Welche langfristigen Vorteile Kinder haben werden, die ihre Mahlzeiten routinemäßig zusammen mit ihrer Familie einnehmen, beschreibt Claus Koch in einem Blogbeitrag mit dem Titel: „Hungrig zur Schule – wenn das Frühstück ausfällt“ auf der Webseite: www.kinder-und-wuerde.de.

Seine Aussage „Gemeinsames Essen wirkt bindungsstiftend“ bestätigt eine aktuelle Studie, in der insgesamt 1492 Eltern mit Kindern befragt wurden. Die Forscher betrachteten diese Kinder seit ihrem fünften Lebensmonat im Rahmen der Studie. Im Alter von 6 Jahren begannen ihre Eltern darüber zu berichten, ob sie zusammen Familienmahlzeiten hatten oder nicht.

Das Sozialverhalten der Kinder ist besser

Vier Jahre später gaben die Eltern, Lehrer und die Kinder selbst Auskunft über ihre Lebensgewohnheiten, schulische Leistungen und Sozialverhalten. Die Auswertung der Daten zeigte „positive Zusammenhänge zwischen häufigem gemeinsamen Essen in der Familie und der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“, sagte Prof. Linda Pagani von der Université de Montréal.

War die Qualität der Familienmahlzeiten mit 6 Jahren besser, waren die Kinder auch allgemein fitter und weniger anfällig Alkohol zu konsumieren. Diese Kinder schienen auch mehr soziale Fähigkeiten zu haben, da sie weniger auffällig waren in Bezug auf :

  • körperliche Aggression wie etwa schlagen, treten, boxen o.ä.
  • oppositionelles Verhalten wie etwa trotziges, ungehorsames und verweigerndes sowie feindseliges Verhalten gegenüber Autoritätspersonen
  • reaktive Aggression, die unmittelbar und impulsiv als Konsequenz einer realen oder wahrgenommenen Provokation, Frustration oder Bedrohung auftritt und die von starken Gefühlen von Ärger begleitet ist

Spürende Begegnungen

Claus Koch schreibt*, dass der Familientisch „eine Alltagsroutine darstellt, die besonders für die jüngeren Kinder Geborgenheit, Sicherheit und Verlässlichkeit bedeuten. Beim gemeinsamen Frühstück lässt sich mit dem Kind außerdem über seinen (und den eigenen!) bevorstehenden Tag reden, können Ängste und Kummer geäußert werden ebenso wie freudige Ereignisse, die vielleicht bevorstehen. Ein Resonanzraum öffnet sich, in den jede und jeder sich einbringen kann. Aber auch wenn es, wie häufig mit Kindern in der Frühe, zu keinen allzu ausführlichen Gesprächen kommt, weil alle Beteiligten noch etwas müde sind, stiftet die kurze Begegnung in der Küche oder im Wohnzimmer Nähe und Vertrauen, bevor alle, Kinder wie Erwachsene ihrer Wege gehen:

„Tschüss, hab einen schönen Tag – ich freue mich, Dich heute Nachmittag wiederzusehen.“ – „Ich verstehe, dass Du traurig bist, dass Deine beste Freundin in eine andere Stadt gezogen ist.“

Gemeinsame Mahlzeiten sind auch ein gutes Medium für „spürende Begegnungen“. Man erkennt, dass mit einem Kind „etwas nicht stimmt“, wenn es plötzlich kaum noch Appetit hat, gar nichts mehr sagt und nur noch „bei sich“ in seinen Gedanken versunken ist. Oft kein Grund zur Sorge, weil es uns Erwachsenen ja manchmal ähnlich geht. Wenn aber die Stimmung anhält und sich Schweigen und Traurigkeit fortsetzen, kann man dem Kind seine Sorge mitteilen:

„Du bist seit einer Woche so still beim Frühstück, auch abends, wenn wir gemeinsam etwas kochen. Ich möchte es gerne verstehen.“

So überlässt man dem Kind die Initiative. Sicherlich antwortet es nicht sofort, aber irgendwann verrät es vielleicht doch den Grund:

„Ich fühle mich in der Schule so einsam“ – „Der P. ärgert mich die ganze Zeit“. „L. hat mich neulich Fettie genannt“, „Ich bin traurig, weil ihr euch getrennt habt, Du Mama und Papa.“

Für Kinder ist dann wichtig zu wissen, dass sie zuhause immer willkommen sind und sich gut aufgehoben fühlen können. Manchmal brauchen sie eben Unterstützung, um mit ihrem Alltag klarzukommen. Allein die empfundene Gemeinsamkeit und das Sprechen können dabei helfen.“

* hier im Orginaltext nachzulesen

zur Person: Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe, geb. 1950, Studium der Philosophie und Psychologie in Heidelberg und Paris. Promotion in Heidelberg zur Phänomenologie psychischer Störungen und Krankheiten. Claus Koch lebt in Heidelberg und Berlin, ist verheiratet und hat vier Kinder. Bis Juli 2015 war er Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen mit Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

Links zum Thema

Studie

„Associations Between Early Family Meal Environment Quality and Later Well-Being in School-Age Children“, Harbec, Marie-Josée MSc; Pagani, Linda S. PhD, Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics: February/March 2018 – Volume 39 – Issue 2 – p 136–143

Presse

„Jedes zehnte Grundschulkind geht mit leerem Magen aus dem Haus“, FAZ

Blog

„Hungrig zur Schule – wenn das Frühstück ausfällt“, Blog: KinderWürde von Claus Koch und Udo Baer

Presse

„Eating together as a family helps children feel better, physically and mentally“, Studie vorgestellt in Science Daily