Stillen fördern - Foto UNICEF © UNO 234689 RyengDie kleine Yar Makoi aus dem Südsudan ist unterernährt. Der Brei hat nicht gereicht, erklärt ihre Mutter, Ayen Kuac. Sie hat alle ihre Kinder gestillt, aber als der letzte Familienzuwachs kam, waren ihre Brüste leer, schreibt UNICEF.

Im Rumbek Hospital zeigt das Maßband am Oberarm des Mädchens rot an – eine extrem ernste Situation. Um schwere Spätfolgen für das Kind zu verhindern, ist schnelles Handeln notwendig. Doch das Land erschüttern immer wieder extreme Wetterphänomene wie Überschwemmungen, was die Nahrungsmittelknappheit verschärft; und auch verstehen lässt, warum die Muttermilch versiegte – auch die Mutter ist unterernährt.

Das ist nur ein Beispiel von unzähligen Schicksalen, die Kinder täglich weltweit ereilen.

Um zu einer nachhaltigen Entwicklung für alle Menschen, den einzigen Planeten, den wir haben und den Wohlstand beizutragen, formulierten und verpflichteten sich die Vereinten Nationen (UN) mit ihren 193 Mitgliedstaaten eine globale Nachhaltigkeitsstrategie einzuhalten.

Die Ziele der Agenda 2030 fassten die Staaten in 17 Entwicklungszielen zusammen. Diese zeigen auf, in welchen Bereichen wir alle zusammen umweltfreundlich handeln können. Das 2. Ziel der Agenda lautet: »Kein Hunger«- Ernährung weltweit sichern durch nachhaltige Landwirtschaft.

„Muttermilch ist von Haus aus grün, da sie erneuerbar, umweltfreundlich, natürlich ist. Sie wird ohne Umweltverschmutzung produziert und geliefert,“ betont die Aktionsgruppe Babynahrung e.V. in ihrer Pressemeldung zur Weltstillwoche 2020.

Wohingegen durch massenhafte Produktion und der Vertrieb von Muttermilchersatzprodukten wichtige Ressourcen vernichtet werden wie die Abholzung der Wälder für Weideflächen oder der Verbrauch von Unmengen an Trinkwasser für die Herstellung und Zubereitung von Babynahrungsprodukten.

Die Ziele der Agenda 2030 sollten Anlass geben, die Förderung des Stillens als gesundheitspolitische und gesellschaftliche Aufgabe endlich zu begreifen. Denn Stillen kann im Vergleich zu künstlich hergestellter Milch einen wichtigen Beitrag zu fast allen relevanten Umweltproblemen leisten – so etwa in Bezug auf Treibhausgase, Müll und Ressourcenverbrauch und Mangelernährung.

Welchen Beitrag das Stillen effektiv dazu beitragen kann, wird deutlich, wenn wir uns vor Augen halten, dass alle 20 Sekunden ein Baby auf der Welt stirbt, weil es nicht adäquat ernährt wurde. UNICEF und WHO schätzen, dass jährlich mindestens 1,5 Millionen Säuglinge sterben, weil sie nicht gestillt, sondern mit künstlicher Säuglingsnahrung gefüttert wurden. Der Tod von bis zu 55 % der Kinder, die jedes Jahr an Diarrhö und akuten Atemwegserkrankungen sterben, ist das Ergebnis von unangemessener Säuglingsernährung. Unnötigerweise erkranken weltweit immer noch 6 bis 7 Mill. Kinder durch die Verwendung von Flaschennahrung, da die Kinder um die vielschichtigen Vorteile der Muttermilchernährung gebracht werden, schadhafte Produkte immer wieder auf den Markt gelangen und die Zubereitung für Mütter, die etwa nicht lesen können, zu komplex ist oder sie keinen Zugang zu frischem Trinkwasser haben. Auch fehlt ärmeren Familien das notwendige Geld, um ausreichend Babynahrung zu kaufen und so wird die Nahrung gestreckt!

Beunruhigt über das Ausmaß, indem ungeeignete Säuglingsernährung zur globalen Belastung mit Krankheiten beiträgt, hat die WHO bereits 2001 die Empfehlung ausgesprochen, alle Kinder während der ersten 6 Lebensmonate ausschließlich zu stillen. In den Global Nutrition Targets bekräftigt die WHO, dass die Quoten des ausschließlichen Stillens in den ersten sechs Monaten bis zum Jahr 2025 auf mindestens 50 % steigen sollen. In 2018 wurden in Deutschland nur 8,3 % der Kinder ausschließlich gestillt d.h. sie bekamen nur Muttermilch, wie die WHO es empfiehlt. Für Mütter, wie die von der kleinen unterernährten Yar Makoi, ist Deutschland ein reiches Land mit gesunden Kindern und so glaubt sie den Werbeversprechen der Babynahrungsindustrie, dass auch ihre Kinder mit Flaschennahrung und Fertigbreien gesund und prächtig gedeihen – ein fataler Irrtum!

Fakt ist: Heute wie vor 20 Jahren ist es von glücklichen Zufällen, der sozialen Herkunft und der Bildung einer Frau abhängig, ob sie und ihr Kind die Chance erhalten, eine zuversichtliche, eigenständige und zufriedenstellende Stillbeziehung ausleben zu dürfen.

Auch in unserer westlichen Überflussgesellschaft hören anfänglich stillwillige Mütter vor ihrem geplanten Abstillen laut SuSe-Studie auf zu stillen – u.a. weil auch sie der Werbung der Babynahrungsindustrie glauben. Im Nachhinein bleibt dennoch ein fader Beigeschmack, denn auch hiesige Mütter sind mit ihrem Stillergebnis nicht voll zufrieden gewesen, obwohl sie nicht befürchten müssen, dass ihr Baby wie Yar Makoi unterversorgt aufwächst, haben sie überwiegend subjektiv empfundene Hinderungsgründe für längeres Stillen – die es lohnen, näher betrachtet zu werden. Eine effektive Nachsorge verbessert das Stillmanagement; für die Schaffung einer stillfreundlichen Kultur braucht es jedoch die ganze Gesellschaft. Denn wenn wir Mutter und Kind in ihrem Willen zu Stillen nur unzureichend unterstützen, werden beide um das Erlebnis der Stillbeziehung gebracht.

