Babymilch und das Geschäft damit - Filmausschnitt kids + trouble, SWRDie WHO – Weltgesundheitsorganisation – und die AAP – American Academy of Pediatrics (amerikanische Fachgesellschaft der Kinderärzte) – empfehlen sechs Monate ausschließlich zu stillen. Woran liegt es, dass Frauen in Deutschland in der Regel deutlich kürzen stillen und eher zu Muttermilchersatzprodukten greifen? Was hält Mütter vom Stillen ab? Die Dokumentation „Das Geschäft mit der Babymilch“ geht auf Spurensuche, die im Kreißsaal beginnt.

Dort stillen 87 Prozent der Mütter wie Delia. Sie hatte jedoch Angst, dass Ihre Tochter zu wenig Muttermilch kriegt und deswegen nicht genug an Gewicht zunimmt und stillte ab. Damit ist sie eine von vielen Müttern, die befürchten, eine „unzureichende Milchmenge“ zu haben und deswegen vorzeitig abstillen.

Warum „schaffen“ Mütter es nicht, ihr Baby – wie von der WHO empfohlen – sechs Monate ausschließlich zu stillen? Es wurde ihnen doch in die Wiege gelegt.

Die Stillfähigkeit wird Frauen in die Wiege gelegt

Nahezu alle Mütter können stillen. Dies bestätigt Michael Abou-Dakn, Professor für Geburtsmedizin, im Interview:

„Gründe dafür, dass gar nicht gestillt werden kann, sind extrem selten […] rein stillen könnten, da sind wir sicherlich im Bereich von 97 bis 98 %.“

Warum schwindet dann das intuitive Gefühl, das Selbstvertrauen heutiger Mütter? Sind junge Mütter damit überfordert, die Verantwortung für das gesunde Aufwachsen ihres Babys zu übernehmen? Ist die Ernährung des Kindes zu komplex geworden? Zweifeln Mütter an ihrer Kompetenz? Liegt es daran, dass wir Frauen, wenn sie Mutter werden zunehmend entmündigen?

Die Kaiserschnittraten schnellen bedenklich in die Höhe. Waren es 1992 noch 16,2 Prozent aller Kinder so kommt heute jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt.

Die Betreuung, Pflege Erziehung und die damit einhergehende frühkindliche Bildung wird zunehmend in die Krippe verlagert. So erleben heute 34,4 Prozent der 0-3 Jahre alten Kinder Tag für Tag eine mehr oder weniger innige Beziehung zu ihrer/ihren Erzieherinnen. (Stand: Statistisches Bundesamt 01.03.2021)

Was hilft jungen Müttern, um sich der Angst entgegen zu stellen?

In einer Studie über Frauen, die zum ersten Mal geboren hatten, wurde beobachtet, dass stillende Frauen einen Monat nach der Geburt weniger Ängste und eine größere Harmonie zwischen Mutter und Säugling aufwiesen, als solche, die ihre Säuglinge künstlich ernährten [1]. Das Hormon Oxytocin, das nur stillende Mütter produzieren und in Fertigmilch nicht vorhanden ist, kann demnach notwendig sein, um die soziale Interaktion auszulösen, die den Aufbau sozialer Beziehungen beeinflusst [2]. So trägt das Stillen dazu bei, dass Mutter und Kind durch die Freisetzung von Oxytocin, welches gegen Stress und Ängste wirkt und das Gefühl von Vertrauen erzeugt, eine erste zarte Beziehung aufbauen [3,4,5]. Dieses Vertrauen ermöglicht, dass der Bindungsprozess stattfindet.

Der Bindungsprozess ein „Blind Date“?

Unsere Hormone helfen uns beim Aufbau der Mutter-Kind-Bindung wie bei einem Blind Date, wo wir uns noch nie gesehen haben und wenig übereinander wissen. Wir haben „Schmetterlinge im Bauch“ und unsere Gefühle fahren Achterbahn – eine aufregende Zeit des gegenseitigen Kennenlernens beginnt. Höhen und Tiefen mögen diese neue Liebe begleiten und aufkommende Hindernisse lassen Zweifel zu, wie lange schaffen wir es, an dieser Beziehung festzuhalten? Wann ist der Punkt erreicht, dass wir diese Beziehung beenden? Und wer und was verlockt uns, eine andere vermeintlich komplikationslosere Beziehung einzugehen?

90 Millionen Euro – ein schwerwiegender Grund

Im Film „Das Geschäft mit der Babymilch – wie lange sollten Mütter stillen?“ heißt es: „Mütter bräuchten beim Stillen kompetente Unterstützung, aber die ist schwer zu finden.

Viele Babyfreundliche Kliniken haben ein Stillcafé, das von ausgebildeten Stillberaterinnen geleitet werden. Stillverbände bieten wohnortnahe Stillgruppen und Stillberatung (auch telefonisch) an. Adressen finden Sie beim Verein zur Unterstützung der WHO/UNICEF-Initiative „Babyfreundlich“ (BFHI) e. V.

Demgegenüber steht ein riesiger Markt an künstlicher Babymilch. Das Angebot an Anfangsmilch ist riesig. Für jedes Kind scheint es das passende Produkt zu geben – ab Tag eins nach der Geburt.“ Und weiter: „Die WHO wirft den Herstellern vor, dass sie das Gesundheitspersonal bei Anlässen wie etwa Kongressen mit irreführenden Informationen versorgen. Und zusätzlich über kostenfreie Produktproben über Hebammen, Ärzte und Co. würden diese Informationen dann bei den Eltern landen und so die Entscheidung über die Ernährung des Kindes beeinflussen.“ Unterm Strich streichen die Firmen mit dieser Marketingstrategie auf Kosten zukünftiger Generationen jährlich ein Umsatzplus von 90 Millionen Euro allein in Deutschland ein.

