Vor sechs Jahren hat meine Frau unseren Sohn zur Welt gebracht. Wenige Tage nach der Geburt habe ich bei meinem Arbeitgeber einen Antrag auf Elternzeit für anderthalb Jahre gestellt. Eigentlich wollten wir alles teilen, die Betreuung unseres Sohnes, die Hausarbeit und die Erwerbsarbeit. Aufgrund eines Angebots für eine neue berufliche Position, das meine Frau wenige Monate vor der Geburt bekommen hatte, kam es jedoch anders. Und ich fand mich als Hausmann wieder, meine Frau sich als Alleinverdienerin. Natürlich wusste ich nicht, worauf ich mich eingelassen hatte. Den ganzen Tag mit einem Kind zu verbringen, das vollends auf einen angewiesen ist, hinterlässt tiefe Spuren im psychischen Bau. Die Räume der Innerlichkeit schrumpfen. Das Gefühl für die eigene Geschichte lässt nach. Vergangenheit und Zukunft werden undeutlicher.

Gefühl kennt keine Sprache

In den ersten sechs Monaten haben meine Frau und ich versucht, möglichst viel gemeinsam zu machen. Danach ist meine Frau wieder in ihren Beruf zurückgekehrt, und ich habe die Tage allein mit unserem Sohn verbracht. In dieser Zeit kam mir alles sehr gegenwärtig vor. Im beruflichen Alltag gibt es Termine und Projekte, vieles wird über einen langen Zeitraum hin geplant. Jetzt gab es immer etwas zu tun, das keinen Aufschub duldete, das meine Absicht, was ich als nächstes tun wollte, durchkreuzte. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, nur meine eigene Perspektive zu haben. Manchmal kam es vor, dass ich von mir selbst in der dritten Person sprach, als wäre mir mein eigenes Ich abhandengekommen. Während sich die Stunden am Tag dehnten, wurden die Nächte kürzer. Unter der Woche stand ich nachts auf, an den Wochenenden meine Frau. An vielen Abenden war ich derart erschöpft, dass ich bei Licht einschlief. Das Buch, das ich lesen wollte, musste ich oft erneut auf der ersten Seite aufschlagen. Das Wichtigste war, am nächsten Tag wieder da sein zu können für unseren Sohn.

Auch wenn die Tage fast immer voller Erlebnisse waren, fiel es mir schwer, abends meiner Frau davon zu berichten.

Für vieles fehlte mir die Sprache, das meiste ließ sich lange nicht so spannend erzählen, wie ich es erlebt hatte. Jahrelang waren meine Rückblicke auf den Tag durch die berufliche Sicht geprägt. Nun musste ich erfahren, dass das Ich, das sich in der Welt behauptet, das bestätigt und anerkannt werden will, nur wenig mit einem Ich gemeinsam hat, das sich ganz der Sorge um ein Kind widmet.

Das Ich in der Familie

Obwohl diese Erfahrung vor allem von Frauen seit vielen Generationen gemacht wird, kommt sie in den vorherrschenden Bildern, die wir von unserem Selbst haben, kaum vor. Wir haben Erlebnisse, treffen Entscheidungen, streiten uns, sind leidenschaftlich, wollen erfolgreich sein, verlieben uns, haben Freunde, sind enttäuscht und niedergeschlagen, aber die Sorge um ein Kind und die Bereitschaft, das eigene Wohl für ein anderes Wohl zurückzustellen, hat nur wenige Spuren in den Auffassungen darüber hinterlassen, was unser Selbst eigentlich ausmacht. Die überwiegend männlichen Autoren, die in den letzten Jahrhunderten die Räume unserer Innerlichkeit philosophisch erkundet haben, hatten in der Regel keine Erfahrung mit der Sorge um ein Kind. Und in den selteneren Fällen, in denen Frauen die Möglichkeit hatten, ihre Sicht philosophisch darzulegen, handelte es sich zumeist um Frauen, die selbst keine Kinder hatten.

Das philosophische Vokabular, mit denen das moderne Ich erfasst wird, ist bis in unsere Gegenwart hinein weitgehend unberührt geblieben von den Bindungen zwischen Eltern und Kindern.