Familien brauchen übereinstimmende und eindeutige Botschaften über das Stillen. Allein deswegen nehmen Information, Ausbildung und Kommunikation eine zentrale Bedeutung bei Aufbau und Pflege einer Stillkultur ein. Frauen brauchen ein Stillbild, welches auf unabhängigem und werbefreiem Wissen beruht. Werdende und junge Eltern brauchen korrekte und umfassende Information zur Säuglingsernährung, um eine informierte und selbstbestimmte Entscheidung treffen zu können, wie sie ihr Kind ernähren wollen.

Sicher geht es auch hierzulande nicht immer, aber dort, wo es für Mütter möglich ist, ist das Stillen zweifellos die beste Nahrung für ein Kind. Und Mütter, die sich gegen das Stillen entscheiden oder es frühzeitig aus welchen Gründen auch immer beenden, brauchen einen respektvollen Umgang für ihre jeweilig getroffene Entscheidung, denn nur sie kennen ihre individuelle Lebenssituation. Da Familien sich auf vielfältige Weise voneinander unterscheiden und jedes Mutter-Kind-Paar einzigartig ist, brauchen wir eine gesellschaftliche Ausrichtung, die uns befähigt eine verantwortungsvolle Mutterschaft zu gestalten.

Stillen fördern - Foto © WabaIntuitives mütterliches Verhalten wie das Stillen ist in unserem Kulturkreis nicht mehr selbstverständlich. Dadurch brauchen Mütter heute mehr Zeit, um in ihre Mutterrolle hineinzuwachsen und eigene, kreative Lösungen zu finden. Eine breit angelegte Stillförderungskampagne, die die altersentsprechenden Bedürfnisse der Säuglinge und Kleinstkinder in ihren Mittelpunkt stellt, würde allen Müttern helfen und zur globalen Nachhaltigkeit beitragen.

Wie das Stillen eines Kindes im Einzelnen dazu beitragen kann, um die vereinbarten Ziele der Agenda 2030 zu erreichen, hat WABA – World Alliance for Breastfeeding Action – entschlüsselt und dazu entsprechende Antworten formuliert.

Die Redaktion fürKinder hat diese ergänzt um die Vorteile, Handlungsfelder und Verantwortlichkeiten darzustellen.

Ziel 1: Armut in jeder Form und überall beenden

Stillen ist eine natürliche und kostengünstige Ernährungsweise für Säuglinge und Kinder. Muttermilch ist für jeden erschwinglich und keine Belastung für das Haushaltsbudget im Vergleich zu künstlicher Nahrung. Stillen trägt zur Armutsbekämpfung bei.

Es wurde geschätzt: bei einem 6 Monate ausschließlich gestillten Kind werden zwischen 450 bis 800 Dollar Sozialhilfe und Gesundheitskosten eingespart. In Norwegen wurde 1992 geschätzt, dass 8,2 Millionen kg Muttermilch produziert wurden. Durch diese natürliche Ressource sparten norwegische Krankenhäuser bei einem fiktiven Preis von 50 US Dollar pro Liter 400 Millionen US-Dollar dadurch, dass die Babys von ihren Müttern gestillt wurden.

In Singapur wurden zusätzlich 1,8 Millionen US Dollar für den Einkauf von Muttermilchersatzprodukten benötigt, als die Stillrate bei 3 Monaten von 71% auf 42% abfiel.

Wenn Frauen jedes Kind für wenigstens 6 Monate stillen, reichen die hochgerechneten Gesamteinsparungen jeder Familie über eine Periode von 7,5 Jahren von 3.442 bis 6.096 Dollar in den USA. Dies führt zu einer geschätzten Jahresersparnis zwischen 459 und 808 Dollar pro Familie. Die Einsparungen wurden berechnet auf der Basis von Schätzungen des resultierenden Rückgangs der Kinder-Morbidität, der mütterlichen Fruchtbarkeit und dem Kauf von künstlicher Säuglingsnahrung

[Turtle and Dewey, Potential cost savings for Medi-Cal, AFDC, food stamps, and WIC programs associated with increasing breast-feeding among low-income women in California, J Am Diet Assoc 1996 Sep;96(9):885-90. Ball TM, Wright AL. Health care costs of formula- feeding in the first year of life. Pediatrics (Suppl.) 1999;103(4):870-76.]

Ziel 2: Ernährung weltweit sichern

Ausschließliches Stillen und Weiterstillen bis zu zwei Jahren und darüber hinaus, bietet qualitativ hochwertige Nährstoffe und ausreichende Energie und kann Hunger, Unterernährung und Fettleibigkeit verhindern. Stillen bedeutet auch Ernährungssicherheit für Kleinkinder.

Basierend auf den vorliegenden Erkenntnissen befürwortet die American Academy of Pediatrics das Stillen als die erste Nahrungsquelle für alle Säuglinge. An ihr müssen alle alternativen Fütterungsmethoden in ihrer Auswirkung auf Wachstum, Gesundheit, Entwicklung usw. gemessen werden.

Die Zusammensetzung der Muttermilch zeigt deutlich, dass sie die beste Nahrungsquelle für den Säugling darstellt. Die Zusammensetzung und die Menge der Muttermilch sind stets dem augenblicklichen Bedürfnis des Kindes individuell angepasst. Je nach Lebensalter hat der Säugling verschiedene Möglichkeiten Einfluss zu nehmen. Mit zunehmendem Alter wird er aufgrund dieser Erfahrungen entschiedener und eigenständiger Handeln können.

[American Academy of Pediatrics, Policy Statement: Breastfeeding and the Use of Human Milk (RE9729). Pediatrics 1977;100 (6):1035-1039; Drash AL, et al. American Academy of Pediatrics, Infant feeding practices and their possible relationship to the etiology of diabetes mellitus, Pediatrics 1994; 5:752-754; Monte WC, et al. Bovine serum albumin detected in infant formula is a possible trigger for insulin-dependent diabetes mellitus. J Am Diet Assoc 1994; 94(3):314-16; Scott FW. AAP recommendations on cow milk, soy and early infant feeding. Pediatrics 1995; 96:515-517]

Ziel 3: Gesundheit und Wohlergehen

Stillen verbessert signifikant die Gesundheit, Entwicklung und das Überleben von Säuglingen und Kindern. Es trägt auch zur Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Müttern bei, sowohl auf kurze als auch auf lange Sicht.

