Die Kinder des Monsier Mathieu 1 - Foto DVD Es mag vielleicht paradox klingen: ich möchte Ihnen heute einen Film empfehlen, den ich selbst zunächst zweimal gleich zu Anfang abschaltete und erst im dritten Anlauf komplett anschaute – Die Kinder des Monsieur Mathieu.

Allzu dunkel muteten die Eingangsbilder an: ein trostloses Kinderheim in einem dieser unwirtlichen Gebäude der 50er Jahre, gleich eine Szene, in der eines der Heimkinder mit roher Gewalt in den „Karzer“ (Strafzelle der Lehranstalt, einem Gefängnis für Schwerverbrecher gleichend) gesperrt wird. Erschreckend: ich musste mich erst einmal wappnen, um diese Szenen anschauen zu können, die Atmosphären durchzustehen. Das Durchhalten im dritten Anlauf hat sich gelohnt, bereicherte mich doch der Film durch ein klares pädagogisches Plädoyer: auch unter den schwierigsten Bedingungen an das Gute zu glauben und für menschliche Überzeugungen einzutreten.

Ein Heim für Kinder aus schwierigen Verhältnissen?

Der Film aus dem Jahre 2004 mit dem Originaltitel Les Choristes spielt im Jahre 1949, also in der Nachkriegszeit in Frankreich, in einem Heim für Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Insbesondere der Direktor regiert hier mit harter Hand, drastischen Strafen. Gefürchtet wird vor allem die Isolationshaft im Karzer.

Protagonist Musiker Clement Mathieu kommt offenbar aus einer schwierigen Lebenssituation als neuer Aufseher in das Heim: er sei, so kommentiert die filmische Erzählerstimme, auf allen Ebenen gescheitert. Mathieu ist entsetzt über die Atmosphäre der Einrichtung, die teils brutalen Jungen und die an ihnen regelmäßig angewandten Strafmethoden. Er hat zunächst um Respekt und Anerkennung durch die Schüler zu kämpfen, begegnet ihnen aber fortgesetzt auf seine eigene Weise:

Er bringt ihnen Respekt und Zuneigung entgegen und betont nicht seine Autorität, sondern versucht mit Humor ein harmonisches Miteinander zu ermöglichen.

Als er eines Abends den Schüler Corbin Mundharmonika spielen und singen hört, reift in Mathieu die Idee, die Kinder an Musik heranzuführen und einen Chor zu gründen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten scheint die Musik wie ein therapeutisches Wundermittel zu wirken: die Jungen singen hingebungsvoll, die gesamte Atmosphäre verändert sich, es herrscht eine fröhlichere Stimmung. In einem als schwierig geltenden Jungen, Pierre Morhange entdeckt Mathieu ein besonderes Gesangstalent. Die Kinder singen teils engelgleich aus Mathieus selbst komponierten Werken, die so spät, nach erfolgloser Komponistenlaufbahn, doch noch zur Aufführung gelangen. Eine Winwin-Situation: die Jungen erfahren eine Er-Lebensbereicherung, Mathieu eine späte Würdigung seiner Talente.

Aufgrund einer angeblichen Missachtung der Hausordnung wird Mathieu gekündigt, kann sich aber sicher sein, in seinen Schülern bleibende positive Spuren hinterlassen zu haben (einer der schwierigen Schüler ist offenbar Dirigent geworden, ein anderer hat sich so stark an Mathieu gebunden, dass er sich aufmacht, mit ihm gemeinsam das Heim zu verlassen).

Beziehung und Musik: das unschlagbare Duo

In diesem Film wird uns vieles aus der sogenannten „Schwarzen Pädagogik“ nüchtern und beinahe brutal vor Augen geführt. Hervorheben möchte ich in meinen Ausführungen die in Szene gesetzte Wirksamkeit der Kombination von Beziehungsgestaltung und Musik. Vor allem musiktherapeutisch Tätigen mit Kindern und Jugendlichen, die dieses unschlagbare Team täglich in ihrer Arbeit einsetzen (Barnowski-Geiser 2010), mag der sich im Film einstellende Erfolg (die gezeigte Bindungs-und Stimmungsverbesserung nach Beginn des gemeinsamen Singens) kaum verwundern, wird dem Musikmachen doch eine positive charakterbildende und heilende Fähigkeit zugeschrieben (Kölsch 2019). Der Dirigent Daniel Barenboim beschreibt die soziale Dimension des Musikmachens:

„Wahres Anerkennen, so möchte ich hinzufügen, bedeutet, die Andersartigkeit eines Mitmenschen zu akzeptieren und seine Würde nicht zu verletzen. Dass so etwas möglich ist, wird in der Musik von kontrapunktisch aufeinander bezogenen Stimmen oder von der Vielstimmigkeit der Polyfonie, gezeigt. Dass man die Individualität des anderen akzeptieren und ihm seine persönliche Freiheit lassen muss und kann, ist eine der wichtigsten Lehren, die wir aus der Musik zu ziehen haben.“

Zur Wirksamkeit von Musik liegen diverse Studien und Forschungsergebnisse vor, die die vorab beschriebenen positiven Effekte von Musik belegen (Kölsch 2019). Musik, die Menschen gefällt, kann, wie neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen (Spitzer; Roth/Strüber) Gänsehautmomente erzeugen und die für das menschliche Wohlbefinden so wichtigen Belohnungssysteme aktivieren (Blood & Zatorre 2001 nach Spitzer). Musik scheint somit auch für die Jungen im Film ein entscheidender Faktor zu sein, aber Musik allein genügt m. E. nicht im Erklärungspuzzle des positiven Wandels: die Person des Lehrers Mathieu ist maßgeblich.

