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Bindung Module2021-04-29T17:56:28+02:00

Bindungsentwicklung

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Bindungsentwicklung –­ worum geht es dabei?

Das kleine Kind ist wegen seiner körperlichen und seelischen Verletzlichkeit während der ersten drei Jahre ganz besonders auf den Schutz seiner Eltern angewiesen. Es kann nur eine sichere Bindung entwickeln, wenn diese verlässlich zur Verfügung stehen. „Die Entwicklung von Bindung fällt in den ersten Lebensjahren mit einer Periode schnellen Hirnwachstums zusammen, was bedeutet, dass die Pflegeumgebung einen grundlegenden Einfluss auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns hat, insbesondere auf seine Emotionen und seine Gefühlsregulation. Infolgedessen spielt die Pflegeperson eine entscheidende Rolle bei der Regulierung der Entwicklung des kindlichen Gehirns und der zugrunde liegenden Physiologie während dieser Zeit“, so Dr. Anna Machin, Anthropologin der Universität Oxford.

Bindung bildet die Grundlage für das Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, lebenslang tragfähige Beziehungen aufzubauen. Die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung wird in der frühen Kindheit durch die Stabilität der Beziehungen zu einer verlässlich verfügbaren Bindungsperson gefördert. Einfühlung in die frühen Bedürfnisse, Verfügbarkeit der Eltern – in den ersten zwei Jahren besonders der Mutter – oder ersatzweise andere vertraute Personen, regelmäßige Alltagsstrukturen helfen dem Kind, ein Urvertrauen zu gewinnen, das in dieser Zeit erworben wird und nicht angeboren ist.

Vom Anfang der Erkenntnis – über die Beziehung – zum Selbst

Ausschnitt aus der CD „Wie Kinder die Gefühle lernen“ von Wolfgang Bergmann, Auditorium Netzwerk – Verlag für audiovisuelle Medien

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Von der Mutter …

Das Kind bindet sich an die Person, die von Anfang an für das Kind umfassend da ist. Das ist in der Regel die Mutter. In ihr wächst das Kind heran und nach der Geburt empfindet es sich als eine Einheit mit der Mutter. Wenn die Mutter nicht zur Verfügung steht, bindet sich das Kind an die Person, die verlässlich und dauerhaft auf seine Bedürfnisse eingehen kann. In beiden Fällen handelt es sich um die primäre Bindungsperson, die an der Spitze der Bindungshierarchie steht.

… zum Vater

Betrachtet man nun die Bindungsentwicklung vom Kind aus, zeigt sich die Bedeutung der Mutter als primäre Bindungsperson, die über die ersten 18 – 24 Monate für das Kind unverzichtbar ist. Die Bindung an den Vater entwickelt sich parallel dazu und bekommt ab dem Alter von 18 – 24 Monaten die besondere Bedeutung, da er über sein Spiel- und Spaßverhalten die erkenntnismäßige Ablösung des Kindes von der Mutter unterstützt. Diese Bindungsentwicklung zeigt sich im Einzelnen folgendermaßen:

In den ersten sechs Monaten hat das Kind noch kein Gefühl für sich als eigenständige Person; es empfindet die Mutter als Teil von sich selbst. In dem Maße, wie es sich von der Mutter wegbewegen kann, ahnt es in ersten Ansätzen, dass diese Einheit sich auflöst.

Das Kind hat noch keine Erinnerungsbilder

Die Hauptursache ist das noch fehlende Vorstellungsgedächtnis. Deshalb empfindet das Kind Trennungs- und Verlassenheitsängste. Das Vorstellungsgedächtnis entwickelt sich langsam über das Erkennen von Anzeichen (die Tür geht auf, das Kind erwartet dann, jemanden zu sehen), über das Wiedererkennungsgedächtnis (die Mutter wird wiedererkannt, wenn sie erneut auftaucht) zum Vorstellungsgedächtnis.