Verschiedene Studien belegen, dass Frühgeborene besser gedeihen, wenn sie Muttermilch anstelle von industriell hergestellter Milch erhalten. U.a. kann das menschliche Milchfett leichter aufgenommen werden, was dazu führt, dass Säuglinge mit sehr geringem Geburtsgewicht 90% des Fetts aus unverarbeiteter menschlicher Milch gegenüber 68% des Fetts aus auf Kuhmilch basierender Säuglingsnahrung aufnehmen.

Für die Mutter hat Stillen hormonelle, körperliche und psychosoziale Vorteile wie z.B. die Stärkung des mütterlichen Selbstvertrauens.

[Ein Sammelband mit (Meta-)Studien zu den gesundheitlichen Vorteilen des Stillens für Mutter und Kind: Impact of Breastfeeding on Maternal and Child Health,  Acta Paediatrica, 2015, https://onlinelibrary.wiley.com/toc/16512227/2015/104/S467, als Gesamtdokument zum Download: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4670483/

Kuzela AL, Stifter CA, Worobey J. Breastfeeding and mother-infant interactions. J Reprod Infant Psychol 1990; 8:185-194; Williams A. Human milk and the preterm baby: mothers should breastfeed. Br Med J 1993; 306(6893):1628-1629; Armand M, et al. Effect of human milk of formula on gastric function and fat digestion in the premature infant. Pediatr Res 1996; 40:429-437; Lawrence R. Breastfeeding the infant with a problem. In: Breastfeeding: A Guide for the Medical Profession. St. Louis: CV Mosby Company, 1999. p. 448; Centers for Disease Control and Prevention. Pediatric Nutrition Surveillance, 1997 full report. Atlanta: U.S. Department of Health and Human Services, Centers for Disease Control and Prevention, 1998; Meier PP, Brown LP, Hurst NM. Breastfeeding the preterm infant. Chapter 14 In Auerback K, Riordan J. Breastfeeding. Gaithersburg, MD: Aspen, 1998, pp. 449-480]

Ziel 4: Hochwertige Bildung weltweit

Stillen und geeignete Beikost bilden die Grundlagen für Lernbereitschaft. Stillen und qualitativ gute ergänzende Nahrungsmittel tragen bedeutsam zur geistigen und kognitiven Entwicklung bei und fördern so das Lernen.

Die Säuglingszeit ist für das Lernen ein sehr kompetenter Lebensabschnitt. Der erste naturgegebene Lernort ist das Stillen. Um Stillen zu können, müssen Mutter und Kind in sich ruhen. Das „Still werden können“, muss gelernt werden, muss systematisch trainiert werden, muss kontinuierlich geübt werden.

Die Ärztin Maria Montessori beobachtete, dass Kinder besonders intensiv lernen, wenn sie aus ihrem eigenen Interesse heraus handeln. Ein Grundbedürfnis wie das Saugen ist mehr als Interesse. Es dient zum Überleben des Säuglings, denn er nimmt dabei Nahrung auf. Beim Stillen sind alle 5 Sinne beteiligt. Der Säugling schmeckt beim Stillen jedes Mal etwas anderes. Er hört vertraute Geräusche, da er ganz dicht am Körper der Mutter liegt. Er riecht Vertrautes und Neues aus einer geborgenen Umgebung heraus. Er sieht mit einem klaren Blick in die Augen seiner Mutter. Er fühlt die Wärme und Weichheit der Haut der Mutter. Er lernt, indem er neugierig ausprobiert und seine Tätigkeit ständig wiederholt.

Stillen fördert eine innige und liebevolle Beziehung zwischen Mutter und Kind, die dem Kind hilft sein Urvertrauen aufzubauen. Dies ist die Basis für die Persönlichkeitsentwicklung. Lernbereitschaft sowie die Fähigkeit soziale Kontakte aufzubauen, werden ebenfalls durch das Stillen gefördert.

Durch die Stillbeziehung lernt der Säugling differenzierte Vorgehensweisen mit dem Umgang von Schwierigkeiten. Braucht der Säugling aufgrund eines Entwicklungsschubes z.B. mehr Milch, wird er häufiger saugen wollen, was die Milchproduktion anregt. Dies muss er in einer angemessenen Weise seiner Mutter mitteilen. Das frühe Einüben dieser Kenntnisse und Fähigkeiten helfen ihm und seiner Mutter im weiteren Zusammenleben, denn der Aufbau und die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns ist maßgeblich durch soziale „Beziehungserfahrungen“ bestimmt. Soziale Erfahrungen bleiben tief im Hirn verankert, weil sie mit einer Aktivierung emotionaler Zentren in besonders früh angelegten, tiefer liegenden Hirnregionen einhergehen.

[Fehr, E, Heinrichs, M, Universität Zürich, Forschungsarbeit, Oxytocin steigert das Vertrauen, 2005; Hüther G, Bildung stärkt Menschen, Kinder brauchen Wurzeln – Zum Verhältnis von Bindung und Bildung, 2003]

Ziel 5: Gleichstellung von Frauen und Männern

Stillen macht alle gleich und gibt jedem Kind einen fairen und guten Start ins Leben. Stillen ist ein einzigartiges Recht von Frauen und sie sollten von der Gesellschaft unterstützt werden, um bestmöglich zu stillen. Die Stillerfahrung kann befriedigend sein, da die Mutter die Macht und die Kontrolle darüber hat, wie sie ihr Baby ernährt.

Stillförderung ist nicht allein als gesundheitspolitische, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgaben zu verstehen, denn Stillen ist mehr – Stillen ist Kultur. Durch effektive Stillförderung und Prävention können Gesundheit, Lebensqualität, Mobilität und Leistungsfähigkeit der Bevölkerung nachhaltig verbessert werden. Laut der Weltgesundheitsorganisation, Ottawa Charta 1986, ist Gesundheitsförderung der Prozess, der es Menschen ermöglicht Kontrolle über ihre Gesundheit auszuüben und sie zu verbessern. Prävention umfasst Maßnahmen, die das Auftreten einer Krankheit, deren Ausweitung oder Folgeschäden verhindern sollen.

Der Säugling registriert beim Stillen hautnah die Emotionen der Mutter und die Mutter empfängt die Gefühlsregungen des Kindes. Es gibt ein empathisches Verstehen, ein „Sich-in-den-anderen-Hineinversetzen-können“ auf frühester Stufe, welches seine emotionale und soziale Kompetenz erhöht.

Die Erfahrungen des Stillens tragen maßgeblich dazu bei, aggressivem Verhalten den Nährboden zu entziehen.

