Familien leben - Eva-Mareile Bachmann & Hannsjörg Bachmann Foto © privatProf. Dr. Hannsjörg Bachmann und seine Tochter Dr. Eva-Mareile Bachmann sprechen im Interview mit fürKinder über Erfahrungen, Gefühle und Gedanken zur frühen Kindheit und zur Entwicklung und Pflege gesunder Familienstrukturen.


Vater & Tochter – Foto © privat
Eva-Mareile Bachmann & Hannsjörg Bachmann


Als ehemaliger Chefarzt der Kinderklinik am Krankenhaus Links der Weser (1987-2008) setzte sich Prof. Dr. Hannsjörg Bachmann, Vater dreier Kinder, für ein professionelles stillfreundliches Klima in der Frauenklinik ein, begegnete Jesper Juul und transferierte das vorhandene Expertenwissen in Elternwissen in dem gemeinsamen Grundlagenbuch „Familien leben“ mit Tochter Eva-Mareile, Psychologische Psychotherapeutin und vierfache Mutter (zwei Zwillingspaare). Dabei flossen ihre Erfahrungen mit ein aus dem alltäglichen Elternsein, aus dem Erleben von Familie und Kindheit in anderen Kulturen und die im privaten wie professionellen Leben gewonnenen tiefen Einblicke ins kindliche Gemüt.

Aufwachsen in einer Kindheit mit
Freiraum, Liebe und anderen Gefühlen

Familien leben - Foto Hannsjörg Bachmann mit Vater 1944 © privatfürKinder: Prof. Bachmann, im Verlauf Ihres Lebens haben Sie als Kind, Vater und Großvater ganz verschiedene Zeiten des Miteinanders von Kindern und Eltern erlebt. Wir möchten mit Ihnen und Ihrer Tochter heute darüber ins Gespräch kommen, was Kindheit und Eltern-Kind-Beziehung im Verlauf der Generationen ausgemacht hat, wie Sie Ihre persönlichen Erfahrungen rückblickend bewerten und was Sie für Familie heute für wesentlich halten. Beginnen wir am Anfang: Welche Erlebnisse aus ihrer frühen Kindheit erinnern Sie noch und wie, wenn Sie heute darüber nachdenken, hat Sie diese Zeit um das Ende des Krieges geprägt?


Hannsjörg Bachmann, 1944
im Alter von 14 Monaten mit seinem Vater, kurz bevor dieser inhaftiert wurde – Foto © privat


Hannsjörg Bachmann: Der Zweite Weltkrieg und das Naziregime hatten weitreichende Auswirkungen auf unsere Familie. Besonders einschneidend war, dass drei Brüder meiner Eltern im Krieg gefallen sind, und dass mein Vater neun Monate lang von der Gestapo inhaftiert war. Seine unerwartete Freilassung aus der Haft erfolgte drei Monate vor Kriegsende.

Von großem Einfluss auf alle Lebensbereiche unserer Familie war dann die elterliche Entscheidung, kurz vor dem drohenden Einmarsch der russischen Truppen ihre langjährige Berliner Heimat zu verlassen. Für meinen Vater gab es die Chance, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Minden eine vakante Stelle vorübergehend zu übernehmen. Ich war zum Zeitpunkt dieses „Wohnortwechsels“ zwei Jahre alt.

Äußerlich war dieses Dorf vom Krieg weitgehend verschont geblieben. Doch die Idylle trog; auch hier waren viele Väter und Söhne „auf dem Felde geblieben“ oder waren noch vermisst. Eine Atmosphäre von Trauer und Verlust war bei uns und in vielen anderen Familien spürbar. Das bäuerliche Leben funktionierte auf niedrigem Niveau. Einen Mangel an Grundnahrungsmitteln gab es nicht; und auch die Geflüchteten wurden ganz selbstverständlich irgendwie mitversorgt. Gleichzeitig fehlte es oft an dem Nötigsten. Meine Eltern hatten aus Berlin nur das mitnehmen können, was in ihre zwei Rucksäcke passte.