Mit ca. zwei Jahren kann das Kind sich an die Mutter und andere Personen erinnern, wenn diese aktuell nicht anwesend sind.

Ich bin da!

Mit der Ausbildung des Vorstellungsgedächtnisses (= innere Bilder = Symbolfähigkeit = Personenpermanenz) erkennt das Kind sich selbst als eine von der Mutter und allem anderen getrennte Person. Dann sagt es „ich“ zu sich selbst und will nun bewusst die Welt entdecken!

Während dieser Zeit bindet sich das Kind zusätzlich an Geschwister und weitere ständig anwesende Familienmitglieder wie etwa Großeltern, wenn es sich sicher genug dafür fühlt. Im Notfall sucht es jedoch während dieser ersten 18 bis 24 Monate immer die Mutter bzw. die primäre Bindungsperson. Ist sie anwesend, festigt sich die Bindung.

Die Loslösung aus dem Einssein mit der Mutter zum selbständigen Wesen und zum „ich“ als eigenständige Person geschieht allmählich individuell und auf natürliche Weise, sofern wir dem Kind die Zeit und Sicherheit für die so wichtige Phase der Bindungsentwicklung geben. Auf dieser Grundlage entwickeln sich stabile, selbstbewusste und prosoziale Persönlichkeiten.

Die Bindungssuche geht immer vom Kind aus …

Die beschriebene Bindungshierarchie ist im Normalfall zutreffend. Da jedoch die Bindungssuche immer vom Kind ausgeht, kann die Abfolge anders verlaufen. In Einzelfällen sucht das Kind die Nähe zum Vater, wenn die Mutter nicht ausreichend zur Verfügung steht oder das Kind vom Temperament her dem Vater sehr ähnlich ist.

Auch innerhalb der erweiterten Familie sucht sich das Kind seine bevorzugten sekundären Bindungspersonen selbst aus.

Ist die erweiterte Familie nicht vorhanden, können heutzutage auch Freunde der Familie das sprichwörtliche Dorf darstellen, das ein Kind braucht, um erzogen zu werden. Das gleiche gilt für Erzieherinnen und Erzieher im Kindergarten und später für Lehrerinnen und Lehrer in der Schule.

… auch in der Fremde

In den ersten zwei Jahren während der Hauptbindungsphase an die Mutter/ den Vater werden fremde Betreuungspersonen nur dann als sekundäre Bindungspersonen akzeptiert, wenn das Kind sich von den Eltern verlassen fühlt. Es hat dann gar keine andere Möglichkeit, sein biologisch gesteuertes Bindungsbedürfnis zu befriedigen. Wenn die Bindung an die Eltern nicht gefestigt ist oder gar nicht zustande kam, suchen sich die Kinder in diesen ersten zwei Jahren aktiv eine Ersatz-Bindungsperson, die im Falle der frühen und langzeitigen Fremdbetreuung zur primären Bindungsperson werden kann.

Problematisch wird es für das Kind, wenn diese Bindungsperson nicht kontinuierlich zur Verfügung steht wie etwa bei einem häufigen Wechsel in der Betreuung. Es wird in seiner Entwicklung gestört und es hinterlässt Spuren eines traumatischen Bindungsabbruchs, besonders wenn das Kind mit 3 Jahren in den Kindergarten gehen muss. In der Psychologie spricht man bei nicht zustande gekommener Bindung an die Eltern von Kindern mit Orientierungslosigkeit. Instinktiv sucht das Kind Halt und Ordnung und bindet sich an einen ihn umgebenden Erwachsenen. Dabei kann das kleine Kind noch nicht beurteilen, ob diese Person dafür geeignet ist.

Gelingt keine Bindung an einen Erwachsenen, sucht sich das Kind innerhalb der Gruppe einen Spielkameraden aus, von dem es dann abhängig wird. Das bedeutet, es fühlt sich in der Kita nur wohl, wenn dieses Kind da ist.