[Borgdorf-Albers G, Über die Bedeutung des Stillens in der frühen Mutter-Kind-Interaktion, 1991]

Ziel 6: Ausreichend Wasser in bester Qualität

Stillen nach Bedarf bietet einem Baby alle Flüssigkeit, die es braucht – auch bei heißem Wetter. Andererseits ist sauberes Trinkwasser notwendig für die Zubereitung, Hygiene und Reinigung von Muttermilchersatznahrung.

Ca. 1000 l steriles Wasser pro Jahr verbraucht ein Kind, das mit industriell hergestellter Babynahrung ernährt wird.

[Jelliffe D, Jelliffe E. The volume and composition of human milk in poorly nourished communities: a review Am J Clin Nutr 1978; 31:492-515.]

Im März 2020 legten die Vereinten Nationen einige erschütternde Zahlen vor. Danach haben 2,2 Milliarden Menschen keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Wasser. 785 Millionen können nicht einmal ihre Grundversorgung mit Trinkwasser sicherstellen. 3,6 Milliarden Menschen leben in Gebieten, die mindestens einmal im Jahr extrem wasserarm sind. Die Wasserarmut in vielen Regionen der Erde wird sich durch den Klimawandel noch verschärfen. Mangelnde Hygiene und die Ausbreitungen von Krankheiten sind die Folge der Wassermisere. Quelle: Tagesschau.de

Ziel 7: Bezahlbare und saubere Energie

Stillen verbraucht weniger Energie im Vergleich zur industriell hergestellten Säuglingsmilch. Es reduziert auch den Bedarf an Wasser, Brennholz und fossile Brennstoffe in der Wohnung.

Stillen reduziert die Belastung unserer empfindlichen Umwelt, weil die energie- und rohstoffintensive Herstellung, der Transport und die Verpackung der künstlichen Nahrung wegfallen.

In den USA werden für ein Flaschenkind ca.100 Dosen Kunstmilch benötigt. Zur Herstellung der Dosen werden 70 000 Tonnen Weißblech pro Jahr für 3 Millionen Neugeborene verarbeitet. Für die Produktion, Verpackung und den Transport der künstlichen Milch werden Rohstoffe, wie Glas, Plastik, Metall und Papier, die für Flaschen, Beutel, Sauger und Behälter für künstliche Säuglingsnahrung benutzt werden, verschwendet und es entsteht ein hoher Energieverbrauch sowie Abfall für Mülldeponien.

Ziel 8: Nachhaltig wirtschaften als Chance für alle

Stillende Frauen, die von ihrem Arbeitgeber unterstützt werden, sind produktiver und loyaler. Mutterschutz und andere Arbeitsplatzpolitik können Frauen ermöglichen, das Stillen und ihre sonstige Aufgabe oder Beschäftigung zu kombinieren. Eine ordentliche Arbeitsstelle sollte auf die Bedürfnisse der stillenden Frauen eingehen, insbesondere jenen in prekären Situationen.

Wenn die sozialen Verhältnisse die Mutter nicht optimal für ihre so wichtige Beziehungsfunktion unterstützen und ihnen keine Arbeitsplätze, berufliche Karriere und Sozialleistungen für Mutterschaft sichern, werden die mütterlichen Aufgaben wesentlich erschwert. Das Wegbrechen des Netzwerkes der Großfamilie bedingt einen gesellschaftlichen Wandel, die Neugestaltung des Wochenbettes und der Haltung der Wertschätzung gegenüber Mütterlichkeit und Familienarbeit. Eine wichtige Funktion erhält dabei die Präventionsarbeit, indem Mütterlichkeit als wesentlicher Wert gewürdigt und angemessen sozial-politisch umgesetzt wird.

Die Produktivität einer berufstätigen Mutter steht im Wesentlichen in Abhängigkeit von dem Wohlergehen ihres Kindes. So haben eine Erkrankung des Kindes und die damit verbundene Sorge einen reduzierenden Effekt. Stillende Mütter sind bei der Arbeit produktiver und glücklicher, da ihre Kinder weniger anfällig sind.

[Cohen R, Mrtek MB, Mrtek RG. Comparison of maternal absenteeism and infant illness rates among breast-feeding and formula-feeding women in two corporations. American Journal of Health Promotion, Nov/Dec, 10(2):148-53, 1995.; Maaz H-J., Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik, Halle: Der „Lilith-Komplex“ im Hintergrund von Störungen und Konflikten des Stillens]

Ziel 9: Industrie, Innovation und Infrastruktur

Mit der Industrialisierung und Verstädterung werden die zeitlichen und räumlichen Herausforderungen dringender. Stillende Mütter, die außer Haus arbeiten, müssen diese Herausforderungen bewältigen und durch Arbeitgeber, ihre eigenen Familien und Gemeinden unterstützt werden. Kinderkrippen in der Nähe des Arbeitsplatzes, Stillräume und Stillpausen können einen großen Unterschied ausmachen.

Die Bemühungen stillende Mitarbeiterinnen zu unterstützen, ist nicht nur für Mutter und Kind nützlich, sondern direkt und indirekt ist es vorteilhaft für den gesamten Betrieb. Arbeitnehmerinnen-freundliche Betriebe, die das Stillen unterstützen, erleichtern der Mutter die Fortsetzung des Stillens, nachdem sie wieder in ihren Beruf zurückgekehrt ist.

Die direkten als auch die indirekten finanziellen Vorteile der Stillförderung, die durch die Unterstützung von stillenden Arbeitnehmerinnen entstehen, wiegen die anfallenden direkten und indirekten Kosten jeglicher bezahlter und unbezahlter Stillpausen und die Kosten spezieller Einrichtungen für stillende Mütter zum Abpumpen und Aufbewahren von Muttermilch am Arbeitsplatz um ein Vielfaches auf .

[Work and Family Unit. Work and Family State of Play 1998, Work and Family Unit newsletter insert (August), 1999; Hills-Bonczyk SG, Avery MD, Savik K, Potter S, Duckett LJ. Women’s experiences with combining breast-feeding and employment, J Nurse- Midwifery 1993;38(5):257-266]

Ziel 10: Weniger Ungleichheiten

Die Stillpraktiken unterscheiden sich rund um den Erdball. Stillen muss geschützt, gefördert und unterstützt werden – vor allem unter den Armen und gefährdete Gruppen. Dies wird dazu beitragen Ungleichheiten zu reduzieren.