Es ist viel über die Freiheit des Ichs geschrieben worden, über seine Fähigkeit, sich im Denken und Handeln selbst zu bestimmen, über sein Bedürfnis nach Anerkennung und sein Bestreben, sich selbst zu verwirklichen. Häufig steht die Selbstbeziehung im Vordergrund, die das Ich ausmacht, und die Frage, was diese für sein Tun, sein Erleben, sein Glück und seine Einsamkeit bedeutet. Obwohl die Familie im Leben der meisten Menschen eine wichtige Rolle spielt, finden sich in der philosophischen Tradition nur wenige Betrachtungen, in denen die Familie und ihre Bindungen ein wesentliches Thema darstellen. Für die meisten Philosophen beginnt der Raum des intellektuellen Austauschs und der politischen Auseinandersetzung erst dort, wo die Familie aufhört.

Die öffentliche Wahrnehmung macht den Unterschied

Zum Ende meiner anderthalbjährigen Elternzeit habe ich einen Essay für eine Zeitung verfasst. Darin habe ich zu beschreiben versucht, wie das Zusammensein mit unserem Sohn meine Sicht auf viele Dinge verändert hat. Zu dieser Zeit wurde intensiv über die Familie und ihre Zukunft gestritten. Aber die Sicht der Familie, ihre Erfahrungen und ihre Bedürfnisse spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle. Deshalb war mein Essay sowohl persönlich als auch politisch ausgerichtet. Im Unterschied zu mir hat der verantwortliche Redakteur sofort verstanden, dass der Essay vor allem im Zusammenhang der Diskussion über die neuen Väter auf Interesse stoßen würde. Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass die Entscheidung, die meine Frau und ich gemeinsam getroffen hatten, immer noch eine ziemliche Ausnahme darstellte. Bei den meisten Paaren ist es genau umgekehrt. Die Frau setzt in der Regel deutlich länger aus. Und der Mann nimmt, wenn überhaupt, die gesetzliche Mindestzeit, um Elterngeld beziehen zu können. Oft sind dann beide gleichzeitig zu Hause oder machen eine längere Reise, was dazu führt, dass der Mann nie alleine die Verantwortung trägt und daher vieles nicht lernen wird. Erst als ich Anfragen bekam, vor Auszubildenden zu sprechen, die demnächst Eltern-Kind-Kurse leiten sollten, an denen inzwischen auch Väter teilnahmen, wurde mir deutlich, wie untypisch mein eigener Fall war und dass ich einen Väter-Essay geschrieben hatte. Dabei war mein eigentliches Anliegen ein anderes.

Vom Wert der Wertschätzung

Meine Frau und ich hatten für über ein Jahr die traditionellen Rollen eingenommen, nur umgekehrt. Das war ungewöhnlicher, als wir dachten. Zumal meine Frau in dieser Zeit viel arbeiten musste und ich sie zu entlasten versuchte, indem ich neben der Betreuung unseres Sohnes auch die gesamte Hausarbeit übernahm. Mein Respekt vor Hausfrauen und Hausmännern, die in der Diskussion über die Familie oft verächtlich gemacht werden, ist seitdem enorm gestiegen. Daher richtete sich mein Essay gar nicht in erster Linie an andere Väter. Es ging mir vor allem darum, für die erheblichen Leistungen, die Mütter und Väter zu Hause jeden Tag erbringen, mehr Wertschätzung einzufordern. Wie viele andere Väter und Mütter auch wollte ich vor allem Anerkennung für das, was ich tagtäglich tat.

Ein befruchtender Perspektivwechsel

Die Resonanz auf meinen Essay hat mich sehr überrascht und natürlich auch gefreut. Ich habe noch nie so viele Nachrichten von mir unbekannten Menschen bekommen, die mir ihre Geschichten erzählt und unbefangen von ihren Erfahrungen berichtet haben. Dabei handelte es sich überwiegend um Frauen. Die meisten erkannten sich in meinen Schilderungen wieder und bestärkten mich in meinen Forderungen. Von einigen Nachrichten fühlte ich mich beschämt. Sie stammten von Müttern, die mehr als ein Kind zur Welt gebracht und aufgezogen hatten, und handelten von dem tiefen Glück, das sie dadurch erleben durften. Während ich nur ein paar Monate in ihrer Welt gelebt hatte, hatten sie die anstrengende Arbeit des Haushalts und der Kindererziehung schon seit vielen Jahren geleistet. Auch sie hatten den Eindruck, mit der Entscheidung, für ihre Kinder da zu sein, auf immer weniger Akzeptanz zu stoßen. Auch sie fühlten sich allein gelassen und waren der Meinung, dass ihre Leistungen nicht ausreichend gewürdigt wurden. Beim Lesen ihrer Nachrichten merkte ich, wie sehr ich mich mit diesen Frauen identifizierte, deren Erfahrungen kaum wahrgenommen wurden und die auch in der Frauenbewegung nur wenig Unterstützung gefunden hatten. Und auf einmal hatte ich den Verdacht, meinen Essay insgeheim für die geschrieben zu haben, die sich für ein Leben im Haus mit Kindern entschieden hatten, egal ob es sich dabei nun um Frauen oder Männer handelt.

