Kinder verstehen alles, was ihnen wiederfährt, als eine direkte Antwort auf ihr Verhalten. Wenn also ein Kind in seiner frühen Kindheit Vernachlässigung oder Gewalt erfahren hat, glaubt es, dass sein Verhalten diese Reaktion der Erwachsenen hervorgerufen hat.
Als neue Eltern ist es wichtig, dem Kind jetzt nicht das Gefühl zu geben, dass mit ihm etwas nicht stimmt oder dass es „repariert“ werden muss. Kinder brauchen die Erfahrung, angenommen zu werden, so wie sie sind. Wenn sie sich bedingungslos geliebt fühlen und ihnen mit Wärme und Wertschätzung begegnet wird, entsteht Raum für Entwicklung, Veränderung und Heilung. Um dies zu tun, ist es wichtig, sich über Bindung und Trauma zu informieren. Die Bindungstheorie hilft uns zu verstehen, warum Kinder in bestimmten Weisen auf ihre Erfahrungen reagieren und wie Fürsorge, Sicherheit und emotionale Nähe ihr Verhalten und Erleben prägen.
Ein kurzer Blick auf die Bindungstheorie
Die Bindungstheorie beschreibt, wie sehr Kinder in den ersten Lebensjahren auf verlässliche Nähe, Schutz und emotionale Zuwendung angewiesen sind. Aus diesen frühen Erfahrungen entwickeln sie ein inneres Verständnis dafür, ob die Welt sicher ist und ob ihre Bedürfnisse gehört und erfüllt werden. Dieses Grundverständnis prägt, wie Kinder mit Stress, Beziehungen und neuen Situationen umgehen.
Wenn Nähe und Sicherheit früh fehlen oder unberechenbar sind, beeinflusst dies die emotionale und kognitive Entwicklung eines Kindes.
Bindungsstile entstehen aus den frühen Erfahrungen eines Kindes mit seinen engsten Bezugspersonen und prägen, wie sicher oder unsicher sich Nähe anfühlt. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen einer sicheren und einer unsicheren Bindung. Die unsichere Bindung kann drei Formen annehmen, die sich darin unterscheiden, ob Kinder Nähe vermeiden, exzessiv suchen oder widersprüchlich und chaotisch darauf reagieren.
Was versteht man unter frühkindlichem Bindungstrauma?
Für ein Kind ist die Trennung von der primären Bezugsperson ein angeborener Hinweis auf Gefahr, der zur Auslösung seines Bindungssystems führt. Diese Aktivierung ruft je nach Bindungsstil Verhaltensänderungen hervor. Da Bindungsstile erlernt und nicht angeboren sind, entwickeln Kinder, die in einer Einrichtung leben, in der eine primäre Bezugsperson nicht verfügbar, abwesend oder abweisend ist, sehr häufig einen unsicheren Bindungsstil. Auch wenn sich die entsprechenden Betreuungspersonen viel Mühe geben, den Kindern gerecht zu werden, kann auf die Bedürfnisse, vor allem die emotionalen Bedürfnisse, eines Kleinstkindes nicht in dem Maße eingegangen werden, wie es seine eigene primäre Bezugsperson kann. Ähnlich kann frühkindliches Bindungstrauma auch entstehen, wenn die primären Bezugspersonen des Kindes, die leiblichen Eltern, in wichtigen Phasen emotional instabil, abweisend, überfordert oder gar missbräuchlich waren.
Welche Symptome können auftreten?
Da ein Kind seine erste Erfahrung mit seiner Bezugsperson generalisiert, kann es je nachdem, wie alt das Kind ist, nach seiner Adoption in eine liebevolle Familie trotzdem Protest oder Zurückweisung zeigen. Das kann neue Adoptiveltern ratlos und verletzt zurücklassen. Viele Adoptiveltern erzählen, dass sich das Zusammenleben anfangs eher anstrengend als verbindend anfühlt.
