Hilfe annehmen1 - Hürden überwinden - Foto 123rf © jackfIn einer immer komplexer werdenden Welt, in der von Eltern zunehmend Eigenverantwortung erwartet wird, kann der Alltag mit all seinen Herausforderungen schnell unüberschaubar werden – besonders für Familien mit kleinen Kindern.

Wie schwer es Müttern und Vätern fallen kann, frühzeitig Hilfe anzunehmen, beschreibt der Diplom-Pädagoge und Gesundheitswissenschaftler Udo Baer im folgenden Beitrag. Oft stehen entwürdigende Erfahrungen wie Gewalt, Beschämung, Erniedrigung oder das Gefühl, „ins Leere zu gehen“, einer zufriedenstellenden Beziehung im Weg.

Mit der Veröffentlichung dieses Beitrags möchten wir das Verständnis fördern, warum es manchen Menschen schwer fällt, Hilfe anzunehmen und allen Eltern Mut machen, neue Wege der Veränderung zu suchen und Unterstützung als das zu begreifen, was sie ist: ein Zeichen von Stärke.

Redaktion fürKinder

Warum Hilfe annehmen so schwerfällt

Wir begegnen in der Traumahilfe oft Menschen, die ungern oder gar nicht Hilfe annehmen können. Das kann Beratung, Therapie oder andere Unterstützung betreffen. Wenn sie dann zum Beispiel in einer Therapie erfahren haben, dass Hilfe wirkt, erleichtert, stärkt, verstehen sie oft ihre frühere Haltung nicht.

Der Hintergrund für diese Abwehr gegen Hilfe kann natürlich in einer Erziehung liegen, die vermittelte:

„Du musst alles alleine schaffen!“ Oder „Hilfe ist Schwäche, ist Versagen!“

Viele Männer, aber auch zahlreiche Frauen sind mit solchen Werten groß geworden und haben Schwierigkeiten, sich davon zu befreien. Sie müssen lernen, dass es eine Stärke bedeutet, Hilfe anzunehmen.

Hilflosigkeit ist kein Versagen

Wer sich angesichts von Gewalt und anderem hilflos fühlt, spürt in sich den zumindest leisen Schrei nach Hilfe. Nichts anderes bedeutet das Gefühl der Hilflosigkeit.

Noch ein anderer Aspekt ist für Opfer traumatischer Gewalt in diesem Zusammenhang wesentlich: die Erfahrungen in der Zeit danach. Die Zeit nach dem traumatischen Ereignis zählt zum Traumaerleben. Die meisten Menschen haben in der „Zeit danach“ die Erfahrung gemacht, dass sie mit ihrem Leid allein geblieben sind.

Sie fanden kein Gehör, keine Unterstützung, keine Parteilichkeit.

Also mussten sie alleine die Erfahrungen des Schreckens bewältigen. Diese Erfahrung prägt die weitere Haltung zur Hilfe. Alles alleine zu bewältigen, ist für sie so selbstverständlich geworden, dass sie Hilfe ablehnen, auch wenn sie nun angeboten wird. Ja, Hilfe anzunehmen, kann zur scheinbaren Bedrohung werden für die Haltung, es alleine zu schaffen.

Verstehen hilft, weicher zu werden

Wenn wir solche Zusammenhänge verstehen, können wir leichter verstehen, warum Menschen Hilfe ablehnen, auch wenn sie sie brauchen. Wir können damit weicher umgehen.

Wenn wir betroffenen Menschen solche Zusammenhänge erklären, können sie weicher werden und oft bereit sein, die Annahme von Hilfe zu wagen.

von Udo Baer

Erstveröffentlichung: „Der leise Schrei: Warum manche Menschen so ungern Hilfe annehmen können!“ Blog: Trauma und Würde, 16. Juli 2025

Ein Beitrag aus unserer Praxis-Rubrik:

FamilieLeben – besser verstehen


Sind Eltern zufrieden und glücklich entwickeln sich ihre Kinder zu kleinen Persönlichkeiten mit einer großen Portion gesundem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Doch was brauchen Familien, damit Spannungen und Konflikte gar nicht erst aufkommen und wie gestalten sie ihre Beziehung und erhalten sie aufrecht? Was wäre nötig, damit Väter selbstbewusst die Vaterrolle annehmen, die Verteilung der Familienarbeit gerecht aufgeteilt ist und die Unstimmigkeiten im Hinblick auf die Kindererziehung nicht ständig Thema sind. Kann Familie gelingen, wenn geschlechtsspezifisches Denken, Wahrnehmen und Verhalten im täglichen Miteinander berücksichtigt wird – und welche konkrete Unterstützung können Familien von der Gesellschaft erwarten, um diesen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen?