Mehr Zeit mit den Kindern - Zeichnung © Julia GinsbergZwischen Wunsch und Wirklichkeit: Die deutsche Familienpolitik hat die Zeit mit den eigenen Kindern als Thema wiederentdeckt (s. 8. Familienbericht mit den Überlegungen zu einer „Familienzeitpolitik“). Heute wird dieses Thema wieder den „Familiengipfel“ im Bundesfamilienministerium (BMfSFJ) beschäftigen. Neue Arbeitszeit- und Karriere-Modelle werden dabei politik-entlastend in die Verantwortung der Unternehmen verschoben.

Vor allem Mütter sollen früher und länger (Vollzeit) arbeiten, gleichzeitig aber mehr Zeit mit Ihren Kindern verbringen, eine zunächst absurde Vorstellung, da „Zeit-pro-Tag“ nicht beliebig vermehrbar ist. Der offensichtliche Widerspruch zwischen dem „Krippen-Sprint“ und der „Zeit für Kinder“ wird zum Ergänzungsmodell umgedeutet. Nach Bedarf können dabei Umfrage-Ergebnisse genutzt werden, nach denen Eltern dringend mehr Kita-Plätze und ebenso dringend mehr Zeit mit ihren Kindern verlangen (z.B. „Familien-Monitor 2013“ oder der „Stressreport„).

Tatsächlich aber sind die Zusammenhänge noch wesentlich komplizierter:

Was fördert, was hindert bei der Verwirklichung der Elternwünsche nach mehr Zeit mit ihren Kindern?

In dieser Situation versucht eine Studie, im europäischen Vergleich die Bedingungen herauszufiltern, die entscheidend sind dafür, wie viel Zeit Eltern mit ihren Kindern verbringen (können).

Natürlich spielt die Arbeitszeit pro Tag eine entscheidende Rolle für die Zeit, die Vater oder Mutter mit ihren Kindern verbringen können. Aber: Ist es tatsächlich nur die Länge der täglichen Arbeitszeit, die Mütter und Väter von ihren Kindern fernhalten?

Erlauben staatliche Familienunterstützung oder ein höheres Einkommen den Eltern mehr Zeit mit ihren Kindern? Halten die Versorgung mit Kita-Plätzen die Kinder tatsächlich länger von ihren Eltern fern? Verbringen Eltern, vor allem Mütter, mehr Zeit mit ihren Kindern, wenn Teilzeitarbeit und generell flexible Arbeitszeiten am nationalen Arbeitsmarkt verfügbar oder gar die Regel sind? Oder kommt es am Ende garnicht auf diese „realen“ Umständen sondern vor allem auf die „Werte“, auf ein „konservatives“ Erziehungsideal an?

Und schließlich: Wie bedingen sich wechselseitig diese „Umweltfaktoren“ und Werte in einem komplizierten System, das am Ende die tatsächliche Eltern-Kind-Zeit zwischen Wunsch und Wirklichkeit „produziert“?

Ein erster Überblick

Grafik - Eltern-Kind-Zeit

Die Autorin der Studie, Prof. Anne Roeters, Soziologin an der Universität von Utrecht, Niederlande, nutzt eine Fülle der europaweit verfügbaren Studien, Umfragen und Statistiken.

So etwa für die verlässliche Bestimmung der nationalen Unterschiede bei der Eltern-Kind-Zeit und den – neben der Erwerbs-Arbeitszeit – einzelnen Einflussfaktoren: staatliche Familienförderung, Anteil der Kinder in Krippe und Kita (mit mehr als 30 Wochenstunden), Verfügbarkeit von Teilzeitarbeit, Familieneinkommen und „Normen konservativer Kind-Orientierung“.

Bei einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 38,19 Stunden wird schon in der einfachen Darstellung der Daten pro Nation (hier nur einige ausgewählte Staaten) deutlich, dass allzu einfache Erklärungsmuster für mehr oder weniger Eltern-Kind-Zeit nicht greifen:

So zeigt sich schnell, dass zum Beispiel

  • die dänischen Eltern sehr viel mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen als die deutschen Eltern – obwohl in Dänemark sehr viel mehr Kinder zwischen 0 und sechs Jahren eine Krippe oder einen Kindergarten nutzen (in der späteren mehrstufigen Analyse zeigt sich allerdings ein eindeutig negativer Effekt der Fremdbetreuung auf die Eltern-Kind-Zeit),
  • in Luxemburg mit der höchsten Eltern-Kind-Zeit sowohl die deutlich höhere Familienförderung aber auch das hohe Einkommen der Eltern eine Rolle zu spielen scheint und
  • in den Niederlanden mit einer fast ebenso hohen Eltern-Kind-Zeit  die europaweit mit Abstand flexibelsten Arbeitzeiten/Teilzeit diese positiven Werte offensichtlich möglich machen (während umgekehrt jede zusätzliche Arbeitstunde hier einen „Verlust“ von 17 Minuten Eltern-Kind-Zeit bedeutete, während das in Schweden z.B. nur 12 Minuten ausmachte),
  • das „konservativste“ (bei den Erziehungnormen) Land Italien erlaubt offenbar trotz sehr niedriger Familienförderung und geringer Arbeitszeit-Flexibilität den Eltern, um 20 Prozent mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, als das den deutschen Eltern gelingt.