An dieser Stelle ist es wichtig zu verstehen, dass Kinder, die einen schweren Verlust und eine Trennung erlebt haben, intensive Trauer empfinden können. Es gibt Studien, die belegen, dass Kinder in Kinderheimen und Pflegefamilien mehr als doppelt so häufig Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung aufweisen wie Kriegsveteranen.
Viele Adoptiveltern erwarten, dass eine behütete Umgebung und ein liebevoller Umgang ausreichen, um eine sichere Bindung zu ihrem Adoptivkind aufzubauen. Unabhängig davon, wie motiviert Adoptiveltern sind, sind viele neue Eltern oft nicht darauf vorbereitet, dass ihr Adoptivkind mit tieferen emotionalen und Verhaltensproblemen in ihre Familie kommen kann. Diese entstehen häufig durch Trennung, Verlust und Unbeständigkeit in den ersten Lebensjahren.
Während die meisten adoptierten Kinder gut angepasst sind und keine psychischen Probleme aufweisen, zeigen adoptierte Kinder im Vergleich zu nicht adoptierten Kindern dennoch proportional häufiger Verhaltensprobleme. Diese Verhaltensprobleme können unter anderem sein:
- Schlafstörungen
- Mangelnder Augenkontakt
- Wahllose Zuneigung gegenüber Fremden
- Mangelnde Zuneigung zu Hause
- Provokation
Adoptivkinder mit einer Vorgeschichte von zwischenmenschlichem Trauma reagieren überempfindlich auf die Versuche der Eltern, auf gewohnte Weise eine Beziehung aufzubauen und Disziplin zu vermitteln, was dazu führen kann, dass sich die Adoptivkinder bedroht fühlen oder ängstlich werden. Wenn die Adoptiv- oder Pflegeeltern nicht ausreichend informiert und vorbereitet sind, kann dies zu einer Unterbrechung oder Beendigung der Unterbringung führen, was die Bindungsfähigkeit des Kindes noch weiter beeinträchtigt.
Welche Bedürfnisse haben Kinder mit frühkindlichem Bindungstrauma?
Bei einer warmherzigen, einfühlsamen und aufmerksamen Erziehung gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich in der Adoptiveltern-Adoptivkind-Beziehung eine unsichere Bindung entwickelt.
Mit einer sofortigen, offenen und ehrlichen Kommunikation, gepaart mit gemeinsamen positiven Erlebnissen, werden kontinuierlich sehr hohe Erfolgszahlen berichtet, die zeigen, dass sich sehr gut eine harmonische, gesunde Bindung innerhalb der neuen Familie entwickeln kann.
Nicht nur der Umgang mit ihrem Adoptivkind, sondern auch das Verhältnis, das die Adoptiveltern zu sich selbst haben, sind ausschlaggebend für eine erfolgreiche Bindung. Mitgefühl und Verständnis für die eigene Überforderung, die Probleme oder ungewollten Gedanken haben eine kardinale Auswirkung auf die Atmosphäre in ihrem Zuhause. Eltern, die Mitgefühl für ihre eigenen Schwächen und Mängel haben, können ihren Adoptivkindern dasselbe Mitgefühl entgegenbringen. Die Entwicklung und Stärkung ihres Selbstvertrauens, ihrer Emotionsregulierung und gesunder Bewältigungsmechanismen helfen Eltern dabei, ihren Adoptivkindern Verständnis und Freundlichkeit entgegenzubringen.
Viele erfolgreiche Studien zeigen, dass die Eltern im Fokus der Intervention stehen sollten. Das basiert auf der Erkenntnis, dass Eltern im Mittelpunkt des Lebens ihres Kindes stehen, was ihnen einen größeren Einfluss gibt, als ein Therapeut ihn haben kann.
Aktuelle Forschungsergebnisse sprechen dafür, von Interventionsprogrammen, die sich auf die Untersuchung der individuellen Merkmale eines Kindes konzentrieren, zu beziehungsorientierten Interventionen überzugehen. Sie zeigen, dass eine Verbesserung der Beziehung zwischen Kind und Betreuungsperson die körperliche, emotionale, soziale und geistige Entwicklung von gefährdeten Kindern fördert. Dies passiert am besten durch gemeinsames Spiel.
