Kindheitsverlust - Die Kraft eines einzigen „Du“ - iStock © JuanmoninoEin Kind blickt aus dem Fenster. Es wartet.
Die Mutter kommt nicht zurück.

Für den vierjährigen Martin Buber wird dieser Moment zu einer Erfahrung, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Seine Eltern trennen sich, die Mutter geht – und der kleine Martin leidet entsetzlich. Später schreibt Buber immer wieder darüber, dass er diesen Verlust nie ganz verwunden habe und wie tief ihn dieses frühe Verlassenwerden geprägt hat.

Vielleicht liegt hier einer der verborgenen Ursprünge für seine teils als genial eingestuften Arbeiten zur Zwischenmenschlichkeit.

Begegnung als Ursprung des Ich

Martin Buber (1878-1965) gilt als einer der bedeutendsten Humanphilosophen des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum seines Denkens steht die zwischenmenschliche Begegnung. Begegnung sah er als grundlegend für menschliche Identität, das Leben selbst vor allem als Ansammlung von Begegnungen. Für ihn entsteht das menschliche Selbst nicht im isolierten Nachdenken über sich selbst, sondern im Gegenüber.

Sein berühmter Satz lautet:

„Der Mensch wird am Du zum Ich.“

Damit antwortet er gewissermaßen auf den Gedanken von René Descartes (1596–1650):

„Ich denke, also bin ich.“

Buber verschiebt den Blick: Nicht das Denken macht uns zu dem, was wir sind, sondern die Beziehung.

Man könnte seinen Gedanken auch so zusammenfassen:

Du bist – also bin ich.

Die verletzliche Seite des Gedankens

Doch dieser Satz hat auch eine verletzliche Rückseite. Wenn das „Du“ fehlt, gerät auch das eigene Sein ins Wanken.

Kehrt man den Satz um, kommt er der Vernichtung nahe:

Wenn du nicht bist, kann ich nicht sein.

Für Buber war dieses fehlende „Du“ lange mit der verlorenen Mutter verbunden. In autobiografischen Texten beschreibt er, wie sehr er in seinem Leben nach diesem Gegenüber gesucht habe.

Wenn eine Wunde zur Triebkraft wird

Man könnte erwarten, dass ein Mensch an einer solchen Kindheitswunde zerbricht. Doch Buber ging einen anderen Weg. Er litt und zugleich verwandelte er sein Leiden in eine Quelle seines Denkens.

Der Versuch, sich selbst in seinem Mutterverlust zu verstehen, und die Suche nach dem „Du“, nach echter Begegnung, wurden zur Triebkraft seines philosophischen Lebenswerks.

So entstand ein tiefes Nachdenken über Beziehung und Menschlichkeit.

Indem Buber versuchte, seine eigene Erfahrung zu verstehen, entwickelte er ein Wissen über Begegnung, das bis heute viele Menschen berührt.

Die heilende Kraft einer einzigen Begegnung

Später formulierte er einen bemerkenswert hoffnungsvollen Gedanken:
Nur eine gute Begegnung reiche, um vergangene Begegnungen zu kompensieren. Auch in seinem eigenen Leben fand Buber schließlich ein solches „heilsames Du“ in der Beziehung zu seiner Partnerin.
Viele Menschen mit belastenden Kindheitserfahrungen berichten rückblickend Ähnliches:

  • von der einen Lehrerin, die um sie wusste
  • von dem Trainer, der einfach da war
  • oder von der Nachbarin, zu der man in die warme Stube durfte und sogar ein Brot bekam

Manchmal reicht ein einziger Mensch, der einem wirklich begegnet.

Ein einziges „Du“, das sagt: Du bist – also darf auch ich sein.

von Waltraud Barnowski-Geiser

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