2026-02 Schutzfaktor Bindung Foto AdobeStock © KunutDer Kinder- und Jugendarzt Rainer Böhm forscht zu frühkindlicher Entwicklung, Bindung und Stressregulation. In dem folgenden Beitrag sowie den anschließenden Rezensionen setzt er sich mit den Ursachen von Autoritarismus und Rechtsextremismus in der Kindheit auseinander.

Die Wurzeln von Autoritarismus und Rechtsextremismus

Wer sich nicht nur gelegentlich mit politischen Vorgängen in der Welt beschäftigt, dem wird nicht entgangen sein, dass sich in den letzten Jahren in vielen sogenannten hochentwickelten Ländern eine deutliche Verschiebung des gesellschaftlich-politischen Spektrums abzeichnet, weg von demokratischer Kultur, von Regelbasierung, von Kooperation und Inklusion, von Wissenschaftsorientierung, und hin zu autoritären Strukturen, nationaler und völkischer Abschottung, Verschwörungstheorien, Wissenschaftsfeindlichkeit und vermehrter Ungleichheit.

Am dramatischsten zeigen sich diese Veränderungen für uns derzeit vielleicht in unseren östlichen Bundesländern, wo sich eine in wesentlichen Teilen verfassungsfeindliche rechte Partei anschickt, erste Landesregierungen zu übernehmen, und in den USA, wo Donald Trump’s MAGA-Bewegung quasi täglich die Regeln eines zivilisierten Umgangs mit Füßen tritt.

Zwei aktuell erschienene Bücher beschäftigen sich jetzt dankenswerterweise mit der Frage, inwieweit diese Entwicklungen auch mögliche Ursachen in den konkreten Lebensumständen von aufwachsenden Kindern haben können.

2026-02 Schutzfaktor Bindung

Claus Koch
Schutzfaktor Bindung
Wie eine bindungsfreundliche Erziehung vor Fremdenhass und Rechtsextremismus schützt
Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-98875-8
154 Seiten
24,00 Euro

Claus Koch: Bindung als Schutzfaktor gegen Autoritarismus

Claus Koch, Psychologe, Pädagoge und Experte für Bindungsstörungen, geht in seinem Buch „Schutzfaktor Bindung – Wie eine bindungsfreundliche Erziehung vor Fremdenhass und Rechtsextremismus schützt“ zunächst auf die Bindungsentwicklung im Kindes- und Jugendalter ein, benennt existenzielle Bedürfnisse des Kindes, speziell die Suche nach feinfühlig geprägtem Austausch sowie nach Unterstützung des kindlichen Forschungsdrangs durch seine engsten Bezugspersonen, in aller Regel seine Eltern. Er beschreibt im ersten und, in größerem Detail, im dritten Teil, wie sichere Bindung zu psychischer Stabilität und einer Grundhaltung der Weltoffenheit beiträgt, wobei die besonders wichtige Phase der ersten drei Lebensjahre bei ihm eher unterbelichtet erscheint, insbesondere hinsichtlich der Frage, welche Bedeutung hierfür der zeitliche Umfang feinfühliger elterlicher Präsenz für Kind und Eltern hat.

Autoritäre Erziehungstraditionen im historischen Rückblick

Sodann geht er in einem Streifzug durch die letzten hundert Jahre auf Spurensuche nach pädagogischen Systemen, die dem Bindungskonzept explizit entgegenstehen, trifft dabei v. a. auch auf die Autorin Johanna Haarer, die mit ihrer Forderung nach Unbarmherzigkeit, Gnadenlosigkeit und Härte in der Erziehung nicht nur im Nationalsozialismus, sondern auch in den ersten Nachkriegsjahrzehnten noch erheblichen Einfluss besonders in West-Deutschland hatte. Gemäßigtere Widergänger wie Michael Winterhoff, Bernhard Bueb oder Simon Meier zeigten, dass die Versuchungen einer dezidiert autoritären Erziehungshaltung, die die Angst vor „Kindern als kleinen Tyrannen“ schürt, weiterhin virulent sind.

Haarers Bücher waren in der DDR verboten. Es ist aber erhellend, dass dort das Buch „Unser Kind“ der tschechischen Ärztin Mirka Klimova-Fügnerova zum Standardratgeber avancierte, ein nach Kochs Einschätzung „östliches Pendant zu Haarers Schriften“. Ferner trug besonders im Osten die „bindungsfeindliche Unterbringung von Kindern in Krippen und Kindergärten“ dazu bei, dass letztlich in beiden Teilen Deutschlands erhebliche Risiken für die psychische Entwicklung von Kindern durch autoritäre und vernachlässigende Erziehungsstile bestehen blieben.

