Schule und Bildung neu denken - Foto lu-photo © fotolia„Die Ideen, die das Wesen und das Leben eines Menschen bestimmen, sind in ihm auf geheimnisvolle Weise gegeben. Wenn er aus der Kindheit heraustritt, fangen sie an, in ihm zu knospen. Wenn er von der Jugendbegeisterung für das Wahre und Gute ergriffen wird, blühen sie und setzen Frucht an.

In der Entwicklung, die wir nachher durchmachen, handelt es sich eigentlich nur darum, wieviel von dem, was unser Lebensbaum in seinem Frühling an Frucht ansetzte, an ihm bleibt. Die Überzeugung, daß wir im Leben darum zu ringen haben, so denkend und so empfindend zu bleiben, wie wir es in der Jugend waren, hat mich wie ein treuer Berater auf meinem Wege begleitet.

Instinktiv habe ich mich dagegen gewehrt, das zu werden, was man gewöhnlich unter einem „reifen Menschen“ versteht. Der Ausdruck „reif“ auf den Menschen angewandt war mir und ist mir noch immer etwas Unheimliches. Ich höre dabei die Worte Verarmung, Verkümmerung, Abstumpfung als Dissonanzen miterklingen. Was wir gewöhnlich als Reife an einem Menschen zu sehen bekommen, ist eine resignierte Vernünftigkeit.“ (Albert Schweitzer)

Über die Zukunft von Schule und Lernen

Stellen wir uns resolut gegen die herrschende Gedankenlosigkeit und diese `resignierte Vernünftigkeit´, von der Schweitzer sprach! Es ist ein Teufelskreis, den es zu unterbrechen gilt, denn das können wir für unsere Kinder nicht wollen und uns im Hinblick auf die Zukunft nicht leisten. Was wir dringend brauchen ist ein Gesinnungs- und Beziehungswandel im pädagogischen Verhältnis…
Denken wir `ernsthaft´ über die Zukunft von Schule und damit die Zukunft unserer Kinder nach! Das ist mein Versuch mit einer nicht beschönigenden Wahrheit wachzurütteln und anzustecken…

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mit und in Schule – und das soll auch erwähnt werden – auch andere Erfahrungen machen durfte. Diese Erfahrungen haben mich sehr geprägt und mein Leben und meine Arbeit sehr bereichert. Auch wenn das Gefühl von Ohnmacht, Verzweiflung und Zorn sich hin und wieder breitmacht(e), konnte mir das damals daraus erwachsene Ideal und meine Versuche diesem nahe zu kommen doch nie wieder jemand nehmen. Diesen Schatz trage ich in mir und wünsche mir so sehr, dass ihn möglichst viele Menschen in ihrem Leben finden und erfahren können.

Dorothee Sölle schieb einmal in `Was zählt – Brief an meine Kinder´:

„Meine Schätze kann ich euch nicht einfach vermachen […] [und] wie ein Erbe weitergeben.“ […] „Vergesst das Beste nicht!“ Wollen wir doch für unsere Kinder nur `das Beste´…

Dieses `Beste´ – was ist das? Haben wir uns diese Frage im Zusammenhang mit der Zukunft unserer Kinder einmal wahrhaftig gestellt?! Ist Schule dann, wie sie aktuell in der Regel verstanden wird, etwas, was dem gerecht würde?

Was ist Lebensglück? Was fördert/ist ein erfülltes Leben? Erich Fromm wählte hierzu einmal – wie ich finde – sehr passende, berührende und ermutigende Worte:

„Ich glaube, Erziehung bedeutet, dass man die Jugend mit dem Besten bekannt macht, was ihr die Menschheit hinterlassen hat. Wenn dieses Erbe auch großenteils in Worten überliefert ist, so kann es doch nur wirksam werden, wenn diese Worte in der Person des Lehrers und in der Praxis und Struktur der Gesellschaft Wirklichkeit werden. Nur die Idee, die, Fleisch wird´, kann einen Einfluß auf die Menschen ausüben, die Idee, die nur Wort bleibt, kann nur Worte ändern.“

Zur Besinnung kommen

Lassen wir die `Normalität´, das Gewohnte und Selbstverständliche wieder fragwürdig werden! Kommen wir über den Sinn und Zweck des eigenen Tuns und Lassens zu grundsätzlicher kritischer Besinnung über uns selbst und unser Verhältnis zu anderem Leben.

Albert Schweitzer nannte es die `Ehrfurcht vor dem Leben´, Erich Fromm die `Liebe zum Lebendigen´… – wir müssen nicht bei Null beginnen, es gibt bereits so viele wertvolle Gedanken und geschriebene oder gesprochene Worte, die darauf warten, gehört, gelesen, über- und weitergedacht zu werden. Illich kritisierte beispielsweise schon vor mehr als 15 Jahren, dass unser Schulsystem den Einzelnen zum planbaren Konsumenten erzieht, indem ihm jede Verantwortung und Initiative für seine Bildung abgenommen wird.

