Stress-Folgen werden vererbt - Foto © fotolia

Spuren, die durch Lebenssituationen, Erlebtes und Erfahrenes im Körper eines Menschen eingeprägt werden, verändern auch seine Gene, die Erbinformationen, und können daher auch an die folgende(n) Generation(en) weitergegeben werden.

Mit diesen Fragen beschäftigt sich der noch junge Wissenschaftszweig der Epigenetik. Wissenschaftler an der Perelman School of Medicine der University of Pennsylvania machten jetzt eine besonders eindrucksvolle epigenetische Entdeckung, die sich so zusammenfassen lässt:

Spermien vergessen nicht!

Bisher standen immer die Situation, die Belastungen und mögliches Fehlverhalten der Mütter vor allem vor und während der Schwangerschaft und die „Vererbung“ der gesundheitlichen Folgen im Mittelpunkt der Forschung.

Die Spermien von Männern, die entweder schon in der Kindheit und/oder im Laufe ihres Erwachsenenlebens extremem Stress ausgesetzt waren, verändern ihre „Qualität“ unter diesen belastenden Bedingungen. Damit können die körperlichen und psychischen Stress-Folgen, vor allem die verminderte Fähigkeit zur Stress-Verarbeitung „vererbt“ werden – mit dem Risiko von  psychischen Erkrankungen, Angstzuständen und Depressionen.

Bisher haben die Forscher allerdings diesen Zusammenhang nur an Mäusen im Labor nachweisen können. Hier veränderte sich die Sperma-Zusammensetzung  bei männlichen Mäusen unter Stess – auch wenn der schon vor der Geschlechtsreife ausgeübt wurde – in einer Weise, die bei den Nachkommen Defizite in den Hirnregionen und -abläufen verursachten, die für angemessene Reaktionen auf Stressbelastung, etwa durch Veränderungen in der Umwelt, sorgen sollen. Vor allem die Ausschüttung von Cortisol, dem Stresshormon, das die Stressreaktionen regelt, war bei den Nachkommen der stressgeschädigten Väter gebremst.

Und noch eine Überraschung: Bei den Nachkommen der stressgeschädigten Mäuseväter traten diese Defizite gleichermaßen bei männlichen und weiblichen Mäusen auf.

„Wir haben hier zum ersten Mal zeigen können, dass Stress auch nach längerer Zeit noch Veränderungen in den Spermen verursacht, die bei den Nachkommen die Mechanismen der Stressbewältigung umprogrammieren können,“ so der Forschungsleiter Prof. Tracy L. Bale. „Diese Ergebnisse zeigen eine der Möglichkeiten, wie Eltern-Stress sich in neuropsychiatrischen Erkrankungen bei den Kindern niederschlagen kann.“

Die Studie liefert einen weiteren Hinweis darauf, wie intensiv die Stressverarbeitungssysteme von Eltern und Kindern miteinander verknüpft sind, sowohl sozial als auch biologisch, nicht nur horizontal sondern auch über Generationen hinweg. Egal an welcher Stelle die Stressbelastung steigt, ob beim Kind, bei der Mutter oder beim Vater, das gesamte System gerät unter zunehmende, gesundheitsgefährdende Belastung.

Rückschlüsse auf die Cortisol-Ergebnisse der Krippenforschung?

Das Stresshormon Cortisol spielt eine erhebliche Rolle in der Forschung zu frühkindlichen Betreuungs- und Erziehungsformen. Studien fanden heraus, dass sich der Cortisolspiegel bei Krippenkindern im Tagesverlauf ständig erhöht und sich auf hohem Niveau für den Rest des Tages einpendelt, Zeichen von Stress und der Notwendigkeit von Stressbewältigung und unzureichender Entspannung im Anschluss an die Tagesbetreuung in der Krippe. Bei Kindern in der Familienbetreuung senkt sich dagegen der Cortisolspiegel vom morgendlichen Aufwachen bis zum Abend ab.

Dieser Stress- gleich Cortisol-„Überschuss“ der Krippenkinder wandelt sich ins Gegenteil, wenn diese Kinder das Jugendalter erreichen. Dann liegt ihr durchschnittlicher Cortisolspiegel deutlich unter dem der Jugendlichen, die als Kinder nicht in Krippen bzw. ähnlichen Einrichtungen betreut wurden – ein Zeichen für die reduzierte Fähigkeit, auf Stressituationen zu reagieren und sich neuen, unerwarteten Situationen im Leben zu stellen.

Ob und in welchem Umfang sich diese geringere Fähigkeit zur Bewältigung überraschender Momente und veränderter Lebensbedingungen später dann tatsächlich „vererbt“, bleibt derzeit noch Spekulation.

von Redaktion fürKinder

Links zum Thema

Studie

A. B. Rodgers et al., .Paternal Stress Exposure Alters Sperm MicroRNA Content and Reprograms Offspring HPA Stress Axis Regulation. Journal of Neuroscience, 22. Mai 2013; 33(21): 9003-9012

Beitrag

Stress in der Fremdbetreuung

Quelle: Science Daily