Gewalt gegen Kinder betrifft uns alle - Foto AdobeStock ©Vera KuttelvaserovaNatürlich macht uns Gewalt gegen Kinder, so wir denn davon erfahren, betroffen. Darum soll es hier aber gar nicht gehen. Denn Gewalt gegen Kinder betrifft uns täglich auch dann, wenn wir nicht direkt davon erfahren und berührt werden. Sie betrifft uns alle und zwar durch eine ganz einfache Logik:

Gewalt gegen Kinder führt nachweislich zu erheblichen physischen und psychischen Schäden noch im Erwachsenenalter. Schäden, die als Probleme für die gesamte Gesellschaft wahrgenommen und gelöst werden müssen. Das aber betrifft jeden einzelnen in dieser Gesellschaft, egal ob er die Problemursachen kennt oder nicht. Scheint einfach und ist doch kaum Teil des öffentlichen Bewusstseins.

Belastende Kindheitserfahrungen

Die Kosten tragen wir alle

Fangen wir ganz unemotional mit den Kosten an. Die Deutsche Traumafolgekostenstudie kam 2011 zu dem Schluss, dass schwere Kindesmisshandlung und -vernachlässigung mindestens 11 Milliarden Euro pro Jahr an Kosten verursacht. Dies ist eine sehr vorsichtige Rechnung, wie die Autoren betonen. Die Organisation Prevent Child Abuse America kam 2012 in einer Studie, die direkte und indirekte Kosten von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung berücksichtigte, auf 80 Milliarden Dollar pro Jahr für die USA. Diese Kosten werden vor allem durch Steuern, Abgaben und Krankenversicherungsbeiträge sozialisiert.

Die Auswirkungen auf Körper und Seele

Es gibt ein Diagramm, das die ganze Misere eindrucksvoll auf den Punkt bringt:

Gewalt gegen Kinder betrifft uns alle -ACE-Diagramm
Was bedeutet dieses Diagramm?
Grundlage sind groß angelegte Befragungen durch die US-Bundesbehörde Centers for Disease Control and Prevention, kurz CDC. Dabei wurden sogenannte ACE-Werte „Adverse Childhood Experiences = Belastende Kindheitserfahrungen“ abgefragt. [1]

Acht verschiedene ACE-Werte wurden erfasst, dabei klassische Gewaltbelastungen wie emotionale, körperliche und sexuelle Misshandlung, das Miterleben von häuslicher Gewalt, aber auch so etwas wie Trennung der Eltern sowie Suchtverhalten, psychische Erkrankungen und Inhaftierung von Familienmitgliedern – alle prädestiniert für die Entwicklung von Bindungsstörungen.

Man fand über 40 negative Folgeerscheinungen, die offensichtlich durch belastende Kindheitserfahrungen entstehen, darunter u.a. Suchtverhalten (Alkohol, Drogen und Rauchen), Störungen, Arbeitslosigkeit, Diabetes, Suizidversuche, Herzerkrankungen, Krebs, Schlaganfälle und Behinderungen.

Die Grafik zeigt, wie mit jeder weiteren Belastung in der Kindheit die Gesundheitsprobleme der Menschen ansteigen. Am wenigsten belastet sind die Menschen, die keine Kriterien für einen einzigen ACE-Wert erfüllen. Man kann sich mit Blick auf diese Treppengrafik vorstellen, dass die Menschen mit hohen ACE-Werten auch die meisten Kosten für eine Gesellschaft verursachen und natürlich auch enormes Leid erleben. In den USA gaben 15,8 % von 214.157 durch das CDC Befragte vier oder mehr ACE-Werte an. [2]

Gewaltopfer neigen häufiger zu Gewalttätigkeit – je heftiger die erlittene Gewalt, desto häufiger die Neigung zu eigenen Gewalttaten.

Wenn belastende Kindheitserfahrungen – dabei vor allem Gewalterfahrungen – zu Kriminalität, Extremismus und politischen Schieflagen führen, dann wird es spürbar unangenehm für die Gesellschaft.

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, kurz KFN, hat sich in einer Schülerbefragung 2007/2008 mit 44.610 Befragten auf die Folgen von elterlicher, körperlicher Gewalt konzentriert. Dabei kam u.a. heraus, dass

Jugendliche, die keine körperliche Gewalt in Kindheit und Jugend im Elternhaus erlebt hatten, die niedrigsten Raten von Gewalttäterschaft zeigten (8,8 %).