Väterliche Fürsorge verändert das Zusammenleben

Dass aus dem Essay schließlich ein Buch wurde, hängt zweifellos damit zusammen, dass es nach wie vor immer noch nicht sehr viele Väter gibt, die sich umfassend der Sorge um ihre Kinder widmen. Trotz aller Neuerungen, die der Feminismus in den letzten Jahrzehnten herbeigeführt hat, ist die Familienarbeit häufig immer noch sehr traditionell aufgeteilt. Und dennoch gehört die aktive Vaterschaft laut der International Labour Organization, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, vermutlich zu den wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen des 21. Jahrhunderts. Dieser Wandel betrifft allerdings nicht nur die Beziehungen innerhalb der Familie. Dass Väter zunehmend Anteil an der Fürsorge haben, wird über die neu gestifteten Beziehungen hinaus auch deutliche gesellschaftliche Auswirkungen haben, die unser Zusammenleben insgesamt betreffen.

Wenn immer mehr Väter und Mütter die Erfahrungen, die sie zu Hause machen, mit in die berufliche und politische Welt nehmen, wird sich diese Welt verändern.

Denn das Familienleben und die politische Demokratie hängen weit enger zusammen, als uns das gewöhnlich bewusst ist.

Vom Widerspruch der Grundwerte

Demokratie bedeutet, die Macht zu teilen. Nicht einer soll herrschen, auch nicht mehrere, sondern alle. Das gilt ebenso für das Gemeinwesen wie für die Familie. In der patriarchalen Familie herrscht nur einer. Alle anderen haben sich unterzuordnen und sollen gehorchen. Eine unumschränkte Alleinherrschaft, die den Bürgern ihre politische Freiheit nimmt, galt den antiken Philosophen als verwerflich, als tyrannís. Für die Familie wurde sie von denselben Philosophen jedoch gefordert. Zur politischen Freiheit gehört es, sich selbst bestimmen zu dürfen. Nur wenn das für jeden Bürger gewährleistet ist, geht die Macht vom Volk aus, vom dẽmos. Im Unterschied zu allen anderen Formen der politischen Herrschaft versteht sich die Demokratie als die einzige, in der die Ausübung der Macht an die Zustimmung und die Teilhabe der Unterworfenen gebunden ist. In der antiken Demokratie wurde das durch große Versammlungen sichergestellt, in der jeder männliche Bürger das Recht zur Rede und zur Abstimmung hatte. In der Familie dagegen hatte nur einer das Recht, die Entscheidungen für alle zu treffen. Eine Versammlung wurde nicht abgehalten. In der direkten Demokratie der Antike sollte die Selbständigkeit jedes einzelnen Bürgers zur Geltung kommen. Die häuslichen Bedingungen dieser Selbständigkeit bestanden dabei in der patriarchalen Alleinherrschaft. Das Recht, in der Versammlung öffentlich reden zu dürfen, und die Macht, zu Hause im Privaten das Sagen zu haben, waren unmittelbar aneinander gebunden.

