Berndt_Christine_Resilienz

Christina Berndt
Resilienz
Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft
Verlag: dtv 2013
ISBN: 978-3-423-24976-8
280 Seiten
9.90 Euro

Als Gegengewicht zur Forschung, die sich mit psychischen Störungen und ihren Ursachen beschäftigt, geht die Resilienzforschung der Frage nach, was Menschen auszeichnet, die trotz widriger Bedingungen gegenüber negativen Einflüssen Widerstand leisten und nicht daran erkranken und entgleisen, sondern daran vielleicht geradezu wachsen.

Berühmt geworden ist die sog. Kasai-Studie von Emmy Werner, in welcher sich 1/3 der Kinder, welche unter sehr ungünstigen Umständen aufwuchsen, ins Erwachsenenalter hinein und später positiv entwickelten. Gemeinsam war den meisten diesen Kindern, dass sie trotz der widrigen Umstände eine positive Beziehung zu einer unterstützenden Person hatten bzw. entwickeln konnten.

Neben dieser Studie reiht die Autorin in Fleißarbeit zahlreiche Zitate von wissenschaftlichen Autoritäten sowie Studienergebnisse von unterschiedlicher Relevanz aneinander, was ermüdend wirkt. Es geht um Merkmale von Resilienz, ihre Entstehung im Laufe der Entwicklung sowie ihre Förderung bei Kindern und Erwachsenen. Vieles deckt sich mit dem, was man auch ohne Fachkenntnisse weiß bzw. sich denken kann. Dabei wird der Begriff Resilienz so ausgeweitet, dass zu ihrer Förderung jegliche positiven pädagogischen Einflüsse in Verbindung gebracht werden können.

Interessant sind dagegen die Kapitel, in denen neuere Forschungsergebnisse zur Neurobiologie dargestellt werden, welche für die Resilienz von Bedeutung sind. Insbesondere die epigenetischen Einflüsse auf die Aktivierung von Genen durch Umwelteinflüsse und ihre langfristigen Wirkungen, teils über Generationen, lassen aufhorchen.

Bemerkenswert ist das Doppelgesicht von „Resilienzgenen“ (S. 140). Sie zeigen eine komplizierte Wechselwirkung mit der Umwelt. Der Serotonintransporter 5 – HTT in der langen Variante, einer von mehreren Resilienzgenen, kann sowohl Widerstandskraft wie auch Trübsinn erzeugen, je nach positiven oder negativen Umwelteinflüssen in der Kindheit. Die kurze Variante des Serotonintransporters führt bei frühen Misshandlungen zu Trübsinn. Bei positiven Einflüssen vermag sie vor Depressionen schützen und Widerstandskraft erzeugen.

Wissenschaftlich unhaltbar und irreführend sind dagegen die Aussagen der Autorin zur Krippenerziehung. Sie suggeriert, dass Resilienz durch diese gefördert werden kann. Man glaubt sich verlesen zu haben, wenn die Autorin schreibt: „Keine einzige seriöse Untersuchung deutet bisher auf Nachteile durch die Krippenerziehung hin“ (S. 178). Auch folgende Aussagen sind so nicht haltbar: „Wenn die Kleinen bei Mama und Papa gut aufgehoben sind, entwickeln sie sich prächtig, auch wenn sie zwischendurch viel Zeit in der Obhut von Erzieherinnen verbringen.“ Vor allem in Deutschland sei diesbezüglich häufig Ideologie, konträr zu Faktenwissen, vorhanden, denn Kinder, deren Mütter schon bald nach der Geburt wieder arbeiteten, entwickeltenn nicht häufiger Verhaltensprobleme als andere, so die Autorin. Im Gegenteil! „Längst sind sich Entwicklungspsychologen weitgehend einig darin, dass die Kleinen gerade in Krippen und Kindergärten wichtige Erfahrungen sammeln, die sie zu starken Persönlichkeiten werden lassen.“ (S. 158)

Zur NICHD–Studie schreibt sie, dass Kinder von 4 – 5 Jahren etwas aufsässiger als daheim oder bei der Tagesmutter waren. Das könne aber darauf hinweisen, dass sie selbstbewusster als andere Kinder sind. Einer der führenden Bindungsforscher, Jay Belsky hat diese Aussagen längst differenziert widerlegt. Nicht erwähnt wird, dass in der NICHD-Studie bei ehemaligen Krippenkindern Verhaltensauffälligkeiten bis ins Jugendalter festgestellt wurden und bei den entsprechen 16-Jährigen gemäß Folgeforschungen vermehrt ein bedenklich veränderte Cortisolspiegel, bedeutend bei der Stressverarbeitung, gemessen wurden. Auch weniger Antikörper waren vorhanden.

Daneben wird ein afrikanischer Stamm mit wechselnden Betreuerinnen als Beweis für ihre Aussagen zitiert, ohne die dort ganz anderen Bedingungen gegenüber unserer Krippenerziehung und unseren Familien zu reflektieren. Und schließlich meint sie: Qualität der Beziehung zum Kleinkind sei entscheidend und dürfe nicht mit Quantität verwechselt werden. Das könnte leicht zu einem Freibrief werden und Aussagen dieser Art sind längst von verschiedenen Seiten bezweifelt und kritisiert worden.

Schade, dass bezüglich der Krippenerziehung solche inkompetenten, pauschal unkritischen und beschönigenden Feststellungen getroffen werden. Dabei wäre es durchaus interessant und weiterführend, der Frage nachzugehen, welche Kleinkinder Resilienz gegenüber dem zweifellos vorhandenen Risiko der Krippenerziehung zeigen und welche Bedingungen hierfür maßgebend sind. Erste Forschungsansätze hierzu gibt es bereits.

von Burghard Behncke

Weitere Rezension in der ZEIT

Über die Buchautorin: Christina Berndt

studierte Biochemie und promovierte in Heidelberg. Sie berichtete als Wissenschaftsjournalistin über Medizin und Forschung für ›Der Spiegel‹, ›dpa‹, ›Süddeutscher Rundfunk‹ und ›SüddeutscheZeitung‹, wo sie seit 2000 als Redakteurin arbeitet. 2006 wurde sie mit dem European Science Writers Junior Award ausgezeichnet. Sie deckte den Organspendeskandal auf und erhielt dafür den renommierten Wächterpreis der Tagespresse. 2013 war sie nominiert für den Henri-Nannen-Preisin der Kategorie »Investigation« und wurde unter die Top 3 der Wissenschaftsjournalisten des Jahres 2013 gewählt. 2017 wurde sie in der Kategorie »Wissenschaftsreportage« für den Deutschen Reporterpreisnominiert. 2018 erhielt sie den Karl-Buchrucker-Preis.