Die Verhältnisse im Kindergarten © FatCameraSusanne Schnieder ist sauer. Die Kita-Leiterin und zweifache Mutter prangert in ihrem jüngsten Buch „Die Herrschaft der Rotzlöffel“ – der Link verweist auf die ausführliche Buchbesprechung – die Zustände in deutschen Kitas an.

Unzählige Beispiele aus dem Kita- und Familienalltag beschreibt sie in unterhaltsam-lockerer, bisweilen witziger Weise. Nicht selten bleibt einem das Lachen im Halse stecken, was natürlich beabsichtigt ist. Wenn etwa ein Vater sich auch dann (allein) zur „Eingewöhnung“ in die Kita begibt, obwohl das Kind krank ist und zuhause bleiben muss. Oder wenn Eltern sich in WhatsApp-Gruppen ausgiebig über den Kita-Mittagstisch streiten.

Beispiel: Bildung und Glaubwürdigkeit

Apropos: „Fragt man Fünfjährige, wo das Essen in der Kita herkommt, hat man nur zu oft den ‚Strom kommt aus Steckdose‘-Effekt: Das Essen kommt aus dem Essenswagen. Als wenn es vom Himmel gefallen wäre“, moniert die Autorin. Nicht nur, dass den Erzieherinnen nun „landauf, landab“ wegen der Essensversorgung („dokumentieren, auffüllen, abdecken, einräumen, aufwischen, abwaschen..“) die Zeit mit den Kindern fehle. Jeden Mittag werde in unzähligen Kitas auch Essen entsorgt, vom Caterer mitgenommen und an Tiere verfüttert oder in Biogasanlagen verfeuert. „Was hat das alles mit nachhaltiger Lebensmittelwirtschaft zu tun?“ fragt Schnieder zurecht. Verrückter werde es nur noch, wenn am nächsten Tag die Kinder zum ‚Kleinen Klimaretter‘ ausgebildet werden.

Beispiel: Achtsamkeit und Respekt

Susanne Schnieder bringt die Missstände in den Kitas wunderbar auf den Punkt. Es ist verständlich, dass Erzieherinnen sich wie „Eier legende Wollmilchsäue“ vorkommen. Aber den Eltern allein die Schuld am Kita-Desaster zu geben, ist unfair. Damit reiht sich das Buch leider ein in die Vielzahl von Publikationen, die hemmungsloses Elternbashing betreiben.

Die Journalistin Gundi Herget hat für das Verbandsmagazin „Journalist“ einmal gründlich zum Thema Helikoptereltern und Elternbashing recherchiert und kam zu dem Schluss: „Das Thema ist wie Kaugummi mit extralangem Geschmack, beliebig wiederkäubar, aber mit wenig Substanz. (..) Der chronisch-verbale Beschuss von Eltern in den Medien ist unfair, gehässig, ärgerlich und auch unwahr.“

Leider muss man der Rotzlöffel-Autorin vorhalten, dass sie mit keinem Wort die eigentlichen Ursachen für den fatalen gesellschaftlichen und damit auch familiären Wandel erwähnt: So ist es doch in erster Linie eine Politik, die seit Jahren Eltern gängelnd vor sich hertreibt nach dem Zuckerbrot-Peitsche-Prinzip (kostenlose Ganztagsbetreuung im Angebot / doppelte Berufstätigkeit als Forderung). Wenn ein Verdienst nicht mehr zur Ernährung der Familie ausreicht und beide Eltern sich beruflich nach der Decke strecken sollen, verwundert es nicht, dass Kinder, Familienleben und natürlich gute Erziehung auf der Strecke bleiben.

Wieviel Kita braucht ein Kind?

Zu Recht kritisiert die Autorin, dass ausgerechnet ein medial so präsenter Mann wie der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) Kitas als Allheilmittel angepriesen habe. Kinder würden laut RKI-Präsident Lothar Wieler „dort entsprechend ernährt, dazu aufgefordert, mit Gleichaltrigen zu spielen und sich ausreichend zu bewegen“. Mit keinem Wort, so Schnieder, habe der RKI-Präsident erwähnt, „dass Kitas und Kindergärten als Familienergänzung gedacht sind und nicht als deren Ersatz“. Immerhin wirft die Autorin hier auch einmal einen Blick auf die fatale Rolle öffentlicher Funktionsträger. Man darf nur hoffen, dass der RKI-Präsident bei seiner Bewertung der Corona-Lage nicht ebenso schief liegt wie bei der der Kindergesundheit.

von Birgitta vom Lehn

Links zum Thema

Rezension

Die Herrschaft der Rotzlöffel – Wie wir die Verhältnisse im Kindergarten wieder vom Kopf auf die Füße stellen, Susanne Schnieder mit Carsten Tergast, Ecowin-Verlag

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