Georg Milzner
Von fliegenden Kindern und grässlichen Monstern
Was Träume über unsere Kinder verraten
Verlag: Beltz
ISBN: 978-3407865557
262 Seiten
17,95 Euro

Kommt ein Baby auf die Welt, schläft es noch ganz viel, die meiste Zeit des Tages. In dem Buch „Von fliegenden Kindern und grässlichen Monstern – Was Träume über unsere Kinder verraten“ von Georg Milzner werden wir erfahren, dass es bereits jetzt schon träumt.

Dieses Träumen wird von nun an ein ganz wesentlicher Teil seines Lebens sein. Es wird zur Basis seines Vorstellungsvermögens und seiner kindlichen Kreativität. Das Kind wird darin in Konflikte geraten und lernen, damit umzugehen und sich seine tiefsten Wünsche erfüllen. Und nicht zuletzt zeigt sich in ihnen ein Stück seiner Persönlichkeit und Seele. Wenn Eltern sich also mit den Träumen ihrer Kinder befassen, haben sie die Chance, ihre Sprösslinge von einer ganz neuen Seite kennenzulernen.

Ein Schatz und nicht zuletzt ein lebenswichtiges Werkzeug

Einen Traum träumen zu dürfen, ist für ein Kind wie einen Schatz gefunden zu haben. Der Traum gehört erst einmal nur dem Kind. Er ist laut Georg Milzner kostbar, weil das Kind in seinen nächtlichen Streifzügen sein kann, was es sonst nicht ist oder erleben kann, was es sonst niemals erlebt hätte. Der Autor erzählt, dass er als Kind von einem echten Western geträumt hat, mit Revolvern und allem, was dazugehörte. Er liebte Western, doch seine Eltern versuchten ihn immer vor Kampf- und Waffenszenen zu beschützen. Der junge Georg Milzner hatte sich kurzerhand sein ganz eigenes Abenteuer in seinen Traum geholt.

Für Eltern heißt es hier loszulassen, denn im Gegensatz zu den Erlebnissen am Tag, „[…]reisen Kinder in ihrer inneren Welt immer allein“, S. 19.

Träume möchten auch aufmerksam machen, auf Dinge die angeschaut werden müssen. Georg Milzner spricht von einer Art universalen Werkzeug, vgl. S. 49, „[…]dessen sich die kindliche Psyche im Schlaf bedient“. Sie thematisieren Brennpunkte und vernachlässigte Bedürfnisse, zeigen also, woran die Kinderseele momentan zu knabbern hat. Der Traum bildet wahrhaftig ab, was im Kind lebt, ohne dass jemand danach fragt. Das ist entscheidend, denn das Kind könnte seine Gefühle nicht so in Worte fassen, wie sein Traum vermag diese in Bilder zu transformieren.

„Träume gehören zu den wichtigsten Erfahrungen im Leben eines Kindes“, S. 20

Die Erfahrungen, die ein Kind in seinen Träumen sammelt, sind wesentlich für sein Leben. Sie wirken ausgleichend und helfen dem Kind, mit der äußeren Welt und ihren Herausforderungen besser zurecht zu kommen. Das Kind übt sich in seiner Überlebenskompetenz und Konfliktfähigkeit, vgl. S. 120, und erlebt sich im besten Falle wehrhaft. Dabei wächst das Kind oftmals über sich hinaus, was das Beispiel von Emilie zeigt. Das Mädchen begegnet in seinem Traum einem Einbrecher, der ihrem kleinen Bruder gefährlich nahe kommt. Weil niemand da ist, um ihr zu helfen, beißt sie ihm in die Nase und sticht ihn zuletzt mit einem Brieföffner sogar tot. Emilie hat sich zur Wehr gesetzt, was viele Eltern erschrecken würde. Für Georg Milzner ist der Traum kein Zeichen für eine versteckte Aggression oder gar Gewaltfähigkeit, sondern „[d]ie bestürzend realitätsnahe Bewährungsprobe eines Kindes, das weiß, dass es schutzlos sehr schlimmen Situationen ausgesetzt sein könnte“, S. 98.