„Es erschafft in breiten Bereichen ein Erfahrungsfeld für die „Einübung in Leistungs- und Konkurrenzprinzipien, Erziehung zur Anpassung, Ausbildung, manipulativer Intelligenz, Gewöhnung an entfremdete Arbeit, Ausbildung von Konsumentenhaltung, Entwicklung von Ohnmachtsgefühlen und Unsicherheit, mangelnde Ausbildung von Identitätsgefühlen, Orientierungs- und Perspektivlosigkeit. […] Diese Organisationsstruktur bildet einen jahrelangen Erfahrungsraum, der Personalisation und Sozialisation behindert beziehungsweise verhindert, einmal weil sie die Individualität des Schülers nicht genügend oder gar nicht beachtet, zum anderen weil sie die Schüler vereinzelt und damit soziales Lernen unterbindet.“ (O. Jäger, 1998)

Schule und Bildung neu denken!

Bildung muss an einem humanistischen Menschenbild orientiert sein, wie es zum Beispiel auch in der Landesverfassung von Baden-Württemberg formuliert ist (Art. 12, 1). Es ist ihre Aufgabe Selbstständigkeit, Verantwortlichkeit, Kritikfähigkeit, Friedfertigkeit und Handlungsfähigkeit zu fördern.
Distanzieren wir uns von dem Einfluss der gesellschaftlichen Annahme der Schlechtigkeit und angeborenen Faulheit des Menschen – dies dient(e) doch eher der Rechtfertigung bestehender Verhältnisse und Positionen der Überlegenheit.

Ich bin davon überzeugt, dass eine Veränderung der aktuellen Situation nur in Betracht kommt, wenn wir aufhören, verzweifelt und oberflächlich das Vorhandene abzuändern. Unsere Schule heute ist auch ein Ergebnis unserer Geschichte und vieles ist nicht mehr zeitgemäß, wenn es das einmal war.
Werden wir wieder denkend! Schauen wir uns das, was wir als `Normalität´ ansehen und hinnehmen an.

„Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Macht euch nun von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.“ (Christian Morgenstern)

Wir müssen zurück zum Ursprung schauen, ein Ziel formulieren, von innen her verändern, jeder bei sich selbst beginnend und gemeinsam das Ideal verfolgend, unterwegs rückversichernd, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind.

Verantwortung übernehmen!

Dieses `Beste´“erschließt sich nur demjenigen, der nüchtern und wahrhaftig, d.h. ohne Selbsttäuschung und Ausflüchte bereit ist, über sein grundlegendes Verhältnis zum anderen, ihn umgebenden Leben nachzudenken.“ (A. Schweitzer)

Übernehmen wir Verantwortung – unseren Kindern, uns, unserer Gesellschaft, dem Leben gegenüber. Das bedeutet unsere Art zu leben, unsere Lebensorientierung, unsere Denk- und Handlungsmuster und Konsumgewohnheiten immer wieder und wahrhaftig zu hinterfragen und ggf. zu verändern.
Imaginierte Wirklichkeit darf von uns nicht unreflektiert übernommen werden und der vorherrschende Gesellschaftscharakter muss (laut) hinterfragt werden. Besinnen wir  uns wieder auf die eigentlichen Grundlagen des MenschSEINS!

Diese mangelnde, oft gänzlich fehlende Besinnung ist auch der Vorwurf, den ich `unserer Schule´ und uns Beteiligten mache. Erwarten wir nicht, dass die Gesellschaft mittels institutioneller Macht von sich aus Humanität verwirklicht. Der Staat und die Gesellschaft können nur förderliche Rahmenbedingungen für eine „freie Kultur“ (G. Schüz) schaffen; herstellen können sie selbige nicht.

Erwirken wir eine Humanisierung der Lebensverhältnisse von `unten´ – über die vielen Einzelnen. Durch institutionelle oder gesetzliche Vorgaben ist dies nicht zu erreichen… Beginnen wir bei uns und gewinnen wir sodann nach und nach Einfluss auf die Gesamtgesinnung!

Wallrabenstein referierte über „Radikal-humane Bildung heute: Ausdruck überholter sozialutopischer Vorstellungen oder unausweichliche gesellschaftliche Herausforderung?“ Ich denke, ein resigniertes oder mitleidiges Belächeln von Einzelnen muss in Kauf genommen werden, um sich dann, um so mehr über die Menschen freuen zu können, die einen anderen, humaneren Weg in Schule mitbestreiten – entgegen allem Widerstand, für unsere Kinder…

„Wenn im Frühjahr das welke Grau der Wiesen dem Grün Platz macht, so geschieht dies dadurch, dass Millionen von Trieben aus den Wurzeln neu sprossen. Also auch kann die Gedankenerneuerung, die für unsere Zeit kommen muss, auf keine andere Weise zustande kommen, als dass die Vielen ihre Gesinnungen und Ideale aus dem Nachdenken über den Sinn des Lebens und den Sinn der Welt neu gestalten.“ (A. Schweitzer)

von Anke Raidt

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„Eine Schule, in der Du Sein und Werden darfst“ von Anke Raidt