Mit jeder Steigerung der erlittenen Gewalt – über leichte körperliche Gewalt zu häufig leichter oder schwerer Gewalt in der Kindheit + ergänzend Gewalt in der Jugend – stiegen die Raten der Gewalttäterschaft.

Fast jeder dritte Jugendliche (31,5 %), der die höchste Eskalationsstufe der elterlichen Gewalt erlebt hatte, berichtete von eigener Gewalttäterschaft und jeder siebte Jugendliche (14,6 %) dieser Kategorie war sogar Mehrfachgewalttäter. Ähnlich sieht es auch mit Selbstschädigungen aus. Jeder vierte Jugendliche (25,4 %), der die höchste Eskalationsstufe der Gewalt erlebt hatte, berichtete von Suizidabsichten, dagegen nur 5,4 % der gewaltfrei Aufgewachsenen.

Schaut man in die Gefängnisse und auf Befragungen von Inhaftierten, dann zeigt sich eine große Bandbreite von Belastungserfahrungen in der Kindheit, die bzgl. des Ausmaßes oft sogar über der von Psychiatriepatienten liegt. All diese genannten Dinge sind im Prinzip nicht neu und in Fachkreisen bekannt.

Wenn Liebe und Bindung fehlen

Gewalt gegen Kinder betrifft uns alle - Foto iStock © JuanmoninoGewalt gegen Kinder betrifft uns alle, ob wir nun wollen oder nicht! Im schlimmsten Fall werden wir oder unsere Angehörigen Opfer von Gewalt oder die Lokführer unter uns müssen miterleben, wie sich ein Mensch vor den Zug wirft. Dann spüren wir die Folgen unmittelbar.

Es geht noch weiter: Auch bei Extremisten und Terroristen fanden Wissenschaftler in einigen Einzelstudien hohe Belastungsraten in der Kindheit, über diverse Gewalterfahrungen, Verlust von Elternteilen bis hin zu elterlicher Gefühlskälte. Ich selbst habe die Biografien vieler prominenter Terroristen analysiert. Von RAF-Terroristen wie Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Horst Mahler, Inge Viett (um nur einige zu nennen) über rechtsextreme Akteure wie Anders Breivik und Beate Zschäpe bis hin zu Islamisten wie Osama Bin Laden oder den Brüdern Kouachi, die für die Terroranschläge auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ verantwortlich waren. Bei keinem dieser Leute fand ich eine Kindheit, die von elterlicher Zuwendung, Sicherheit und Liebe geprägt war, sondern eher das genaue Gegenteil davon.

Es geht also nicht nur rein um die Folgen von elterlicher Gewalt, sondern ergänzend auch um die Folgen von elterlicher Lieblosigkeit, Ablehnung, Vernachlässigung und sonstigen chaotischen bis traumatischen Kindheitserfahrungen. Was diese genannten Akteure einst als Kinder erlitten haben, kam mit einem großen Knall auf die Gesellschaft zurück.

Der größere Anteil der Folgen sind aber die oben beschrieben Gesundheitsprobleme, psychische Störungen und Selbstschädigungen. Im Alltag oder Berufsleben begegnen uns manchmal die Folgen auch durch Menschen, die allgemein „schwierig“ sind (um es vorsichtig auszudrücken). Menschen, die z. B. unnahbar sind, die heute so, morgen so handeln, die zu Extremen (in welchen Gebieten und Gemütslagen auch immer) neigen, die wenig Selbstbewusstsein haben, oft merkwürdige Entscheidungen treffen und andere Menschen, die eigene Außenwirkung sowie auch Realitäten oft schwer einschätzen können. Oder wir treffen auf Menschen, die ganz im Gegenteil mit einer aufgeblähten Selbstinszenierung (Narzissmus) auftreten und im Zweifel erst einmal angreifen, bevor überhaupt irgendetwas gesagt oder getan wurde. Solche Menschen finden wir auch in der Politik.