Jedes siebente Kind lebt bzw. über 1,9 Mill. Kinder in der Bundesrepublik leben in Armut. Die Flaschennahrung für einen in Deutschland lebenden Säugling kostet in den ersten 6 Monaten pro Monat etwa 90 Euro.

Nach Angaben des Armutsforschers Herrn Prof. Dr. Thomas Olk zeigen Studien zu den Lebenslagen armer Kinder, dass

  • ihre Eltern das Gefühl entwickeln, die Situation nicht mehr beeinflussen zu können und daher entweder Gewalt fördernde oder vernachlässigende Umgangsweisen entwickeln.
  • in Armut lebende Kinder über weniger soziale Kontakte verfügen, über ein geringeres Wohlbefinden berichten, weniger Selbstvertrauen entwickeln und stärker von psychosozialen Belastungs- und Erschöpfungssyndromen wie Schlafstörungen, Nervosität, Konzentrationsproblemen, Magenschmerzen sowie Gefühlen der Hilflosigkeit betroffen sind.
  • die Erlebnis- und Erfahrungsräume der Kinder durch soziale Isolation, fehlende Zugänge zu Angeboten von Vereinen und Infrastruktureinrichtungen geprägt und damit ihre Aktivitäten auf das engere Wohnumfeld bzw. die Straße eingeschränkt werden.
  • Kinder bzw. Familien mit mehrfachen Belastungen und Benachteiligungen ein wohnortnahes und niederschwelliges Angebot an passförmigen Unterstützungs- und Hilfsangeboten benötigen.

Ziel 11: Nachhaltige Städte und Gemeinden

Im Trubel der Großstädte müssen sich stillende Mütter und ihre Babys in allen öffentlichen Räumen sicher und willkommen fühlen. Von einer Katastrophe und humanitären Krisen sind Frauen und Kinder unverhältnismäßig betroffen. Schwangere und stillende Frauen brauchen besondere Unterstützung in solchen Zeiten.

Viele Bereiche innerhalb unserer Gesellschaft beeinflussen die Entscheidung einer Frau für oder gegen das Stillen. Ob es die Familie, der Arbeitgeber, die öffentliche Verwaltung, eine Schule, die Kirche, eine Einrichtung des Gesundheitswesens oder ein Einkaufszentrum ist – jedes Mitglied der Gesellschaft ist mitverantwortlich dafür, eine stillfreundliche Umgebung zu gestalten und dahingehend zu wirken, dass jedes Kind sein Recht auf Muttermilch bekommt und dass das Recht der Frau zu stillen geschützt wird.

Stillen in Katastrophen- und Krisenzeiten

Essentielle Stillbotschaften:

  • Muttermilch alleine hat alles was ein Baby braucht, um in den ersten sechs Lebensmonate gut zu gedeihen
  • Stillen schützt gegen ansteckende Krankheiten, Durchfall und akute Mittelohrentzündungen (ARI)
  • Auch mangelernährte und traumatisierte Mütter können ausreichend Milch von guter Qualität produzieren. Die Hormone, die die Mutter während des Stillens ausschüttet, helfen sie zu entspannen und wirken gegen Stress
  • Adäquate Ernährung für die stillende Mutter ist eine kosteneffektive Strategie für beide Mutter und Baby
  • Für den Fall, dass das Stillen zu früh beendet wurde – oder gar nicht im Gang gekommen ist, ist eine Relaktation möglich. Adäquate Unterstützung und kompetentes Stillmanagement sind dafür Voraussetzung

Säuglingsernährungspolitik während Notfallsituation

  • Hilfsorganisationen sollten Stillförderung und –unterstützung als Teil ihrer Notfallsituationenpolitik einführen
  • Mitarbeiter der Hilfsorganisationen sollten in Hinblick auf die Umsetzung dieser Politik ausgebildet werden – während des praktischen Einsatzes.
  • Mindestens ein Mitglied jedes regionalen Hilfsteams sollte gute Kompetenzen in Stillmanagement und Beratung haben.
  • Stillen sollte in alle nationalen Notfallpläne integriert werden
  • Öffentlichkeitsarbeit und die Medien sollten das Stillen als wesentlichen Baustein in Gesundheits- und Überlebensprogrammen während Notfällen betonen
  • Hilfsorganisationen sollten eine Politik haben, um unzulässige Spenden von Muttermilchersatzprodukten und auszuschließen.
  • Notwendige Muttermilchersatzprodukte sollten in ausreichenden Mengen gespendet werden, um die Babys, die sie erhalten, so lange zu ernähren, wie es erforderlich ist.
  • Diese Muttermilchersatzprodukte sollten nur an die Familien abgegeben werden, bei denen es dokumentiert wird, dass es keine Möglichkeit gibt, dass das Kind gestillt werden kann oder als Übergang während Relaktation oder induzierter Laktation.
  • Spender sollten unterstützt werden, um sicherzustellen, dass die Spenden kodexkonform sind.
[Stillen in Katastrophen- und Krisenzeiten, Elizabeth Hormann, Dipl. Päd, IBCLC, 2009]

Ziel 12: Nachhaltig produzieren und konsumieren

Stillen bietet eine gesunde, lebensfähige, umweltverträgliche, intensive ressourcenschonende, nachhaltige und natürliche Ernährungs- und Nahrungsquelle.

Die Bewusstmachung der Vorteile des Stillens und das Initiieren von Aktivitäten, um das Stillen zu schützen, zu fördern und zu unterstützen, ist eine der besten Gesundheitsinvestitionen in die Zukunft einer Nation.

Von einer nachhaltigen Stillförderung profitieren nicht nur gestillte, sondern auch flaschenernährte Kinder und einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen. Denn eine Frau, die nicht stillen kann, dies betrifft rein biologisch gesehen ca. 1,5 bis 2% der Mütter, oder nicht möchte, hat die Möglichkeit, auf andere Weise ihrem Kind die Nähe, Geborgenheit und Bindung zu geben, die beim Stillen nebenbei entsteht. Durch Wissen und Bewusstmachung dieser „positven Nebenwirkungen“ können alle Kinder liebevoll ins Leben begleitet werden.

Muttermilch ist eine Nahrungsquelle, die in einer hervorragenden Qualität in natürlicher Form produziert wird. Sie ist hygienisch einwandfrei und steht für alle Kinder der Welt, ob arm oder reich – kostenlos zur Verfügung. Muttermilch sichert allen Kindern eine ausgewogene, gesunde Ernährung zu.

