Beziehungsvolle Pflege 1 - Foto © beginningwellWie kann ich mein Kind so pflegen, dass es sich dabei wohl fühlt? Pflegesituationen wie das Wickeln, das An- und Ausziehen oder das Baden sind geeignete Gelegenheiten, in denen Ihr Kind und Sie einander intensiv wahrnehmen und näher kennen lernen können. Das gilt für den Säugling gleichermaßen wie für das schon etwas ältere Kind.

Behutsame Hände

Bereits das Neugeborene zeigt Ihnen deutlich, ob es sich in den Pflegesituationen beim Berührtwerden wohl fühlt. Sie erkennen das unter anderem:

an seinen Blicken – seiner Mimik,
seinen Bewegungen,
seiner Körperanspannung,
seiner Gelöstheit.

Auch wenn Sie noch ungeübt sind, sich vielleicht noch unsicher fühlen, geben Sie sich ruhig Zeit. Das Neugeborene kann eher durch rasche und mechanische Handgriffe verunsichert werden als durch Ihr Ungeübtsein.

Ihre Liebe und Zärtlichkeit können Sie Ihrem Baby am besten über sanfte und einfühlsame Berührungen während der Pflege vermitteln.

Durch die Behutsamkeit der Hände gewinnt Ihr Kind an Vertrauen, sodass es sich auch in kritischen Situationen sicher und geborgen fühlen kann. Durch die sich täglich mehrmals wiederholenden Pflegesituationen wird dieses Vertrauen immer mehr zur Sicherheit.

Handlungen ankündigen

Beziehungsvolle Pflege 2 - Foto iStock © isayildizDamit Ihr Baby sich darauf einstellen kann, was Sie mit ihm vorhaben und was als nächsten Pflegeschritt auf es zukommt, kündigen Sie ihm jede Tätigkeit vorher an. Lassen Sie ihm ein wenig Zeit, bis Sie den Eindruck haben, dass es nun bereit ist. Zum Beispiel so: „Schau Jakob, das ist Dein Jäckchen, das ich Dir jetzt anziehen werde …“.

Das Ankündigen und Warten, bis Ihr Baby Sie wahrgenommen und sich darauf eingestellt hat, gibt ihm Sicherheit und vermittelt ihm zudem Wertschätzung. Sie brauchen für ein solch geduldiges Vorgehen auch nur scheinbar mehr Zeit.

Denn wenn Sie bei der Pflege dauernd ohne Ankündigung über den Kopf Ihres Kindes hinweg handeln, ruft dies immer stärker werdende Widerstände hervor. Diese sind es, die letztlich viel mehr Zeit erfordern und für beide nervenraubend sind. Grundlegend ist daher, dass – so oft als möglich – ein Miteinander und nicht ein Gegeneinander entsteht.

Wie ermögliche ich es meinem Kind, bei Pflegehandlungen mitzuwirken?

Jede Pflegehandlung ist für Ihr Neugeborenes zunächst neu und unbekannt. Die Wiederholungen helfen ihm dabei, sich daran zu gewöhnen und sich sowohl in seinem Körper als auch beim Ablauf der Pflegehandlungen zu orientieren.

Halten Sie, zum Beispiel beim An- und Ausziehen, zunächst immer dieselbe von Ihnen gewählte Reihenfolge ein. Ihr Kind kann sich besser auf das Kommende einstellen, wenn Sie, beispielsweise beim Anziehen eines Hemdchens immer mit dem rechten Arm beginnen, beziehungsweise bei der Hose immer mit dem rechten Bein. Diese Reihenfolge kann auch beim Waschen seiner Arme und Beine eingehalten werden. Dabei geht es nicht um eine Festlegung auf rechts oder links, sondern darum, dass Ihr Baby sich in seinem Köper orientieren lernt.

Schon nach wenigen Monaten werden Sie erleben, dass es Ihnen den gewünschten Arm von sich aus entgegenstreckt.

Beziehungsvolle Pflege 3 - Foto © beginningwellOb es sich in seinem Köper sicher fühlt, erkennen Sie auch daran, dass es Ihnen später mit schelmischem Lächeln genau den anderen Arm entgegenstreckt. Ab da braucht die Reihenfolge nicht mehr eingehalten zu werden. Dieses anfängliche Mitwirken wird mit der Zeit immer mehr zu einem Mithelfen des Kindes. So zeigt zum Beispiel Lea im Alter von eineinhalb Jahren, dass sie sich am Ausziehen beteiligen will.