Und selbstverständlich sind auch die Herren und Damen in hohen Ämtern ausgestattet mit viel Macht, den Folgen von belastenden Kindheitserfahrungen unterworfen, wie jeder andere auch. Je mehr belastende Kindheitserfahrungen Menschen als Kind erlitten haben, umso wahrscheinlicher entsteht ein destruktiver Output in der einen oder anderen Form. Nun sind politische Führer meist keine Schlägertypen, dafür sind sie oft zu intelligent. Aber sie haben sehr viel Macht und mit ihren Entscheidungen können sie definitiv Menschen schwer schädigen und das in einem viel größeren Ausmaß, als es ein reiner Schlägertyp jemals könnte.

Machtmenschen ohne sichere Bindung

Alle Diktatoren, über die einigermaßen viel biografisches Material vorliegt, die ich im Laufe der Zeit analysiert habe, hatten eine destruktive Kindheit; mehr noch, oftmals war ihre Kindheit ein reiner Alptraum wie etwa bei Adolf Hitler, Mao Zedong, Josef Stalin oder Saddam Hussein. Aber schauen wir sogleich auch ins Hier und Jetzt, z. B. in die USA und nach Großbritannien. Zweifellos betrifft uns hier in Deutschland aktuell die destruktive Politik der Trump-Regierung und das Brexit-Chaos.

Sowohl Donald Trump als auch Boris Johnson waren in ihrer Kindheit extrem belastet. Trump hatte einen strengen, pedantischen Vater, der auf Gehorsam pochte und sehr hohe Erwartungen hatte. Schwächen waren inakzeptabel. Härte zählte dagegen viel, auch in der Erziehung. Auch körperliche Gewalt war in der Familie Trump üblich. Die Trump-Biografin Gwenda Blair berichtet davon, dass Fred Trump seine Kinder zur Strafe mit einem Holzgegenstand prügelte. [3] Das Ganze gipfelte damit, dass Trump Senior seinen Sohn Donald im Alter von 13 Jahren zur Strafe in ein Militärinternat schickte.

Die Devise im Internat war, die Zöglinge erst zu brechen und hinterher wiederaufzubauen.

Körperliche Brutalität und psychischer Missbrauch wurden toleriert und gefördert. Donalds Erzieher war ein Kriegsveteran der U.S. Army, der seine Zöglinge systematisch demütigte und schlug. „Man musste lernen zu überleben“, wird Trump mit Blick auf diese Zeit von den Biografen Michael Kranish und Marc Fisher zitiert.

In der Kindheit von Boris Johnson sah es nicht viel besser aus. Seine Eltern, so berichtete seine Schwester Rachel in der Zeitung „The Times“, hätten fest an die Notwendigkeit von Köperstrafen in der Erziehung geglaubt. Die Mutter von Boris Johnson litt zudem unter Depressionen, einer massiven Zwangsstörung und musste zeitweise die Kinder von einer Nanny betreuen lassen. Im Alter von 13 Jahren wurde Boris von seiner Familie getrennt und lebte die folgenden ca. fünf Jahre lang in dem Eliteinternat Eton.

Natürlich wird nicht jedes schlecht behandelte und einst geschlagene Kind zu einem Gewalttäter, einem Trump oder gar zum Terroristen. Es geht hier – nach dem Treppenprinzip – um erhöhte Wahrscheinlichkeiten für destruktives Verhalten und problematische Gemütszustände. Und es geht darum, dass bei destruktiven Machtmenschen auffällig häufig sehr belastende Kindheitshintergründe ausgemacht werden können.

Die Kindheit von Putin

Der Vater von Putin kämpfte im Zweiten Weltkrieg an der Front und wurde dabei fast getötet. Putins Mutter kam ebenfalls fast zu Tode, als ihre Heimatstadt Leningrad belagert und ausgehungert wurde. Allerdings starben ihre beiden Söhne, davon wohl einer auf Grund der Belagerung. Es ist davon auszugehen, dass Putins Eltern schwer traumatisiert wurden.

Putins Vater wird als harter, strenger und stiller Mann beschrieben, der seinem Sohn Wladimir gegenüber keine Gefühle zeigte und oft Streit mit ihm hatte. Einmal verließ Wladimir mit seinen Freunden die Stadt, ohne den Eltern Bescheid zu sagen. Als er wieder nach Hause kam, wurde er von seinem Vater mit einem Gürtel verprügelt. Wladimir selbst entwickelte seinerseits einen Hang, sich in Prügeleien auf der Straße zu verstricken und für Jugenddelinquenz.

