Fremdbetreuung ein Tabu-Thema - Foto iStock © cunfekIst die Fremdbetreuung für unter Dreijährige ein gesellschaftliches Tabu-Thema? Diese Frage stellen die Wissenschaftler:innen Denis Pereira Gray, Dana Dean, Molly Dineen und Philip Dean mit ihrem Fachartikel „Wissenschaft versus Gesellschaft“, der 2020 in der Zeitschrift „Future Medicine Ltd. Epigenomics“ veröffentlicht wurde.

Sie bezeichnen darin den sich in den letzten Jahrzehnten entwickelten Brauch, viele unter Dreijährige in die Tagespflege bei Fremden zu geben, als eine der größten sozialen Revolutionen in der Geschichte und zwar als Ergebnis der positiven gesellschaftlichen Entwicklung hin zur Akzeptanz von Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft.

Von Verhaltenswissenschaftlern liegen schon lange Forschungsergebnisse über Verhaltensstörungen bei Kindern vor, die lange Zeit in der Tagespflege betreut waren. Dies führte zur gesellschaftlichen Diskussion über Kleinkinder in Kindertagesstätten und wurde zu einem belasteten Thema, weil Schuldgefühle, starke öffentliche Auseinandersetzungen und soziale Spaltung die Debatte bestimmten. Die Autoren sprechen hier von einem „Tabuthema“, weil die wissenschaftlichen Ergebnisse gesellschaftlich nicht zur Kenntnis genommen werden.

Zu diesen Ergebnissen gehören die Forschungen zur Stressbelastung und deren Auswirkungen auf das kindliche Gehirn durch die schädliche Wirkung von Cortisol. In den ersten drei Lebensjahren vollziehen sich die neuronalen Verknüpfungen im Gehirn, die einen langfristigen Einfluss auf die gesamte menschliche Entwicklung haben. Die Bindungstheorie lenkt seit Bowlbys wissenschaftlichen Erkenntnisse die Aufmerksamkeit auf die negativen Auswirkungen für kleine Kinder bei einer längeren Trennung von ihren Müttern. Diese Theorie wurde in den folgenden Jahrzehnten unterstützt durch neurobiologische Forschungen zu den Auswirkungen von Stress auf die Gehirnentwicklung beim Kind. Inzwischen besteht weitgehende Sicherheit darüber, dass es auch zu epigenetischen Veränderungen durch frühkindliche Stresserfahrungen kommen kann.

Epigenetische Veränderungen in der Mutter-Kind-Dyade

Fremdbetreuung ein Tabu-Thema - Foto iStock © Believe_In_MeFrühkindlicher Stress, oft gewertet als negative Kindheitserfahrung (adverse childhood experience ACE) geht mit epigenetischen Veränderungen einher. Sie sind zwar in ihrem Ausmaß und in ihrer Art noch nicht abschließend definiert, da es keine einfache Möglichkeit gibt, die Schwere z. B. einer Misshandlung oder die Dauer, in der das Kind solches erlebt, zu erfassen. Jedes negative Ereignis kann jedoch eine Widrigkeit sein, die den Säugling oder das Kleinkind belastet. Auch die längere Trennung von der Mutter in der Bindungsphase kann ein negatives Ereignis sein. Dies lässt sich durch die Ausschüttung von Cortisol messen.

ACEs führen zu schlechten gesundheitlichen Ergebnissen bei betroffenen Kindern, sowohl körperlich als auch emotional. Menschen, die hohen Stressbelastungen in der Kindheit ausgesetzt waren, verursachen hohe Kosten in den Gesundheitssystemen.

Im frühen Säuglingsalter hat das Verhalten der Mutter einen entscheidenden Einfluss auf ihr sich entwickelndes Kind. Das Oxytocin-Rezeptor-Gen (OXTR) kann an den dafür vorgesehenen Stellen methyliert (Modifizierung der Erbsubstanz) werden, sowohl bei der Mutter als auch bei ihrem Kind [9]. Im Säuglingsalter zeigt das Kind eine große Variation in der Oxytocin-Gen-Methylierung (OXTRm); dagegen weist im entsprechenden Zeitraum die Mutter eine relativ stabile Häufigkeitsverteilung bei der OXTRm auf. Die Bindung in der Mutter-Säuglings-Dyade durch mütterliches Verhalten wird weitgehend durch das Hormon Oxytocin in Wechselwirkung mit seinem OXTR gesteuert. Diese Beziehung zwischen Mutter und Kind beginnt schon in der Schwangerschaft und epigenetische, durch äußere Umstände verursachte Veränderungen der OXTRm, finden schon in dieser Zeit statt.

Diese Entdeckungen legen nahe, dass die Qualität der Bindung der Mutter an ihr Kind das Epigenom ihres Kindes signifikant beeinflusst. Ihr Engagement beeinflusst wichtige Eigenschaften in der zukünftigen sozialen Entwicklung des Kindes. Die natürliche Bindung zwischen der Mutter und ihrem Kind hat konstante und langfristige Folgen mit epigenomischen Konsequenzen.

