Kindheiten in Voralberg

Kindheit(en) in Vorarlberg
Bucher Verlag GmbH, Hohenems
ISBN: 978-3990181874
296 Seiten
28,00 Euro

„Die Erinnerungen an die eigene Kindheit erzählen auch unendlich viel über die Geschichte des Ortes, der Region, des Landes, in der ich aufgewachsen bin. Und diese Geschichte, hier des Landes Vorarlberg, zu schreiben in einem Kaleidoskop unterschiedlichster Kindheitserinnerung ist neu, spannend und lehrreich,“ schreibt Dr. Franz Josef Köb, einer der 35 Autoren in diesem Buch. Der Wissenschaftsjournalist und Moderator der bekannten Vortrags- und Video-Serie „Wissen fürs Leben“ Dr. Franz Josef Köb teilt im folgenden seine Gedanken zur Bedeutung von Kindheit und Kindheitsgeschichten, gleichzeitig eine Rezension dieser Sammlung von Erinnerungen unterschiedlichster Art an „Kindheit(en) in Vorarlberg“.

Nachkriegsgeschichte aus Kindersicht

Wie haben Kinder die Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt? »Kindheit(en) in Vorarlberg« Kindheitsgeschichten prominenter VorarlbergerInnen versetzen uns in Kinderwelten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie erzählen mit großer Offenheit von Härten und Glück, von Liebe und Zuwendung ebenso wie von unfassbarer Gefühlskälte und Armut.

Man kann die Bedeutung der Kindheit für das spätere Leben gar nicht hoch genug einschätzen. Die Erfahrungen, vor allem die Beziehungserfahrungen der Kindheit und die damit verbundenen Gefühle prägen und begleiten uns ein Leben lang.

Ein sehr schönes, positives Beispiel für die entscheidende Weichenstellung, die in der Kindheit erfolgt, ist die begeisterte Köchin und Bestseller-Autorin von Kochbüchern Ulrike Hagen, geboren 1972. In ihrem Bericht in dem Buch „Kindheit(en) in Vorarlberg“ schreibt sie: „Riebel, Suuri Räba, Inbrännti Höckarli, Krüchörögulasch, Wildbrett, Stockräba mit Haföläuob, Schwarzbrottorte, Linzer Schnitten, Schokoladencharlotte und und und – wen wundert‘s, dass bei solch köstlichen Kindheitserinnerungen mein Weg eine kulinarische Richtung einschlug?! Meine Leidenschaft fürs Kochen wurde mir wohl gerade an solchen Festtagen, an denen uns Oma und Mama mit ihren wundervollen Kochkünsten verwöhnten, in die Wiege gelegt.“

Kindheitserfahrungen prägen das ganze Leben

Ein ganz anderes Beispiel beschreibt der Künstler Wolfgang Flatz, geboren 1952 im Kindheit(en)-Buch: „Ein Ereignis früher Kindheit hat sich in mein Gedächtnis eingestanzt wie ein Brandzeichen, das einem Rind mit glühendem Eisen ins Fleisch gebrannt wird.“ Es ist die schmerzvolle Erfahrung einer brutalen Züchtigung durch unzählige Schläge mit dem Kochlöffel. Flatz ist sicher: „Diese Erfahrung hat mich so tiefgehend geprägt, dass es mein Leben und meine Arbeit als Künstler vorbestimmt hat.“

Die frühen Beziehungs- und Bindungserfahrungen – ob positiv oder negativ – prägen sich ein und begleiten uns ein Leben lang. Je nachdem, wie wir als Kind die frühen Beziehungen erfahren – sicher, unsicher oder ambivalent – genau so erfahren, leben und inszenieren wir später als Erwachsene unsere Beziehungen – natürlich weitgehend unbewusst. Sehr ehrliche Beispiele dafür finden sich in dem kleinen Gedichtband „Ein paar Schritte zurück“ von Peter Turrini. Dort beschreibt er in kurzen Texten offen, mutig und auch schonungslos nicht nur seine frühen, sondern auch seine aktuellen Beziehungserfahrungen.

  • Die Kindheit ist ein schreckliches Reich.
  • Die Hände, die dich streicheln, schlagen dich.
  • Der Mund, der dich tröstet, brüllt dich an.
  • Die Arme, die dich hochheben, erdrücken dich.
  • Die Ohren, die dir zuhören, verstehen alles falsch.

