Gekränkte Mütter - Foto Luis Galvez © unsplash „Ach hätte ich doch ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz“. So wünscht sich die Königin im Märchen Schneewittchen ihr Kind, um ihre Depression zu überwinden. Dabei ist das Kind noch nicht einmal gezeugt, aber das Bild von ihm ist bereits gezeichnet.

Sicherlich machen sich viele oder vielleicht sogar die meisten Mütter vor der Geburt ein Bild von ihrem Kind und haben Wünsche an sein Geschlecht, sein Aussehen und seine Persönlichkeit. Entspricht das Kind diesen Vorstellungen später nicht, kommt es in der Regel zu einer Kränkung.

Das Besondere an Kränkungen ist, dass wir das, was uns geschieht, persönlich und gegen uns selbst gerichtet erleben.

Eine Kränkung ist eine Reaktion auf ein Ereignis, das uns verletzt und mit einem speziellen Kränkungsgefühl aus Selbstabwertung, Infragestellung der eigenen Person, Wut, Ohnmacht, Schmerz und Trotz verbunden ist. Das Besondere an Kränkungen ist, dass wir das, was uns geschieht, persönlich und gegen uns selbst gerichtet erleben. Das ist der Unterschied zu einer Enttäuschungsreaktion, bei der wir „nur“ unsere Erwartungen und Wünsche nicht erfüllt bekommen und betrauern müssen. Bei der Kränkung sind wir persönlich involviert und haben das Gefühl, versagt zu haben, wenn unsere Vorstellungen nicht erfüllt werden. Oder wir glauben, es nicht besser verdient zu haben. In der Regel reagieren wir mit Ärger oder verarbeiten das Erlebte depressiv. Die Wut macht uns handlungsfähig, ändert jedoch an der Situation ebenso wenig wie die depressive Verstimmung.

Angst, Schmerz, Wut – ein Bündel aus Emotionen

Gekränkte Mütter - Foto iStock © bibikoffKränkungen setzen in der Regel dort an, wo wir verletzliche Stellen haben, die sogenannten wunden Punkte. Ein wunder Punkt kann sich um das Gefühl, nicht wichtig und gut zu sein, herum entwickeln. Früh erlebte Zurückweisungen und Entwertungen schädigen das Selbstwertgefühl und hinterlassen Versagensängste. Eine solche Mutter wird daher versuchen, diese Wunde durch ihr Verhalten und durch das Kind auszugleichen. Wenn das Kind so ist, wie sie es sich vorstellt, kann sie sich für eine gute und wertvolle Mutter halten, ansonsten droht das Gefühl des Versagens und es setzt eine Entwertungssalve ein: „Siehst du, nicht mal das kriegst du hin. Was für eine Frau bist du? Und du willst eine gute Mutter sein?“

Bezogen auf das Kind würde das bedeuten, dass eine gekränkte Mutter nicht nur vorübergehend enttäuscht ist, dass zum Beispiel das Mädchen kein Junge ist. Sondern sie macht ihre Liebe von dem Geschlecht des Kindes abhängig und wird dem Mädchen möglicherweise das Signal geben, dass es unerwünscht bzw. nicht richtig ist. Viele Bulimikerinnen haben mir erzählt, dass sie eigentlich ein Junge werden sollten, und litten zeitlebens unter der Schwierigkeit, sich mit ihrer Weiblichkeit auszusöhnen.

Diesen Kindern fehlte der liebende Blick, der ihnen unabhängig von Äußerlichkeiten vermittelte, liebenswert und wertvoll zu sein.

Wenn ein Kind das eigene Selbstwertgefühl steigern soll

Je geschwächter das Selbstwertgefühl, umso mehr braucht die Mutter ein „perfektes“ Kind, um ihr narzisstisches Defizit zu kompensieren. In dem Moment geht es primär nicht um das Kind, sondern um die seelische Stabilisierung der Mutter. So finden wir es auch in dem Märchen Schneewittchen, in dem das Kind die Mutter aus ihrer seelischen Notlage befreien soll. Dahinter steckt der tiefe mütterliche Wunsch, einen Menschen zu haben, der nur für sie da ist und der sich völlig auf sie bezieht. Im Zusammenhang mit einer dysfunktionalen Partnerschaft ist das Bedürfnis, Liebe und Zuwendung durch das Kind zu erfahren, natürlich besonders groß, wenn es nur unzureichend vom Partner erfüllt wird. Gerade Kinder sind ja Wesen, die bedingungslos Liebe und Anerkennung geben und damit das Selbstwertgefühl der Mutter stärken.

Dient das Kind dazu, die seelische Not der Mutter auszugleichen, gerät es in Gefahr, emotional ausgebeutet zu werden. Denn dann stehen die Bedürfnisse der Mutter vor denen des Kindes und das Kind soll sie erfüllen statt umgekehrt. Häufig ist das auch die Erfahrung, die die Mutter mit ihrer eigenen Mutter gemacht hat. Wie soll sie da dem Kind anders gegenüber handeln?

Kränken sieht nicht, hört nicht, beantwortet nicht, erkennt nicht an

Weniger folgenschwer für das Kind sind vorübergehende Kränkungsreaktionen der Mutter im Sinne einer Enttäuschung. In diesem Fall ist das Ausmaß der Gekränktheit geringer, sodass sich die Mutter dennoch liebevoll dem Kind zuwendet, unabhängig davon, ob es ihren Erwartungen entspricht oder nicht. Im besten Fall wird sie spüren, dass ihre Liebe zu dem Kind nicht von seinem Geschlecht oder seiner Äußerlichkeit abhängt und sie wird es annehmen können, wie es ist. Sie braucht das Kind nicht für ihren Seelenfrieden, sondern wird erfüllt von der Freude über sein Dasein.