Dies wirft die Frage auf, ob außerhäusliche Kinderbetreuung durch fremde Personen in den ersten drei Jahren eines Kindes den vielfältigen epigenomischen Bedürfnissen der sich entwickelnden Kinder entspricht. Hier entsteht ein großes Problem in der Fremdbetreuung von Kindern, bei der es keinen Ersatz/Ausgleich für die fehlende Mutter-Kind-Beziehung gibt: Wie sollte man mit der entsprechenden Form der möglichen Überregulierung durch fremde Betreuungspersonen umgehen, dem Aufzwingen von Konformität in der Gruppe durch die Betreuer, die die Bedürfnisse der Gruppe über die des einzelnen Kindes stellen?

Intergenerationale Übertragung

Die dauerhaften Auswirkungen epigenomischer Veränderungen reichen möglicherweise über die Lebenszeit des Kindes hinaus. Seit den 1990er Jahren wird vermutet, dass epigenomische Veränderungen, die aus belastenden Ereignissen resultieren, an zukünftige Nachkommen weitergegeben werden könnten [12].

Kürzlich entdeckte eine Studie an Neugeborenen von Müttern, die ein Kindheitstrauma erlebt hatten, signifikant weniger kortikale graue Substanz als bei Kindern von Müttern, die über kein Kindheitstrauma berichteten [13]. Die Vererbung der epigenetischen Effekte muss als eine Möglichkeit in Betracht gezogen werden.

Mögliche Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie

Aus diesen Zusammenhängen resümieren die Autoren, dass es bei der Coronavirus-Pandemie mit der Abschottung der Familien und der reduzierten Trennung von Eltern und Kindern, wahrscheinlich weniger Stress für das Kind durch Wegfall der Fremdbetreuung gegeben hat. Das Zusammenleben dürfte die bestehenden Eltern-Kind-Beziehungen gestärkt haben. Eine starke Eltern-Kind-Bindung könnte sich verbessern, allerdings könnten schlechte Beziehungen sich auch weiter verschlechtern.

Fazit

Fremdbetreuung ein Tabu-Thema - Foto iStock © Ольга SimankovaEine Rekordzahl von Müttern ist berufstätig und Kinder unter drei Jahren verbringen länger als je zuvor in der Tagesbetreuung. Forschungen sowohl in den Verhaltens- als auch in den Molekularwissenschaften legen nahe, dass die Trennung von Kindern unter drei Jahren von ihren Müttern für einige Kinder erhebliche negative Auswirkungen haben kann [14]. Diese Auswirkungen sind physisch und psychisch und können lang anhaltend sein. Die größte Auswirkung für die Gesellschaft ist, dass gestresste Kinder ihre veränderten Gene epigenomisch an zukünftige Generationen weitergeben.

Steht die Wissenschaft nun im Konflikt mit den Kindererziehungsgewohnheiten der modernen Gesellschaft?

Die Autoren haben in etwa 1000 Forschungsberichten (verschiedene wissenschaftliche Arbeiten, aus über 30 Jahren) herausgefunden, dass die Trennung von Kleinkindern von ihren Müttern eine Vielzahl von negativen Auswirkungen hat. Allerdings haben sie keine systematische Übersichtsarbeit in einer führenden allgemeinmedizinischen Fachzeitschrift gefunden, und wahrscheinlich ist die vorliegende ein erster Leitartikel zu diesem Thema. Sie gehen davon aus, dass die Epigenomik nun ein bezeichnendes Licht auf die Betreuung von Kindern unter drei Jahren werfen kann und vielleicht einen Weg durch den Bruch des Tabus und für eine offene Debatte aufzeigen.

von Redaktion fürKinder

Quelle

Science versus society: is childcare for the under threes a taboo subject? (pdf), Future Medicine Ltd, Epigenomics (Epub ahead of print) ISSN 1750-1911, 10.2217/epi-2020-0141 C © 2020

Links zum Thema

Forschung

Deutsches Epigenom Programm (DEEP) Das Forschungsvorhaben steht in konkretem Zusammenhang mit krankheitsorientierten Fragestellungen in den Bereichen Immunologie und Stoffwechselerkrankungen.

Rezension

Die erste Bindung – Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen, Nicole Strüber, Klett-Cotta Verlag

Beitrag

Bindungstheorie: Sind kindliche Bedürfnisse kulturell beliebig?

Video

Risiken der frühkindlichen Fremdbetreuung, Prof. Dr. Eva Rass, Psychotherapeutin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

weitere Informationen

[1] Bowlby J. Attachment and Loss 1, (2nd Edition). Hogarth Press, London, UK (1982).

[2] Felitti VJ, Anda RF, Nordenberg D et al. Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults: the adverse childhood experiences (ACE) study. Am. J. Preventive Med. 14(4), 245–255 (1998).

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[12] Barker DJ. The fetal and infant origins of adult disease. Br. Med. J. 301(6761), 1111 (1990).

[13] Moog NK, Entringer S, Rasmussen JM et al. Intergenerational effect of maternal exposure to childhood maltreatment on newborn brain anatomy. Biol. Psychiatry 83(2), 120–127 (2018).

[14] Pereira Gray D, Dean D, Dean PM. Childcare outside the family for the under threes: cause for concern? J. R. Soc. Med. 113, 140–142 (2020).