In solchen Fällen und besonders bei einer sogenannten desorientierten Bindungsstörung aufgrund von Gewalterfahrung in der Familie suchen Menschen ihr Leben lang nach einer „wiedergutmachenden Bindung“.

Weitere Infos

Wenn kleine Kinder klammern
Wenn das Baby oder das Kleinkind sich an der Mutter festklammert, empfindet es in diesem Moment massive Trennungs- und Verlassenheitsängste. Das spürt die Mutter instinktiv, sie nimmt das Kind auf und tröstet es. Ist die Mutter für das Kind in den ersten zwei Jahren in solchen Fällen meistens erreichbar, verlieren sich diese Ängste in dem Maße, wie sich die Bindung an die Mutter festigt.

Bindung und Empathie – wann geschieht was im Kinderleben?

  • Wenn das Stress-System überreagiert
  • Frühes Erkennen von Gestik und Mimik
  • Können sich kleine Kinder schon in andere hineinversetzen?
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Einfühlung in die Bedürfnisse

Der amerikanische Kinderarzt William Sears prägte den Begriff „Attachment Parenting“, was so viel wie „verbundenes Elternsein“ bedeutet. Die entwicklungsbedingten Bedürfnisse des Kindes stehen dabei genauso wie bei den traditionellen Erziehungspraktiken im Einklang mit dem elterlichen Wohlsein. Da das Kind aus der symbiotischen Verbundenheit mit der Mutter erst schrittweise heraustritt, beeinflussen sie sich wechselseitig. Mutter und Kind suchen in der Zweisamkeit Geborgenheit und ihre beiderseitigen Liebesbeweise wie Zärtlichkeit, Zuneigung und Aufmerksamkeit beflügeln und trösten. Dies ist die Grundlage für eine sichere Bindung.

Bonding nach der Geburt, um einander in Ruhe kennen zu lernen, Zeit miteinander zu verbringen – besonders in den ersten Stunden und während der Dauer des Wochenbettes – sowie die Beziehung zum Baby vertieft aufzubauen.

Stillen nach Bedarf beruhigt das Baby und sichert die Nahrungsaufnahme. Vertrauen Sie Ihrem Körper auch nach der Schwangerschaft und vertrauen Sie Ihren Fähigkeiten, denn Stillen ist mehr als Ernährung. Liebe, Zeit und Zuwendung – all das geben Sie Ihrem Baby beim Stillen auf natürliche Weise, quasi nebenbei. Und niemand anderes steht Ihrem Baby so nahe wie Sie. Lassen Sie sich Zeit. Ihr Selbstvertrauen wächst und…
Ihre Intuition ist Ihr bester Ratgeber! Allein die Nähe und Intimität beim Stillen hilft Ihnen, ein Gespür für das Richtige im richtigen Moment zu entwickeln.

Känguruhen und Kuscheln auch mit Papa fördert das Wohlbefinden des Babys. Der direkte Hautkontakt entspannt, das Baby hört den vertrauten Herzschlag, atmet tief und regelmäßig und die Konzentration von Sauerstoff im Blut steigt an. Gleichzeitig werden durch den Körperkontakt die elterlichen Kompetenzen gefördert, indem eine stabile emotionale Verbindung sich aufbaut. Eine Studie vom April, 2021 zeigt wie der Hautkontakt im Säuglingsalter das Sozialverhalten und die Gehirnentwicklung bis ins Erwachsenenalter beeinflusst. Dabei begleitete ein israelisches Forschungsteam über einen Zeitraum von 20 Jahren Mutter-Kind-Paare vom Kleinkindalter, über das Vorschulalter, in der Pubertät und als junge Erwachsene bei der Interaktion. Fazit: Früher Hautkontakt wirkt sich auf das Bindungsverhalten und die Hirnregionen, die für die Sensitivität zuständig sind, positiv aus.

