Transkulturell kompetentes Handeln in den Frühen Hilfen - Foto iStock © isaxarIm Rahmen des Kongresses des Forums Frühe Kindheit 2026 stellte Mareike Paulus (M.A.), Interkulturelle Kommunikation am Deutschen Jugendinstitut in München, das Qualifizierungsmodul  „Transkulturell kompetentes Handeln – Anregungen für Fachkräfte in den Frühen Hilfen“ vor. Ziel des Moduls ist es, Fachkräfte darin zu befähigen, offen und empathisch auf Familien zuzugehen sowie Unterschiede und Gemeinsamkeiten bewusst wahrzunehmen und deren Einfluss auf die Begegnung zu reflektieren.

Beziehungsgestaltung in einer vielfältigen Gesellschaft

Die Inhalte des Moduls setzen an mit dem Konzept der Transkulturalität, das den Weg von Unterschieden hin zur Gemeinsamkeit beschreibt. In einer vielfältigen Gesellschaft, in der 43 % der Kinder unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund haben, entsteht durch das Zusammenwirken verschiedener kultureller Prägungen etwas Neues. Für Fachkräfte der Frühen Hilfen ist das ist eine zentrale Herausforderung. Sie müssen für die Vielfalt der Kulturen offen sein.

Die Fähigkeit zur narrativen Empathie ist notwendig. Dazu gehört die Offenheit für andere Erfahrungen, das Einbeziehen von Hintergrundwissen und die Bereitschaft zur Selbstreflexion. Damit ist die Beziehungsgestaltung zu den Familien mit Migrationshintergrund ohne Vorurteile möglich. Neugier, Offenheit und das Sich-Einlassen auf das Andere helfen dabei.

Wahrnehmung und Perspektivität

Wie schwierig es ist, innezuhalten, Wahrnehmungen zu hinterfragen, die eigene Perspektive zu erweitern und so das ganz Andere in den Blick zu nehmen, demonstrierte die Referentin mit einem Wahrnehmungsbild (nicht identisch mit den hier gezeigten Abbildungen).

Das obige Bild macht deutlich, dass unsere Wahrnehmung stark von ersten Eindrücken und subjektiven Deutungen geprägt ist. Unterschiedliche visuelle Eindrücke können dabei sehr verschiedene Assoziationen auslösen und zeigen, wie individuell Perspektiven sind.

Transkulturell kompetentes Handeln in den Frühen Hilfen2 - Foto iStock © ayagizDas zweite Bild ist eine optische Täuschung: scheinbar sind es vier Quadrate. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass das Bild mehrdeutig ist. Ohne diese bewusste Umorientierung bleibt ein Teil der Information verborgen.

Übertragen auf die pädagogische Praxis besteht damit die Gefahr, dass nur eine „einzige Geschichte“ über eine Familie oder Situation wahrgenommen wird.

Ein einzelnes Merkmal tritt in den Vordergrund und strukturiert die Gesamtwahrnehmung. Dies ist nicht falsch, stellt jedoch eine Reduktion komplexer Lebensrealitäten dar.

Kommunikationsstile im interkulturellen Kontext

Mareike Paulus wies zudem darauf hin, dass in der Arbeit mit Migrantenfamilien unterschiedliche Kommunikationsstile berücksichtigt werden müssen. Der direkte Stil in manchen Kulturen birgt die Gefahr, als verletzend empfunden zu werden. Der indirekte Kommunikationsstil nimmt Umwege, um das Problem nicht direkt anzusprechen, vermittelt aber, wo die Probleme liegen. Dieser wird unter Umständen als unehrlich empfunden. Diese Unterschiede sind durchaus ein Problem und erfordern eine Auseinandersetzung mit den verschieden Kommunikationsstilen. Grundsätzlich unterstützend wirken dabei eine leicht verständliche Sprache sowie Gesten, Bilder und Piktogramme.

Unterschiede im Umgang mit Kindern

Ein weiterer Unterschied in den Kulturen bezieht sich auf den Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern. Deutsche Eltern suchen häufig engen Kontakt mit ihren Kindern und fördern die kognitive und sprachliche Entwicklung. In Kamerun z. B. werden die Kinder viel getragen und die motorischen Fähigkeiten gefördert. Strategien, mit diesen Unterschieden umzugehen, reichen von der Anpassung über das Festhalten an alten Gewohnheiten bis zur Aushandlung mit anderen Familien oder im sozialen Umfeld.

Konsequenzen für die Arbeit der Frühen Hilfen

Für die Fachkräfte der Frühen Hilfen bedeutet das: Unterschiedliche Ansätze zu erfragen, zu verstehen und anschaulich zu erklären sowie gemeinsam mit den Familien tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Rückfragen zur Arbeit mit Migrantenfamilien können an die Referentin gestellt werden.
Mareike Paulus, Deutsches Jugendinstitut

von Erika Butzmann

Links zum Thema

Nationales Zentrum Frühe Hilfen

Frühe Kindheit zwischen Vielfalt, Unsicherheit und Wandel, Forum Frühe Kindheit 2026

Frühe Kindheit als Chance – Bilanz der Frühen Hilfen, Kongress „Stellt die Frühe Kindheit Weichen?“, Universität Heidelberg, 2016

Hilfe annehmen – Hürden überwinden