[U.S. Department of Health and Human Services. Healthy People 2000: National Health Promotion and Disease Prevention Objectives. Washington, DC: U.S. Department of Health and Human Services, Public Health Service, Office of the Assistant Secretary for Health, 1990, pp. 6, 379-380. DHHS pub. no. PHS 91-50212]

Ziel 13: Weltweit Klimaschutz umsetzen

Stillen schützt die Gesundheit und Ernährung von Säuglingen in Zeiten der Not und wetterbedingte Katastrophen durch globale Erwärmung.

Um das Stillen als Regelernährung des Säuglings im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern, muss viel mehr getan werden, als es zurzeit der Fall ist. Gesundheitsprävention muss von Geburt an beginnen! Darin sind sich jene Experten im In- und Ausland einig, die unabhängig von der Babynahrungsindustrie forschen und ihre Studien erstellen!

Als beispielhaft mag die Indische Regierung gelten: Um die Gesundheit von Kindern zu verbessern, verbietet diese seit 2003 die Werbung für Babynahrung für Kinder unter zwei Jahren. Zwar ist Stillen in der indischen Kultur seit jeher verankert, doch wird Babys aufgrund aggressiver Werbung für Säuglingsanfangsnahrung und Getreidebrei das Stillen vorenthalten. Bereits 1992 verabschiedete die Indische Regierung ein Gesetz, das die Produktion, das Angebot und den Vertrieb von Muttermilchersatznahrung, Saugflaschen und Babynahrung regulieren. Doch die Babynahrungsindustrie findet fortlaufend Gesetzeslücken …

Ziel 14: Leben unter Wasser schützen

Stillen bedeutet weniger Müll im Vergleich zu künstlicher Säuglingsnahrung. Industrielle Herstellung und Vertrieb von Babynahrung führt zu Abfall, der die Meere verschmutzt und das Meeresleben beeinflusst.

Muttermilch ist eine natürliche und erneuerbare Ressource. Künstliche Milch und verarbeitete Babynahrung sind nicht erneuerbare Produkte und rufen ökologischen Schaden mit jedem Schritt ihrer Produktion hervor.

Je nach dem in welchem Gebiet eine Familie wohnt, kommen des Weiteren Kosten für die Anschaffung von Mineralwasser dazu, wenn die Trinkwasserbelastung die Grenzwerte übersteigt. Rund 140 Liter Frischwasser werden für die Zubereitung verbraucht.

1 Mrd. Binden und Tampons, die eine Bleiche und andere chemische Prozesse durchlaufen haben, verbrauchen 4 Millionen Mütter jährlich in den USA. 3000 Tonnen Papier für die Herstellung von Tampons und Monatsbinden könnten pro Stillende, einer englischen Kalkulation zufolge, eingespart werden, da Frauen, die uneingeschränktes Stillen praktizieren, durchschnittlich 14 Monate keine Menstruation haben.

[Labbok MH. Breastfeeding as a women’s issue: conclusions and consensus, complementary concerns, and next actions. Int J Gynecol Obstet 1994; 47 Suppl: S41-S54]

Ziel 15: Leben an Land

Stillen ist ökologisch im Vergleich zu Ersatznahrung. Die Herstellung bedingt eine Milchwirtschaft, die die natürlichen Ressourcen belastet und zu Kohlenstoffemissionen und Klimawandel beiträgt.

114 Millionen Milchkühe wären nötig, um die Muttermilch der indischen Frauen zu ersetzen. Für Weideflächen werden Wälder abgeholzt. Es entstehen klimatische Veränderungen, Bodenerosion usw. [Stand 1990]

Ziel 16: Starke und transparente Institutionen fördern

Stillen ist in vielen Menschenrechtsabkommen verankert. Nationale Gesetzgebung und Politik zum Schutz und zur Unterstützung stillender Mütter und Babys sind erforderlich, um sicherzustellen, dass ihre Rechte aufrechterhalten werden.

In der Gesundheitsvorsorge ist die Stillförderung von grundlegender Bedeutung. Deswegen ist es notwendig, diese durch entsprechende Maßnahmen aktiv zu betreiben und eine nachhaltige Grundlage zu schaffen. Die Rechte zukünftiger Generationen zu sichern, ist keine vorübergehende, sondern eine dauerhafte Aufgabe. Wenn die Gesellschaft die Bedürfnisse aller Beteiligten respektiert und wertschätzt, entsteht ein gesellschaftlich, familienfreundliches Klima.

Gestillt zu werden ist einer der wichtigsten Beiträge zur kindlichen Gesundheit. Stillen liefert viele Vorteile für das Wachstum, das Immunsystem und die Entwicklung. Nachdem die Bundesregierung einem Beschluss der Weltgesundheitsversammlung von 1992 zugestimmt hatte, der so genannten Innocenti Declaration, eine Erklärung der World Health Organization (WHO) und United Nations Children’s Fund (UNICEF) von 1990 „zum Schutz, zur Förderung und Unterstützung des Stillens“, richtete das Bundesministerium für Gesundheit die Nationale Stillkommission ein.

Ihre Aufgabe ist die Förderung des Stillens in der Bundesrepublik Deutschland. Sie berät die Bundesregierung, gibt Richtlinien und Empfehlungen heraus und unterstützt die verschiedenen Initiativen zur Beseitigung bestehender Stillhindernisse. Im Jahr 2009 hat sie ein Konzept für die Einrichtung eines Stillmonitorings veröffentlicht. Allerdings wurden bis heute in Deutschland keine sytematischen Monitoring- und Evaluierungsstudien zur Bewertung der Stillförderung durchgeführt. Die Nationale Stillkommission beschäftigt sich auch mit Fragen zur Umsetzung des Werbegesetzes zur Säuglingsnahrung. So heißt es in der Pressemeldung vom Oktober 2004 zum 10jährigen Bestehen der Nationalen Stillkommission, dass sie eine Politik der kleinen, aber wirksamen Schritte fahren. Unter anderem wurde erreicht, dass die Herstellung von Gratis-Tagesportionen von Säuglingsanfangsnahrung 2004 eingestellt wurde. Derartige Proben verführten manche Mütter in der Vergangenheit dazu, den Weg des Stillens erst gar nicht einzuschlagen, sondern die Säuglinge gleich ans Fläschchen zu gewöhnen.