Die Familie lebte in nur einem Zimmer und Wladimirs Leben spielte sich wohl hauptsächlich draußen und in den Hinterhöfen ab.

„Jeder lebte irgendwie in sich selbst“, beschreibt Putin später diese Zeit und das Leben mit seinen Eltern. „Ich kann nicht behaupten, dass wir eine sehr emotionale Familie waren, dass wir uns austauschten. Sie behielten vieles für sich. Ich wundere mich noch heute, wie sie mit den Tragödien umgingen.“ [4]

Eine Kindheit in Liebe sichert eine lebenswerte Welt

Gewalt gegen Kinder betrifft uns alle - Foto iStock © Vasyl DolmatovGewalt gegen Kinder macht uns betroffen, in einem weit gedachten und auch globalen Sinne. Bis heute sind nur 12 % aller Kinder in der Welt durch Gesetze in allen Lebensbereichen inkl. ihrem Zuhause vor körperlicher Gewalt geschützt. [5] Die weltweite gesetzliche Ächtung der Gewalt wäre das Mindeste, was wir schnellstmöglich umsetzen sollten. Ich schließe mit einem Zitat von Prof. Dr. med. Peter Riedesser – ehemaliger Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf –, das im Grunde alles sagt:

„Weltweiter Kinderschutz ist der Königsweg zur Prävention nicht nur von seelischem Leid, sondern auch von Kriminalität, Militarismus und Terrorismus. Er sichert die Demokratie und den friedlichen kulturellen und ökonomischen Austausch.“ [6]

von Sven Fuchs

Erstveröffentlichung: Magazin für uns Ausgabe gebunden ergänzt um „Die Kindheit von Putin“

[1] www.cdc.gov/violenceprevention/childabuseandneglect/acestudy/about.html, dort auch weitere „sprechende“ Graphiken
[2] Weltweiten Statistiken: World report on violence and health www.who.int/violence_injury_prevention/violence/status_report/2014/en/
Unterthema: World report on child injury prevention
apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/43851/9789241563574_eng.pdf
www.who.int/violence_injury_prevention/child/injury/world_report/en/
https://learningcommunityds.org/wp-content/uploads/2018/09/Aces-Study_JAMA_Pediatrics_17Sept2018-1.pdf
[3] Depending on the seriousness of what had occured, malefactors might be grounded for a few days; according to the children`s friends, occasionally wrongdoers were also paddled with a wooden spoon, Blair 2000, S. 228
[4] Die Kindeit ist politisch!, Mattes Verlag, 2019, S. 254f. Rezension[5] https://endcorporalpunishment.org/countdown/
[6] www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-2002-30640

Diagramm: Association between ACEs and Negatives Outcomes

Links zum Thema

Tagungsbericht

„Kindheit ist politisch“ – Wege aus der Gewaltspirale von Anfang an

Studie

Gewalt und Depression der Eltern

Lese-Tipp

Reflexionen über Jewgenij Samjatins Zukunftsroman „Wir“

Beitrag

Die Folgen sexueller Gewalt

Interview

„Die Kindheit entscheidet“, Interview mit Sven Fuchs

Video

Niemals Gewalt (Never Violence), David Aufdembrinke, DAGO Kinderlobby e.V., 16.09.2009

Eine Geschichte über die Unsinnigkeit von Gewalt in der Erziehung, die auf der Rede von Astrid Lindgren 1978 anlässlich des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels basiert. „Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang“, Astrid Lindgren.

Dem Filmemacher David Aufdembrinke war es besonders wichtig, den Blickwinkel des Kindes einzufangen, um den Zuschauern ins Gedächtnis zu rufen, wie Gewalt als Erziehungsmittel von Kindern wahrgenommen wird und dass diese mit ihrer Empfindung genau richtig liegen. „Wie Lindgren so richtig sagte, hängt unsere Zukunft von dem ab, was unsere Kinder heute erfahren. Wenn ein Kind Gewalt erlebt, nimmt es diese als Normalität hin, und wird sie deshalb auch weitergeben. Die Zukunft liegt in den Händen unserer Kinder. Erst wenn sie Gewalt als etwas Fremdes erleben, können wir auf eine friedvolle Zukunft hoffen“, erklärt der Regisseur sein Engagement.