Ursula Henzinger
Stillen
Kulturgeschichtliche Überlegungen zur frühen Eltern-Kind-Beziehung
Psychosozial-Verlag
ISBN: 978-3-8379-2906-5
264 Seiten, 2020
32,90 Euro

Ich war vor vielen Jahren bereits von der ersten Ausgabe dieses Buches (damals noch mit dem Titel «Stillen – Die Quelle mütterlicher Kraft») begeistert. Damals hatte ich mich dem Thema Stillen durch die persönliche, noch sehr unreflektierte Erfahrung mit unseren ersten beiden Söhnen genähert.

Ich war und bin heute noch stark beeindruckt von der tiefen Weisheit, die in diesem Buch verborgen ist. Ursula Henzinger schafft es, in Worte zu fassen, was Mütter – wenn auch leider vermutlich längst nicht alle – in einem bestimmten Bereich ihres Lebens, nämlich der Stillzeit, erfahren und erfühlen. Dieser Bereich entzieht sich dem Intellekt durch seine körperlich-emotionalen Aspekte – und soll sich ihm vielleicht auch entziehen.

Im Stillen verbunden – für immer

Wie kann man erklären, um was es beim Stillen geht, wenn man es nicht erlebt hat oder nicht auf erfüllende Weise erleben konnte? Fachliche Bücher, die die Vorteile oder «Technik» des Stillens beschreiben, Lösungen für Probleme liefern oder die Inhaltsstoffe der Muttermilch auflisten, gibt es viele. Stillen ist aber weit mehr als eine bestimmte Ernährungsform von Menschenkindern. Stillen ist in erster Linie eine zwischenmenschliche Beziehung, die zwei Menschen (Mutter und Kind) so komplett prägt und verändert, dass sie auf eine Weise verbunden sind, die auch nach dem Abstillen Bestand hat.

Mehr als eine Privatangelegenheit

Leider ist Stillen aber auch sehr störanfällig und auf ideale Bedingungen angewiesen: Dazu gehören unter anderem möglichst wenig Trennungen von Mutter und Kind, sowie möglichst viel Unterstützung des Umfelds. Ursula Henzinger beleuchtet diesen psychosozialen und seelischen Aspekt des Stillens auf geschickte Weise: Sie nimmt Märchen als «Übersetzungshilfe» und kann sich daher einer Sprache bedienen, die universell ist und von allen Menschen verstanden wird.

Eine ganzheitliche Betrachtung

Neben all dem ist das Buch ein fachlich hochkomplexes Werk, randvoll gefüllt mit Wissen über historische, kulturelle und soziobiologische Zusammenhänge in Bezug auf das Stillen. Die Leser werden durch die verschiedenen Themen der Stillbeziehung hindurchgeführt: Vom Stillbeginn, über das Stillen des Kleinkindes, von der Mutter-Kind-Beziehung zur Vater-Mutter-Kind-Beziehung bis hin zum Abstillen, welches das Buch abrundet.

Ursula Henzingers Buch ist und bleibt auch in seiner neuen Form ein Kleinod, das seinen festen Platz in meiner Bibliothek gefunden hat.

von Sibylle Lüpold

Über die Buchautorin: Ursula Henzinger

Dipl.-Päd., Humanethologin, Organisationsleiterin von ZOI (Verein für Ausbildung von Fachleuten und Begleitung von Eltern rund um die Geburt) sowie Leiterin eines Teams für ambulante Familienbegleitung