Ich erinnere mich gut daran, dass ich mit zunehmender Selbständigkeit gerne und oft auf den Höfen in unserer Nachbarschaft alleine unterwegs war. Ich war dort sehr willkommen. Mit den Bauern fuhr ich aufs Feld und erlebte Landleben in traditioneller Form. Felder, Wiesen, Scheunen und Viehställe waren meine bevorzugten Spielplätze. Als Kinder liefen wir an vielen Punkten einfach mit, Zeiten mit ungeteilter Aufmerksamkeit gab es wenige.

fürKinder: Was denken Sie, waren für Ihre Eltern – die wichtigsten Werte, die Sie Ihnen als Kinder mitgeben wollten?

Hannsjörg Bachmann: Meine Eltern waren zeitlebens eng miteinander verbunden – auch in ihren schwierigen Zeiten. In der Geborgenheit und Verlässlichkeit dieser Beziehung sind meine vier Geschwister und ich aufgewachsen. Wir wussten uns geliebt. Meine Eltern haben uns zudem vorgelebt, wie man „mit Rückgrat“ leben kann. Sie waren beide eng mit der Bekennenden Kirche verbunden und standen zu ihren Überzeugungen – auch bei Gegenwind.

Gleichzeitig haben meine Eltern in unserer Familie die Erziehungsprinzipien gelebt, mit denen sie selbst in ihren Ursprungsfamilien aufgewachsen waren, und die auch in den meisten Familien der damaligen Zeit praktiziert wurden. Als Erziehungserfolg wurde von vielen Eltern der Kriegs- und Nachkriegsgeneration gewertet, wenn die Kinder „brav und lieb“ waren. Gehorsam, Anpassung und Funktionieren waren wichtige Erziehungsziele. Es gab einen breiten gesellschaftlichen Konsens zu dem, was „richtig“ und „falsch“ war, und wie Kinder sich zu verhalten hatten. Mit Emotionen ging man eher sparsam um. Fragen wie die der Entwicklung der individuellen Persönlichkeit, von Beziehungskompetenzen und sicherer emotionaler Bindung spielten damals in den meisten Familien kaum eine Rolle. Körperliche Strafen waren in unserer Familie keine Erziehungsmittel.

Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit, Verantwortungsübernahme für andere, Solidarität, Rücksichtnahme und große Leistungsbereitschaft waren Werte, die in unserer Familie einen hohen Stellenwert hatten. In den ersten Jahren nach Kriegsende haben wir mit vielen Personen auf engstem Raum gewohnt. Für meine Eltern war es selbstverständlich, dass trotzdem immer wieder auch Verwandte, bei denen die Wohn- und Ernährungssituation weniger günstig war als bei uns, über viele Monate in unserem Haushalt mitwohnen konnten.

Um ein Kind zu stillen, braucht es eine stillfreundliche Kultur.

Familie leben - Foto Stillen © Kertin PukallfürKinder: Für die heutigen Väter ist es ja selbstverständlich, bei der Geburt Ihrer Kinder dabei zu sein. Wie war das damals bei Ihnen?


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Künstlerische Fotografie


Hannsjörg Bachmann: Ich hatte das Glück, als ärztlicher Kollege bei der Geburt unserer Kinder dabei sein zu dürfen. Das war zur damaligen Zeit eine absolute Ausnahme. Bei unserem ältesten Kind (geboren 1972) gab es aber noch kein Rooming-In. Die Neugeborenen wurden – getrennt von ihren Müttern – in einem Säuglingszimmer untergebracht. Zugang zu dieser Einheit hatte das Personal, nicht aber die Mütter oder Väter. Von den Schwestern wurden die Kinder beobachtet, gewickelt und bei Bedarf auch mit Flaschennahrung versorgt. Dreimal pro Tag wurden die Kinder für ein bis zwei Stunden zu ihren Müttern gebracht. Oft blieben die Mütter mit ihren Stillversuchen erfolglos, weil die hungrigen und unruhigen Neugeborenen kurz vorher mit Flaschennahrung versorgt worden waren. In den geburtshilflichen Kliniken war eine Stillkultur noch völlig fremd. Eine Organisation wie die La Leche Liga gab es noch nicht. Die Mütter waren sich bei ihren Stillversuchen allein überlassen.