Das „bedrohliche Draußen“ und seine politische Instrumentalisierung

Nach Koch entstehe hierdurch bei Kindern das „Phantasma eines bedrohlichen Draußen“, dessen konsequente Ausnutzung durch rechtsextreme Strömungen er im zweiten Teil des Buchs ausführlich und mit zahlreichen aufschlussreichen Originalzitaten, insbesondere der AfD und Björn Höckes, überzeugend beschreibt.

Defizite in Kitas und Schulen

Der abschließende vierte Teil beschäftigt sich mit fortbestehenden Defiziten der Bindungsorientierung in Kitas und Schulen. Der Autor hatte bereits im zweiten Teil Ergebnisse der aktuellen Shell-Studie zitiert, gemäß der 40% der Kinder bestens mit ihren Eltern auskommen, weitere 50% nur gelegentliche Meinungsverschiedenheiten sehen, drei Viertel der Kinder erhebliches Mitspracherecht in ihren Familien genießen. Er beschreibt die beobachteten raschen und kontinuierlichen Fortschritte in den Elternhäusern als ermutigend. Zum diesbezüglichen Nachholbedarf in pädagogischen Einrichtungen – gemäß Schulbarometer der Bosch-Stiftung fühlten sich nur 8% der Kinder in der Schule wirklich wohl – gibt er dezidierte Empfehlungen, die allerdings häufig mit dem vorherrschenden Leistungsprinzip in den Schulen in Konflikt geraten.

Ausgeblendete regionale Unterschiede

Was auffällt ist, dass Koch die Benennung der frappierenden regionalen Unterschiede hinsichtlich autoritärer und rechtsextremer Strömungen in Deutschland konsequent ausblendet (die AfD werde in „manchen Gegenden“ von fast jedem Zweiten gewählt). Über die Ursachen dieser Vermeidung kann man nur spekulieren.

2026-02 Demokratie braucht Erziehung

Herbert Renz-Polster u. Ulrich Renz
Demokratie braucht Erziehung
Warum der Widerstand gegen autoritäre Strömungen schon in der Kindheit beginnt
Kösel-Verlag, München
ISBN: 978-3-466-31246-7
176 Seiten
15,00 Euro

Herbert Renz-Polster: Demokratie beginnt in der frühen Kindheit

Eine gute Ergänzung bietet diesbezüglich das Buch „Demokratie braucht Erziehung – Warum der Widerstand gegen autoritäre Strömungen schon in der Kindheit beginnt“ von Herbert Renz-Polster, wissenschaftlich tätiger Kinderarzt und erfahrener Autor, das er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Ulrich Renz verfasste.

Die vier „Kleeblattfragen“ kindlicher Entwicklung

Renz-Polster beschreibt die Bindungsbedürfnisse des jungen Kindes in Form von vier zentralen Entwicklungsfragen, von ihm auch „Kleeblattfragen“ genannt, die es seinen wichtigen Bezugspersonen stellt. Es sind dies die Fragen nach Sicherheit, Wertschätzung, Zugehörigkeit und Wirksamkeit. Er stellt hierzu fest:

„Die Entwicklungspsychologie ist sich absolut einig, dass Kinder ihre grundlegenden Persönlichkeitskompetenzen – ihr Selbstvertrauen, ihre Selbstkontrolle, ihre Empathie, ihre soziale Kompetenz, ihre emotionale Reife, ihre Resilienz, ihre Kreativität – am besten entfalten, wenn sie diese grundlegenden Entwicklungsfragen ausreichend gut beantwortet bekommen.“

Drei Beziehungssprachen – und ihre gesellschaftlichen Folgen

Bindungsangebote würden Kindern im Wesentlichen in drei „Beziehungssprachen“ vermittelt:

In der eher bindungsfeindlichen autoritären Beziehungssprache gelte das Kind von Natur aus als unkooperativ, undiszipliniert und selbstsüchtig.

In der bindungsorientierten fürsorglich-mitfühlenden Beziehungssprache erscheine das Kind als von Natur aus gutwillig und lernbereit, die Erwachsenen ließen sich deshalb gern auf eine tiefere Beziehung zu ihm ein.

In der pädagogischen Beziehungssprache stünden hingegen die Funktionen im Mittelpunkt, die das Kind in der jeweiligen Gesellschaft einmal ausüben solle, „die Kindheit als nicht enden wollender Förderkurs, die Exzellenz des Wirtschaftsstandortes immer vor Augen“. Es werde oft unterschätzt, wie schwer Kinder in ihrer Entwicklung leiden können, wenn sie überwiegend diese Sprache hören.

Renz-Polster fokussiert seine Analysen auf die USA und Deutschland, er hat in beiden Ländern gelebt und wissenschaftlich gearbeitet. Nach seiner Einschätzung handelt es sich aber letztlich um drei grundsätzlich verschiedene Gesellschaften, da er in den westlichen und östlichen Bundesländern Deutschlands fundamentale Unterschiede feststellt.

