Frühe Förderung - Foto iStock © BraunS

Gisela Geist spricht in ihrem Vortrag „Frühe Förderung aus Sicht der Entwicklungspsychologie“ über ein Thema, das in der derzeitigen Gesellschaft wenig Verständnis findet, obwohl es den Grundstein für ein erfülltes Leben legt.

Cora Dechow hat sich den Vortrag angehört und fasst ihn wie folgt zusammen:

In ihrer Eigenschaft als analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin spricht Gisela Geist über die Bedeutung der familiären Betreuung der eigenen Kinder in den ersten drei Lebensjahren und über die Risiken einer außerhäuslichen Betreuung durch die Krippe, während dieser Zeit. Denn gerade die Sicherheit, welche die Nähe der Eltern dem Baby und auch dem Kleinkind geben, ermöglichen ihm auf einem sicheren Pfad die Außenwelt zu entdecken und sich auszuprobieren. Es erhält immer die Möglichkeit sich rückzuversichern und neue Gefühle mit einer vertrauten Person zu verarbeiten.

Die Bedeutung der Bindung für die Persönlichkeitsbildung

Der Vortrag fundiert auf den Erkenntnissen der klinischen Psychologie, der Entwicklungspsychologie, der Bindungsforschung und der Neurobiologie. Gisela Geist beschreibt sehr ausführlich die Entwicklung eines Babys vom ersten Lebensjahr bis hin zum Ende des dritten Lebensjahres. Diese ersten Lebensjahre eines Menschen sind demnach entscheidend für seine Empfindungen und sein Verhalten im weiteren Leben. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass eine positive Haltung gegenüber sich selbst, seinen Mitmenschen und der Welt nur durch eine positive Bindungserfahrung als eine Grunderfahrung in diesen drei Lebensjahren erlangt werden kann.

Die Bindung eines Kindes baut sich langsam pyramidenförmig auf, allerdings von oben nach unten. So geht es zunächst nur eine einzige Bindung ein, normalerweise die zu seiner Mutter. Sie ist die Hauptvertrauensperson eines Kindes. Das ist naturgemäß sehr verständlich, da sie das Kind gebärt, versorgt und beschützt. Zur Mutter-Kind-Bindung kommt idealerweise langsam der Vater hinzu.

„Die wichtigste Fürsorgeperson [sollte] möglichst liebevoll, feinfühlig und verlässlich für das Kind da sein.“ Gisela Geist

Ab ca. einem Jahr können wenige weitere Personen eine sekundäre Bindung mit dem Kind eingehen. Sie bleiben in der Rangordnung aber immer hinter der primären Beziehungsperson. Denn nur bei ihr kommt das Kind am besten zur Ruhe, kann es am besten Spannungen loslassen und kann es am besten seine Gefühle zeigen. Damit ein Kind lernt sich selbst zu regulieren, muss es erst durch seine Hauptbindungsperson lernen, wie diese es wahrnimmt, beruhigt, stillt und seine Gefühle annimmt. Trennungen verarbeitet das Kind in dieser Zeit noch mit hohem emotionalem Stress. Es ist jedoch die Zeit in der die meisten Kinder in die Krippe kommen und lange Trennungen aushalten müssen.

Im zweiten Lebensjahr sind die Kernentwicklungen die Identitäts- und Autonomieentwicklung. Das Kind erlernt seinen Selbstwert zu erkennen. So löst es sich ganz langsam aus der Sicherheit seiner Hauptbezugsperson heraus. Es braucht diese aber immer für einen stabilen Ort der Rückversicherung. Damit ein Kind sich selbst erfahren kann, sollte es sich nicht, z. B. durch einen vorgegebenen Kitalltag, anpassen müssen oder Stress ausgesetzt sein. Auch ein soziales Handeln kann von diesem Alter noch nicht erwartet werden. Erst am Ende des zweiten Lebensjahres kann das Kind besser Trennungen überbrücken, aber Vorsicht, das Gerüst ist noch instabil und Verlassenheitsängste können bei zu langer Trennung oder in ungünstigen Momenten auch jetzt noch ausgelöst werden.

Aufwachsen in der Familie mit zugewandten Eltern

Wenn Kinder mit viel Liebe und einer sicheren Bindung aufwachsen können, geht die Wissenschaft davon aus, dass sie mit ca. drei Jahren, oft aber auch erst später, bereit für eine längere Trennung sind. Auch von dem Miteinander mit anderen Kindern profitiert ein Kind dann.

Gisela Geist bringt noch ein ganz wunderbares Beispiel von der Pflanze mit an, an welcher man zieht, damit sie schneller wächst. Im schlimmsten Falle würde man die Pflanze entwurzeln. Im übertragenen Sinn auf das Kind meint sie damit:

„Je besser ein Kind verwurzelt ist, desto besser kann es sich entfalten.“

Sie schließt mit einem Fazit und appelliert: Familien sollten positiv bei der Erziehung ihres Kindes unterstützt werden, nicht in dem ihnen ausreichend Kitaplätze angeboten werden, sondern in dem auch die eigene Erziehung seines Kindes wieder Anerkennung in dieser Gesellschaft bekommt, denn diese ist anspruchsvoll. Sie ermöglicht den Kindern eine möglichst gute Entwicklung und für die Familie eine erfüllte Zeit.

von Cora Dechow

Links zum Thema

Vortrag

Frühe Förderung aus Sicht der Entwicklungspsychologie, Gisela Geist, Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, www.gute-erste-kinderjahre.de

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Empathie und soziales Verstehen, inkl. Tabelle „Entwicklung des sozialen Verhaltens und Verstehens beim 1- bis 6-jährigen Kind“, Erika Butzmann

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Mutterliebe: Luxus oder Qual?, Birgitta vom Lehn