Diese unerfreuliche persönliche Erfahrung hatte auch eine positive Langzeitwirkung. Als ich 15 Jahre später Chef einer Kinderklinik wurde, traf ich in der dortigen Frauenklinik noch immer auf die eben beschriebene traditionelle Versorgungsstruktur mit separatem Säuglingszimmer. In enger Kooperation mit der Frauenklinik gelang es damals relativ zügig – trotz vieler Widerstände – eine stillfreundliche Struktur aufzubauen. Die Klinik bekam als eine der ersten Kliniken in Deutschland das Zertifikat „Stillfreundliches Krankenhaus“.

Familie leben braucht Zeit, Energie und die innerliche Bereitschaft, Schwerpunkte im Leben zu setzen

Jedes Kind ist anders - Foto Ausflug mit Enkelkindern © Bachmann privatfürKinder: Können Sie mit einigen Worten beschreiben, wie die damaligen Rahmenbedingungen von Familie waren. Wie haben Sie das erlebt – was war Ihnen als Eltern wichtig, wie war das Miteinander von Mutter und Vater, was für ein Vater wollten Sie für Ihre Kinder sein, welche Werte Ihren Kindern mitgeben?


Drei Generationen der Familie Bachmann
Vater & Tochter mit den Enkelkindern – Foto © privat


Hannsjörg Bachmann: Meine Frau und ich waren immer wieder beides – traditionell und fortschrittlich. Ungewöhnlich war (jedenfalls für unsere Eltern), dass wir noch als Studenten geheiratet haben, und dass meine Frau in den ersten Jahren unser Geld verdiente. Das Modell „Vereinbarkeit von zwei Berufen und Familie“ haben wir danach erprobt, aber schon ein Jahr nach der Geburt unseres ersten Kindes als für uns „nicht geeignet“ erlebt. Trotz eines sehr „übersichtlichen“ Gehalts und einer nur kleinen Mietwohnung haben wir damals die Entscheidung getroffen, uns von einem Einkommen zu trennen. Meine Frau hat für sich entschieden, ihre Berufstätigkeit aufzugeben. Sie wollte die Entwicklung unserer Kinder selbst begleiten und erleben. Hinzu kam, dass mein Arbeitspensum in der Klinik gewöhnlich deutlich über 100% lag. Für die Mütter (noch weniger für die Väter) gab es damals zudem kaum Teilzeit-Stellen. Für uns, unsere Beziehung und unsere Kinder war diese Entscheidung passend – auch im Rückblick. Optimal war sie nicht, aber für damals die relativ beste.

Wenig zufrieden bin ich heute damit, dass der Beruf viele Jahre lang unser (Familien)Leben so eindeutig dominiert hat. Begünstigt wurde dies durch mein eigenes Verständnis vom Arztberuf und durch eine Vielzahl von Vorbildern in meinem Arbeitsumfeld. Die natürliche Folge war, dass für alle anderen Lebensbereiche oft zu wenig Zeit und Energie übrigblieb.

„Ich bin heute davon überzeugt, dass der Beruf in unserer Gesellschaft in seiner Bedeutung für das Leben überbewertet wird. Damals sah ich das noch anders.“

In der Familie war ich deshalb oft viel zu wenig präsent und habe viele Entwicklungen meiner Kinder nicht so erlebt und begleitet, wie das für mich und uns alle gut gewesen wäre. Ich habe sie ein Stück weit „verpasst“, da ich vor allem Feierabend-, Wochenend- und Urlaubsvater war. Dann sehr engagiert und präsent, aber in Summe viel zu wenig. Der prägende Familienalltag verlief weitgehend ohne mich.