Teilhabe am öffentlichen Raum bedeutet zugleich Mitsprache im privaten Haus

Auch in der repräsentativen Demokratie soll das Volk über sich selbst herrschen. Die Regierung wird von den Bürgern gewählt und soll ihren mehrheitlichen Willen zum Ausdruck bringen. Aber selbst die, deren Meinung nicht mit der Mehrheit übereinstimmt, sollen die gewählte Regierung nicht als eine fremde Herrschaft erleben. Im Parlament sollen alle Meinungen vertreten sein, sodass sich jeder in der demokratischen Stellvertretung wiedererkennen kann. Als mögliche zukünftige Regierung hat die Opposition immer auch Anteil an der gegenwärtigen Regierung. Die Abgeordneten, die in den Wahlkreisen bestimmt werden, sollen das gesamte Volk abbilden, Männer und Frauen aus jeder Schicht und mit jedem Beruf. Als sich die Frauen das Wahlrecht erkämpft hatten und entsprechend repräsentiert wurden, ist nicht nur die demokratische Teilhabe deutlich erweitert worden. Zugleich wurde auch die Familie demokratisiert. Teilhabe am öffentlichen Raum bedeutet zugleich Mitsprache im privaten Haus. Heute stehen wir vor dem Problem, dass auch die Kinder repräsentiert werden müssen. Denn sie gehören ebenso wie die Männer und Frauen zum dẽmos. Die Demokratie lässt sich vielleicht niemals vollenden. Aber ein Wahlrecht von Geburt an wäre ein entscheidender Schritt in diese Richtung.

Die demokratische Familie umfasst alle Mitglieder

Um begreifen zu können, dass die politische Forderung nach einem Wahlrecht von Geburt an keine Nebensächlichkeit ist, sondern ins Zentrum der Demokratie führt, muss man tiefer in den historischen Zusammenhang von Familie und Politik eindringen. Denn dass Kinder zur Selbständigkeit erzogen werden, ist keineswegs selbstverständlich.

Über Jahrhunderte galt die Gehorsamkeit gegenüber der Familie als oberstes Erziehungsziel.

Nicht nur den Eltern, sondern der gesamten Verwandtschaft mit Ergebenheit zu begegnen, wurde als ein hoher Wert angesehen. Das galt gerade auch dann, wenn die Kinder erwachsen waren und längst eigene Kinder hatten. Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass die Kinder die Ansprüche ihrer Eltern erfüllten, sowohl was ihr Vermächtnis anging, als auch im Hinblick auf ihre Versorgung. Die Familie umfasste stets mehrere Generationen und bestand aus einer großen Zahl an Verwandten. Das ist auch heute noch in vielen Kulturen der Fall. Die Zugehörigkeit zur eigenen Familie, die nicht selten den einzigen Schutz und den notwendigen Unterhalt gewährt, ist dann meist stärker als die Bindung an das politische Gemeinwesen und seine Einrichtungen.

Vom ausufernden Familienklüngel

Unter solchen Bedingungen ist es schwierig, eine demokratische Politik zu etablieren und zu erhalten. Viele Versuche scheitern am Zusammenhalt großer Familien. Oft beherrschen diese selbst dann noch die Politik, wenn das Gemeinwesen bereits demokratisch verfasst ist. Wichtige Posten werden bevorzugt an Verwandte vergeben. Mitglieder der eigenen Familie werden begünstigt, wo es nur geht. Und das gilt keineswegs allein für die höheren Ebenen, sondern überall dort, wo die Beziehungen zur eigenen Familie wirksamer sind als die Regeln des Gemeinwesens. Auch in bereits länger bestehenden Demokratien gibt es nach wie vor sehr einflussreiche Familien, bei denen sich politische und finanzielle Macht bündelt. Bereits in der Antike bestand daher eine wesentliche Aufgabe der demokratischen Herrschaft darin, den politischen Einfluss großer Familien zurückzudrängen. Nicht nur gegen die tyrannís, sondern vor allem gegen die Adelsherrschaft musste sich die Demokratie durchsetzen. Damit Ämter nicht von einem Verwandten zum nächsten weitergereicht werden konnten, wurden sie durch die Ziehung von Losen zugeteilt. Das Gemeinwesen sollte nicht durch große Familien und ihre politischen Bündnisse beherrscht werden, wie das in der europäischen Erbmonarchie bis weit in die Neuzeit hinein der Fall war. Ohne die Selbständigkeit der Kinder bilden große Familien eine politische Macht aus, die nicht mit der Demokratie vereinbar ist. Die Kette von einer Generation zur nächsten zu unterbrechen, gehört zu den existenziellen Bedingungen der Demokratie.

Kinder stellen die Welt in Frage

Jedes Kind bedeutet eine Sicht auf die Welt, die es vorher noch nicht gab. Mit jeder Erfahrung und mit jedem Lernen fällen Kinder bereits ihre eigenen Urteile, viel früher, als uns das bewusst ist, schon von Geburt an. Und Kinder wollen, dass ihre Meinungen wahrgenommen werden, lange bevor sie erwachsen sind und sich in die politische Welt einbringen dürfen.

