Wohin mit der Mütterlichkeit - Silvia Cramerotti-Landgraf

Silvia Cramerotti-Landgraf
Wohin mit der Mütterlichkeit?
Das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Forderungen, den kindlichen Bedürfnissen und den Wünschen der Frau – Überlegungen aus psychoanalytischer Sicht
Logos Verlag, Berlin
ISBN: 978-3-8325-5191-9
112 Seiten
35,- Euro

Ein gesellschaftspolitisch strittiges Thema

Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert! Der Autorin, Silvia Cramerotti-Landgraf, ist es gelungen, mit einer Qualifikationsarbeit ein hoch strittiges gesellschaftspolitisches Thema so gut auf den Punkt zu bringen, dass kaum noch Fragen übrig bleiben. Als Motiv für diese Arbeit gibt sie an, dass sie sich aufgrund kontroverser Diskussionen zur frühen Krippenbetreuung mit Freundinnen in der frühen Familienphase näher mit dem Thema beschäftigen wollte. Hinzu kam ihr gesellschaftspolitisches Interesse; denn Kindheit ist politisch, wie dies von Psychohistorikern belegt wird. Als Absolventin der International Psychoanalytic University Berlin waren psychoanalytische Erklärungen für das Spannungsfeld zwischen kindlichen Bedürfnissen, den Wünschen der Frau und den gesellschaftlichen Forderungen naheliegend. In einem anderen Wissenschaftsbereich wäre sie mit dem Thema Mütterlichkeit und dem anthropologischen Angewiesensein des Kindes auf diese, derzeit auch kaum fündig geworden, denn hier geht es inzwischen fast ausschließlich um die Bildung des Kindes von Anfang an. Der einseitige gesellschaftliche Blick auf die Problematik hat dann zu der Frage geführt: „Wohin mit der Mütterlichkeit?“. Wie nähert sich nun die Autorin diesem sozialen Dilemma?

Der einseitige gesellschaftliche Blick

Nach der Einleitung, der Zielformulierung, der Schilderung des methodischen Vorgehens und dem Hinweis auf die Grenzen der Arbeit, konzentriert sie sich zuerst auf die gesellschaftliche Diskussion und die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum frühen Kita-Eintritt, Kap. 3. Hierbei spielen die familienpolitische Wende und die Interessen der Wirtschaft zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine wesentliche Rolle, die auch die frühe Bildung der Kleinstkinder in den Krippen umfasst.

Cramerotti-Landgraf zeigt, wie starke gesellschaftliche Kräfte (Presse, Kirchenvertreter, Bertelsmannstiftung) diese Sichtweise unterstützen und wie Experten aus Psychologie und Medizin mit ihrem Wissen über die frühkindlichen Bedürfnisse versuchen, dagegen zu halten.

Da es im wirklichen Leben keine Annäherung zwischen den beiden Gruppen gibt, bleibt offensichtlich nur, wissenschaftliche Studien zur Bestätigung der Aussagen von Experten aus Psychologie und Medizin heranzuziehen, die die Autorin folgerichtig im letzten Abschnitt des Kap. 3 vorstellt. Ihr Fazit aus dieser Analyse: „Wenn seitens Politik und Wirtschaft Forderungen nach einer umfassenden frühen Fremdbetreuung breit propagiert werden, geschieht dies ohne, dass die Gesellschaft über die gesamte Befundlage umfassend informiert würde. Die Darstellung ausschließlich der Vorteile von Krippenbetreuung und das Unterschlagen aussagekräftiger Belege über erfasste Risiken für die Entwicklung von Kindern bei früher und langer außerfamiliärer Betreuung darf somit als unzureichend und in letzter Konsequenz als irreführend bezeichnet werden“, S. 55.