Beim Tragen des Kindes fühlt das Kleine sich geborgen. Hautnah bei der Mutter oder dem Vater entspannt sich zunehmend schon das Neugeborene. Und gehalten zu werden, reduziert das Stressniveau des Säuglings.
Das ältere Baby schaut seinen Eltern bei ihren alltäglichen Tätigkeiten gespannt über die Schulter – wie viel mehr erfährt es auf diese Weise vom Familienleben, als wenn es in seinem Bettchen wach liegt.

Neugeborene teilen ihre Bedürfnisse durch Weinen mit, da ihr Kehlkopf erst in die richtige Position hineinwachsen muss, um sich mit Lauten verständlich zu machen. Doch bevor es anfängt zu weinen, wird es unruhig. Hat es etwa Hunger, macht es suchende Kopfbewegungen, es schmatzt, öffnet den Mund, schiebt die Zunge vor oder macht sanfte Laute, es steckt sein Händchen in den Mund oder saugt am Finger. Je häufiger Sie mit Ihrem Baby zusammen sind, umso besser gelingt es Ihnen, seine Signale zu deuten und angemessen darauf zu reagieren.
Lässt man hingegen ein Baby längere Zeit weinen, wird es resigniert einschlafen und verfällt in einen „depressiven“ Tiefschlaf, der physiologisch bedeutet: Sauerstoffmangel, Kälte, Nässe oder Hunger werden vom Kind nicht ausreichend registriert. Dieser Tiefschlaf gehört zu den Risikofaktoren des Plötzlichen Kindstodes. Häufiges Aufwachen ist demzufolge für das Überleben des Babys nötig und sinnvoll.

Gemeinsames Schlafen wiegt ein Baby in Sicherheit. Das am Tag gewonnene bedingungslose Vertrauen überträgt sich auch auf die Nacht.

Berühren des Babys, Geschichten erzählen und Singen – alle diese traditionellen Elemente – sind sehr wirkungsvoll, denn sie entwickeln das Gehirn, schützen das Kind und fördern ein liebevolles Miteinander. Berührung reguliert den Stress des Kindes.

Die Liebe des Kindes ist die beste Nahrung der Mutter.
(Afrikanisches Sprichwort)

Elterliches Wohlbefinden wird beeinflusst von der Wahrnehmung der kindlichen Bedürfnisse und der eigenen Bedürfnisse. Geben Sie sich Zeit und setzen Sie Prioritäten, um in ihre Mutterrolle/ Ihre Vaterrolle hineinzuwachsen und um eigene, kreative Lösungen für Ihr Zusammenleben als Familie zu finden. Ein ruhiges Abendritual lässt beispielsweise Ihr Kind sicher einschlafen und schenkt Ihnen entspannte Zeit für sich und Ihren Partner.
Um den Bedürfnissen des Kindes nachzukommen und einem Ausgebranntsein zuvor zu kommen, spielt das eigene Ausgeruhtsein eine wichtige Rolle. Studien belegen, dass Mütter im Durchschnitt in den ersten drei Monaten eine Stunde weniger als vor der Geburt schlafen und der Schlaf bis zu sechs Jahre beeinträchtigt wird. Erst danach schlafen insbesondere Mütter wieder halbwegs so wie vor der Geburt.

Setzen Sie Prioritäten im Alltag – schlafen oder ruhen Sie sich aus, wenn das Baby schläft, essen Sie entspannt, nehmen Sie Entlastung wie Anrufe tätigen, Einkäufe erledigen, Kochen etc. durch Drittpersonen an.

Pflegen Sie Ihre Beziehung und nehmen Sie sich als Paar Zeit füreinander – für Gemeinsamkeit, zum Reden, für Aufmerksamkeiten, für den Austausch von Zärtlichkeiten, zum Genießen.

Die Kraft der Synchronität Eine einfühlsame Beziehung ist gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Pflege, ein echtes Bewusstsein für die emotionalen und praktischen Bedürfnisse des Babys und die so wichtige Synchronität von Verhalten und Emotionen, die jede Bindung zu verstärken scheint.