„In den letzten 20 Jahren sind die Stillraten weltweit nur geringfügig gestiegen, während sich im selben Zeitraum der Absatz von Säuglingsnahrung etwa verdoppelt hat.“ [6]

Die stille Sehnsucht von Müttern und Kindern

Kinder ins Leben zu begleiten ist eine herausfordernde Aufgabe, darüber sind sich alle einig – Experten genauso wie gestandene Mütter und Väter. Stillen dient in schwierigen Zeiten der Erziehung als Bindeglied und trägt zu einem Ausgleich von Geben und Nehmen bei der Versorgung eines kleinen Kindes bei. Das Hormon „Prolaktin“ hilft mütterlich-einfühlende Qualitäten aufzubauen. Mutterliebe, als Grundlage der Mutter-Kind-Beziehung, gibt dem Kind im Säuglingsalter eine gute Chance, ein „Urvertrauen“ zu seiner Umgebung aufzubauen. Damit sich Mutterliebe entfalten kann, bedarf es jedoch entsprechende gesellschaftliche Unterstützung.

Was wäre, wenn Stillen im 21. Jahrhundert als die normale Ernährung des Säuglings anerkannt werden würde?

Wenn Mütter und Väter eine rundum informierte, souveräne Entscheidung über Dauer und Intensität des Stillens treffen könnten, in der sie jederzeit Hilfe und Unterstützung bei Problemen erhielten und wo ihr Baby ein Mitspracherecht hätte?

Die Liste der Studien über die Vorteile für die Gesundheit von Mutter und Kind, die Mutter-Kind-Bindung und für die Familie ist lang. Stillen schont zudem die Umwelt und Ressourcen, wirkt sich vorteilhaft auf die Volkswirtschaft aus, trägt zur Friedfertigkeit bei, indem es die Familiengewalt reduziert, sexuellem Missbrauch entgegenwirkt, das Selbstvertrauen der Frau stärkt usw.

Die Etablierung einer Stillkultur – ein Gewinn für alle und alles

Babymilch und das Geschäft damit - Foto LittleCityLifestylePhotography © iStockAuch wird durch die Stillbeziehung die Vertrauensausbildung des Kindes gesteigert. Ein Gewinn für alle, da das Vertrauen eine wichtige Rolle in jedem Lebensbereich spielt. Ohne Vertrauen wäre der private, gesellschaftliche und politische Alltag nicht denkbar und das Zusammenleben unerträglich. Die Etablierung einer Stillkultur trägt zur Heranbildung einer Vertrauenskultur bei und wäre ein erster wichtiger Schritt, um Müttern und ihren Kindern das Stillen zu ermöglichen.

Vor dem Hintergrund des Wissens, dass Gesundheit, Bildung und soziale Sicherheit unveräußerliche Menschenrechte sind, müssten wir den politischen Willen aufbringen für eine nationale Strategie, bei der sich Stillförderung wie ein roter Faden durch die Gesundheitspolitik zieht und der sich gegen die Babynahrungsindustrie durchsetzt.

Ein Kind zu stillen ist ein gesellschaftlicher Beitrag, der das Klima der zwischenmenschlichen Beziehungen positiv verändert. Eine Kultur des Stillens würde hier Impulse für ein gesellschaftliches Umdenken geben. Um diese aufzubauen, bedarf es einer nachhaltigen und ernsthaft betriebenen nationalen Stillförderung, einer starken Lobby und eines öffentlichen Klimas, in dem Kinder willkommen sind.

Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler machte in seiner Weihnachtsansprache 2004 Mut zu Reformen: „Wir müssen erkennen, dass unsere Kinder und Enkel nur dann eine gute Zukunft haben können, wenn wir Veränderungen wagen.“

von Redaktion fürKinder

weitere Informationen

[1] Virden SF. The relationship between infant feeding method and maternal role adjustment, J Nurse Midwifery 1988; 33(1):31-35

[2] Insel TR. A neurological basis of social attachment, Am J Psychiatry 1997; 154(6):726-735

[3] Altemus M, et al. Suppression of hypothalamic-pituitary-adrenal axis responses to stress in lactation women. J Clin Endocrinol Metab 1995; 80(10):2954-2959

[4] Kennell JH, et al. Bonding: recent observations that alter perinatal care. Pediatr Rev 1998; 19(1):4-12

[5] Uvnäs-Moberg K, et al. Breastfeeding: physiological, endocrine and behavioral adaptations caused by oxytocin and local neurogenic activity in the nipple and   mammary gland. Acta Paediatr 1996; 85:525-530

[6] Marektingpraktiken der Säuglinhgsnahrungsindustrie, Europäisches Institut für Stillen und Laktation, www.stillen-institut.com/de

Links zum Thema

Video

Das Geschäft mit der Babymilch – wie lange sollten Mütter stillen? kids + trouble, SWR, ARD Mediathek

Beitrag

Stillen fördern – die Ziele der Agenda 2030 umsetzen

Policy Statement

AAP, Breastfeeding and the Use of Human Milk, Joan Younger Meek, Lawrence Noble, Section on Breastfeeding. Pediatrics July 2022; 150 (1): e2022057988. DOI: https://doi.org/10.1542/peds.2022-057988
Übersetzung und Zusammenfassung: Europäisches Institut für Stillen und Laktation

Beitrag

Urvertrauen als Baby – gesund als Erwachsener

Beitrag

Natürliche Argumente für’s Stillen

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Rezension

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