Träume dienen also als eine Art Training fürs Leben. Das Kind erprobt darin, „[…]wie es mit seiner Wut umgehen kann, mit seinem Haben-Wollen, mit seiner Frustration“, S. 32. Man hat es ja nicht alle Tage mit einem Einbrecher zu tun, aber mit anderen Widrigkeiten, für die es wichtig sein wird, Resilienz ausgebildet zu haben. Träume helfen dabei!

Nicht zuletzt bilden Träume die Basis kindlicher Kreativität. „In ihnen vollzieht sich der Übergang von etwas, was ganz innen geschieht, zu etwas, was dann äußere Welt wird und gezeigt werden möchte“, S. 31. Sie helfen bei Überforderung und bei Langeweile, helfen dabei, Ideen zu entwickeln und Wissen zu vertiefen. Kein Wunder also, dass Georg Milzner dem Traum des Kindes so eine große Bedeutung gibt. Und es scheint ihm ein Anliegen, dass auch Eltern diese große Bedeutung erkennen.

Traumarten

Träume sind vielschichtig und vielfältig, sie werden beeinflusst von der Lebenswirklichkeit des Kindes, seiner Persönlichkeit und der körperlichen und seelischen Verfassung. Umso wichtiger ist es, die verschiedenen Traumarten kennenzulernen, weil sie eine Aussage darüber machen können, wo das Kind gerade in seiner Seelenwelt steht.

Der Albtraum zum Beispiel, „kann […]beim Kind darauf hindeuten, dass es etwas nicht gut ‚verdauen‘ kann“, S. 74. Die Düsseldorfer Psychologin Martina Köthe konnte zeigen, dass der Umgang mit Stress und die Abgrenzungsfähigkeit im Zusammenhang mit Albträumen stehen, vgl. S. 75. So wird laut Psychoanalytiker Ernest Hartmann „[e]in sensibles, mit nur zarten seelischen Grenzen ausgestattetes Kind […]möglicherweise leichter unter Albträumen leiden“, S. 76.

Bei den sogenannten Verlustträumen handelt es sich in den allermeisten Fällen auch um Albträume, weil das Kind darin einen liebgewonnenen Menschen oder auch etwas anderes verliert, an dem sein kleines Herz hängt. Auch hier übt das Kind, mit Verlusten klarzukommen, vgl. S. 115. Es handelt sich hierbei also auch um eine Art Trainingstraum.

In keiner anderen Lebensphase lernt der Mensch so viel, wie in seinen ersten Kindheitsjahren. Die Zeit ist geprägt von körperlicher, geistiger und seelischer Entwicklung, von Veränderung und Ablösung. Letzteres sorgt für Übergangs-, Ablösungs- und Schwellenträume, die von Abschied, Sehnsucht und von Aufbruch handeln. Etwas Altes muss losgelassen werden, damit etwas Neues entstehen kann.

Diese Erfahrung kann für die Seele des Kindes sehr schmerzlich sein, weshalb sie sich zum Teil auch drastischen Traumbildern bedient. In Emma’s Traum geht es noch harmlos zu. Obwohl sie seit über zwei Jahren auf ein Gymnasium geht, ist sie in ihren Träumen eine Grundschülerin geblieben. Sie sehnt sich nach etwas aus der Grundschulzeit, vgl. S. 201. Bei Golo wird es schon heftiger. Er schießt seine Mutter im Traum am Frühstückstisch tot, einfach so, ohne Streit oder Ärgernis. Seine Mutter ist daraufhin sehr nachdenklich, denkt, ihr Junge hätte ein unausgesprochenes Problem mit ihr. Die Sorge ist verständlich, aber laut Milzner nicht begründet. Da die beiden ein inniges Verhältnis haben, ist der Tod nur ein Bild für den bevorstehenden Ablösungsprozess. „In Übergangsträumen sind die großen Themen des realen Lebens […]oft metaphorisch zu verstehen“, S. 207. „Meist geht es um fundamentale Veränderung, bei dem ein altes Selbst […]stirbt, damit etwas Neues geboren werden kann“.

Konfliktträume „[…]können uns quälen, weil sie oft etwas aufdecken, was unterschwellig noch geschlummert hat und nun plötzlich grausam sichtbar wird“, S. 114. Das können soziale Herausforderungen sein. Die Neurowissenschaftlerin Katja Valli hat den Ansatz der ‚Social Simulation Theory‘ entwickelt. „Hiernach spielen wir in Träumen immer wieder auch soziale Konfliktfelder durch, die von Bedrohungen über das Schlichten von Konflikten bis hin zu freundschaftlichen Annäherungsversuchen und dem Knüpfen von Bündnissen reichen“, S. 119. Um es einfach auszudrücken: Das Kind übt von klein auf, sich im sozialen Gefüge der Gesellschaft zurechtzufinden und ein Teil dessen zu werden.