Spiel- und Bindungsaktivitäten zu Hause
Bevor ein Spiel beginnen kann, lohnt es sich zu beobachten, womit sich das Kind wohl fühlt und womit es vorsichtig oder gar vermeidend ist. Manche Kinder fühlen sich anfangs sehr unwohl mit körperlichem Kontakt, während andere ihn suchen. Beobachten Sie zum Beispiel:
- Reagiert das Kind empfindlich auf Geräusche oder bestimmte Reize?
- Ist es bei schnellen oder unvorhergesehenen Bewegungen der Erwachsenen verunsichert?
- Meidet oder sucht das Kind Blickkontakt mit den Erwachsenen oder anderen Kindern?
Diese Beobachtungen zeigen den Eltern, unter welchen Bedingungen sich das Kind entspannen und auf das Spielen einlassen kann. Wenn die neuen Eltern dann bemerkt und verstanden haben, welche Umgebung und welchen Umgang ihr Adoptivkind sucht, kann das Spielen beginnen. Einer der wichtigsten Aspekte dieses Ansatzes ist, dass sich das Kind im Zentrum des Spiels befindet. Das Kind darf entscheiden
- womit gespielt wird,
- wie lange gespielt wird,
- welche Regeln aufgestellt werden.
Eine wichtige Erinnerung an dieser Stelle: Wenn das Kind zufrieden ist, nicht unterbrechen. Nicht das Spiel kommentieren. Nur den friedlichen Moment halten.
Beim Spielen zeigt das Kind den Eltern sehr viel über seine Gefühlswelt, seine Erfahrungen und seine Sicht auf sein Leben.
Beobachten Sie zum Beispiel:
- Was für eine Konversation haben die Puppen?
- Was wird mit Lego gebaut?
- Wo fahren die Autos hin? Haben die Autos Unfälle?
- Was malt das Kind? Welche Emotionen und Situationen sind auf dem Bild dargestellt?
Während man den verständlichen Instinkt hat, dem Kind jegliche weitere negative Erfahrung zu ersparen, ist es doch sehr wichtig, dass das Kind, wenn es es möchte, altersgerechte Risiken eingehen darf. Schwierige Situationen eigenständig zu meistern, hilft Kindern Selbstbewusstsein aufzubauen. Vor allem einem Kind, das durch angsteinflößende Erfahrungen sehr unsicher ist, hilft dies besonders.
Wenn ein Kind dafür offen ist oder aktiv Nähe sucht, sollte diese immer gegeben werden, und zwar so, wie das Kind sie braucht. Umarmungen können angeboten werden, besonders in Momenten von Traurigkeit, sollten aber niemals ungefragt erfolgen.
Viele Kinder mit Bindungstrauma haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Grenzen nicht respektiert wurden.
Umso wichtiger ist es, ihnen zu zeigen, dass ihre Signale zählen. Nähe darf sich sicher anfühlen, freiwillig sein und dem Tempo des Kindes folgen.
Ausblick
Frühkindliches Bindungstrauma zeigt, wie verletzlich Kinder sind, aber es bedeutet keineswegs, dass ihre Entwicklung festgelegt ist. Kinder, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, tragen Spuren in sich, doch sie können durch ein liebevolles, geduldiges und verständnisvolles Umfeld Vertrauen, Sicherheit und emotionale Stabilität aufbauen.
Eltern haben die Möglichkeit, durch beständige Fürsorge, Wärme und achtsame Präsenz den Weg für Bindung, Selbstvertrauen und gesunde Beziehungen zu ebnen. Jede Erfahrung, in der das Kind spürt, dass seine Signale wahrgenommen und respektiert werden, unterstützt seine Entwicklung und stärkt die Beziehung zwischen dem neuen Kind und seinen Adoptiveltern.
von Georgina Ries
Quellen