Auf der anderen Seite: Eine Indonesienreise, bei der wir Einblicke in das Familienleben einer ganz anderen Kultur bekamen, hat ein Umdenken in vielen Aspekten der Eltern-Kind-Beziehung in Gang gesetzt. Wir erlebten beispielsweise, dass Eltern ihre Säuglinge und Kleinkinder ganz selbstverständlich auch abends mit dabei hatten. Irgendwann schliefen sie in der Nähe ihrer Eltern friedlich ein. Separate Kinderschlafzimmer gab es nicht.

Diese Erfahrungen haben uns nach unserer Rückkehr dazu veranlasst, unsere abendlichen Routinen zu hinterfragen und zu ändern. Wir haben uns damals von den starren Zubettgehzeiten gelöst und gleichzeitig auf ein (für damalige Zeiten noch ungewöhnliches) Familienbett umgestellt. Häufig wurden wir dafür belächelt.

Zu diesen Inspirationen aus fremden Kulturen gehörte für mich auch das Erproben eines Tragetuches. Ich habe es genossen, als ich unsere Tochter so getragen habe – betrachtet wurde ich oft wie jemand von einem anderen Stern.

Elternsein wird einem nicht in die Wiege gelegt

Familien leben - Foto © Kerstin PukallfürKinder: Frau Dr. Bachmann, wie haben Sie Ihre Eltern erlebt?


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Künstlerische Fotografie


Eva-Mareile Bachmann: In den Schilderungen meines Vaters ist schon manches angeklungen: Beide liebevoll und zugewandt, mit großer Wertschätzung für uns Kinder, meine Mutter v.a. aufgrund der Rollenaufteilung aber emotional und ganz konkret im Alltag viel präsenter.

Mit Ende meiner Grundschulzeit war die Prioritätenverschiebung meines Vaters weg von der Berufstätigkeit hin zu einer deutlich höheren Beziehungsorientierung und mehr Familienzeit für uns alle deutlich spürbar. Es gab mehr gemeinsame Unternehmungen, Erlebnisse und Gespräche, mehr geteilten Familienalltag. Der innere Entwicklungsprozess, den meine Eltern gegangen sind, wurde für uns schrittweise erfahrbar.

Wenn ich die von meinem Vater formulierten Pole „traditionell vs. fortschrittlich“ aufgreife, überwiegt in meiner Wahrnehmung der „innovative“ Teil: Enge Schulfreunde erzählten mir erst vor einigen Jahren, dass es bei uns zu Hause atmosphärisch anders gewesen sei als bei den meisten anderen Familien – zugewandter, feinfühliger, gleichwürdiger.

Mit den Augen des Kindes – auf Augenhöhe

Ich erinnere mich, dass meine Eltern schon damals zu den ersten gehörten, die sich mit den „vier Ohren“ nach Schulz von Thun, Gordons „Familienkonferenz“ oder kritisch mit eigenen biographischen Prägungen und Schemata auseinandergesetzt haben. Auch Gehorsamsstrukturen oder „Machtspielchen“ (z.B. im Schulkontext) wurden hinterfragt, das Gespräch mit den Lehrern gesucht, uns als Kindern in unserer Entwicklung viel Individualität, Freiheiten und Freiräume zugestanden. Keiner von uns ist gerne in den Kindergarten gegangen, das haben meine Eltern ernst genommen, wir durften die Vormittage weiter zu Hause spielen. Das Tragen im Tragetuch, Schlafen im Familienbett, das Fehlen von Strafen, ein generelles Wohlwollen („Selbständigkeitsalter statt Trotzphase“), das Fördern und Schützen unserer individuellen Persönlichkeiten sind sicher weitere Aspekte, die die Sicht meiner Eltern auf uns Kinder gut beschreiben.