Welche Faktoren verstärken oder dämpfen den Einfluss der Arbeitszeit auf die Familienzeit?

In einer mehrstufigen statistischen Analyse testet die Autorin verschiedene Hypothesen zur Beantwortung der Frage: Wie kommt es, dass bei gleicher Arbeitszeit pro Tag in unterschiedlichen Ländern Europas Eltern unterschiedlich viel Zeit mit ihren Kindern verbringen? Oder anders ausgedrückt: Warum bestimmen die Arbeitsstunden der Eltern nicht überall in gleicher Weise die Eltern-Kind-Zeit pro Tag?

Die wichtigste Antwort lässt sich in einem Begriff ausdrücken, der auch in den Diskussionen der vielen Expertenkommissionen bei der Bundesregierung zunehmend auftaucht: Arbeitszeit-Souveränität, die weitgehend freie Verfügung nicht nur über die bloße Menge der eingesetzten Arbeitszeit, sondern vor allem über die Einteilung, die Organisation, den Ort der Arbeitsleistung.

Arbeit, die geleistet werden kann, wenn die Kinder in Schule oder Kindergarten sind oder in den Abendstunden nach dem Einschlafen der Kinder schafft „Platz“ für gemeinsam Familienzeit in der übrigen Zeit des Tages. Allerdings kann diese Flexibilisierung der Arbeit auch negative Konsequenzen haben und zu stärkeren Belastungen und Überlastung der Eltern oder eines Elternteils führen.

Da diese Arbeitszeit-Souveränität nach Branchen, Art der Beschäftigung oder Organisation sehr unterschiedlich möglich, und dort, wo möglich, nur selten tatsächlich durchsetzbar ist, bleibt Eltern nur die Wahl zwischen Vollerwerbsarbeit bei geringer Familienzeit oder eingeschränkte Arbeitszeiten und damit Verzicht auf Einkommen. Die tatsächliche Auswrikung dieser Entscheidung hängt dann ab von

  • der Verfügbarkeit von Teilzeitarbeit,
  • der Höhe des erzielbaren Einkommens aus der so reduzierten Arbeit („reicht das zum Leben?“),
  • dem Umfang ausgleichender Unterstützungsleistungen für Familienarbeit und
  • den gesellschaftliche Werten, der relativen Bedeutung von Kindern und dem Ansehen vor allem der Mutterrolle in der Gesellschaft (höher in den südlichen als in den nördlichen Ländern Europas).

In anderen Worten: Je höher das Einkommen, je umfangreicher die staatliche Familienunterstützung, je größer der Anteil von Teilzeitarbeit und je höher das Ansehen der familiären Kinderbetreuung, desto geringer die negativen Auswirkungen der Arbeitszeit auf die Eltern-Kind-Zeit oder umgekehrt, desto mehr Familienzeit lässt sich aus dem Verzicht auf Erwerbszeit schlagen.

Wieder das Beispiel Niederlande: Mit einem 45 prozentigem Anteil von Teilzeitarbeit, einem mittleren Wertekanon rund um die Familie und einem hohen Einkommensniveau errechnete sich in der Studie ein Gewinn an Eltern-Kind-Zeit von  2,39 Stunden pro Tag, wenn ein Elternteil statt 50 nur noch 20 Wochenstunden arbeitete. Im Gegensatz dazu lediglich ein Gewinn von 0,10 Stunden Familienzeit proTag bei gleicher Reduzierung der Erwerbszeit in der Slowakei, wo Teilzeitarbeit kaum (4 Prozent) angeboten wird, staatliche Unterstützung gering und die Einkommen nur etwa ein Drittel der niederländischen Einkommen beträgt.

In Dänemark, dem Land mit dem höchsten pro Kopf-Einkommen, brachte das Mehr an Eltern-Kind-Zeit bei einem ähnlichen Rückgang der Erwerbsarbeit von 50 auf 20 Wochenstunden 1,36 Stunden pro Tag, während der Zugewinn in Litauen mit dem niedrigsten Erwerbseinkommen nur etwas mehr als eine halbe Stunde ausmachte.

Andererseits bringt aber der Verzicht auf Erwerbsarbeitszeit dort am wenigsten für die Eltern-Kind-Zeit, wo die Nutzung von öffentlichen Betreuungseinrichtungen für Kinder zwischen 0 und sechs Jahren am höchsten ist. Die gewonnenen Stunden können einfach deshalb nicht mit den Kindern verbracht werden, weil diese garnicht „verfügbar“ sind und die gewonnene Zeit in Freizeitaktivitäten, Hobbys oder gesellschaftliches Engagement investiert wird.

Am geringsten erwiesen sich in den Modellrechnungen der Einfluss der staatlichen Zuwendungen und der „konservativen“ Erziehungsnormen  (gesellschaftliche Wertschätzung der Familienerziehung) auf die Eltern-Kind-Zeit.

von Redaktion fürKinder

Links zum Thema

Studie

Anne Roeters, Cross-National Differences in the Association Between Parental Work Hours and Time with Children. Social Indicators Research (2013) 110:637–658

Quelle: AlphaGalileo