Auch wenn es Ihrem Kind zunächst noch nicht gelingt, beispielsweise aus dem Schlafanzug-Ärmel herauszukommen, ist es wichtig, ihm die Zeit für solche Versuche zu lassen. Nach vielen Bemühungen wird es ihm früher oder später doch gelingen! Auf diese Weise kann es mit Freude immer selbständiger werden.

Kann Ihr Kind sich dann schon alleine aus- und anziehen, tut es ihm gut, wenn es die Selbständigkeit nicht als Forderung erlebt. Es schickt Sie schon weg, wenn es Ihre Hilfe und Ihr Dabei-bleiben nicht mehr braucht.

Kinder, die auf Ihrem Weg zur Selbständigkeit zu früh oder zu oft alleine gelassen werden, neigen mitunter dazu, wieder unselbständig zu werden. Damit zeigen sie, dass sie mehr Zuwendung brauchen.

Ungeteilte Aufmerksamkeit

Wenn die Mutter oder der Vater sich dem Kind während der Pflegehandlungen aufmerksam zugewandt hat, so zeigt die Erfahrung, dass es danach gerne auch für sich ist, von selbst ins Spiel findet oder friedlich einschläft. Durch die ungeteilte Zuwendung fühlt es sich ausreichend „gesättigt“ und ruft danach seltener nach dem
Erwachsenen.

Ein Wickeln, das möglichst schnell erledigt wird, erlebt das Kind eher als unangenehm.

Da dies täglich mehrfach nötig ist, kann ein Widerwillen entstehen, der das Zusammensein für beide erschwert. Einfluss dabei hat auch unsere eigene Haltung zu den Pflegehandlungen. Was stellen wir in den Vordergrund: den Widerwillen gegen das „lästige“ Wickeln oder die Gelegenheit, einander wieder zu begegnen?

Achtsames Berührtwerden

Ihr Baby erfährt sich selbst durch die Art und Weise, wie Sie mit ihm umgehen. Sein Selbstwertgefühl wird auch dadurch geprägt, wie wertschätzend Sie es behandeln, wie behutsam Sie es berühren und wie aufmerksam Sie auf seine Bedürfnisse reagieren.

Wertschätzung erlebt Ihr Kind nicht nur durch Worte und ausgesprochene Gefühle, sondern vor allem durch die Sprache Ihrer Hände; durch ein einfühlsames Berührtwerden.

Voraussetzungen für eine beziehungsvolle Pflege

Ablenkungen vermeiden

Wenn Sie sich auf Ihr Baby bewusst einlassen, seine Äußerungen wahrnehmen und darauf reagieren wollen, ist es hilfreich, während der Pflege möglichst wenige Ablenkungen und Störungen von außen zuzulassen.

Wenn Sie beim Stillen telefonieren oder fernsehen, sich beim Windeln wechseln mit jemand anderem unterhalten, bekommt Ihr Kind nicht die Aufmerksamkeit, die es braucht. Das, was ihm dadurch an Zuwendung entgeht, fordert es meist anschließend quengelnd ein.

Wenn Sie Ihrem Kind während der Pflege einen Gegenstand zum Erkunden in die Hand geben, erleichtert es Ihnen vielleicht das Wickeln, letztlich aber ist so jeder nur mit seinem Tun beschäftigt. Das Mitwirken des Kindes und die Beziehungsaufnahme kommen dabei zu kurz.

Umsichtiges Vorbereiten

Eine weitere Erleichterung ist es, wenn alles, was für die Pflege gebraucht wird, insbesondere beim Wickeln und Umziehen, vorbereitet in Ihrer greifbaren Nähe liegt. Ihr Kind erlebt Sie dadurch als vorausdenkenden Erwachsenen, auf den es sich verlassen kann. Zudem ist die Sicherheit Ihres Babys gewährleistet, wenn Sie nicht zwischendurch den Wickelplatz verlassen müssen, um etwas Vergessenes zu holen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Verfasserinnen:
Elke Maria Rischke, Ute Strub und Pia Dögl von Beginning Well

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Entdecken Sie wie Kinder sich in den ersten drei Lebensjahren entwickeln, wie achtsames Miteinander – von Beginn an gelingt, wie Kinder sich in Geborgenheit wohlfühlen und aus Freude selbständig werden. Mehr über den beziehungsvollen Ansatz von Emmi Pikler erfahren Sie auf www.beginningwell.org

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