Als unser Sohn sprechen konnte, fing er auch gleich an, Fragen zu stellen. Zunächst wollte er wissen, wie die Pflanzen, die Tiere und die Dinge heißen. Wenn wir im Wald unterwegs waren, fiel mir auf, wie wenige ich von den Sträuchern und Bäumen richtig benennen konnte. In der Wohnung gingen wir zusammen alle Gegenstände durch und überlegten, ob sie aus Metall, Holz oder Plastik gemacht waren. Auf der Straße musste ich häufig das merkwürdige Verhalten von Passanten erklären. Das war nicht immer leicht. Der eigene Körper wurde wichtig, kleine Punkte auf der Haut, wohin das Gegessene verschwindet, wer einen Penis hat und wer nicht. Dann kamen die Fragen nach dem Warum. Am häufigsten fragte unser Sohn, warum Menschen schlafen müssen und meinte damit meist, warum er jetzt schon ins Bett musste. Eine Zeitlang mussten wir jeden Morgen besprechen, warum er in die Kita und wir zur Arbeit gehen müssen.

Wenn er mit der Antwort zufrieden war, gab er uns Spielzeuge mit, damit wir einen tollen Tag hatten.

Sobald Kinder in der Lage sind, einen Satz zu formulieren, sind sie auch fähig, die Welt in Frage zu stellen.

Vom Verständnis der Sprache

In der antiken Philosophie wurde der Mensch als ein politisches Lebewesen verstanden, als zọ̄on politikón. Damit war gemeint, dass wir unser Zusammenleben selbst untereinander aushandeln, dass wir diskutieren und streiten müssen. Der politische Raum kennt keine verbindliche Ordnung. Zentral für diese Auffassung ist das Verständnis der Sprache. Da alles, was ist, in der Sprache verdoppelt und verändert wird, erscheint alles auch als anders möglich. Aus diesem Grund sind politisches und sprachliches Handeln eng aneinander gebunden.

Dass der Mensch in dem Moment, in dem er als sprechendes Wesen aufgefasst wird, zugleich auch als politisches Wesen verstanden werden muss, war eine radikale Einsicht, die den Horizont ihrer eigenen Zeit überschritt.

Denn genau so, wie es den damaligen Philosophen nicht in den Sinn kam, dass es ein Recht der Frauen auf Mitsprache geben muss, fällt es uns heute schwer, Kinder als politische Wesen zu begreifen. Wenn Kinder die Welt mit ihren Fragen nach dem Warum in Frage stellen, dann bringen sie uns nicht selten in Erklärungsnot. Wir wissen oft nicht, warum sich die Dinge so verhalten und nicht anders.

Vielleicht verändert sich unsere Welt nur, weil Kinder ihren Eltern unaufhörlich Fragen stellen.

Der dẽmos erneuert sich ständig. Das ist sein Wesen. Und dennoch kommen Kinder in den demokratischen Einrichtungen kaum vor.

Im Wandel der Familienentwicklung

Jede Familie beginnt neu. Ob es sich nun um ein eigenes oder ein adoptiertes Kind handelt, eine Familie wird dadurch zur Familie, dass Erwachsene die Verantwortung für ein Kind übernehmen und für sein Wohlergehen sorgen, bis es selbst erwachsen ist und über sich bestimmen kann. Im Zentrum der Familie steht das Kind und sein zukünftiges Leben. Für uns heute klingt das selbstverständlich. Die Eltern gruppieren sich um das Kind in ihrer Mitte. Aber das war nicht immer der Fall. Früher wurden Kinder vor allem als Nachkommen angesehen. Ihre Aufgabe bestand darin, den familiären Stammbaum fortzusetzen. Kinder bildeten nicht den Anfang einer neuen Familie, sondern galten als Glied einer langen Kette von Ahnen und Urahnen. Die Familie begann nicht neu mit dem Kind, sondern gliederte sich in den über Generationen gewachsenen Zusammenhang von Verwandtschaften ein, während heute die Geburt eines Kindes zumeist die Gründung einer eigenen Familie bedeutet.

