Imaginäre Freunde - Foto shutterstock © EvgeniiAnd

„Mein Kind spricht ständig mit einer unsichtbaren Ziege – muss ich mir Sorgen machen?“ Irgendwann kommen die meisten Eltern an diesen Punkt. Nun, es muss keine Ziege sein, es kann ein Äffchen sein, ein Kobold oder einfach ein Kind … Alle gemeinsam haben sie, dass sie meist plötzlich auftauchen und ständig um unser Kind herum sind, aber für uns Eltern unsichtbar: die imaginären Freunde!

Bei einer meiner Töchter war es Jano. Wann immer ihr ein Missgeschick passierte, dann war Jano schuld. Und wenn sie ein Stück Schokolade bekam, bat sie um ein zweites, für Jano.

Jano begleitete uns auf Familienausflüge und Jano saß mit uns am Tisch (selbstverständlich mit eigenem Gedeck), Jano schlief in ihrem Zimmer …

Bei mir war es anders: Meine beiden imaginären Freundinnen, Frau Zingzang und Frau Bachmann kamen nur zu speziellen Gelegenheiten zu Besuch. Wir setzten uns dann um meinen Kindertisch, tranken Kaffee aus meiner Kinder-Kaffeemaschine und strickten Pullover für unsere Puppenkinder. Die beiden Damen kamen in der Regel dann zu Besuch, wenn meine Großmutter zum Kaffee zu meiner Mama kam.

Abends erzählte ich dann meinem älteren Bruder voller Freude von meinem „Kaffeekränzchen“ mit den beiden Damen. Und mein Bruder machte sich Sorgen, ob bei mir noch alles stimmt im Kopf … Da ist er wohl nicht der einzige, der sich anlässlich der blühenden Fantasie eines Vorschulkindes Sorgen macht …

Kinder, die imaginäre Freunde haben, sind im Spielmodus.

Aber ich kann alle, die sich mit den imaginären Freunden ihrer Kinder herumschlagen beruhigen, ja sogar ermutigen: Kinder, die imaginäre Freunde haben, sind im Spielmodus. Die Grenze zwischen Spiel und „echt“ scheint manchmal etwas verschwommen, wobei man davon ausgehen kann, dass es dem Kind sehr viel mehr bewusst ist, dass sein Freund nicht „echt“ ist, als es sich eingestehen mag. Denn dann wäre ja der Spaß vorbei … 😉 Außerdem zeugen imaginäre Freunde von großer Fantasie und Emergenz; beides Fähigkeiten, die einem das Leben noch lange leichter machen.

Die meisten imaginären Freunde haben ihren großen Auftritt im Alter der Kinder zwischen 3 und 5 Jahren, also wenn die Kinder noch keine gemischten Gefühle haben, oder sie gerade am Entwickeln sind. Und meistens verabschieden sie sich genau so plötzlich aus dem Familienkreis, wie sie aufgetaucht sind. Sie dem Kind auszureden, an die Vernunft zu appellieren oder sie zu ignorieren, ist meiner Meinung nach vergebliche Müh und auch nicht nötig.

Am besten freuen wir uns über den (ungebetenen) Gast, bzw. über die Fantasie und Emergenz unserer Kinder. Und noch besser lassen wir uns ein Stück weit mit hineinnehmen in die glitzernde und fantasievolle Welt unserer Vorschulkinder. Denn wie sagte Astrid Lindgren so schön:

„Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden. Wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen.“

Ihre Angela Indermaur

P.S. Anmerkung der Redaktion fürKinder: In der Geschichte „Hannes Strohkopp, der unsichtbare Indianer“ beschreibt Janosch die geheimnisvoll wirkende Kraft, die den kleinen Hannes über sich hinaus wachsen lässt. Lesen Sie hinein oder schauen Sie in das YouTube-Video Janoschs Traumstunde.

Ein Beitrag aus unserer Kolumne:

Menschen(s)kinder


Uns beschäftigen aktuell öffentlich diskutierte Themen rund um den Erziehungsalltag genauso wie das gesunde Aufwachsen der Kinder und die notwendigen Bedingungen für die optimale Entwicklung ihrer je besonderen Persönlichkeit. In einer regelmäßig erscheinenden 14-tägigen Kolumne geht unsere Kolumnistin Angela Indermaur Fragen zur kindlichen Entwicklung, des Aufwachsens und Lernens nach. Was brauchen Kinder wirklich? Wo bleibt der Freiraum für spontanes Lernen und Selbsterkundung? Müssen Kinder ständig umsorgt, angeleitet und gefordert werden? Schadet Fürsorglichkeit und Geborgenheit unseren älteren Kindern? Welche Aufgabe haben heute Eltern? Wie gelingt der Aufbau einer intensiven Eltern-Kind-Bindung? Gibt man sein Frausein mit dem Muttersein auf und was ist mit den Vätern?