Shop-Tipps

Jedes Baby ist ein Wunder, und Ihr Baby ein ganz besonderes!
Ein Menschenbaby kommt unfertig auf die Welt und braucht seine Mutter und seinen Vater, um seine kindlichen Potentiale optimal zu entfalten. „Was ein Baby glücklich macht“ vermittelt grundlegendes Wissen, in leicht verständlichen Worten.

Neue Perspektiven für ein glückliches Miteinander von Eltern und ihren Kindern bietet dieser Wegweiser. Er beantwortet alle grundlegenden Fragen rund um das Thema Stillen und begleitet die ganze Familie durch praktische Anleitungen.

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Forschung & Wissenschaft

Psyche Die in den ersten drei Jahren vom Kind erlebten positiven Gefühle sind die Grundlage für seine psychische Stabilität. Wenn es ‚weiß‘, von wem es Liebe und Schutz erwarten kann und wer bei ihm mit großer Zuverlässigkeit ein Gefühl von Geborgenheit auslöst, verbindet dieses Wohlbehagen mit seiner Bindungsperson. Das Miteinander von Mutter und Kind fühlt sich extrem gut an und es wird gespeichert, wer es ist, dessen Gegenwart und Fürsorge so angenehm ist. Dabei ist das Belohnungssystem im Gehirn in Aktion, das dafür sorgt, dass dieses Bindungsgefühl langfristig gespeichert ist und immer wieder von Neuem seine Psyche stabilisiert.

Lernen Babys deuten mit dem Finger auf Gegenstände, Zwei- und Dreijährige umschreiben es mit „Da!“ und „Was ist das?“ Diese aktive Wissensansammlung benötigt immer direkt eine Antwort der Bezugsperson, um das Selbstwirksamkeitsgefühl des Kindes zu stärken und seine entwicklungsfördernde Neugier zu stillen. Bei neuen Entdeckungen strahlt das Kind meistens die Eltern an; strahlen sie zurück, fördern sie damit nachhaltig die angeborene Leistungsbereitschaft des Kindes. Zu diesem vom Kind ausgehenden selbstgesteuerten Lernen haben Kleinkinder weitere genetische Antriebe, die den Wissenszuwachs ohne Förderung von außen sicherstellen. Für die Neurobiologin und Lernforscherin Elsbeth Stern vollzieht sich die Gehirnentwicklung in den ersten Jahren teilweise ohne Reize von außen. Sie ist von so universeller Natur, dass sie in der Jurte in der Mongolei, einer Hütte in Afrika, einem Plattenbau in Berlin und einer Villa in Beverly Hills in gleicher Weise vor sich geht. Das frühkindliche Lernen stellt offensichtlich keine besonderen Anforderungen an die Umgebung, aber es reagiert empfindlich auf künstliche Eingriffe und Störungen. „Es gibt Kompetenzen und Inhaltsbereiche, deren Grundlagen bereits angelegt sind – man spricht auch von start-up-Mechanismen – so dass das Lernen in diesen Bereich privilegiert ist. Sprechen und Laufen gehören dazu, Prozesse der visuellen Mustererkennung, aber auch einfache Formen der Quantifizierung sowie Grundformen der sozialen Interaktion, z. B. Empathie und Aggression.“ (Stern, E., ZfP, 4, 2004, S. 533)

Ich-Erkennen Mit ungefähr zwei Jahren führt das Lernen über die selbstgesteuerten Handlungen zur Ausbildung des Vorstellungsgedächtnisses, an dessen Anfang die Erkenntnis steht, eine von den anderen getrennte Person zu sein. Dann sagt das Kind ICH zu sich selbst. Es bemerkt dann gleichzeitig, dass es nicht mehr in einer „ozeanischen Suppe“ schwimmt, in der alles zusammengehört. Es empfindet ein seltsames Wegtreiben der Gegenstände und Personen. Das zeigt sich im Verhalten des Kindes daran, dass es ständig „meins“ sagt und alles Greifbare festhält. Dieses Festhalten der Gegenstände (und bei vielen Kindern auch der Mutter) ist in dieser Zeit als psychische Stütze notwendig, weil das Erkennen, nicht mehr mit allem verbunden zu sein, das Kind stark verunsichert. Das Üben des Abgebens von Dingen in dieser Zeit verstärkt die Unsicherheit und verlängert die „meins“-Phase, die entwicklungsbedingt vier bis sechs Monate dauert.