In Beziehung sein

Vieles, was meine Eltern zunächst wahrscheinlich eher aus einem Bauchgefühl heraus oder einer Intuition entsprechend gemacht haben, haben sie für sich später schrittweise, bewusst und aktiv weiterentwickelt. Einer der größten Schätze ist für mich eine andere, neue Sprachfähigkeit, die in den letzten Jahrzehnten in unserer Familie entstanden ist. Wir alle haben nach und nach gelernt, Gefühle und Bedürfnisse besser wahrzunehmen, in Worte fassen und mitteilen zu können. Das hat die Beziehungsqualität untereinander extrem verändert.

Das Beziehungsdreieck Vater-Mutter-Kind:
eine Herausforderung mit hohem Anspruch

Familien leben - Foto iStock © LacheevfürKinder: Kindheit hat sich heute – neben den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – ja vor allem aufgrund des deutlich veränderten Wissens zu Bindung und den zentralen Entwicklungsbedingungen von Kindern verändert. Was sind für Sie wesentliche Merkmale der heutigen Zeit?

Eva-Mareile Bachmann: Es gibt heute viel mehr Eltern, die um die Bedeutung von Bindung und Beziehung wissen – und die sich wirklich um eine gleichwürdige, respektvolle Beziehung zu ihren Kindern bemühen. Gleichzeitig gibt es viele Unsicherheiten, wie dieses neue Miteinander (zwischen „liberaler“ Erziehung und autoritärem Elternverhalten) aussehen kann.

Die Ansprüche an Kindererziehung sind hoch – bestmögliche frühkindliche Bildung, Entwicklung von sozial-emotionalen Kompetenzen, Selbst(wert)gefühl und Persönlichkeit, der Wunsch nach einem hohen kindlichen Funktionsniveau sowie einer hohen Anpassungsfähigkeit – ein impliziter, übergreifender Leistungsanspruch an Kinder und Eltern.

Viele Eltern bemühen sich in der Paarbeziehung um einen partnerschaftlichen, gleichberechtigteren Umgang miteinander, reflektieren gängige Rollenmuster. Der Berufstätigkeit kommt eine hohe Bedeutung zu, auch weil es die vielfältigen Möglichkeiten externer Kinderbetreuung gibt.

„Viele leiden gleichzeitig unter dem hohen Druck der Mehrfachbelastung – dem täglich zu leistenden Spagat zwischen individuellen Bedürfnissen, Beruf, Kindern, Kinderbetreuung und Partnerschaft – den Erwartungen der Gesellschaft und dem Wunsch nach Individualität. Es ist unmöglich, allem gerecht zu werden.“

Hinzu kommen die hohen seelischen Kosten, die mit diesem Lebenskonzept, der Beschleunigung der Gesellschaft, der Ökonomisierung des Denkens und Handelns und dem Optimierungsanspruch in allen Lebensbereichen verbunden sind.

fürKinder: Wie erleben Sie, Frau Dr. Bachmann, den Umgang Ihrer Eltern mit Ihren Kindern – den Enkelkindern?

Eva-Mareile Bachmann: Unsere Kinder haben eine sehr vertraute, herzliche Beziehung zu meinen Eltern, für sie sind die Großeltern ganz wichtige Bezugspersonen. Unsere Kinder rufen sie auch im Alltag zwischendurch immer mal wieder an, um für sie wesentliche Ereignisse, Schönes wie Schwieriges, direkt mit ihnen zu teilen. Ich erlebe meine Eltern dabei als sehr zugewandt, wertschätzend und liebevoll, ohne Erwartungen an unsere Kinder – an vielen Punkten noch bewusster und achtsamer als bei uns früher.

Durch unsere Zwillingskonstellation (zweimal Zwillinge) haben wir als Großfamilie von Anfang an sehr viel Zeit gemeinsam verbracht, gleichzeitig fiel die Geburt unserer Kinder ins Rentenalter meiner Eltern – mit mehr Zeit und neuen Prioritäten.

Wenn wir uns sehen, bringen meine Eltern zudem oft die „Extraportion Zeit“ mit, die im Alltag oft so schwer zu realisieren ist – zum Vorlesen, Spielen, Backen, Erzählen, mit besonderer Aufmerksamkeit für jeden einzelnen, bewusst auch mit Freiräumen für uns als Eltern. Jeder kommt auf seine Kosten, eine Win-win-win-Situation 😉.

Ich erlebe die Großeltern-Enkel-Beziehung als besonderes Geschenk – einfach Zusammensein, Begleiten, Zuhören, Genießen – ganz ohne den normalen „Alltagsdruck“, Verantwortung oder Pflichten, die das Familienleben ja sonst oft auch mitbestimmen.

Großeltern werden – Chance zur Neuauflage

Jedes Kind ist anders - Foto Blickkontakt © Bachmann privatfürKinder: Herr Prof. Dr. Bachmann, was macht Ihnen besonders viel Freude, wenn Sie mit Ihren Enkelkindern zusammen sind?


Hannsjörg Bachmann im innigen Dialog
mit zwei seiner Enkelkinder – Foto © privat


Hannsjörg Bachmann: Ich genieße diese Zeit sehr. Und es macht mich glücklich zu erleben, wie sich im Laufe der Zeit zu jedem der Enkel eine vertraute und eigenständige Großvater-Beziehung entwickelt hat. Ich denke, dass ich so für jeden der Enkel auch zu einer wichtigen Bindungsperson geworden bin. Dass diese Begegnungen mein Leben so bereichern und verändern würden, habe ich mir vorher nicht vorstellen können. Es hat sich aber ereignet. Und ich weiß seit langem (und nutze es mit Vergnügen), dass ich in diesen Enkel-Beziehungen immer auch Lernender bin.

Die Faszination: besser zu verstehen

Dadurch dass wir mehrere Jahre ganz regelmäßig (gewöhnlich eine Woche pro Monat) mit unseren Kindern und den Zwillingsenkeln unter einem Dach gewohnt haben, habe ich ganz bewusst (und an vielen Punkten in dieser Intensität zum ersten Mal in meinem Leben) wahrnehmen können, wie Kinder sich in den ersten Jahren entwickeln.

Diese Prozesse haben mich fasziniert und ergriffen. Es war für mich immer wieder ein unglaublicher Moment, wenn ein Neugeborenes nach einigen Wochen zum ersten Mal Blickkontakt sucht und beginnt, eigene Laute hervor zu bringen – wie sich ein erster zarter Dialog entwickelt.

Ich habe besser verstanden, was mit Feinfühligkeit eigentlich gemeint ist, und warum Feinfühligkeit die Voraussetzung für eine sichere emotionale Entwicklung ist. Und dass auch für alle anderen Prozesse der ersten Lebensjahre – wie Aufbau des Selbst(wert)gefühls, Sprachentwicklung, Kennenlernen der eigenen Gefühle, Erwerben von Empathie – die Bedingungen immer dann optimal sind, wenn es genügend interessierte und feinfühlige Gegenüber gibt.

Jedes Kind ist einmalig

Außerdem habe ich wahrgenommen, wie unterschiedlich jedes Kind von Geburt an ist, und dass viele dieser persönlichen Eigenschaften „stabil“ sind, sie sind Teil der Person und ändern sich auch mit dem Heranwachsen nur unwesentlich. Zwei Beispiele: Ein Kind braucht viel Schlaf, um sich wohlzufühlen, das andere ist auch nach einer kurzen Nacht munter und gut gelaunt. Das eine schläft innerhalb von wenigen Minuten ein, das andere benötigt viel Zeit, um in den Schlaf zu finden. Wenn man Zwillinge begleitet, wächst die Sensibilität für die Wahrnehmung dieser sehr unterschiedlichen angeborenen Eigenschaften ganz von alleine.

Mich reizt es, einfach das normale Leben mit den Enkeln zu teilen. Einkaufen, Spielen, Fahrradfahren, Vorlesen, Schwimmen, Spazierengehen, Zusammensein – natürlich hin und wieder ergänzt durch besondere „Events“.

