig in Erscheinung treten:

Die starke Aufmerksamkeitssuche im Vorschulalter ist eine mangelnde Bewältigung des Selbsterkennens mit zwei Jahren durch die zu frühe Trennung von der Mutter. Das Selbsterkennen, das gegen Ende des zweiten Lebensjahres zum ersten Mal auftritt, stabilisiert sich im Laufe des dritten Lebensjahres. Eine Begleiterscheinung dieser Entwicklung ist das ständige Einfordern besonders der mütterlichen Aufmerksamkeit. Es ist eine neue Qualität des Umgangs mit dem Erkennen der eigenen Person. Wenn die Trennungs- und Verlassenheitsängste während des dritten Lebensjahres abnehmen und die Trennung von der Mutter zunehmend akzeptiert wird, benötigt das Kind eine starke Stütze bzw. eine permanente Bestätigung seines Selbstempfindens.

Es fühlt sich in dieser Phase nur dann als eigenständiges Selbst, wenn es von seinen Bezugspersonen wahrgenommen wird. Sein noch instabiles Selbstgefühl braucht diese Aufmerksamkeit, die im Normalfall in Anwesenheit der Eltern auch immer da ist. Nur ausnahmsweise fehlt sie. Dann kämpft das Kind mit allen Mitteln um Aufmerksamkeit. Wenn diese situativ nicht vorhanden ist, muss das Kind sie einfordern: z.B. wenn die Eltern telefonieren, Zeitung lesen oder Besuch empfangen.

Die Wahrnehmung durch die Bezugsperson ist ein existenzielles Bedürfnis des kleinen Kindes. Es handelt sich also nicht um eine Provokation, wie von den Eltern meistens angenommen wird. Die ichbezogene Weltsicht, die mangelnde Impulskontrolle und die Identitätsdimension verhindern das Akzeptieren der ausbleibenden Wahrnehmung durch die Eltern (Elternkompetenzen stärken, Butzmann, 2011, S. 55, Sozial-kognitive Entwicklung und Erziehung, Butzmann, 2020, S. 131). Wenn dieser Prozess durch die langzeitige Abwesenheit der Eltern in den ersten drei Jahren nicht möglich ist, bleibt ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit erhalten.

Die Eskapden kleiner Kinder bei Situationsveränderungen kommen zustande, weil sie in den ersten Jahren zwei Dinge nicht gut zusammenbringen können, denn ihre Wahrnehmung ist bis ins vierte Lebensjahr hinein eindimensional. Sie können immer nur einen Aspekt berücksichtigen und danach erst den anderen, also nicht gleichzeitig. Deshalb sind Veränderungen einer Situation nicht gut verträglich, wenn sie nicht vom Kind ausgehen. Im Fall von Emil hat er zwar das Erscheinen der Mutter in der Krippe wahrgenommen, aber die Bedeutung für ihn konnte er nicht bedenken, ganz besonders nicht in der frühen Krippenzeit. Da er auch nach der Krippenzeit nicht in den Kindergarten wollte und ebenfalls das Nachhausegehen verweigerte, muss einerseits davon ausgegangen werden, dass Emil weiterhin unter hoher Anspannung stand; anderseits konnte er das eingeschliffene Verhalten in der Abholsituation nicht abstellen.

Da während der ganzen Zeit seine Verhaltensweisen bei Situationsveränderungen auch zu Hause extrem waren, wird die Eltern-Kind-Beziehung durch das Unverständnis der Eltern Schaden genommen haben. So wird Emil sich später wahrscheinlich auch aus Protest abweisend gegenüber der Mutter verhalten haben. Er konnte durch die hohe Anspannung während dieser Jahre nicht allein aus diesem „Hamsterrad“ herausfinden.

Durch die Corona-Einschränkungen mit den vielen Wochen zu Hause hatte sich Emils Verhalten etwas gebessert. Für die Eskapaden bei Situationsveränderungen wurde den Eltern empfohlen, Emil vor Schulbeginn nicht mehr in die Kita zu schicken. Darüber hinaus sollten die Eltern in dieser Zeit Emil die geforderte Aufmerksamkeit schenken, und zwar ohne Einschränkungen. Sein Situationsverhalten lässt sich verändern, wenn ihm die Eltern vorübergehend dabei helfen:

  • Wenn Papa nach Hause kommt, soll er nur kurz „Hallo“ sagen und nicht in das Zimmer kommen, in dem sich Emil und die Mutter aufhalten. Sobald Emil seine Wahrnehmungen koordiniert hat, wird er zu seinem Vater laufen.
  • Wenn es an der Haustür klingelt, sollte Emil an die Hand genommen und während der ganzen Zeit des Gesprächs an der Tür nah am Körper der Mutter gehalten werden.

Der hier beschriebene Fall ist zwar ungewöhnlich, es kann jedoch immer zu derartig sonderbaren Ausfällen kommen, wenn die Entwicklungsbedürfnisse der Kinder in den ersten drei Jahren nicht beachtet werden.

Ein Beitrag aus unserer Praxis-Rubrik:

KinderLeben – besser verstehen


Wenn die frühe Krippenbetreuung für Kinder eine zu hohe Belastung ist, zeigt sich dies in unterschiedlicher Weise an Verhaltensänderungen oder Verhaltensauffälligkeiten. Mit diesen Beispielen aus der Praxis von Kindertherapeuten, Erzieherinnen, Müttern, Tagesmüttern und ErziehungsberaterInnen wird dargestellt, wie überforderte Krippenkinder reagieren. Damit soll Eltern deutlich gemacht werden, in welcher Form und warum sich die Kinder im Verhalten verändern.

Dr. Erika Butzmann, Entwicklungspsychologin, erklärt nach jedem geschilderten Fall, welches Vorgehen der Eltern notwendig ist, um die Belastungen des Kindes aufzulösen oder zumindest zu reduzieren.