Erziehung ist Vorbild und Liebe - Foto iStock©LaoshiFast jeder kennt den Namen Pestalozzi. Fast in jeder Stadt gibt es eine Pestalozzi-Straße. Aber wer weiß, was für ein großartiges Geschenk er uns gemacht hat? Er hat in lebenslanger Bemühung einen Bildungsweg entwickelt und erprobt, der die Menschheit schrittweise in eine schöpferische, solidarische, verstehende und liebende Spezies verwandeln könnte. Wenn sie sein Geschenk annähme …

Der Verhaltens- und Sozialwissenschaftler, Bestsellerautor, Familien- und Kommunikationsberater Jan-Uwe Rogge zitiert gern den Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746 bist 1827): „Erziehung ist Vorbild und Liebe, sonst nichts“ und er fügt in einem seiner Vorträge hinzu: „Die Kommunikation sei schon immer ein Thema in der Erziehung gewesen, schon vor 200 Jahren habe Pestalozzi drei Regeln aufgestellt, die bis heute gültig seien:

Eltern müssen Kinder ansehen, wenn sie mit ihnen sprechen, sie sollten das Kind anfassen, ihm Nähe geben und kurz und klar sprechen.

Auch das Wort „nein“ sei für Kinder wichtig betont Rogge, auch wenn sie es selbst benutzen. Wenn Kinder „nein“ sagen, heiße das meist, dass sie ein Mitspracherecht wollen. Eltern sollten ihren Nachwuchs also in kleinen Dingen einfach mal mitbestimmen lassen. „Wenn Kinder sich verstanden fühlen, dann bekommt man einen Zugang zu ihnen.“

Das Leben und Wirken von Johann Heinrich Pestalozzi

Erziehung ist Vorbild und Liebe - Bildquelle Michel Soëtard, Johann Heinrich Pestalozzi, Schweizer Verlagshaus Zürich 1987, S. 68Heinrich Pestalozzi wies schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als einer der ersten auf die große Bedeutung der Bindung zwischen Mutter und Kleinkind hin. Diese Bindung gibt dem Kind die Geborgenheit, die es braucht für sein geistiges Erwachen. Er schrieb: „Das Kind kennt den Fußtritt der Mutter, es lächelt ihrem Schatten. Wer ihr gleicht, den liebt es. (…) Es lächelt der Gestalt seiner Mutter, es lächelt der Menschengestalt; wer der Mutter lieb ist, der ist ihm auch lieb; wer der Mutter in die Arme fällt, dem fällt es auch in die Arme; wer die Mutter küsst, den küsst es auch. Der Keim der Menschenliebe, der Keim der Bruderliebe ist in ihm entfaltet.“ (Es versteht sich, dass hier auch der Vater mitgemeint ist, wenn er sich pflegend und verantwortlich um das Kind kümmert.)

Pestalozzi erkannte, dass echte Bildungsbemühung vom einzelnen Kind ausgehen und ihm ganz individuell für sein Leben helfen muss. Er sagte: „Ich vergleiche nie ein Kind mit dem andern, sondern jedes nur mit ihm selbst.“ Wenn dieser Satz ernst genommen würde, müsste das ganze Berechtigungswesen (Prüfungen, Noten, Leistungsvergleiche) aus unseren Schulen verbannt werden. Die Folge wäre eine freudvolle Schule, in der Kinder aus Sachinteresse lernen, üben und forschen, statt unter Leistungsdruck und Prüfungsangst zu leiden.

Die wichtigste Erkenntnis Pestalozzis ist aber, dass alle fachliche Ausbildung nur die Basis bildet für das eigentliche Ziel: die Bildung zu Menschlichkeit. Pestalozzi nannte sie „sehende Liebe“ – im Gegensatz zu blinder Liebe und Egoismus. Der Mensch soll nicht nur intellektuell und handwerklich gefördert werden, sondern in seiner Gemeinschafts- und Liebeskraft.
Das wäre Balsam für unsere hart gewordene Gesellschaft, wo nur noch die Durchsetzung der eigenen Interessen von Bedeutung zu sein scheint.

von Hans Peter Scheier

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Rezension

Pestilenz! Roman über das Leben und Wirken von Johann Heinrich Pestalozzi, Hans Peter Scheier, Syngeneia Verlag

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