Kränkungen berühren einen wunden Punkt

Gekränkte Mütter - Foto iStock © Valeriia TitarenkoKränkungen durch Kinder beziehen sich nicht nur auf Neugeborene, sondern ziehen sich durch das gesamte Leben. Sie betreffen unter anderem die Tatsache, dass das Kind sich in eine andere Richtung entwickelt, als die Mutter es für das Kind erhofft und gewünscht hat. Das betrifft die Beziehungen zu Gleichaltrigen ebenso wie Leistungsaspekte in der Schule und den Beruf. Da Eltern in der Regel den Wunsch haben, dass ihre Kinder glücklich werden und Erfolg haben, ist es verständlich, wenn sie darüber enttäuscht sind, sobald die Kinder „falsche“ Freunde haben, die Schule schmeißen oder zu wenig lernen und sich dadurch ihre Zukunftschancen verbauen. Vor allem in der Pubertät ist das Kränkungspotenzial für die Mütter besonders hoch, wenn sie von den Kindern, speziell von den Töchtern, nicht anerkannt werden. Um sich abzunabeln, muss die Tochter eine Gegenposition einnehmen, was für die Mutter dann wie eine Zurückweisung oder Entwertung wirkt.

Ich habe viele Klagen von Müttern gehört, dass sie permanent kritisiert werden aufgrund ihres Aussehens, ihrer Kleidung oder auch ihres Verhaltens. Entweder sind die Mütter zu modern und unkonventionell, oder sie sind spießig, altmodisch und verstehen null. Mütter können es ihren Töchtern in dieser Zeit nicht recht machen. Sie fühlen sich verletzt, weil sie zurückgewiesen werden und glauben, dass es an ihnen liegt, dass die Tochter sich so verhält. Es ist wichtig, dass Mütter in dieser Zeit eine gewisse Großzügigkeit und einen Eigenschutz entwickeln, der darin besteht, nicht alles persönlich zu nehmen und die Tochter in ihre Schranken zu weisen. Es ist die Kunst, zwischen gewähren lassen, verstehen und Grenzen setzen.

In dieser Zeit begegnet die Mutter sehr vielen wunden Punkten von sich selber, da die Kinder intuitiv spüren, dass sie verletzlich ist. Statt mit der Tochter in den Kampf zu gehen oder sogar die Beziehung zu ihr zu riskieren, wäre sie aufgefordert, sich mit diesen Teilen von sich auseinanderzusetzen und sie zu befrieden. Eine Beratung oder eine therapeutische Begleitung kann in so einem Fall sehr hilfreich sein. Das darf man jedoch nicht missverstehen,  dass die Mutter Schuld an dem Konflikt wäre, sondern nur, dass sie die Chance dieser konfliktreichen Zeit nutzt, um sich selber zu stärken. Dadurch macht sie sich unabhängiger von der Meinung der Tochter und kann sich mit ihr auf eine konstruktivere Auseinandersetzung einlassen.

Der Kränkung begegnen, stärkt das Selbstbewusstsein

Gekränkt zu sein ist weder ein Fehler geschweige denn eine psychische Störung, sondern eine ganz normale menschliche Reaktion auf Verletzungen von außen. Die Frage ist nur, wie die Mutter mit dieser Gekränktheit umgeht. Bleibt sie in dem Kränkungsgefühl oder schafft sie es, die Kränkung zu überwinden. Der erste Schritt dazu ist, sich die Kränkung einzugestehen und dann für sich selbst zu entscheiden, ob sie die Entwertungen der Tochter persönlich nehmen muss oder nicht. Klagt die Tochter die Mutter an: „Wie siehst du denn heute wieder aus!“ kann die Mutter entscheiden, ob diese Aussage mehr mit der Befindlichkeit der Tochter zu tun hat oder mit ihrem Outfit. Wenn sie davon überzeugt ist, gut auszusehen, dann kann sie selbstbewusst auf die Tochter reagieren:

„Wenn du was zu kritisieren hast, dann mach das bitte nicht so abwertend. Ich bin offen für Änderungsvorschläge. Allerdings muss ich dir nicht immer gefallen.“

Damit geht sie auf die Aussage der Tochter ein, vermittelt ihr aber zugleich, sich nicht verunsichern zu lassen. Auf diese Art und Weise stärkt sie ihr Selbstwertgefühl. Indem sie sich von ungerechtfertigter Kritik und Entwertungen distanziert und sich unabhängiger von der Meinung anderer macht, wird sie autonom und selbstbestimmt. Und gibt zugleich ein positives Vorbild für die Tochter ab.

von Bärbel Wardetzki

Links zum Thema

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„Nimm’s bitte nicht persönlich: Der gelassene Umgang mit Kränkungen“, Dr. Bärbel Wardetzki, Vortrag in der Reihe Wissen fürs Leben der Arbeiterkammer AK Vorarlberg

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Die Macht der Kränkung

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„Die Macht der Kränkung“, Prof. Reinhardt Haller, Vortrag in der Reihe fürs Leben lernen der Arbeiterkammer AK Vorarlberg

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Raus aus der Narzissmus-Falle – Wie Du es schaffst, narzisstische Beziehungen zu heilen und zu lösen, Bärbel Wardetzki