Die Person des Lehrenden: der wichtigste Faktor für Lernen und Entwicklung

Lehrer Mathieu hat den Kindern das Leiden am System nicht nehmen können, aber einmal mehr wird deutlich: wenn die Systeme versagen, kann eine einzelne Bindungsperson, oft gerade Lehrerinnen und Lehrer, Entscheidendes für eine positive Lebensentwicklung bewirken. Manfred Spitzer kommt in seinen Forschungen zu Lernen und Gehirnforschung zum Ergebnis,

„dass der Lehrer (oder die Lehrerin) der mit Abstand wichtigste Faktor beim Lernen in der Schule darstellt“. (Spitzer, S. 411)

Dabei komme es nicht auf Techniken an, sondern auf das Beziehungs-und Bindungsgeschehen:

„Wichtig ist zunächst einmal, ob sich Lehrer oder Schüler gegenseitig schätzen und mögen.“ (Spitzer, S. 412)

Mathieu gelingt es in Verlaufe des Films, seine schwierigen Schüler für sich zu gewinnen. Sie mögen ihn. Ist das erklärbar?

Tänzer und Starchoreograph Royston Maldoom (bekannt durch seine tanzkreative Arbeit mit Kindern aus schwierigen Familien, zu sehen in der Doku  „The Rhythm is it“) resümiert in seinem Buch Tanz um Dein Leben: „Ich arbeite nicht mit dem Adoptivkind. Ich arbeite nur mit der wirklichen Person – dem talentierten, kreativen Wesen, dem Menschen mit dem außergewöhnlichen Potenzial.“ (Maldoom, S. 61)

Kinder spüren, dass „ich an Sie glaube.“ (ebenda)

Als entscheidend definiert er seine eigene Haltung den Kindern gegenüber. Diesen Glauben an den Einzelnen identifiziert Maldoom in der Rückschau seiner großen Erfahrung als entscheidendes Merkmal im pädagogisch – choreografischen Prozess. Oft höre er im Anschluss an gelungene Aufführungen von Pflegeeltern, dass sie nie gedacht hätten, dass ihr Kind solche Fähigkeiten habe. “Nun wissen Sie, was das eigentliche Problem ist.“, entgegnet Maldoom (Maldoom, S.59). Er beschreibt, durch seine Lebensgeschichte selbst betroffen, treffend, wie es in diesen Kindern aussieht:

„Aus Angst, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein, werden viele dieser jungen Leute, die sich selbst schon als Versager betrachten, Störungen provozieren, aus dem Raum laufen oder damit drohen, das Ganze abzubrechen. Sie sind daran gewöhnt, für unfähig gehalten zu werden; Rebellion gibt ihnen Sicherheit – eine Form des Selbstschutzes, die ich in meiner Kindheit angewandt habe, wenn ich an meine Grenzen stieß. Ich machte anderen das Leben schwer, weil ich glaubte, dass mich niemand liebte, und überzeugt davon war, ganz allein da zu stehen. Ich nahm die Rolle des ungeliebten Kindes an – richte mich in ihr ein und schleppte sie bis Anfang zwanzig mit mir herum.“ (Maldoom, S.60)

Eindrucksvoll beschreibt er, wie sich das „wie ein Adoptivkind fühlen“ in das Sein webt, sich zum erfundenen Selbstbild verfestigt, mit weitreichenden zementierten Überzeugungen: Ich bin wertlos, ich bin ein Versager, ich mache Schwierigkeiten. „Indem sie das +Adoptivkind+ vor ihr wahres Selbst schieben, haben diese Kinder ein Mittel, ihre Lehrer zu entmachten, und können sich auf kindliche Weise mächtig fühlen, selbst wenn sie keine wahre Macht besitzen.“ (Maldoom, S.61)

In vielen Szenen im hier besprochenen Film können wir diesen Tanz zwischen Macht und Ohnmacht verfolgen. Mathieu gewinnt die Kinder durch das Duo Musik und Beziehung: durch seine Persönlichkeit und durch seine Fähigkeiten als Chorleiter, Komponist und Musiklehrer.

Mein Fazit: Empfehlenswert!

In der Person des Lehrers Mathieu lässt der Regisseur seinen Protagonisten einem inneren Navigator der Menschlichkeit folgen: dieser scheint ihm selbst wenig bewusst. Er scheint dieser inneren Orientierung gleichsam ungefragt zu folgen, ohne pädagogische oder moralische Einsichten tiefergehend zu diskutieren. Mathieu reflektiert das, was er sieht lediglich in oft verzweifelten, kurzen Tagebuchnotizen, ohne Metagedanken, ohne philosophische Betrachtungen zur Korrektheit des Systems – und doch wirkt er gerade in seinem So-Sein, das menschenmöglich Beste in Pädagogik und Musik zu tun, im Rahmen der Möglichkeiten des Systems, überzeugend und eindrücklich.

von Waltraut Barnowski-Geiser

Links zum Thema

Trailer

Die Kinder des Monsieur Mathieu, Constantin Film (Universal Pictures) mit Gérard Jugnot, François Berléand, Produzent Arthur Cohen, DVD und Streamen über Amazon

Quellen

Barenboim, D. (2008). Klang ist Leben. Die Macht der Musik. München

Barnowski-Geiser, W. (2010). Schule braucht Gefühl. Kinder kreativ-therapeutisch fördern. Neukirchen-Vluyn

Kölsch, S. (2019). Good Vibrations. Die heilende Kraft der Musik. Berlin

Maldoom, R. (2010). Tanz um Dein Leben. Meine Arbeit, meine Geschichte. Frankfurt

Roth, G.; Strüber, N. (2014).Wie das Gehirn die Seele macht. Stuttgart

Spitzer, M. (2003). Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg