40 Prozent unserer Kleinkinder ohne sichere Bindung - Foto olesiabilkei © fotoliaHaben wirklich 40 Prozent der Kleinkinder in den westlichen Industrieländern keine sichere Bindung an ihre Eltern?

Das jedenfalls ist die Aussage einer sehr gründlichen Langzeit- und Übersichtsstudie, die Forscher von vier der renommiertesten britischen und US-Universitäten jetzt im Auftrag des Sutton Trust, einer Londoner Stiftung, gefertigt haben.

Ausgewertet wurden Daten von 140.000 Kindern aus der Langzeitstudie Early Childhood Longitudinal Study und über 100 internationale Studien zu diesem Thema.

Der Report zeigt nicht nur das Ausmaß des Mangels an verlässlicher Liebe und Zuwendung durch viele Eltern, sondern analysiert auch im Detail die Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit der Kinder und ihre Erfolgschancen im späteren Leben. Kinder, denen die Basis einer sichere Bindung an die Eltern oder eine andere ständige Bezugsperson fehlt, haben Schwierigkeiten, sich „die Welt zu erobern“, aus dem täglichen, ungerichteten Erkunden ihrer Umwelt zu lernen und das nötige Selbstvertrauen zu entwickeln.

„Wenn sich Eltern ihren Kindern zuwenden und auf ihre Bedürfnisse sensibel reagieren, wenn sie eine verlässliche Quelle von Untersütutung und Trost sind, lernen ihre Kinder, Ihre Gefühle und ihr Verhalten zu begreifen und zu steuern, “ so eine der Autorinnen, Sophie Moulin von der Princeton University. „Diese sichere Bindung an Mutter und Vater gibt ihnen das Fundament auf dem sie sich frei entwickeln können – zunächst emotional und dann, darauf gestützt, auch intellektuell.“

Diese Kinder, so die Autoren, sind in der Lage, auch widrige Lebensumstände besser zu verkraften, wie Armut, unsichere Familienverhältnisse, gestresste oder gar depressive Eltern. So zum Beispiel sind Jungen, die in ärmlichen Verhältnissen aber in einer stabilen Bindung zu den Eltern aufgewachsen sind, in der Schule sehr viel (zweieinhalb Mal) seltener verhaltensauffällig als Jungen aus dem gleichen Milieu aber mit gestorten Elternbeziehungen.

Wo dieses Fundament vor allem in den ersten vier Jahren nicht gelegt wurde, ganz oder teilweise fehlt, haben Kinder schon beim Schuleintritt Sprachdefizite und Probleme mit der Selbstkontrolle. Diese Defizite ziehen sich durch die gesamt Schullaufbahn und führen oft zu Schulversagen und frühzeitigem Schulabbruch. Oder ein anderer Befund: Mit dem Mangel an sicherer Bindung lässt sich gut die Hälfte der Entwicklungs- und Lernrückstände von Kindern aus sozial benachteiligten Verhältnissen in den ersten Schuljahren erklären.

„Wenn hilflose Säuglinge frühzeitig lernen, dass ihre Signale, etwa ihr Schreien, gehört und beantwortet werden, lernen sie schnell, dass ihre Bedürfnisse wichtig genommen und befriedigt werden – und sie bilden eine feste Bindung an die Eltern aus. Wenn aber die wichtigsten Bezugspersonen für das Baby mit sich selbst nicht klarkommen und mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind, lernt das Kind, dass die Welt kein sicherer Ort ist – und wird quengelig, frustriert, orientierungslos oder es zieht sich in sich zurück“, kommentiert eine andere Autorin, Prof. Susan Campbell.

Die Autorinnen plädieren als Konsequenz aus ihrer Analyse für eine breite Unterstützung für Eltern und Erzieher von Kleinkindern, sowohl finanziell als auch in gezielten, individuellen Untersützungs- und Aufklärungsmaßnahmen.

von Redaktion fürKinder

Links zum Thema

Report

Baby Bonds: Parenting, attachment and a secure base for children“, Report

Quelle: AlphaGalileo