Neben Albträumen, die meist nahe an der Lebensrealität des Kindes sind, träumt das Kind mitunter auch unheimliche Träume. Diese muss man sich vorstellen, „[…]als würden Fantasy oder Horror im Traum real“, S. 154. Hier spuken Geister durch den Raum oder wie im Fall der kleinen Marcella ein Zähne bleckender Vampir, vgl. S. 159. Der Autor schreibt dazu, dass sich derart gruselige Wesen über den Traum hinaus in den Alltag des Kindes schleichen können und umgekehrt – Das Kind hat zum Beispiel eine Geschichte vorgelesen bekommen und die darin beschriebenen Wesen nimmt es mit in seine Traumwelt. Die Geschichte von Gereon zeigt, dass fantastische Träume sogar bis in den Körper hineinwirken können. Der Junge reitet im Traum auf einem Kutschbock. Plötzlich bewegen sich die Pferde in unterschiedliche Richtungen und der Wagen beginnt, auseinanderzureißen. Als er am nächsten Morgen erwacht, spürt er die Innenseiten seiner Oberschenkel, weil sich seine Muskulatur im Schlaf angespannt hatte, vgl. S. 156 f.

Das Gute an schlimmen Träumen ist, dass man irgendwann aus ihnen erwacht. Allerdings sind bei Kindern die Grenzen zwischen Wachbewusstsein und Schlaf noch sehr fließend. Dadurch kann es vorkommen, dass ein Albtraum nicht richtig endet. Der Traum geht dann in eine Trance über, vgl. S. 163.

„Trancen sind mit Träumen verwandt, bilden aber gleichwohl eine eigene Bewusstseinskategorie. Hypnotherapeuten wissen, dass das kindliche Bewusstsein sich sehr leicht in Trancen versetzen kann […]“, S. 163

Wenn das Kind bei den Eltern schlafen darf, hören die Schreckenstrancen laut Georg Milzner schnell wieder auf.

Ein Tagtraum findet am Tag statt. Dennoch „ist [er] mit dem nächtlichen Traum über eine innere Brücke verbunden. Diese Brücke ist die Imagination“, S. 228.

Es handelt sich bei Tagträumen um eine kindliche Ressource. Kinder entfliehen darin kurz dem Alltag, gehen im Geiste auf Reise und bilden daran ihre Kreativität und Vorstellungskraft. Sie dienen „[…]auch der Selbstregulation des Kindes, das zu sich selbst finden muss“, S. 231. Leider ist es laut Georg Milzner immer noch so, dass tagträumende Kinder unterbrochen werden oder schief angesehen. Die eher rationale und kognitive Förderung mache Kinder eng und trainiere ihnen das freie Träumen eher ab, vgl. S. 230 f. Er plädiert deshalb für einen familiären Schutzraum, „[…]in dem auch tagsüber geträumt werden darf“, S. 231.

Hört zu!

„Je aufmerksamer Kinder […]mit ihren Träumen umgehen dürfen – den nächtlichen ebenso wie den Tagträumen –, desto tiefer wird das Gefühl für ihre schlummernden Potenziale und Ressourcen“, S. 231

Zuhören ist eine Fähigkeit. Je besser Eltern zuhören können, desto lieber werden Kinder etwas von sich erzählen. „Kinder erleben [allerdings] mehr, als sie manchmal mitteilen können – aber sie versuchen es, wenn sie Gelegenheit dazu finden“, S. 31. Der Appell an die Eltern ist klar: Hört zu! Denn das, was das Kind träumt, ist gelebte Realität. „Für das ganz kleine Kind scheint noch alles eins zu sein“, S. 22. Und selbst wenn das Kind älter ist, wird es von großer Bedeutung sein, rechtzeitig mit den Traumgesprächen angefangen zu haben, denn „[m]an weiß zum Beispiel […], dass das sogenannte ‚Traumgedächtnis‘ davon abhängt, wie viel Aufmerksamkeit Träume bekommen“, S. 49. Georg Milzner ermutigt die Eltern, das Thema Träume mit in den Familienalltag zu nehmen. Durch die Gespräche lernen Kinder, dass ihr Erlebtes relevant ist. Außerdem lieben Kinder, wenn Erwachsene mit ihnen gemeinsam die Traumwelt erkunden und entschlüsseln, einfach, weil sie zum Leben dazugehört.

