Mütter als stille Reserve - Fotolia © photophonieBeim Schürfen nach qualifizierten, flexiblen, leistungs- und anpassungswilligen Arbeitskräften sind die deutschen Statisker auf eine Goldader gestoßen: Die „stille Reserve“ der 110 -125.000 jungen Mütter, die eine Karrierepause einlegen für die Erziehung ihrer Kinder bis ins Kindergartenalter.

Diese „stille Reserve“ ist Teil des „ungenutzten Arbeitskräftepotenzials“ das in einer Untersuchung für Deutschland 2011 das Statistische Bundesamt mit insgesamt 7,4 Millionen Personen beziffert. Der damit verfolgte Ansatz: „Mütter zurück in den Arbeitsprozess – so schnell wir möglich und koste es was es wolle“, ist eine Gefahr nicht nur für die überlasteten Mütter, die durch Trennung gestressten Kinder, sondern auch für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft

„Unterbeschäftige“ sind nach dieser Untersuchung Menschen in Brot und Arbeit, die aber gern mehr arbeiten würden (3,7 Millionen), während die „Stille Reserve“ mit 1,2 Millionen Personen entweder Arbeitssuchende umfasst, die derzeit aber „nicht verfügbar“ sind, oder Personen, die zwar „verfügbar“ wären, aber vorübergehend keine Arbeit suchen.

„Stille Reserve“ trifft also auf Frauen zu, die sich nicht permanent aus dem Arbeitsleben „verabschiedet“ haben, sondern nur vorübergehend – überwiegend wegen der Kindererziehung und „anderer familiärer Verpflichtungen“ –  nicht zur Verfügung stehen.

Reserve hat nicht Ruh`

Kein Wunder, dass die Alleinerziehenden in der „Stillen Reserve“ deutlich seltener auftauchen, als die verheirateten Frauen, die es sich aus reiner Überlebensstrategie eher leisten können, sich mit einem Ehemann in Arbeit in den ersten drei Lebensjahren ihrer Kinder vor allem der Kinderbetreuung und Erziehung zu widmen. Der Unterschied macht auch deutlich, dass die wirtschaftlichen Zwänge die Entscheidung der Mütter wesentlich beeinflussen, einen Vollzeit-Job oft schon nach dem ersten Jahr ihrer Kinder aufzunehmen.

Hinzu kommt dann noch der zunehmende soziale Druck der öffentlichen und vor allem der veröffentlichten Meinung auf die Frauen (und Männer), die ihre Erziehungsaufgabe in den ersten drei Jahren ernst nehmen und dabei auf ein Stück Karriere und sehr viel Geld verzichten. Dass diese modische Haltung selbst in die trockene Sprache der Statistiker Einzug gehalten hat, wird durch abwertende Begriffe wie „Versorgungsehe“ deutlich.

Dennoch ist der Beschäftigungsgrad mit 48,4 Prozent bei den Frauen mit mindestens einem Kind unter drei Jahren am niedrigsten. Kinderlose Frauen dagegen sind zu fast 80 Prozent erwerbstätig.

Worum es in dieser Untersuchung tatsächlich geht, wird deutlich in der Schlussfolgerung der Autoren, dass etwa „1 Prozent der 11 Millionen Mütter mittleren Alters, also 110.000 Frauen, durch eine bessere Betreuungssituation für ihr(e) Kind(er) für den Arbeitsmarkt aktiviert werden könnten.“ Eine „Reserve“, die den aktuellen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften lindern und Deutschland im „globalen Wettbewerb“ zu angemessenem Wachstum verhelfen könnte.

Ob die – und die bereits beschäftigten Mütter – das auch wollen, ist eine Frage, die sich die die Statistiker weder stellen noch beantworten können. Ob diese Mobilisierung der Reserve auch tatsächlich der Nation im „globalen Wettbewerb“ aufhilft oder doch eher langfristig schadet, gehört dagegen sehr wohl zu den Fragen, die eine solche Untersuchung zumindest ansatzweise beantworten sollte. Dafür allerdings wäre ein Blick über den statistischen Tellerrand nötig gewesen.

Paradoxa allüberall

Am Arbeitsmarkt herrschen zunehmend „prekäre Arbeitsverhältnisse“, die Anforderung ständiger Verfügbarkeit und der Bereitschaft zum flexiblen Einsatz rund um die Uhr vor allem auch für qualifizierte Arbeitskräfte. Die Folgen sind ständig steigende Zahlen psychischer Erschöpfungen und Krankheiten: „Burnout“ und steigende Fehlzeiten sind Ausdruck dieses Trends (s. AOK-„Fehlzeiten-Report 2012“)

Das Drängen auf eine möglichst frühzeitige Rückkehr der Mütter von Kleinkindern auf den Arbeitsmarkt ist in dieser Situation absurd und unverantwortlich. Mütter mit Kindern unter drei Jahren neben der ja nicht stressfreien Erziehungsaufgabe auch noch den Stress dieser „modernen“ Arbeitswelt zuzumuten, heißt die Zukunft des Landes, die physische und psychische Gesundheit und spätere Leistungsfähigkeit der Kinder, leichtfertig auf’s Spiel zu setzen.

