Kindliche Liebe - Foto © iStock Firma VViele Kinder lieben im Kindesalter andere Kinder. Heiß und innig. Drei Beispiele:

Es ist Sommer. Die Eltern des vierjährigen Sohnes haben dessen engsten Freund eingeladen, bei ihnen zu übernachten. Morgens um 5.00 Uhr werden sie wach. Sie hören Stimmen. Sie eilen in das Wohnzimmer, von dem aus ein Balkon zur Straße hinausgeht. Dort stehen die beiden Jungs, Hand in Hand haltend, und unterhalten sich darüber, was sie auf der Straße sehen, zeigen hierhin, zeigen dorthin, gut gelaunt und freudestrahlend.

Ein Mädchen in der Grundschule hat einen Freund. Dieser Freund bemüht sich rührend um sie. Er trägt ihr immer die Schultasche, holt sie vom Bus ab und begleitet sie dann, die Schultasche tragend, bis in den Klassenraum.

Xaver und Britta sind beide behindert. Sie besuchen beide einen Kindergarten. Britta ist ein halbes Jahr älter als Xaver und hat ihn liebevoll „unter ihre Fittiche“ genommen. Sie schaut ihn immer wieder verliebt an und hält seine Hand. Die beiden verbringen die meiste Zeit im Kindergarten, Hand in Hand. Britta hilft und unterstützt Xaver, wenn er bei irgendwelchen Tätigkeiten nicht weiterkommt oder keine Orientierung findet. Ihre Beziehung kann man nur als innig bezeichnen.

Die Liebe zwischen Kindern ist oft tief. Viele entwickeln Freundschaften, doch bei manchen geht es viel tiefer. Das ist wichtig zu wissen und ernst zu nehmen. Wir Erwachsene, ob als Erzieher:innen, Lehrer:innen, Eltern oder in anderen Rollen, sollten diese Liebe nicht belächeln, sondern würdigen.

Der größte Liebeskiller ist die Beschämung.

Der Junge, der seiner Freundin in der Schule immer die Schultasche trug, hörte damit auf, als er zunehmend von anderen Schulkamerad:innen ausgelacht wurde.

Wenn andere Menschen auf das liebevolle Verhalten zwischen Kindern nicht nur mit einem Schmunzeln reagieren, sondern die Kinder auslachen, sich über sie lustig machen, abfällige Äußerungen oder Spott von sich geben, dann führt sehr häufig die Beschämungserfahrung dazu, dass die Kinder ihrer Liebe nicht mehr trauen und sie zu verbergen versuchen. Deswegen ist es wichtig, dass wir Erwachsene solchen Beschämungsansätzen energisch entgegentreten und selbst ein Vorbild darin sind, die Kinderliebe zu würdigen.

von Udo Baer

Erstveröffentlichung: „Die Liebe zwischen Kindern“, Semnos I Pädagogisches Institut Berlin (PIB), 15.März 2024

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