Diese Ambivalenz der frühkindlichen Beziehungserfahrungen pflanzt sich fort und zeigt sich in der aktuellen Paarbeziehung.

  • Drei Tage mit dir, und ich denke an Trennung.
  • Drei Tage ohne dich, und ich wünsche mir ein Wiedersehen.
  • Ich kann nicht mit dir leben. Ich kann nicht ohne dich leben.

Dass in der Kindheit die Weichen fürs ganze Leben gestellt werden, ist keine bloße Annahme oder Behauptung. Im Gegenteil: Über die entscheidende und oft schicksalhafte Weichenstellung in der Kindheit weiß man heute mehr als je zu vor. Gerade die neuesten Forschungen der Neurobiologie, der Hirnforschung und der Epigenetik liefern seit etwa 20 Jahren unzählige Beweise, d. h. naturwissenschaftliche Fakten über den prägenden Einfluss früher Erfahrungen für das ganze Leben.

Das Gedächtnis des Körpers

In seinem Buch „Das Gedächtnis des Körpers“ schreibt der renommierte Arzt, Neurobiologe, Genforscher und Psychotherapeut Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer: „Wir wissen aufgrund gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass Erfahrungen der frühen Kinderjahre spätere seelische und körperliche Abläufe ‚bahnen‘, das heißt auf ein bestimmtes ‚Gleis‘ bringen. (…) In der Kindheit und Jugend werden im Gehirn die Nervenzell-Netzwerke angelegt, die später darüber entscheiden,

  • wie eine Person ihre Umwelt einschätzt und darauf reagiert
  • wie sie Beziehungen gestaltet und
  • wie sie mit den Herausforderungen umgeht, die das Leben bereit hält.

Die ‚Konstruktion‘ dieser Nervenzell-Netzwerke hängt von den Erfahrungen ab, die das Kind in seinen Beziehungen während der ersten Lebensjahre macht.“

Univ.-Prof. Dr. Christian Schubert ist Arzt, Psychologe und Psychotherapeut an der Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie in Innsbruck und leitet dort den Forschungsbereich Psychoneuroimmunologie. Er schreibt in seinem Buch „Was uns krank macht, was uns heilt“: „Frühe Erlebnisse, unter denen wir gelitten haben, spielen ja nicht nur rückblickend in der Erinnerung eine Rolle. Vielmehr wiederholen sie sich immer wieder in den Beziehungen des inzwischen Erwachsenen. Wir spielen sie tagtäglich neu durch. Somit wird eine alte Belastung stets aufs Neue aktualisiert, und das sowohl seelisch als auch körperlich.“

Geradezu Atem beraubend sind die neuesten wissenschaftlichen Forschungen und Erkenntnisse der Epigenetik, wie sie etwa Peter Spork in seinem Buch „Gesundheit ist kein Zufall – Wie das Leben unsere Gene prägt“ beschreibt. Molekularbiologisch lässt sich eindeutig nachweisen, dass in der Zeit der Schwangerschaft und sogar einige Monate davor „besonders viele Weichen in Richtung Gesundheit und Resilienz gestellt“ werden. „Diese Phase hat Auswirkungen auf den Rest des Lebens“ stellt Peter Spork klar. Details über die sogenannte „perinatale Prägung“ bitte selbst nachlesen in den Kapiteln 4-6 des genannten Buches.

Fazit:

Erstens: Sich mit der eigenen Kindheit ehrlich zu beschäftigen, ein wirkliches Interesse für die eigene Kindheit zu entwickeln, das ist vor allem deshalb wichtig, weil das, was wir als Kinder gefühlsmäßig erlebt und erfahren haben, uns ein Leben lang begleitet und nachwirkt. Wenn man die eigene Kindheit versteht, dann versteht man auch vieles in der aktuellen Lebenssituation besser.
Zweitens: In der Kindheit füllen Kinder ihren Lebensrucksack mit Erfahrungen, die Lasten sein können oder sich als nahrhafte Wegzehrung auf dem Lebensweg erweisen. Tun wir alles – familiär und politisch – damit unsere Kinder eine möglichst nahrhafte Wegzehrung für ihren Lebensweg mitbekommen.

von Dr. Franz Josef Köb

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Beitrag

„Kindheitsgeschichten“ Interview mit Dr. Franz Josef Köb von Jennifer Hein