Interaktion und Bindung in den ersten Lebensjahren - Foto AdobeStock © Rawpixel.comWas beeinflusst die Kommunikation und den wechselseitigen Austausch von Kindern und ihren Eltern in den ersten Lebensmonaten bis zum Einschulungsalter und wie wirkt sich diese Interaktion auf die kindlichen und elterlichen Verhaltensweisen und Einstellungen in der Bindungsentwicklung aus? Im Kongress des Forums Frühe Kindheit 2021 vermittelten Wissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen wie der Bindungsforschung, der Neurobiologie, der Sprachentwicklung, der Stressforschung bis hin zu schwierigen Startbedingungen aufgrund von Erkrankungen, grundlegende Erkenntnisse. Damit leistet das Forum Frühe Kindheit in Kooperation mit der Universität Siegen eine Hilfestellung für Eltern die Mitteilungs- und Interaktionsangebote ihres Kindes von Geburt an wahrzunehmen, sie richtig zu interpretieren und angemessen darauf zu reagieren. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die Bindungsentwicklung von Kindern bedeutsam.

Forschungen zur Bindungsentwicklung wurden in der Vergangenheit und Gegenwart in Deutschland am intensivsten von Prof. Gottfried Spangler, Universität Erlangen-Nürnberg, durchgeführt, der zu Beginn des Kongresses die Rolle von sozialen Erfahrungen, dem Entwicklungskontext und der individuellen Dispositionen ausführte. Er betonte, dass der Aufbau von Bindungsbeziehungen eines Kindes zu seinen Bezugspersonen zur zentralen Entwicklungsaufgabe im Kleinkindalter gehört. Der Erfolg der Bindungsbemühungen des Kindes hängt jedoch vom Verhalten der primären Bindungsperson, i.d.R. die Mutter, ab. Kann sie auf das Bindungsverhalten (weinen, schreien, anschauen, anlächeln, Zuneigung suchen) feinfühlig eingehen, entwickelt sich eine sichere Bindungsbeziehung. Gelingt dies nicht, kann je nach Verhalten der Bindungsperson unterschiedliches, unsicheres Bindungsverhalten beim Kind entstehen:

UNSICHER-VERMEIDEND

  • Diese Kinder zeigen einen eingeschränkten Ausdruck bei der Trennung von ihrer Bindungsperson. Sie scheinen unbeeinflusst zu sein und spielen einfach weiter. Sie vermeiden Nähe und zeigen kaum wahrnehmbare Gefühle zu der Person, an die sie sich gebunden fühlen. Dennoch stresst sie die fehlende Geborgenheit und der sichere Schutz, so dass sie ihre Gefühle und Emotionen mit einem verstärkten Fokus auf die Außenwelt kompensieren, indem sie etwa den Raum erkunden und auch Kontakt zu fremden Personen suchen.

UNSICHER -AMBIVALENT

  • Die Trennung von ihrer Bindungsperson verunsichert diese Kinder dermaßen, dass sie sich wie „zwischen zwei Stühlen sitzend“ fühlen. Einerseits sind sie neugierig und möchten die Welt erkunden, andererseits zeigen sie ein ausgeprägtes Bedürfnis an Nähe. Sie laufen ihrer Bindungsperson hinterher, weinen ihr nach, lassen sich kaum beruhigen, auch nicht von ihrer Bindungsperson bei Wiedererscheinen und verweigern die Kontaktaufnahme zur Außenwelt. Sie scheinen wie Hin- und Hergerissen, ihre Gefühle fahren Karussell. Jeder kann sehen beim genauen Hinschauen: Ich bin unglücklich.

UNSICHER-DESORGANISIERT

  • Kinder, die widersprüchliche Erfahrungen mit der Bindungsperson gemacht haben, wirken hilflos, fühlen sich überwältigt und ohnmächtig. Ihre übermächtigen Ängste hemmen sie, sich in einer fremden Situation zurechtzufinden und sie zeigen dementsprechend ein bizarres Verhalten. Einerseits suchen sie die Nähe durch Nachweinen in Trennungssituationen und andererseits scheinen sie unbeeindruckt bei Wiedererscheinen ihrer Bindungsperson. Sie scheinen keine eindeutige Bindungsstrategie zu haben, um Schutz und Trost zu erhalten, und nehmen solche Situationen als Kontrollverlust wahr.

Bei einer unsicher-desorganisierten Bindung kann nach Aussage von Prof. Spangler eine genetische Disposition vorliegen, die jedoch auszugleichen ist, wenn die Bezugsperson in der Lage ist, besonders feinfühlig mit dem negativen Verhalten des Kindes umzugehen. Das gilt auch bei temperamentbedingter Irritierbarkeit des Kindes. Eine starke Ängstlichkeit der Mutter aufgrund früher Traumata kann beim Kind zu einer unsicheren Bindung führen, weil sich diese Angst über die Gefühlsansteckung auf das Kind überträgt.

