Digitale Medien ziehen bereits Babys in ihren Bann, weil immer etwas Neues passiert. Die häufige Beschäftigung damit verhindert jedoch das Wirksamwerden der genetisch verankerten Lernimpulse. Das Erkundungsverhalten, das freie Spiel, die Nachahmung, das schöpferische Erfinden und das Malen und Zeichnen kommen nicht ausreichend zum Zug. Die damit zusammenhängenden ständigen Bewegungen sind die Grundlagen für die Gehirnentwicklung und das Lernen. Deshalb wirkt sich die dauerhafte Konzentration auf digitales Spielzeug in der frühen Entwicklung einschränkend auf die Intelligenz und die Persönlichkeitsentwicklung aus.
Was Kinder durch eigenes Entdecken, Spielen und Gestalten lernen, kann digitales Spielzeug nicht ersetzen.
Frühe Kinderzeichnungen als Gegenpol zu digitalem Spielzeug
Kinderzeichnungen haben von Beginn an einen hohen Wert für die Persönlichkeitsentwicklung, weil die Kinder das eigene Empfinden und Erleben bereits im „Kritzelalter“ unbewusst wahrnehmen. So kommen die Gefühle beim Zeichnen nach und nach ins Bewusstsein des Kindes und verstärken das gute Empfinden für sich selbst. Dieses Hineinspüren in sich selbst beim Zeichnen bleibt aus, wenn Kinder bereits im frühen Alter statt zu zeichnen, sich mit digitalem Spielzeug beschäftigen oder damit ruhiggestellt werden. Das Zusammenspiel von Gefühlsentwicklung und Intelligenz wird behindert [1].
Auf diesem Weg geht die Motivation der kleinen Kinder für das Zeichnen verloren, denn die digitalen Spielzeuge vereinnahmen sie vollständig. Die schnellen bunten, häufig wechselnden Bilder faszinieren die Kleinen. Selbst etwas zu machen und das Zeichnen auf Papier verliert an Attraktivität.
Wenn gleichzeitig bei den Erwachsenen digitale Geräte im Mittelpunkt stehen und sie nicht mehr auf Papier schreiben, haben die Kleinsten auch kein Vorbild zum Zeichnen.
Denn das Vorbild der Eltern und Geschwister im Umgang mit dem Stift und Papier benötigen sie, um mit dem Zeichnen im zweiten und dritten Lebensjahr zu beginnen.
Wie digitales Spielen das Lernen beeinflusst
Gibt es für die Kleinsten keinen Anlass mehr zu zeichnen, wird das Selbstempfinden oberflächlich, so dass die psychische Stabilität in der weiteren Entwicklung Schaden nehmen kann. Psychische Stabilität entwickelt sich lebenslang durch ein Zusammenspiel aus vererbten Anlagen, frühen Kindheitserfahrungen und bewusstem Lernen. Bleiben die frühen Kindheitserfahrungen weitgehend eingefangen und eingeschränkt auf den Umgang mit digitalen Medien, kann bewusstes Lernen kaum stattfinden. Die dazu notwendigen motorischen und kognitiven Fähigkeiten werden unzureichend ausgebildet. Die Feinmotorik und die spätere Schreibfähigkeit, die durch das Zeichnen und Malen trainiert wird, kommen nicht zum Einsatz.
Wie Zeichnen die Konzentrationsfähigkeit entwickelt
Auch wenn die Kleinsten bereits auf einem Tablet mit einem Stift hantieren, sind sie dabei vereinnahmt von dem Gerät, auf dem vorgefertigte Reize die eigenen Impulse hemmen. Sie müssen das Tablet halten, weil es sich nicht an einer Unterlage anschmiegt wie ein Blatt Papier. Das schränkt bei den kleinen Kindern die Konzentrationsfähigkeit ein, da sie von jeder Störung abgelenkt werden. Die sich noch in der Entwicklung befindliche Koordinationsfähigkeit wird gestört, wenn kleine Kinder ältere Tablets zum Spielen haben, bei denen die Linienführung des Stiftes verzögert auf dem Bildschirm erscheint. Das irritiert die Kinder, da sie zwei unterschiedliche Reize noch nicht verbinden können. Somit ist die Konzentration auf die digitale Zeichnung unmöglich.
Die Konzentrationsfähigkeit wird beim Zeichnen auf Papier durch das Sich-Einlassen auf die eigenen Impulse spielerisch trainiert. Denn meistens befassen sich die kleinen Kinder über längere Zeit mit einer Zeichnung, sie geben sich der Stiftführung vollkommen hin. Das findet beim Hantieren mit Stiften auf einem Tablet nicht statt, weil die Ablenkung z. B. durch blinkende Stifte oder Geräusche das Einlassen auf die Zeichnung und die Konzentration auf das zu Zeichnende verhindert.