In den USA herrschten, weit mehr als in vielen europäischen Ländern, autoritäre Erziehungsstile vor. Ferner fänden dort die Eltern aufgrund unterentwickelter sozialer Sicherungssysteme kaum die Möglichkeit angemessener zeitlicher Zuwendung zu ihren Kindern, so dass umfangreiche außerfamiliäre Betreuung bereits im Alter weniger Monate den Regelfall darstelle.

Wegetrennungen in Ost und West

Als entscheidende Wegetrennungen in Deutschland sieht er einerseits

die frühe und umfassende Eltern-Kind-Trennung in der DDR, v. a. in Tages- und Wochenkrippen,

sowie die „Erziehungswende“ ab den 60er und 70er Jahren hin zu einer fürsorglich-mitfühlenden Beziehungssprache, die kaum irgendwo intensiver gewesen sei als in der damaligen BRD. Hierzu trug in Westdeutschland auch eine heute „fast schon radikal anmutende pädagogische Zurückhaltung“ bei:

Schule nur bis zum Mittag, komplette Schulbefreiung des Wochenendes, Kindergarten freiwillig ab 3 Jahren, Kinderkrippen gab es kaum.

Im Gegensatz hierzu fanden sich im Osten

frühe Ganztagskita und Ganztagsschule, Samstage eingeschlossen, oft noch ergänzt durch Aktivitäten der Partei-Nachwuchsorganisationen.

Hier dominierte völlig die besagte pädagogische Beziehungssprache, die vielfach das Kleeblatt der zentralen kindlichen Entwicklungsfragen zum Welken gebracht habe. Auf diese östlichen Kindheiten „und auf den langen blauen Schatten, den sie bis heute über unser Gemeinwesen werfen“, geht Renz-Polster ausführlich ein.

Frühe Fremdbetreuung, Stress und Autoritarismus

Nicht nur nämlich die autoritäre Beziehungssprache, sondern auch die pädagogische Beziehungssprache könne Kinder erheblichen Stressbelastungen aussetzen. Und dies gilt ganz besonders für die ersten drei Lebensjahre. Der Autor weist darauf hin, dass u. a. die Autoritarismusforschung aufgedeckt hat,

„dass Kinder, deren Entwicklung von Situationen geprägt ist, die ihre Möglichkeiten zur Stressbewältigung übersteigen, ihr Leben lang dazu neigen, auf Verunsicherungen oder Bedrohungen mit übersteigerter Wachsamkeit, Ängstlichkeit und Feindseligkeit zu reagieren.“ Jungen seien dabei noch stärker betroffen als Mädchen.

Zu ergänzen ist hier, dass internationale neurobiologische Studien bestätigen konnten, dass insbesondere die Pädagogik früher und umfangreicher außerfamiliärer Gruppenbetreuung in den ersten drei Lebensjahren bei vielen Kindern chronische, toxische Stressbelastungen auslöst.

Bindungsorientierung als demokratische Prävention

„Dort, wo früher die DDR-Flagge wehte, wählen heute, gut eine Menschengeneration nach der Wiedervereinigung, 34,6 Prozent eine rechtspopulistische, in Teilen antidemokratische, rechtsradikale Partei“ stellt Renz-Polster mit Blick auf die letzte Bundestagswahl fest. Für die Bundesländer der alten BRD gelte indes: „Unter dem Strich hat Westdeutschland eine stabile demokratische Mitte, um die es die aufgeklärte Welt beneidet.“

Es wäre dringend notwendig, seine gut lesbaren, stichhaltigen und verdienstvollen Analysen, ebenso wie die von Claus Koch, den gängigen soziologischen, ökonomischen und politischen Interpretationsmustern zur Seite zu stellen, und präventive zukunftsorientierte Ansätze hieraus abzuleiten.

von Rainer Böhm

Claus Koch

Über den Buchautor: Dr. phil. Claus Koch

geb. 1950, Studium der Philosophie und Psychologie in Heidelberg und Paris. Promotion in Heidelberg zur Phänomenologie psychischer Störungen und Krankheiten. Claus Koch lebt in Heidelberg und Berlin, ist verheiratet und hat vier Kinder. Bis Juli 2015 war er Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen mit Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u. a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ). www.clauskoch.info

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Über den Buchautor: Dr. Herbert Renz Polster

Jahrgang 1960, verheiratet und Vater von vier Kindern. Medizinstudium in Gießen, München und Tübingen, Facharztausbildung als Kinderarzt und Forschungstätigkeit in den USA, Forschungspreis für Arbeiten im Bereich der Epidemiologie allergischer Erkrankungen. Seit 2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mannheimer Institut für Public Health (MIPH) der Universität Heidelberg mit Forschungsschwerpunkt Gesundheitsförderung im Kindesalter. Autor mehrerer Sachbücher und Elternratgeber zum Thema kindliche Entwicklung und Gesundheit – www.kinder-verstehen.de