Die Quelle der Angst, die sich im Gesicht einer Bindungsperson spiegelt, ist für das Kind nicht nachvollziehbar.

Starke Ausprägung unsicherer Bindungsmuster durch Misshandlung oder Verwahrlosung führen bei den Kindern unter Umständen zu Bindungsstörungen, die pathologisches Verhalten nach sich ziehen.

Stabilität von Bindung über die Lebensspanne

Wissenschaftlich fachübergreifende Einigkeit besteht darin, dass die in der frühen Kindheit entwickelte Bindungsqualität Grundlage für das weitere Leben ist. Doch wie stabil ist diese Bindung in sich verändernden Lebensphasen? Dieser Fragestellung ging Prof. Sebastian Franke von der Universität Paderborn nach und berichtete über Studien, die zeigten, dass sich ein sicheres Bindungsmuster in der Vorschulzeit durchaus verändert und er betont: „Es gibt keine geradlinige Entwicklung der Bindung.“

Die sichere Bindung bleibt nur bestehen, wenn die äußeren Bedingungen sich nicht wesentlich verändern.

Speziell in der Phase des Kleinkindalters zum Vorschulalter ergeben sich gewaltige Veränderungen im Leben und der Lebensumwelt des Kindes. Forschungen zu möglichen Einflussfaktoren auf die Stabilität der Bindung und deren Entwicklungsverlauf verweisen auf verändertes Elternverhalten. Warum dies sich verändert, wurde dabei nicht erhoben.

Sichere Bindung – der Engelskreis der Gegenseitigkeit

Interaktion und Bindung in den ersten Lebensjahren - Foto iStock © shalamovAus neurobiologischer Sicht zeigte Dr. Nicole Strüber den Zusammenhang zwischen einer sicheren Bindung und einem gut funktionierenden Stresssystem auf. Durch die Hilfe der Eltern bei der Regulation der Gefühle des Kindes und das Eingehen auf die Gefühls- und Lautäußerungen des Babys entstehe der Engelskreis der Gegenseitigkeit, der zur Ausschüttung von Oxytocin führt. Dieses Bindungshormon wirkt als Neurotransmitter direkt im Gehirn des Kindes und löst positive Gefühle aus, die die Entwicklung vorantreiben.

In der Programmankündigung wird dieser Vortrag wie folgt beschrieben:

Zur Neurobiologie von Interaktion und Bindung
Die frühen Erfahrungen eines Kindes – vorgeburtliche Stresserfahrungen, frühes elterliches Verhalten und Bindungserfahrungen – beeinflussen die Verschaltungen und die Chemie des Gehirns. Erleben Kinder in ihren ersten Lebensjahren ein zuverlässiges und feinfühliges Eingehen auf ihre Bedürfnisse, dann entwickeln sich stabile Nervenzell-Netzwerke für die selbstständige Emotionsregulation, ein effizientes Stressbewältigungssystem und ein gut funktionierendes Oxytocin-Bindungssystem. Dies wiederum bildet die Grundlage dafür, dass Kinder später im Leben gut mit hohen Anforderungen umgehen können, dass sie motiviert sind, Beziehungen einzugehen und sich in diesen Beziehungen entspannen können. Sie haben Ressourcen, um auch mit späteren Belastungen angemessen umgehen zu können, kurzum, sie haben die besten Voraussetzungen für eine hohe Resilienz.
Verankert wird dieser frühe Einfluss von Erfahrungen unter anderem über eine Stabilisierung von Nervenzellverschaltungen und über einen Einfluss auf das Epigenom. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass diese frühe Prägung durch spätere Erfahrungen modifiziert werden kann, jedoch müssen Eigenschaften des Gehirns, ebenso wie eine mögliche Aufrechterhaltung dysfunktionaler Verhaltensmuster durch soziale Interaktionen beachtet werden, wenn langfristig wirksame Änderungen erzielt werden sollen.

Welche Bedeutung haben Peer-Interaktionen für die Sprachentwicklung?

Sprache lernen Kinder in den ersten zwei Lebensjahren über die physische Nähe und das wechselseitige Nachahmen. Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr imitieren sie das Verhalten anderer beim Spiel und verfeinern damit ihre Fähigkeiten. Erst zwischen drei und sechs Jahren profitieren Kinder durch die besseren Sprachfähigkeiten und dem wechselseitigen Austausch in den Kindergruppen, den sogenannten Peergroups. Prof. Ulla Licandro von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg bekräftigte die aktuellen Studien über das Potenzial des gemeinsamen Spiels von Kindergartenkinder im Hinblick auf den Spracherwerb.

