Betreut bei der Tagesmutter - Foto © Stiftung Zu-Wendung für KinderJolina König* ist vierfache Mutter und seit über 15 Jahren Tagesmutter. Im Gespräch mit unserer Redaktion zieht sie ihr persönliches Fazit: „Kleinkinder brauchen keine Kita, um sich gut zu entwickeln. Das Leben in einem zugewandten Elternhaus bietet dem Kind für seine Entwicklung genug Abwechselung, Bindung und Förderung.“

Das bestätigt indirekt auch die jüngste Shell Jugendstudie. 74 Prozent der befragten 12- bis 25-Jährigen wollen später ihre eigenen Kinder so erziehen, wie ihre Eltern es getan haben. Demnach bleiben Eltern für Heranwachsende die Erziehungsratgeber Nummer Eins. 68 Prozent der jungen Menschen wollen einmal Kinder haben und 90 Prozent wünschen sich ein gutes Familienleben. Dabei haben 54 Prozent eher ein traditionelles Familienbild vor Augen, bei dem der Mann Allein- oder Hauptversorger ist. Insgesamt zeigt die Studie eine Kehrtwende hin zu „höheren“ Werten als nur rein materialistischen Werte.

Doch das Leben von Familien ist insgesamt anspruchsvoller geworden. Sie wollen verständlicherweise am gesellschaftlichen Leben Anteil nehmen. Frauen mit Kindern wollen nicht nur als Mütter gesehen werden; sie wollen auch ihre beruflichen Ziele verwirklichen und damit ihrer oft harten und langen Ausbildung gerecht werden. Eltern wollen ihren Kindern etwas bieten und ihnen optimale Startbedingungen mit ins Leben geben. Um dies alles unter einen Hut zu bekommen, braucht es neben finanziellen Mitteln vor allem Zeit für die Kinder, Selbstbewusstsein und umfassende Informationen für ein ganzheitliches Denken.

Jolina König beobachtet hingegen seit einiger Zeit den Trend junger Mütter, sich umso schneller für eine Rückkehr ins Berufsleben zu entscheiden, je besser sie ihr Kind in der Fremdbetreuung versorgt sehen. Doch welchen Einblick haben Mütter und Väter eigentlich wirklich in die fremde Betreuung ihres Kindes? Und was brauchen kleine Kinder in den ersten Lebensjahren?

Aufwachsen in einer Beziehung, die Wohlbefinden erzeugt

Jolina König betreut zurzeit zwei Kleinkinder in ihren eigenen familiären Räumen und berichtet über diese beiden Tageskinder: „Sie vertragen sich gut, aber sie brauchen einander nicht. Wenn eines einmal nicht kommt, fragt das andere zwar nach, aber es vermisst das andere Kind auch nicht. Oft genießt es sogar, mich dann ganz für sich allein zu haben. Es ist schon so: Kinder in diesem Alter brauchen eigentlich keine anderen Kinder, sondern nur Erwachsene, die sich kümmern.“

Und noch etwas ist König wichtig zu betonen: „Pädagogisches Fachwissen ist bei kleinen Kindern zweitrangig. Entscheidend ist ein gutes Einfühlungsvermögen und passgenau auf die Kinder zu reagieren. Das ist umso wichtiger, je jünger die Kinder sind.“

König schätzt an ihrer Tätigkeit als Tagesmutter, dass „es hier alles sehr individuell zugeht“. In einer Kita als Erzieherin zu arbeiten, käme für König nicht in Frage. „Allein, wenn ich an den Lärm und an meinen hohen Anspruch an persönlicher Zuwendung denke, der sehr viel Zeit benötigt.“, sagt sie. Dabei könnte sie sich über ihre Tagesmutter-Tätigkeit hinaus leicht zur Erzieherin ausbilden lassen. Händeringend suchen alle Kommunen nach entsprechendem Fachpersonal.

Ist eine gelingende Erziehung in Krippen möglich?

In den meisten Krippen in Deutschland fehlen die wichtigsten Voraussetzungen für diese ideale Fremdbetreuung – und die Erzieherinnen leiden oft genug am meisten unter diesen Bedingungen. Die Gründe sind allgemein bekannt und oft genug beklagt und winzige Schritte zur Lösung dieses Dilemmas werden euphorisch gefeiert. So wird den Eltern eine heile Welt, hier: eine „heile Krippenszene“, vorgegaukelt. Den Alltag in der Krippe erleben die Eltern ja nicht mit.

Diesen beschränkten Alltag und die Verletzungen, die Kinder unter diesen Umständen erleiden – und oft bis ins Erwachsenenalter mit sich tragen – zu beschreiben, versucht das soeben erschienene Buch von Anke Elisabeth Ballmann „Seelenprügel“ mit dem Untertitel „Was Kindern in Kitas wirklich passiert. Und was wir dagegen tun können.“ Die Erziehungswissenschaftlerin Erika Butzmann hat hierzu eine Rezension verfasst, in der sie besonders die Schädigungen für die Krippenkinder hervorhebt. Ballmann beschreibt in ihrem Buch, wie durch einige Erzieherinnen Kinder in Krippen und Kindergärten verbal so verletzt werden, dass spätere Schäden nicht auszuschließen sind.“

von Redaktion fürKinder

* Anmerkung der Redaktion: Der Name wurde geändert.

Links zum Thema

Studie

Shell Jugendstudie 2019, Aufwachsen der Generation der 12- bis 25-Jährigen: Welche Rolle spielen Familie und Freunde, Schule und Beruf, Digitalisierung und Freizeit sowie Politik, Gesellschaft und Religion?, Shell Deutschland Oil GmbH, Hamburg, 18.10.2019

Rezension

Seelenprügel – Was Kindern in Kitas wirklich passiert. Und was wir dagegen tun können, Anke Elisabeth Ballmann, Kösel-Verlag, 2019

Presse

Bundesweiter Kita-VergleichWo Ihr Kind besonders gut betreut wird – und wo nicht, Lisa Duhm, Spiegel-online, 26.9.2019

Lese-Tipp

Elternkompetenzen stärken, Erika Butzmann, Reinhardt-Verlag, München