40 Prozent unserer Kleinkinder ohne sichere Bindung - Foto olesiabilkei © fotoliaHaben wirklich 40 Prozent der Kleinkinder in den westlichen Industrieländern keine sichere Bindung an ihre Eltern?

Das jedenfalls ist die Aussage einer sehr gründlichen Langzeit- und Übersichtsstudie, die Forscher von vier der renommiertesten britischen und US-Universitäten jetzt im Auftrag des Sutton Trust, einer Londoner Stiftung, gefertigt haben.

Ausgewertet wurden Daten von 140.000 Kindern aus der Langzeitstudie Early Childhood Longitudinal Study und über 100 internationale Studien zu diesem Thema.

Der Report zeigt nicht nur das Ausmaß des Mangels an verlässlicher Liebe und Zuwendung durch viele Eltern, sondern analysiert auch im Detail die Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit der Kinder und ihre Erfolgschancen im späteren Leben. Kinder, denen die Basis einer sicheren Bindung an die Eltern oder eine andere ständige Bezugsperson fehlt, haben Schwierigkeiten, sich „die Welt zu erobern“, aus dem täglichen, ungerichteten Erkunden ihrer Umwelt zu lernen und das nötige Selbstvertrauen zu entwickeln.

„Wenn sich Eltern ihren Kindern zuwenden und auf ihre Bedürfnisse sensibel reagieren, wenn sie eine verlässliche Quelle von Unterstützung und Trost sind, lernen ihre Kinder, Ihre Gefühle und ihr Verhalten zu begreifen und zu steuern, “ so eine der Autorinnen, Sophie Moulin von der Princeton University. „Diese sichere Bindung an Mutter und Vater gibt ihnen das Fundament auf dem sie sich frei entwickeln können – zunächst emotional und dann, darauf gestützt, auch intellektuell.“

Das Entstehen einer sicheren Bindung ist gekennzeichnet von folgenden Faktoren:

Feinfühligkeit: Die Signale des Babys werden feinfühlig wahrgenommen und angemessen und sofort innerhalb von 2-3 Sekunden darauf reagiert.
Blickkontakt: Häufiger und inniger Blickkontakt synchronisieren verschiedene Aspekte des gegenseitigen Verhaltens z. B. die Emotionen und Herzfrequenzen. Dies trägt bedeutsam zum Wohlbefinden des Babys bei.
Sprachlicher Austausch: Intensiver Kontakt zeugt von echtem Zuhören und aufeinander Eingehen, über seine Handlungen und Gefühle sprechen spiegelt wider wie viel „Gefühl beim Sprechen im Spiel“ ist.
Berührung: Körperkontakt beim Wunsch des Babys nach Nähe z. B. durch Tragen, Kuscheln, Babymassage, Co-Sleeping

Das kindliche Bindungsverhalten und das elterliche Fürsorgeverhalten kann sich neben der sicheren Bindung in drei weiteren Bindungsmustern zeigen:

Die unsicher-vermeidende Bindung: Es überwiegt das Explorationsverhalten und keine emotionale Orientierung zur Mutter. Bei Trennung reagiert das Kind kaum, es zeigt seine Belastung nicht. Bei Wiedervereinigung vermeidet es Kontakt durch Blickvermeiden, Vermeiden von Körperkontakt, Wegdrehen des Körpers von der Bezugsperson. Die Orientierung ist auf Spielsachen gerichtet. Das Stresshormon Kortisol ist erhöht.

Die unsicher-ambivalente Bindung: Das Kind ist hoch belastet beim Betreten des Versuchsraumes, es zeigt wenig Exploration. Bei Trennung ist es stark beunruhigt, weint, bei der Wiedervereinigung wechseln Nähe suchen und quengeln oder Wut ab. Diese Kinder können sich entweder aktiv-ärgerlich oder passiv gegenüber der Mutter verhalten. Das Stresshormon Kortisol ist erhöht.

Die desorganisierte/desorientierte Bindung: Das Kind zeigt spezifische Verhaltensweisen, welche von der Angst vor der Bezugsperson und Konflikten gekennzeichnet sind, z. B. Abwenden des Kopfes bei gleichzeitiger Annäherung, eingefrorene Bewegungen, das Kind lässt sich auf den Boden fallen usw. Diese Gruppe hat sich v. a. für klinische Studien und Risikokinder (misshandelte, vernachlässigte Kinder) bewährt. Das Stresshormon Kortisol ist erhöht. (Quelle: Sichere Bindung, Theresia Herbst, Kinderpsychologin)

Sicher gebundene Kinder, so die Autoren, sind in der Lage, auch widrige Lebensumstände besser zu verkraften, wie Armut, unsichere Familienverhältnisse, gestresste oder gar depressive Eltern. So zum Beispiel sind Jungen, die in ärmlichen Verhältnissen aber in einer stabilen Bindung zu den Eltern aufgewachsen sind, in der Schule sehr viel (zweieinhalbmal) seltener verhaltensauffällig als Jungen aus dem gleichen Milieu aber mit gestörten Elternbeziehungen.

Wo dieses Fundament vor allem in den ersten vier Jahren nicht gelegt wurde, ganz oder teilweise fehlt, haben Kinder schon beim Schuleintritt Sprachdefizite und Probleme mit der Selbstkontrolle. Diese Defizite ziehen sich durch die gesamt Schullaufbahn und führen oft zu Schulversagen und frühzeitigem Schulabbruch. Oder ein anderer Befund: Mit dem Mangel an sicherer Bindung lässt sich gut die Hälfte der Entwicklungs- und Lernrückstände von Kindern aus sozial benachteiligten Verhältnissen in den ersten Schuljahren erklären.

„Wenn hilflose Säuglinge frühzeitig lernen, dass ihre Signale, etwa ihr Schreien, gehört und beantwortet werden, lernen sie schnell, dass ihre Bedürfnisse wichtig genommen und befriedigt werden – und sie bilden eine feste Bindung an die Eltern aus. Wenn aber die wichtigsten Bezugspersonen für das Baby mit sich selbst nicht klarkommen und mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind, lernt das Kind, dass die Welt kein sicherer Ort ist – und wird quengelig, frustriert, orientierungslos oder es zieht sich in sich zurück“, kommentiert eine andere Autorin, Prof. Susan Campbell.

Die Autorinnen plädieren als Konsequenz aus ihrer Analyse für eine breite Unterstützung für Eltern und Erzieher von Kleinkindern, sowohl finanziell als auch in gezielten, individuellen Unterstützungs- und Aufklärungsmaßnahmen.

von Redaktion fürKinder

Erstveröffentlichung 03.2014 Überarbeitung 01.2022

Links zum Thema

Report

Baby Bonds: Parenting, attachment and a secure base for children“, Report

Beitrag

Bindungshierachie: Am Anfang ist die Mutter – und was dann?

Lese-Tipp

Broschüre „Bindung vor Bildung“

Quelle: AlphaGalileo