Alle wissenschaftlichen Langzeitstudien zur frühkindlichen Entwicklung, Bindung und Bildung sind sich in einem Punkt einig:
Die Kinder, die in den ersten drei Lebensjahren in Familien diesseits der Armutsgrenze aufwachsen und deren Eltern eine gute Bildung und Ausbildung haben, sind später sowohl emotional als auch intellektuell im Vorteil gegenüber Kindern, die früh institutionell betreut wurden. Lediglich in sehr guten Einrichtungen (von denen es nach Einschätzung der von der Bundesregierung mitfinanzierten NUBBEK-Studie in Deutschland nur etwa 10 Prozent gibt) und unter optimalen Eingewöhnungsbedingungen sind solche Kinder von zwei bis drei Jahren zumindest in ihrer kognitiven Entwicklung ebenso gut aufgehoben.

Tatsache ist aber und in der Untersuchung des statistischen Bundesamts auch so ausgewiesen, dass bereits jetzt der Anteil der hochqualifizierten Mütter von Kleinkindern in Voll- oder Teilzeitbeschäftigung wesentlich höher ist, als der Anteil bei den geringer Qualifizierten, die ihrerseits einen größeren Teil der „Stillen Reserve“ ausmachen.

Im Interesse der Kinder, der Gesamtgesellschaft – und auch der Wirtschaft – läge folglich eine völlig andere als die empfohlene Strategie nahe: Alle staatlichen und gesellschaftlichen Maßnahmen müssten darauf gerichtet sein, den Müttern – und gerade auch den besser gebildeten und finanziell gesicherten – die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder zumindest in den ersten drei Jahren zu erleichtern oder auch nur zu ermöglichen. Dann wäre auch der dennoch notwendige Ausbau qualitativ hochwertiger Krippenbetreuung eher zu finanzieren und faule Qualitäts-Kompromisse auf Kosten der Kleinsten zu vermeiden.

Wenn es richtig ist, dass unsere Gesellschaft in der Zukunft nur „global konkurrenzfähig“ bleibt, wenn die nachwachsenden Generationen vor allem aus lernfähigen, emotional ausgeglichenen und sozial anpassungsfähigen Individuen bestehen, dann muss die Gesellschaft die jeweils optimalen Formen der frühkindlichen Betreuung und Bildung fördern – und finanzieren. Und das ist nun einmal nachgewiesenermaßen die Krippe für Ein- und Zweijährige nur in Ausnahmefällen.

„Dann müssen die Kinder funktionieren“

Der ständig steigende wirtschaftliche wie soziale Druck auf die Mütter (und Väter), ihre Erziehungsaufgaben so früh wie möglich an der Garderobe staatlicher und privater Betreuungsinstitutionen abzugeben und sich „flexibel“ den wachsenden und wechselnden Anforderungen betrieblicher Arbeitsabläufe anzupassen, kann selbst in den besten Betreuungseinrichtungen mit geschultem Personal und optimalem Personalschlüssel kaum aufgefangen werden.

In der laufenden „Krippen- und Kita-Diskussion“ mehren sich die Stimmen vor allem der qualifiziertesten BetreuerInnen vor Ort, die diesen Druck auf die Eltern, die Hektik durch ständige Verfügbarkeit und Angst um den Arbeitsplatz beklagen.

Exemplarisch ein Beitrag im „Weser-Kurier“, Bremen, unter dem Titel „Wie die Jüngsten an die Kita gewöhnt werden“. Die dort interviewte Erzieherin schildert den Widerspruch zwischen den Anforderungen einer sensiblen, individuell gestalteten Eingewöhnung der Kleinen in die neue Krippen-Situation mit dem wichtigen Zusammenwirken der geduldigen, einfühlsamen Mütter und der gut geschulten BetreuerInnen („Es ist gut, wenn die Fachkräfte viel über Bindungstheorie wissen“), um den Stress des Kindes niedrig zu halten und seelische Schäden mit langfristiger Wirkung zu vermeiden.

Dieser sensibel Prozess aber wird oft genug gestört und unterbrochen. „Ich erlebe heute oft den großen Druck junger Eltern, die den Platz brauchen, um wieder arbeiten zu können. Dann soll das Kind funktionieren“.

Ein vom Leid getragenes Volk?

In einem Kommentar weist ein Leser zu Recht darauf hin, dass hier die Eltern oft genug selbst „Opfer“ sind. Sie müssen ebenfalls „funktionieren“, und damit sie „funktionieren“ können, müssen die Kinder „funktionieren“ und damit die Kinder „funktionieren“ müssen die BetreuerInnen „funktionieren“ – und am Ende „funktioniert“ die Entwicklung der Kinder zu selbstbestimmten, kreativen und „flexiblen“ Persönlichkeiten nur noch holprig oder gar nicht. Leidtragende sind nicht nur die Kinder selbst und ihre Eltern, sondern die Gesellschaft und die Wirtschaft, die genau diese selbstbestimmten und kreativen Persönlichkeiten für Ihr Überleben brauchen.

Mit der kurzatmigen Hektik aus panischer Angst vor dem Verlust „globaler Konkurrenzfähigkeit“ zerstört so die Gesellschaft die Grundlagen ihrer Zukunftssicherung selbst, eine Art „Selbstmord aus Angst vor dem Tod“.

von Redaktion fürKinder

Links zum Thema

Statistik

„Ungenutztes Arbeitskräftepotential in der Stillen Reserve“, Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik, aktualisiert 12.2016 alt vom April 2012

Kommentar

„Allgemeinwohl und Familie“, Newsletter des Instituts für Demographie

Studie

A.K. Abendrothet al., Social support and the working hours of employed mothers in Europe: The relevance of the state, the workplace, and the family, Social Science Research, 2012. 41(3), 581-97