Frühkindliche Bedürfnisse

Um dies zu untermauern, beschreibt sie mit Kapitel 4 die frühkindlichen Bedürfnisse entsprechend psychoanalytischer und bindungsbezogener Entwicklungstheorien in ihren wichtigen Grundannahmen. Cramerotti-Landgraf stellt dabei fest, dass trotz verschiedener Ansatzpunkte Einigkeit über die Bedeutung der ersten Lebensjahre besteht, die prägend für die weitere kognitive, motorische, soziale und seelische Entwicklung des Kindes sind. Im gesellschaftlichen Diskurs würden jedoch nur die optimalen Bildungsmöglichkeiten durch die frühe Krippenbetreuung betont. Es wird kaum erwähnt, dass solche eventuellen Vorteile im weiteren Entwicklungsverlauf rasch nachgelernt werden, aber „im Vergleich dazu basale Grundeinstellungen von emotionaler Sicherheit, Geborgenheit sowie ein Gefühl von Urvertrauen in die Welt maßgeblich von den frühesten Erfahrungen des Kindes mit seinen Bezugspersonen abhängig sind und im späteren Entwicklungsverlauf nur schwer oder gar nicht korrigiert werden können“, S. 66. Die gesellschaftlichen Veränderungen, insbesondere die Gleichstellungsbestrebungen für die Frau, sieht sie positiv, weist jedoch deutlich darauf hin, dass sich die angeborenen grundlegenden Bedürfnisse der kleinen Kinder im Laufe der Geschichte nicht verändert haben. Diese sind nach wie vor auf eine fördernde Umwelt mit ihren Bindungspersonen angewiesen, die sie ein Leben lang prägen werden. „Dabei können früh erfahrene Trennungen von der primären Bezugsperson die spätere Beziehungsgestaltung eines Menschen, seine Trennungs- und Bindungsfähigkeit im weiteren Lebenslauf maßgeblich bestimmen“, S. 66.

Die Bedürfnisse der Frau nach Mütterlichkeit in Zeiten des Feminismus

Wo bleibt nun die Frau mit ihrem Bedürfnis nach Mütterlichkeit in einer solchen gegenläufigen Entwicklung? In Kapitel 5 befasst sich die Autorin zuerst mit dem historischen Verlauf der Betreuungsformen von Kleinkindern, wo es weder den Müttern noch den Kindern mehrheitlich gut ergangen ist. „Es zeigte sich, dass Frauen über Jahrtausende sowohl das eine Extrem, also die ausschließliche Reduzierung auf das Muttersein, als auch das andere Extrem, die völlige Aufgabe von Mutterschaft mit Verlust des Interesses am eigenen Nachwuchs, sowie all die Abstufungen zwischen diesen beiden Polen realisiert haben“, S. 72.  Mit dem Propagieren der Notwendigkeit der Berufstätigkeit beider Eltern und dem Ausbau der Kita- und Krippenplätze steuert unsere Gesellschaft offensichtlich wieder in die Richtung der Negation von Mütterlichkeit.

Um Wege zu finden, dass Muttersein von der Gesellschaft wertgeschätzt und anerkannt wird, versucht Cramerotti-Landgraf zu klären, „warum sich Frauen eher für den einen oder anderen Lebensentwurf entscheiden und welche inneren Strukturen die jeweilige Entscheidung dabei begünstigen“, S. 73.  Sie nimmt dafür die psychoanalytischen Theorien zur Mütterlichkeit in den Fokus, wendet postödipale Tendenzen in Anlehnung an Harsch auf den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs an und beleuchtet Feminismus und Mutterschaft. Hier stellt sie eine Abwertung der mütterlichen Aufgaben und Aufwertung der Erwerbsarbeit fest. Die feministischen Forderungen würden den Wunsch nach Mutterschaft, nach Fürsorge und Bindung nicht abbilden.

Die weibliche Psyche und der gesellschaftliche Druck

Zur Betrachtung der Ambivalenzen und möglichen Konflikte von Mutterschaft bezieht Cramerotti-Landgraf sich auf Alizades Konzept der mütterlichen und nicht-mütterlichen Räume innerhalb der weiblichen Psyche. Dies kann zur Identitätsfrage der Frau führen, die damit ringt, wie viel Raum sie den beruflichen Anteilen und den mütterlichen Anteilen zugesteht. Das neue Zeiterleben mit dem Baby, das von der Pflege und Zuwendung der Mutter abhängig ist und damit die Mutter in Abhängigkeit bringt, wird als Stillstand empfunden gegenüber der linearen Zeit der Berufstätigkeit. Der gesellschaftliche Druck setzt genau hier ein, und zwar mit dem politisch geschaffenen Angebot, die Kinder früh fremdbetreuen zu lassen. So wird das sich Einlassen auf diese besondere Zeit, in der die Frau in eine völlig andere Welt eintauchen und sich besonders lebendig und authentisch fühlen kann, verhindert. Unabhängig davon fällt es vielen Frauen schwer, „sich für mehrere Stunden am Tag von ihren Kleinkindern zu trennen, denn intuitiv wissen sie, dass ihre emotionale Anwesenheit in dieser so sensiblen, kindlichen Entwicklungsphase von zentraler Bedeutung ist“, S. 80.

Der Trennungsschmerz des Kindes in der Krippe findet hier seine Entsprechung im Trennungsschmerz vieler Mütter.