Weitere Infos

Rezension zum Buch von Ursula Henzinger, Humanethologin, Organisationsleiterin von ZOI (Verein für Ausbildung von Fachleuten und Begleitung von Eltern rund um die Geburt) sowie Leiterin eines Teams für ambulante Familienbegleitung

Interview mit Dr. Nicole Strüber vom Institut für Hirnforschung, Uni Bremen, und Autorin des Buchs: Die erste Bindung

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Verfügbarkeit der Eltern

Anfangs mögen sich gemischte Gefühle einstellen, denn Ihr Baby fordert jetzt alle Aufmerksamkeit für sich. Gleichzeitig spüren Sie eine tiefe Zuneigung und innere Zufriedenheit. Liebe und das innige Gefühl für Ihr Baby da sein zu wollen, durchströmt Sie. Instinktiv wissen Sie, dass das Wohl Ihres Kindes von Ihnen abhängt.

Mit zunehmendem Alter empfindet sich Ihr Kind jedoch als eigenständige Person. Es bewegt sich selbstständig fort, spürt immer mehr, dass sein Körper und der Körper seiner Mutter getrennt sind, es nimmt vertraut und fremd wahr und gleichzeitig zeigt es umso deutlicher sein Bindungsbedürfnis: In den ersten zwei Jahren besonders an die Mutter.

Es klammert sich an die Mutter und will nur noch von ihr versorgt werden. Es versucht damit, die Einheit mit der Mutter wiederherzustellen, denn es fühlt sich ohne sie allein und verlassen. Auch dem Vater gelingt es in dieser ersten Zeit oft nicht, das Kind zu trösten; denn das Einheitsgefühl bezieht sich auf die Mutter.

Trennungs- und Verlassenheitsängste treten auf, da sich Kinder bis weit ins zweite Lebensjahr hinein kein inneres Bild von der Mutter/ den Eltern machen können. Verschwindet die Mutter, ist sie für das Kind weg aus seiner Welt; es hat keine Erinnerung an sie. Erst mit der weiteren Gehirnreifung und der Ausbildung des Vorstellungsgedächtnisses entwickeln sich die inneren Bilder.

Zur gleichen Zeit festigt sich die Bindung an die Mutter in dem Maße, wie die Mutter zur Verfügung steht und auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen kann. Werden Verlassenheitsängste in dieser Phase häufig ausgelöst, wird das noch nicht funktionsfähige Stresssystem des Kindes übermäßig belastet. Dann wird auch die Bindung zwischen Mutter und Kind beeinträchtigt.

Je besser die Bindungsbedürfnisse in den ersten drei Jahren befriedigt werden, je mehr Sicherheit ein Kind mit seinen vertrautesten und verlässlichsten Bindungspersonen erfahren darf, desto mehr kann es diese Sicherheit allmählich verinnerlichen und desto selbstständiger kann und will es selbst werden.

Die Eltern haben die stärkste emotionale Beziehung zu ihrem Kind und begleiten es durch die ganze Kindheit und Jugend hindurch. Geborgenheit, Verlässlichkeit und Kontinuität erfahren Kinder daher hauptsächlich in ihrer Familie.

Shop-Tipp

Sicher gebunden – stark fürs Leben
Erfahren Sie mehr über einen sicheren Bindungsaufbau, den Prozess des Selbsterkennens, die Mutter-Kind-Symbiose und ihre Auflösung, die Rolle des Vaters und die Bindung an ihn sowie Turbulenzen beim Ich-Erkennen. Je sicherer die BINDUNG, umso leichter die WELTERKUNDUNG!