Spuren einer Begegnung: Jesper Juul

fürKindeFamilien leben - Foto Jesper Juul © Anne Kringr: Sie durften Jesper Juul persönlich kennenlernen und bei ihm die familylab-Ausbildung absolvieren. Was hat Sie an ihm besonders beeindruckt?

Hannsjörg Bachmann: Jesper Juul hat durch und durch Gleichwürdigkeit gelebt. Diese Haltung war tief in ihm verankert. Mich hat immer wieder beeindruckt, wie vorurteilsfrei und offen er sich auf Menschen eingelassen hat. Er wollte verstehen, was sein Gegenüber gerade beschäftigte, und was diese Frau/ dieser Mann/ dieses Kind ihm mitteilen wollte. Er konnte zuhören, den anderen geduldig ausreden lassen. Man spürte, dass er tatsächlich an dieser Person interessiert war. Charakteristisch für ihn waren Gesprächspausen, in denen er über das nachdachte, was er gehört hatte und Nachfragen, um sich zu vergewissern, ob er den anderen auch richtig verstanden hatte.

Bei ihm gab es keine Standardantworten. Er suchte nach einer individuellen Antwort für jeden Menschen in seiner aktuellen Situation. Im Fokus stand für ihn dabei immer das ganze Familiensystem. Viele seiner Antworten waren überraschend und unkonventionell.

Ihm war wichtig, immer auch die Perspektive des Kindes und seine Kompetenz mit einzubeziehen – sowohl bei der Analyse des Problems („Was sagt Dein Kind dazu? Hast Du es gefragt“) als auch bei der Erörterung eines Lösungsansatzes („Setzt Euch zusammen. Bitte auch Dein Kind, sich Gedanken zu machen und Vorschläge zu machen.“). Gleichzeitig ließ Jesper Juul nie einen Zweifel daran aufkommen, dass für die Führung in der Familie ausschließlich die Eltern verantwortlich seien.

„Glückwunsch zu diesem Werk!!! Ich finde es sehr gut, anschaulich und gut beschrieben“ Jesper Juul

Rezension Familienleben - BachmannfürKinder: Im vergangenen Jahr haben Sie als Vater-Tochter-Duo gemeinsam Ihr Buch „Familien leben – Wie Kinder und Eltern gemeinsam wachsen“ veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Hannsjörg Bachmann: Dass es nicht immer reicht, hochmotiviert und begeistert in die Familienphase zu starten, ist mir aus meiner eigenen Erfahrung und aus meinem Beruf als Kinder- und Jugendarzt gut bekannt. Die Idee, (werdende) Eltern beim Aufbau gesunder seelischer Familienstrukturen zu inspirieren, begleitet mich daher schon viele Jahre. Unsere gemeinsam erlebten zwei „Zwillings-Phasen“ wurden dann zur Basis für die Vater-Tochter-Schreibwerkstatt. Es erschien uns reizvoll, die unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen und Lebensperspektiven (Frau/Mann – Tochter/Vater/Großvater – zwei Generationen) in das Buch einzubringen. Es bedurfte der gemeinsamen Reflexion der eigenen Familiengeschichten und vieler Dialoge.

Eva-Mareile Bachmann: Als werdende Mutter hätte ich damals selbst gerne auf EIN Buch – ein Überblickswerk zurückgegriffen, das alles Wichtige aus der Familienphase zusammenbindet, und das sich auch im Alltagsstress einfach mal zwischendurch zur Hand nehmen lässt.

fürKinder: Eltern-Ratgeberliteratur gibt es heute ja zuhauf. Können Sie kurz beschreiben, worum es in Ihrem Buch geht und was das Besondere Ihres Buchs ist? Was unterscheidet Ihr Buch von anderen?