Es gibt verschiedene Methoden, sich an die Träume heranzutasten, u.a. die Märchenmethode, das Traumtagebuch oder die imaginative Methode. Mit Hilfe gemeinsamer Fantasie verliert ein schrecklicher Traum seinen Schrecken. Bei der imaginativen Methode zum Beispiel denken sich Eltern und Kind eine neue Geschichte aus, die dieses Mal besser endet, als die von letzter Nacht.

Dem Autor ist es wichtig, eher eine erkundende Haltung einzunehmen, statt vorschnell zu deuten.

„Wenn Kinder unerfreuliche Träume erzählen – es müssen nicht gleich Albträume sein –, dann erlaubt die Verbindung von Traum und Märchen einen Zugang, der leichter handhabbar ist als die Deutung“, S. 241

Denn „wo […]Mütter oder Väter ungefragt deuten, da begeben sie sich in eine Machtposition, die das kindliche Vertrauen schädigen kann“, S. 244. Letztendlich ist eine gelungene Traumdeutung mit dem Finden eines Schlüssels zu vergleichen. Es macht ‚Klick‘ und das Schloss zum Schatz öffnet sich. Manchmal aber bleibt die Bedeutung eines Traumes auch verborgen.

Ein wunderbares Buch über die Träume der Kinder

Die Einleitung beginnt mit den Worten „Zeit für Kinderträume“. Georg Milzner hat dem Traum des Kindes ein Buch gewidmet, um zu zeigen, wie bedeutend genau der Teil des Tages ist, den Eltern oft gar nicht mitbekommen. In dieser Zeit passiert ja nicht viel, oder? Weit gefehlt!

Der Autor macht darauf aufmerksam, wie aktiv das Kind in seinen Träumen ist und wie sehr sich seine Persönlichkeit und das, was gerade in ihm lebt, darin widerspiegelt. Wenn sich Eltern also Zeit nehmen für die Träume ihrer Kinder, haben sie die Chance ihrem Kind nahe zu sein und innerhalb der Familie eine Art Traumkultur anzulegen.

Wie das geht, zeigt das Buch sehr anschaulich. Anhand zahlreicher Geschichten aus den Träumen verschiedenster Kinder wird dem Leser gezeigt, wie ein Dialog entstehen kann. Es gibt hier nicht die eine richtige Form, sondern viele verschiedene. Jede Familie kann anhand des Buches ihre ganz eigene Kultur entwickeln.

Durch die vielen Ansichten, Ideen und Erkenntnisse diverser Experten, u.a. Kinderärzte und Wissenschaftler, hat das Buch gleichsam einen anspruchsvollen und informativen Charakter. Es enthält fundiertes Wissen, das Eltern Sicherheit gibt.

Nicht zuletzt kann auch der Autor selbst durch seine Tätigkeit als Psychologe und Hypnotherapeut auf ein Vierteljahrhundert Erfahrung zurückgreifen – noch dazu ist er Vater von vier Kindern.

Georg Milzner hat einen persönlichen Bezug zum Thema und erzählt von seinen Begegnungen und Beobachtungen. Ich habe beim Lesen spüren können, dass es ihm ein Anliegen war, dieses Buch genau diesem Thema zu widmen. Und er hat mich überzeugt: Es ist wirklich Zeit, einen Raum für Kinderträume zu schaffen.

Von Lorene Löffler

Über den Buchautor: Georg Milzner

Diplompsychologe, er begleitet seit vielen Jahren Erwachsene, Kinder und Jugendliche als Psychotherapeut in seiner eigenen Praxis in Münster.

Im Bereich der Hypnoanalyse interessiert ihn, wie der Mensch mentalen Zugang zu seinen unbewussten Kräften finden kann. In seinem aktuellen Buch erklärt er zum Beispiel, wie man luzides Träumen lernen kann, um bewusst im eigenen Traumgeschehen zu sein und dieses sogar zu lenken.