Doch in der gesellschaftlichen Diskussion findet nur die Trennung der Mutter vom Arbeitsplatz Aufmerksamkeit, weil dieser ökonomisch und für ihr Selbstwertgefühl wichtig ist. Argumente zur frühen Bildung des Kindes in der Krippe und die weibliche Unabhängigkeit dienen dazu, den eigenen Trennungsschmerz verdrängen zu können. Cramerotti-Landgraf zieht daraus den Schluss, dass der rasche Wiedereinstieg in den Beruf für die Frau nur eine oberflächliche Scheinlösung sein kann, die kurzfristig Entlastung bietet. „Die eigentlichen mütterlichen Ambivalenzen, extremen Gefühlszustände in Bezug auf das Kind, in Bezug auf die Rolle als Mutter, in Bezug auf die Erzieherinnen und letztendlich auch bezüglich der eigenen weiblichen Identität können damit nicht angemessen bewältigt werden“. S. 85.

Mögliche Gestaltungsformen der frühen Kindheit

Nach Prüfung der Frage, warum es für die Frau so schwer ist, ihrem Wunsch nach Mütterlichkeit innerhalb unseres gesellschaftlichen Rahmens nachzugehen, folgen mit Kapitel 6 ihre Vorschläge zur Gestaltung der frühen Kindheit.

Die Autorin greift dazu die Empfehlungen von Medizinern und Psychologen auf, die Trennung der Kinder von ihren Eltern nicht vor dem zweiten bzw. dritten Geburtstag vorzunehmen und politisch die Aufteilung von Familien- und Berufsarbeit in dieser Zeit ohne finanzielle Einbußen zu ermöglichen.

Neben der Diskussion der risikoverstärkenden, über Studien belegten mangelhaften Qualität vieler Krippen, analysiert sie die Möglichkeiten, Eltern in ihrem Erziehungsauftrag zu unterstützen, damit diese sich nicht allein gelassen fühlen angesichts der Herausforderungen, die das Leben mit Kindern mit sich bringen. Zum Schluss weist sie darauf hin, welche Chance Elternschaft bietet und dass das Aussetzen der Berufstätigkeit für zwei bis drei Jahre nur eine begrenzte Zeit ist, die jedoch für die seelische Reifung des Kindes eine immense Bedeutung hat.

Schlussfolgerungen

Cramerotti-Landsgraf will mit diesem Buch keineswegs Mutterschaft per se schönreden oder die Erwerbsarbeit abwerten. Sie ermutigt jedoch dazu, beide Sphären gleichermaßen als Quelle von Selbstverwirklichung zu betrachten – ohne dem Zeitgeist aufzusitzen, beides zur gleichen Zeit und in gleicher Intensität voll ausleben zu können. Der staatlich forcierte und stark subventionierte Ausbau von Krippen propagiert ein einseitiges Frauen- und Mutterbild, das Selbsterfüllung vorrangig im Kontext beruflicher Tätigkeit sieht und damit den vielfältigen Lebensentwürfen von Frauen nicht gerecht wird. Sie sieht es als gesellschaftliche Aufgabe, bessere Rahmenbedingungen und alternative Unterstützungsmöglichkeiten für die Gestaltung der frühen Kindheit von der Politik einzufordern.

Anmerkungen

Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches wurde der „Aufruf zur Wende in der Frühbetreuung“ an Familienpolitiker*innen und Kirchenvertreter versandt, worauf es jedoch keine Reaktionen gab. Es ist zu wünschen, dass diese vollständige gesellschaftliche Ignoranz diesem Buch nicht widerfährt, sondern insbesondere junge Eltern darauf aufmerksam werden und darüber ins Nachdenken kommen. Den dargestellten Aspekten ist kaum noch etwas hinzuzufügen; zum vermeintlichen Vorteil der frühen Bildung in Krippen gibt es jedoch aus anderen Wissenschaftsbereichen gegenteilige Erkenntnisse:

Da die Gehirnentwicklung in den ersten zwei Jahren vornehmlich über biologische Antriebe vorangetrieben wird, bedarf es keiner Bildungsanstrengungen, sondern ausschließlich eines bindungssicheren Raums.

Stress und Unsicherheit verhindern das Ausleben dieser Antriebe. Das Gleiche gilt für das vermeintlich soziale Verhalten, das von den unter Zweijährigen weitgehend über den phylogenetisch alten Mechanismus der Gefühlsansteckung gezeigt wird und erst zwischen zwei und drei Jahren zu bewusstem, sozialem Handeln führt.

von Erika Butzmann

Über die Buchautorin: Silvia Cramerotti-Landgraf

Jahrgang 1986, absolvierte das Studium der Sprachwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie das Studium der Psychologie an der International Psychoanalytic University in Berlin. Sie ist Psychologische Psychotherapeutin (Psychoanalyse und Tiefenpsychologie) in Ausbildung der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie in München.