Der Weg in die Selbständigkeit

Die Selbständigkeit der Kinder hängt unmittelbar von der Selbständigkeit der Familien ab. Verdeutlichen lässt sich das am Erbrecht. Früher war oft nur der erstgeborene Sohn berechtigt, das Familienerbe anzutreten. Nur einer sollte das Sagen haben und das neue Oberhaupt der Familie werden. Die anderen Söhne mussten sich ihm unterordnen oder anderswo ihr Glück suchen. Und die Töchter, ausgestattet mit einer Mitgift, mussten sich in die Familie ihres Ehemanns einfügen. Damit sollte erreicht werden, dass der Familienbesitz erhalten blieb. Ansonsten drohte die Gefahr einer Zersplitterung des Vermögens.

Im Gegensatz dazu soll das moderne Erbrecht gerade sicherstellen, dass alle Kinder am Erbe beteiligt werden und ihre eigene Familie gründen können. Für den Fall, dass dies nicht der Wille der Erblasser war, gibt es aus diesem Grund einen Pflichtteil, der jedem Kind zusteht. Im modernen Erbrecht steht nicht das Bewahren, sondern das Ermöglichen im Vordergrund. Dass die Vermögen aufgeteilt werden, soll dabei die Anhäufung großer Besitztümer über eine lange Kette von Generationen verhindern. Denn gerade für eine Demokratie kann die ausgeprägte Ungleichheit der Vermögen zu einer Bedrohung werden. Die Demokratie besteht nicht nur einfach darin, dass mündige Bürger ihre politischen Stellvertreter wählen dürfen. Sie hat ihre Voraussetzung in einer demokratischen Familie, ohne die es keine mündigen Bürger gäbe.

Nur wenn die Familien selbständig sind, können auch die Kinder zur Selbständigkeit erzogen werden.

Jede Demokratie ist darauf angewiesen, dass die politische Diskussion nicht abbricht. Von jeder Generation muss sie erneut geführt werden. Und nur unter den Bedingungen einer demokratischen Familie ist es auch den Eltern möglich, von ihren Kinder zu lernen.

Über Sebstbeherrschung, Zuhören und Mitsprache

Es ist ein Irrtum, dass Eltern ihre Kinder erziehen. Selbstverständlich brauchen Kinder klare Regeln. Wie Erwachsene auch. Aber Erziehung findet nicht nur in eine Richtung statt. Die Familie ist eine lernende Gemeinschaft. Unser Sohn erobert sich oft Plätze in unserer Wohnung, die nicht für ihn vorgesehen waren. Auf diese Weise fordert er sein Recht zur Mitsprache bei unseren Entscheidungen ein. Wir verändern uns mit seinen Veränderungen, und ihm gefallen Dinge, die uns nicht gefallen. Er hat seinen eigenen Geschmack, seine eigenen Vorlieben und weiß oft sehr genau, wie etwas sein soll. Damit müssen wir uns auseinandersetzen, auch wenn es anstrengt. Manchmal ist es quälend, wenn unser Sohn sich weigert, etwas zu tun, was bis dahin problemlos war. Er will nicht mehr auf seinem Stuhl sitzen, er will seine Schuhe nicht mehr anziehen, er verkündet mit großem Ernst, dass er ab jetzt nicht mehr aufräumen wird. Was gestern noch gut war, ist heute schrecklich. Meistens dauert es eine Weile, bis wir verstehen, was gerade in ihm vorgeht. Oft sind wir aber auch beeindruckt, wie überzeugend uns dann seine Gründe erscheinen.

Unser Ziel ist es, ihm beizubringen, sich selbst zu beherrschen. Aber Selbstbeherrschung ist nicht das gleiche wie Disziplin, die heute wieder gefordert wird. Selbstbeherrschung heißt zu wissen, was einem gut tut und was nicht. Wir wollen, dass er in der Lage ist, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Um das zu erreichen, müssen wir ihm auch das Recht zur Mitsprache einräumen.

Im Umgang mit Kindern kann man die enormen Anstrengungen der Demokratie erlernen.

Nichts lässt sich befehlen, ohne zu schaden. Je mehr Männer und Frauen an der Familienarbeit beteiligt sind, desto deutlicher sind auch die Auswirkungen auf unser politisches Zusammenleben. Zuhören ist eine politische Tugend. Wie in der demokratischen Familie sind auch in der demokratischen Politik die Rede und die Gegenrede entscheidend.