Kinder mit Sprachstörungen besser fördern

Prof. Tobias Bernasconi von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg – Institut für Sonderpädagogik forscht an der Bedeutung von Kernvokabular bei Kindern mit komplexen Kommunikationsstörungen mit dem Ziel der frühen Sprachförderung vor allem in der Erweiterung von kommunikativer Teilhabe sowie individueller kommunikativer Kompetenz. Er berichtete von Forschungen aus dem Bereich der Sprachstörungen, die zeigten, dass ein auf den Alltag bezogenes Kernvokabular hilft, Kinder mit Sprachstörungen besser zu fördern. Er empfiehlt davon abzusehen, einen möglichst großen Wortschatz anzutrainieren.

Bindungsentwicklung bei Kindern mit schwierigen Voraussetzungen

Weitere Vorträge behandelten die Bindungsentwicklung bei Kindern mit schwierigen Voraussetzungen im Fall von Adoptiv- und Pflegekindern (Dr. Ina Bovenschen vom DJH), von Frühgeburten (Dr. Angela Kribs von der Universität Köln) und von Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung (Prof. Rüdiger Kißgen von der Universität Siegen). Hier gelingt es Eltern, durch ein besonders feinfühliges Verhalten, das die Probleme der Kinder berücksichtigt, eine sichere Bindung zu ermöglichen. Für 58 % der Eltern mit autistischen Kindern konnte dies festgestellt werden. Prof. Mitho Müller von der Universität München  präzisierte mit seinen Ausführungen den Zusammenhang von mütterlichen Angststörungen und Bindungsverhalten, Prof. Corinna Reck von der gleichen Universität berichtete über die Auswirkungen von mütterlichen Depressionen auf die Bindungsfähigkeit der Mütter und zeigte Behandlungsmöglichkeiten auf.

Gute Bindung – ein lebenslanger, nie abgeschlossener Prozess

Interaktion und Bindung in den ersten Lebensjahren - Foto iStock © petrograd99Dieser Kongress zeigte deutlich, wie wichtig eine sichere Eltern-Kind-Bindung in allen Lebenslagen ist. Die referierten Studien verwiesen darauf, dass auch während der Vorschulzeit elterliches Verhalten die weitere Bindungsentwicklung beeinflusst, da eine im ersten Lebensjahr erworbene sichere Bindung nicht endgültig bestehen bleiben muss. Forschungen zu den Gründen dafür gibt es noch nicht. Veränderungen der Bedingungen des Aufwachsens der Kinder durch die zu frühe Betreuung in Krippen und die Ganztagsbetreuung in Kitas könnten ein Grund dafür sein. Denn viele Kinder sind damit überfordert. Sie verhalten sich dann negativ, was negatives Verhalten der Eltern nach sich ziehen kann. Von Prof. Franke kam zur frühen Krippenbetreuung ein bemerkenswerter Satz:

Die Trennung von der Mutter ist für das 12 Monate alte Kind der Supergau!

Die Bedeutung der weitgehenden Anwesenheit der Bezugsperson in den ersten drei Jahren trat in allen Vorträgen zur Bindungsentwicklung hervor. Erst dann sei das Kind in der Lage, seine Bindungsbedürfnisse in fremden Situationen anzupassen, wie dies geschieht, wenn Kinder Vertrauen zu Erzieherinnen entwickeln.

Um diesen wegweisenden Prozess in Gang zu setzen, braucht es mehr als tiefes Expertenwissen über die Bedürfnisse kleiner Kinder. Wolfgang Bergmann, Initiator der Stiftung Zu-Wendung für Kinder, beschrieb es so: „Wir brauchen eine Gesellschaft, die in ihrem ureigensten Interesse die elterliche Erziehungsleistung anerkennt und Eltern in dieser Rolle unterstützt.“

von Erika Butzmann

Links zum Thema

Programm

Forum Frühe Kindheit 2021, Kongress: Kurzbeschreibungen der Themen, Referenten, Quellenangaben

Beitrag

Ängste und Traumata

Interview

Persönlichkeitsentwicklung in früher Kindheit

Lese-Tipp

Sprache – Das Lebenselixier des Kindes, Moderne Forschung und die Tiefendimensionen des gesprochenen Wortes, Rainer Patzlaff, Verlag: Freies Geistesleben

Video

Kita schadet nicht, aber …, Jesper Juul, Familientherapeut im Vera Videoblog

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