Eva-Mareile Bachmann: In unserem Buch geht es natürlich auch um Erziehungsfragen und Erziehungsstile, aber nur als ein Aspekt von vielen. Im Fokus steht die Familie mit allen ihren Bezügen und wie Eltern dafür sorgen können, dass sich Erwachsene und Kinder in ihrer Familie wohlfühlen – auch langfristig.

Wir haben den Versuch unternommen, in diesem (einem) Grundlagenbuch das Expertenwissen darzustellen und zu bündeln, das für das „Gelingen von Familie“ von Bedeutung ist – Bewährtes und Neues aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, aktuell und wissenschaftlich fundiert, gleichzeitig gut verständlich und alltagstauglich. Zu jedem Thema gibt es konkrete Tipps, Beispiele und Dialoge, die dazu beitragen sollen, das theoretische Wissen auch im Familienalltag umzusetzen.

Im Zentrum stehen nicht allein das Kind und die Eltern-Kind-Beziehung, sondern ebenso auch das Paar, die Familienbeziehungen und -atmosphäre sowie die für die individuelle Familie passenden Rahmenbedingungen. Unser Wunsch war es, aus Expertenwissen Elternwissen zu machen – leicht zugänglich für alle Interessierten.

Gedacht ist dieses Buch vor allem für werdende Eltern und Eltern in jungen Familien, für Elternpaare und für alleinerziehende Eltern. Aus den Feedbacks wissen wir, dass aber auch erfahrene Eltern, Großeltern und Fachleute (ErzieherInnen, Ärzte, Pädagogen, Therapeuten etc.) gerne in diesem Buch lesen und es im Rahmen ihrer Arbeit weiterempfehlen.

Damit Familie gelingt:
austauschen, vernetzen Kompetenzen erwerben

Familien leben - Foto Logo FamilienwerkstattfürKinder: Können Sie noch kurz etwas zur Familienwerkstatt Verden sagen?

Hannsjörg Bachmann: Die „Familienwerkstatt im Landkreis Verden“ ist ein e.V. und existiert in dieser Form seit 3 Jahren. Viele werdende Eltern sind in Familien groß geworden, in denen sie selbst keine sichere Bindung erfahren haben. Trotz bester Absichten sind sie deshalb nur begrenzt in der Lage, ihren Kindern Geborgenheit, Selbst(wert)gefühl, emotionale/soziale Kompetenzen, Empathie etc. zu vermitteln. Sie tragen diese Erfahrungen nicht in sich. Erwerben Kinder diese Schlüsselkompetenzen jedoch nicht, fehlen lebenslang grundlegende Schutzfaktoren für die „seelische Gesundheit“.

Wir wenden uns mit der Familienwerkstatt an werdende Elternpaare und alleinerziehende Eltern aus allen Bereichen unserer Gesellschaft. Mit unseren Familienvorbereitungskursen möchten wir mit dazu beitragen, dass werdende Eltern so früh wie möglich (am besten ab Schwangerschaft) miteinander herausfinden, wie sie dafür sorgen können, dass ihre Paarbeziehung stabil bleibt, eine respekt- und vertrauensvolle Familienatmosphäre entsteht und ihre Kinder seelisch gesund heranwachsen.

Uns liegt sehr daran, die Eltern vor/bald nach der Geburt zu erreichen, und dass beide Partner an den Kurstreffen um die Geburt herum und im ersten Lebensjahr teilnehmen. Die Kurse sind für die Eltern kostenfrei, um allen – unabhängig von den Einkommensverhältnissen – eine Teilnahme zu ermöglichen. Aktuell finanziert sich die Familienwerkstatt über Sponsoring.

Vielen Dank für dieses Interview!
Redaktion fürKinder

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Rezension

Familien leben – Wie Kinder und Eltern gemeinsam wachsen. Ein Grundlagenbuch, Hannsjörg Bachmann, Eva-Mareile Bachmann, Kösel-Verlag

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Vom Paar zur Familie – eine Reflexion aus unserer Rubrik : Familienstories

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Die demokratische Familie – so gelingt‘s

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