Die Nationale Stillkommission gibt insbesondere auch Empfehlungen für medizinisches Fachpersonal heraus, da es in der Gesellschaft und in den Familien kaum noch eine Stilltradition gibt. Eine führende Rolle beim Wiederaufbau einer „Stillkultur“ muss deshalb das medizinische Fachpersonal übernehmen, heißt es.

Ihre Aufgaben im Einzelnen:

  • Beratung der Bundesregierung in Bezug auf politische Initiativen zur Beseitigung von Stillhindernissen
  • Koordinierung der Durchführung von Maßnahmen zur Stillförderung
  • Hilfe bei der praktischen Umsetzung von Rechtsverordnungen, Richtlinien, Empfehlungen
  • Leistung von Überzeugungsarbeit zur Stillförderung innerhalb der Berufsorganisationen
  • Evaluation und Berichterstattung

Trotz der Institutionalisierung des Stillens ist die Stillrate in Deutschland sehr niedrig, besonders ab dem 6. Lebensmonat des Kindes. 1997/1998 wurden erstmals bundesweit die Stillbedingungen in deutschen Geburtskliniken und das Stillen während des ersten Lebensjahres untersucht. Im Vergleich zu früheren Jahren waren die Stillquoten in Deutschland erheblich gestiegen. Jedoch erreichten die empfehlenswerte Vollstilldauer (ausschließlich Muttermilch und überwiegend Muttermilch, d.h. Muttermilch mit oder ohne andere Flüssigkeit wie Tee oder Glukosesirup, zu Vollstillen zusammengefasst) von mindestens 6 Monaten nur ca. 10 % der Mütter, obwohl etwa 90% der Mütter zu stillen begannen. Die Studie zeigte auch auf, dass Frauen aus unteren sozialen Schichten und jüngere Frauen besondere Informationen und Beratung zum Stillen benötigen. Die zweite Studie aus dem Jahr 2018 hält fest, dass die Hauptgründe für frühes Abstillen und die wesentlichen Faktoren für eine kurze Stilldauer heute ähnlich wie vor 20 Jahren sind und ähnlich sind auch die Ergebnisse des Vollstillens:

2018 wurden 8,3 % der Kinder ausschließlich gestillt und 2,3 % erhielten überwiegend Muttermilch d.h. 10,6 % aller Säuglinge wurden 6 Monate vollgestillt (systematische Übersicht), obwohl 96,6 % der Mütter anfänglich stillten.

Die Resultate der o.g. Studie zur Stillförderung in den Geburtskliniken, zu den Einflussfaktoren des Stillens und den ganz persönlichen Abstillgründen der Mütter zeigen, dass breit angelegte Stillförderung in Deutschland grundsätzlich gute Aussichten haben dürfte. Wesentliche Hinderungsgründe für eine zufrieden stellende Stillbeziehung sind umfeld- und umweltbedingt und damit positiv beeinflussbar.

Während der letzten 40 Jahre hoben verschiedene Non-Profit-Organisationen wie La Leche Liga-Deutschland e.V. und die Arbeitsgemeinschaft freier Stillgruppen e.V. die Wichtigkeit des Stillens hervor. Es etablierte sich der Berufsverband der Deutschen Laktationsberaterinnen IBCLC e.V. und die Aktionsgruppe Babynahrung e.V. sowie ein Runder Tisch Stillförderung in Deutschland, der die Kommunikation und Vernetzung von Berufsgruppen und Verbänden fördert.

Im 14. DGE-Ernährungsbericht vom März 2020 heißt es, dass die ambulante Hebammenhilfe, die Bundesinitiative „Frühe Hilfen“ oder sozialkompensatorische Angebote des Öffentlichen Gesundheitsdienstes ergänzend unterstützen könnten. Ausgangspunkt aller Nachsorgekonzepte sollte die Geburt sein. Den Krankenhäusern und den Nachsorgehebammen kommt somit eine besondere Bedeutung als AkteurInnen zu.

Aufgrund der Anerkennung der Deklaration beschloss der Bundestag 1994 ein Gesetz über die Werbung für Säuglingsanfangsnahrung. 2001 wurde in Deutschland der Verein „Stillfreundliches Krankenhaus“ zur Unterstützung der WHO und UNICEF- Initiative gegründet.

Wie Stillförderung in Deutschland gelingen kann, hat das Forschungsvorhaben Becoming Breastfeeding Friendly (BBF) untersucht. 2019 hat die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) ein Faktenblatt zu Empfehlungen vorgelegt. siehe auch www.gesund-ins-leben.de

[UNICEF/WHO. Innocenti Declaration on the Protection, Promotion and Support of Breast-feeding, Florence, Italy: UNICEF and WHO, 1990; Verein zur Unterstützung der WHO/UNICEF-Initiative „Stillfreundliches Krankenhaus“ (BFHI) e.V., Köln, www.stillfreundlich.de; Institute of Medicine. Nutrition During Lactation. Washington, DC: National Academy Press, 1991, pp. 24-25, 161-171, 197-200; Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln, Studie zu Stillen und Säuglingsernährung, 1997/1998]

Ziel 17: Globale Partnerschaft

Die Globale Strategie für Säuglings- und Kleinkinderernährung (Young Child Feeding -GSIYCF) fördert sektorübergreifende Zusammenarbeit und kann auf verschiedenen Partnerschaften zur Unterstützung der Entwicklung von Stillprogrammen und -initiativen aufbauen.

Internationaler Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten

Ein wesentlicher Beitrag zur Stillförderung ist die Einhaltung der Bestimmungen des 1981 von der WHO verabschiedeten Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten. Die WHO-Resolutionen sowie die im deutschen Säuglingsnahrungswerbegesetz 1994 teilweise umgesetzte Richtlinie der Europäischen Union Nr. 91/321/EWG haben zum Ziel, das Stillen zu fördern und Mütter und Gesundheitsfachkräfte vor den kommerziellen Interessen der Säuglingsnahrungshersteller zu schützen.

Der Kodex fordert, dass für nicht gestillte Kinder Ersatznahrung zur Verfügung steht, die für Säuglinge geeignet ist und international gültige Qualitätsstandards einhält. Er verbietet, dass zur Verkaufsförderung von Muttermilchersatz Mütter vom Stillen abgehalten werden. Er schützt Eltern von Neugeborenen vor falschen oder missverständlichen Werbebotschaften, die zu verfrühtem Abstillen verleiten und damit durch falsche Ernährung ihrem Baby schaden.