Die Kinderzeichnung als Entwicklungsbegleiter kann so nicht zur Wirkung kommen, weil der impulsgesteuerte Entwicklungsverlauf über die „Kritzelbilder“, die Strahlenkreise, die Kopffüßler und die realistischen Selbstdarstellungen unzureichend stattfindet. Für Eltern und Erzieher:innen ist somit nicht zu erkennen, wo das Kind in seiner Entwicklung gerade steht bzw. ob Probleme in der Entwicklung auftauchen. Die Eroberung der geometrischen Formen wie beispielsweise Linien, Kreis, Kreuz und Quadrat ist beim digitalen Zeichnen durch den fehlenden Entwicklungsverlauf nicht möglich und damit ist auch der Vorlauf zur Schreibfähigkeit ausgeschaltet.
Wie Zeichnen die Feinmotorik schult
Die Feinmotorik, die durch eine bewusste Stiftbenutzung und den Umgang mit dem Papier geschult wird, kann sich beim Malen auf der starren Fläche eines Displays nicht in dieser Tiefe entwickeln. Das heftige Aufdrücken mit einem Farbstift beim Zeichnen auf Papier fördert die Ausbildung der Handmuskulatur beim kleinen Kind. Dies fehlt beim Zeichnen auf einem Tablet gänzlich. Das Kind spürt keinen Widerstand, so dass die Handmotorik nicht zum Einsatz kommt. Darüber hinaus verhindert der fehlende Reibungswiderstand auf dem Display die genaue Linienführung, weil das Oberflächenglas eher rutschig ist.
Wie Farbempfinden und Gefühlsentwicklung zusammenhängen
Das Farbempfinden wird beim ausschließlichen Malen auf einem Tablet eingeschränkt, weil kein Farbauftrag zu sehen ist wie bei einem Blatt Papier. Kleine Kinder schauen, wie die Farbe von der Spitze des Stiftes auf das Papier gelangt und wie die Farben sich mischen, weil sie jede Kleinigkeit in ihrem Tätigkeitsfeld wahrnehmen [2]. Der sich über diese Farbwahrnehmung bildende Zusammenhang zwischen Farbempfinden und Gefühlsentwicklung kommt beim ausschließlichen Malen auf einem Tablet nicht zustande, so dass eine wichtige Phase der Entwicklung brüchig wird.
Wie Zeichnen Kreativität und Frustrationstoleranz fördert
Wenn Vorschulkinder Fehler beim Malen auf Papier machen, suchen sie kreative Umwege oder akzeptieren den Fehler und fördern damit ihre Frustrationstoleranz. Auf dem Tablet sind Fehler kein Problem, sie können einfach weggewischt werden. Sie erfordern keine Denkoperationen, die das kindliche Gehirn trainieren.
Das impulsgesteuerte Malen und Zeichnen auf einem Papierblatt fördern darüber hinaus die Kreativität des Kindes. Es gibt keine Einschränkungen wie beim Tablet, die durch Störungen der Funktionen auftreten können. Das kann passieren, wenn das Kind den Handballen auf dem Display ablegt. Dies wird als falsche Eingabe registriert, so dass ungewollte Linien entstehen, die den Zeichenprozess stören. Wenn zusätzliche Funktionen auf dem Tablet vom Kind genutzt werden können, wird es sich damit beschäftigen und das Zeichnen unterlassen; denn die auftauchenden unterschiedlichen Reize lenken das Kind ab. Durch die Passivität bei Benutzung des Tablets kommt Kreativität nicht zum Einsatz.
Was daraus folgt
Wenn der Wert der Kinderzeichnungen für die Persönlichkeitsentwicklung, die Gefühlsentwicklung und die kognitive Entwicklung des Kindes bekannt ist und akzeptiert wird, dann gibt es genügend Anlass, Kindern häufig die Gelegenheiten zum Zeichnen zu geben und ihnen nur im Ausnahmefall digitales Spielzeug zu überlassen [3].
von Erika Butzmann
Links zum Thema
Kinderzeichnungen: Spuren der Entwicklung und Erkenntnis
Digitale Medien in den ersten 1.000 Tagen, Klaus Zierer, Christian Montag, Walter Dorsch, Pädiatrie September 2023, Jg. 35, Nr. 51, Sonderheft: Die ersten 1.000 Tage, S. 53 bis 56. inkl. Literaturnachweis
Digitale Medien – eine neue, stille Sucht
Bilderbuch zum Thema „Wenn das Smartphone die Nähe stört“: Ein Tiger im Zug, Jumbo-Verlag