Moderne Familien wagen Neues

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Familie sehr verändert. Die Vorherrschaft des Stammvaters, patriárchēs, ist an ihr Ende gekommen. Viele Paare sehen sich als gleichberechtigt an. Und wenn sie heiraten, tun sie das nicht mehr, um einen Besitzanspruch geltend zu machen, sondern um ein Versprechen zu festigen. Auch wenn es nicht immer gelingt, ist die Absicht, ein Leben lang zusammen zu bleiben, oft mit dem Wunsch verbunden, eine eigene Familie zu gründen. Das Institut der Ehe gibt dem einen rechtlichen Rahmen. Die älteste Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau ist dabei nicht mehr selbstverständlich: Immer mehr Väter beteiligen sich an der Familienarbeit und erschließen sich damit eine existenzielle Lebenserfahrung, zu der sie früher keinen Zugang hatten.

Die politische Demokratisierung, die in der europäischen Geschichte mit der Hinrichtung des absolutistischen Königs im Verlauf der Französischen Revolution begonnen hat, führte nicht nur zur politischen Selbstbestimmung zunächst der Männer und dann der Frauen, sie hat auch die Familien von den autoritären Figuren der Herrschaft befreit. Diese historische Unterbrechung der väterlichen Stammbäume machte es möglich, dass mit den Kindern nicht mehr die Herkunft, sondern die Zukunft in den Mittelpunkt der Familien rückte. Während in der antiken familia die Bewahrung der väterlichen Macht im Vordergrund stand, ist die moderne Familie auf die Ermöglichung neuen Lebens ausgerichtet.

Im Fokus: Die politische Repräsentation der Familie

Die Entmachtung der despotischen Väter kommt aber nicht nur den Frauen und Kindern zugute, sondern auch den Männern. Erst die demokratische Familie lässt sie Anteil an einer Gemeinschaft haben, für deren Wohlergehen die Fähigkeit zentral ist, sich in andere einfühlen zu können. Von dieser Fähigkeit lebt sowohl die familiäre als auch die politische Demokratie. Aus diesem Grund ist es wichtig, nicht nur die Familie zu demokratisieren, sondern umgekehrt auch der Familie einen gewichtigen Stellenwert in der politischen Demokratie einzuräumen.

Wer die seit langem gezogene Grenze zwischen den politischen und den häuslichen Räumen überwinden will, darf sich nicht nur für die jeweiligen Rechte der Frauen, Männer und Kinder einsetzen, sondern muss im Gegenzug auch über die politische Repräsentation der Familie nachdenken. Bei einem Wahlrecht von Geburt an nehmen die Eltern die Stimmabgabe für ihre Kinder wahr, bis diese selbst dazu in der Lage sind. Damit würde die Familie nicht nur als Grundlage des Gemeinwesens angesehen, sondern zu einer eigenständigen politischen Größe werden. Durch die Einbeziehung der Familie als Familie würde das Parlament den dẽmos umfassender abbilden, als das in der gegenwärtigen Demokratie der Fall ist. Früher wurde nur Männern der Zugang zur Politik gewährt. Heute halten wir es für selbstverständlich, dass den Frauen das gleiche Recht zusteht. Es fehlen die Kinder. Die liberale Demokratie ist eine große historische Errungenschaft. Aber es ist an der Zeit, sie weiterzuentwickeln.

von Leander Scholz

Links zum Thema

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Elterngeld und Elterngeld Plus: Nutzung durch Väter gestiegen, Aufteilung zwischen Müttern und Vätern aber noch sehr ungleich, DIW Berlin 19-35-1

Lesetipp

Jetzt bestimme ich, ich, ich!, Juli Zeh, Carlsen-Verlag

Beitrag

Die Kindheit entscheidet, Sven Fuchs

Rezension

Das verwaiste Haus, Rezension zum Buch Zusammenleben, Über Kinder und Politik, Leander Scholz, Hanser-Verlag, Berlin

Lesetipp

KINDHEIT 6.7, Michael Hüter, Edition Liberi&Mundo

Presse

Wie die Babypause Väter prägt, Joachim Retzbach, Spektrum.de, 11.10.2019 – Darin heißt es: „Aktuelle Studien aus Südkorea und den USA deuten darauf hin, dass eine Babypause tatsächlich die Lebenszufriedenheit von Vätern sowie die Zufriedenheit innerhalb der Partnerschaft verbessert und dass noch viele Jahre danach die Kinder im Durchschnitt eine bessere Bindung zu ihrem Vater haben.“