Der Kodex gilt für jedweden Ersatz für Muttermilch, also für alle Produkte, die für die ersten 6 Monate angeboten werden, einschließlich Tee. Denn die WHO empfiehlt, dass Säuglinge in den ersten 6 Monaten ausschließlich gestillt werden. Der Kodex gilt auch für Folgemilch, Flaschen, Sauger und Schnuller. Denn nach den ersten 6 Monaten soll der Milchanteil der Nahrung Muttermilch sein.

Für diese Produkte gelten u.a. folgende Vermarktungsvorschriften: keine Werbung in der Öffentlichkeit, kein direkter Kontakt der Firmen zu den Müttern z.B. Telefonhotline, keine Proben an Mütter, auch nicht über das Gesundheitspersonal, keine Sonderverkäufe, Rabatte oder sonstige Kaufanreize, keine kostenlosen oder verbilligten Lieferungen an Kliniken und keine Geschenke und finanzielle Zuwendung an Mütter oder Gesundheitspersonal.

Aus Verantwortung für unsere Kinder muss der internationale Kodex vollständig in die Rechte eines jeden Staates einfließen und in die alltägliche Praxis übernommen werden.

Babyfriendly Hospital Initiative

Die vergangenen hundert Jahre Entbindungssituation im Krankenhaus ist durch Distanz und Isolation von Mutter und Kind gekennzeichnet. Heute können wir auf Grund diverser Studien zeigen, dass die frühe Trennung von Mutter und Kind zu einer nachhaltigen Beeinträchtigung der Bindung führt. Als früher Ausdruck dieser Störung kann das Stillverhalten gewertet werden, denn die Startbedingung für die Stillbeziehung wird nachweislich erschwert. Konzepte, die dazu beitragen, dass Mutter und Kind nicht überflüssigerweise getrennt werden, helfen den Stillbeginn zu erleichtern, aber auch die Stillbeziehung in ihrer Autonomie zu fördern.

UNICEF und WHO haben 1991 die weltweite „Babyfriendly Hospital Initiative“ (BFHI) ins Leben gerufen, um die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern mit Muttermilch (das Stillen) zu fördern und zu schützen und um Entbindungsstationen diesem Zweck entsprechend zu gestalten. Hierfür haben UNICEF und WHO die „10 Schritte zum erfolgreichen Stillen“ und Konzepte für die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Krankenhäusern entwickelt.

Ziel der Initiative ist es, gute Rahmenbedingungen für das Stillen in Geburtskliniken zu gewährleisten. Klare Richtlinien führen zu einer Prozessoptimierung in der Krankenhausroutine und steigern die Qualität nachvollziehbar. Durch Selbstüberprüfung, externe Gutachten und Nachgutachten garantiert die Initiative die nachhaltige Qualität ihres Stillförderungskonzepts.

2001 wurde in Deutschland ein Verein zur Unterstützung der WHO/UNICEF- Initiative gegründet. 1991 gab es noch 1.186 Geburtsstationen in Krankenhäu­sern, Ende 2015 waren es nur noch 709. Aktuell sind 96 (13 %) Geburtshilfliche Einrichtungen mit der von UNICEF gestifteten Plakette „Stillfreundliches Krankenhaus“ ausgezeichnet. Im Vergleich dazu wurden 2004 in Norwegen 64% der Entbindungseinrichtungen zertifiziert, wobei 80% der Mütter 6 Monate vollstillen. Um die Anerkennungsplakette zu erhalten, müssen die Krankenhäuser einen international anerkannten Qualitätsstandard nachweisen. Eine entsprechende Unterstützung muss von den Krankenhausträgern ausgehen.

Wie wichtig der Ausbau einer kompetenten Stillförderung im Krankenhaus ist, beweist eine Studie des Bundesgesundheitsministeriums. Danach haben 50 % der Frauen Stillprobleme während des Klinikaufenthaltes. Auch ergab eine Studie von 2005 des Augsburger Klinikforschers Prof. Gerhard Riegl, dass die Wöchnerinnen immer weniger zufrieden mit den Geburtskliniken sind. Bundesweit wurden rund 2100 Wöchnerinnen befragt. Danach reduzierte sich der Anteil der zufriedenen Wöchnerinnen von rund 60 Prozent vor zehn Jahren auf jetzt rund 47 Prozent. Etwa 75 Prozent der jungen Mütter sahen Verbesserungsbedarf auf den Wöchnerinnenstationen.

Wie schwierig eine Umsetzung ist zeigt folgendes Bemühen:

Im Juni 2004 bat Renate Künast vom BMVEL den Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Wolfgang Pföhler, die gängige Praxis der Verteilung von Begrüßungspaketen von Marketingagenturen in Krankenhäusern zu unterbinden. Herr Pföhler antwortete, dass Stillförderung in deutschen Krankenhäusern groß geschrieben wird, da sich immer mehr Krankenhäuser an der WHO/UNICEF-Initiative „Stillfreundliches Krankenhaus“ beteiligen. Weiter heißt es: „Gleichwohl ist das Thema Stillförderung komplex zu betrachten. Tatsache ist, dass eine uneingeschränkte Stillförderung, die in eine Beeinflussung in die andere Richtung münden würde, ebenfalls nicht im Interesse der Mütter sein kann. Schließlich müssen alle Faktoren einschließlich des sozialen Umfeldes der Betroffenen z.B. frühzeitiger beruflicher Wiedereinstieg, der ggf. ein Zufüttern notwendig machen kann, in die Betrachtung einbezogen werden.“ Aus diesem Grund ist es Herrn Pföhler nur möglich eine Empfehlung an die Mitglieder auszusprechen, mit der Bitte den Inhalt der Begrüßungspakete entsprechend kritisch zu hinterfragen und einer ggf. einseitigen Beeinflussung durch Rücksprache mit dem Anbieter vorzubeugen.

[Windstrom AM, Wahlberg V, Matthiesen AS, et al. Short-term effects of early suckling and touch of the nipple on maternal behavior. Early Hum Dev 1990;21:153-163; Verein zur Unterstützung der WHO/UNICEF-Initiative „Stillfreundliches Krankenhaus“ (BFHI) e.V., Köln, www.stillfreundlich.de; www.dkgev.de, Stillförderung, Artikel vom 11.08.2004 aus der Rubrik Qualitätssicherung; Lust statt Last – Beim Stillen gilt Norwegen als Vorbild, 13/2004, 01.10.2004]