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Einbeziehung des Babys – von Anfang an

Regelmäßige Alltagsstrukturen helfen dem Kind, ein „Urvertrauen“ zu gewinnen. Urvertrauen ist nicht angeboren. Es muss erworben werden. Zudem geben vertraute Abläufe Ihrem Kind Sicherheit und Halt und vermitteln Verlässlichkeit und Geborgenheit.

Nach der Geburt lebt das Kind im sogenannten „Ur-Raum“, der gerade so weit reicht, wie es greifen und einigermaßen scharf sehen kann. Das Neugeborene lebt in permanenter Gegenwart und hat allein auf Grund der Körperabläufe wie Hunger, Durst, Wachen und Schlafen ein rudimentäres, angeborenes Zeitempfinden, das sich im Verlauf der weiteren Entwicklung mehr und mehr ausdifferenziert. Das Zeitempfinden entwickelt sich sehr langsam und ist bis zum Alter von etwa 5 Jahren noch sehr ungenau. Deshalb sind Kinder in dieser Zeit ganz besonders auf klare Strukturen im Alltag angewiesen.

Durch einen strukturierten Alltag, wiederkehrende Handlungsabläufe erhält Ihr Kind zunehmend ein Empfinden über seine Wirksamkeit. Nach R. White (1959) wird das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die eigene Wirkungsmöglichkeit durch die tagtägliche Erfahrung geschwächt oder gestärkt. Es hat eine grundlegende Wirkung auf die Tätigkeit des Kindes, sein Verhalten und seine Ziele wie auf die gesamte Struktur seiner späteren Persönlichkeit. Mit der erworbenen Kompetenz des Sich-Anpassens an seine Umgebung – die Aktion und Veränderung bedeutet – lernt es: Handlungen der Reihenfolge nach durchzuführen, Aktivitäten in Gang zu setzen, um ein Ziel zu erreichen und das Gelernte zu verwerten.

Probieren Sie es aus: Sprechen Sie Ihrem Kind von Anfang an eine Kompetenz zu, sehen Sie es als aktiven Partner an, schenken Sie der Initiative und den Signalen, die Ihr Kind aussendet, Ihre besondere Aufmerksamkeit und fördern Sie so seine Fähigkeiten und sein Selbstvertrauen. Ihr Kind ist fähig, einen besseren Kontakt sowohl zu Ihnen als auch zur Umgebung auszubilden.

  • von Geburt an können sich Babys als Antwort auf die berührende Hand des Erwachsenen entspannen oder verspannen
  • ein Neugeborenes kann sich beim Hochnehmen in die Hände des Erwachsenen hineinschmiegen oder zusammenzucken und so zeigen, ob es angenehm oder unangenehm für es ist
  • eine wenige Tage alter Säugling kann beide Hände in die Richtung eines glänzenden Gegenstandes ausstrecken
  • ein wenige Wochen alter Säugling kann Ton-Signale verschiedener Höhen unterscheiden
  • ein Säugling kann zeigen, ob ihm die angebotene Nahrung gefällt oder nicht. Entweder saugt und schluckt er oder er lässt sie aus dem Mund rinnen oder schiebt sie mit der Zunge heraus.

Diese Art der Gestaltung von Beziehung durch eine wirkungsvolle Einbeziehung des Babys kostet anfänglich viel Zeit – allein schon durch das Beobachten der Befindlichkeit. Die Erfahrung zeigt, dass Kinder, denen wir so begegnen, friedlicher sind und sich in einem besseren seelischen Gleichgewicht befinden. Nach und nach entspannt sich gleichzeitig der Familienalltag, da jeder weiß, wann was und wie gemacht wird – die Zufriedenheit aller Familienmitglieder steigt an.

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Bindung entdecken - Entwicklung 061
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Bindung entdecken - Entwicklung 071
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