Krisen, Formen, Herausforderungen, Lösungen - Foto Fotolia © Brian JacksonMan merkte gleich zu Beginn: etwas Neues wird probiert und die Aufregung ist entsprechend groß. Die Herausforderung, die 26. GAIMH-Jahrestagung 2021 online durchzuführen, sogar mit etwa 350 Teilnehmenden, flößt auch dem Eröffnungsmoderator Michael Watson sichtlich Respekt ein. „Mein Adrenalinspiegel steigt“, wiederholt er ein paar Mal und man kann ihm das, wenngleich nur virtuell verbunden, nachfühlen.

Die Coronapandemie, die große Krise unserer Zeit, fordert auch in der professionellen Schulung und Vernetzung von Helfenden neue Wege. Watson spricht in seiner Anmoderation insbesondere die Hoffnung auf neue Ideen, die durch die Tagung wachsen mögen, an und verbindet das Wort „Lockdown“ mit dem deutschen Wort „Schloss“, für das es den rechten Schlüssel zu finden gelte. Ein solcher Schlüssel, soviel sei vorab gesagt, ist mit dieser informativen und inspirierenden Tagung gefunden wurden: und neben dem „Down“ des Lockdowns waren auch Gipfel und Aussichtspunkte auf neuen Wegen zu finden, insbesondere auch durch die hohe Kompetenz der Vortragenden. „Krise als Chance“ online pionierhaft zu ergreifen, wurde hier praktiziert und inspirierend umgesetzt.

Interessant so auch die Berichte aus den drei Nachbarländern Österreich, Schweiz und Deutschland zur Situation der kleinen Kinder in der Coronakrise. In allen drei Beiträgen wurde deutlich, dass die Coronakrise vielfältige Belastungen für die Familien mit sich gebracht hatte und dass zugleich tragfähige Beziehungen eine wichtige Ressource für Eltern und Kinder darstellten.

Frau Mag. Caroline Culen, PhD, von der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit berichtete von den mit der Krise einhergehenden hohen Auslastungen der Kinder-und Jugendpsychiatrien, hierbei von immer jüngeren Kindern, und vor allem von somatisierenden Mädchen, die oft lange wenig auffielen, da sie sich schweigend anpassten.

Frau Dr. phil. Patricia Lannen vom Marie Meierhofer Institut für das Kind/Schweiz stellte eine Studie (Kleinkinder und ihre Eltern während der Covid-19 Pandemie) über Kinder unter vier Jahren, erhoben während des ersten Lockdowns, vor. Hier zeigte sich, dass die Belastungen von Familien sehr unterschiedlich wahrgenommen wurden, Familien teils auch Genuss aus der Zeit zogen, während andere litten und sich schwer taten, „alles unter ein Dach“ zu bringen. Auch die Vermischung von Arbeit und Freizeit im Homeoffice zeigte sich als schwierig. Insbesondere relevant für die Zufriedenheit der Familien war, wer die zusätzlich anfallenden Aufgaben übernahm. Hier seien teils die Mütter in besonderer Weise belastet gewesen. Es zeigte sich eine Korrelation zwischen der Zufriedenheit der Eltern und der der Kinder.

Fazit: Die Zufriedenheit der Kinder im ersten Lockdown der Krise hing maßgeblich von der Zufriedenheit der Eltern ab. Zugleich war eine Traditionalisierungstendenz bzgl. klassischer Rollenübernahmen zu verzeichnen, die sich noch bei Ausgangssperren verschärfte.

Für Deutschland berichtete Frau Prof. Dr. Sabine Walper/Deutsches Jugendinstitut (Kindsein in Zeiten von Corona: Studienergebnisse): Familien, die unter Geldsorgen zu leiden hatten, waren vor allem 1-Personen-Haushalte. Traditionalisierungstendenzen zeigten sich hier eher nicht, so dass nicht von einer „patriarchalen Pandemie“ zu sprechen sei. In den erforschten Familien zeigten sich vor allem zwei Pole:

Familien mit seelischer Erschöpfung (vor allem durch fehlende Infrastruktur) und auf der anderen Seite entlastete Familien, die sich entschleunigt fühlten und es genossen, mehr Zeit miteinander verbringen zu können.

2/3 der Kinder ging es laut dieser Befunde gut, korrelierend mit Einkommensverhältnissen, Vorhandensein eines Gartens und Bildungsressourcen der Eltern. Kindergartenkinder litten besonders unter Einsamkeit sowie fehlenden Freunden und Spielkameraden. Als belastend zeigten sich:
Negatives Familienklima, Ärger und Stress der Eltern und finanzielle Sorgen (insbesondere als Belastung bei den 0-3-Jährigen). Aus Kreisen des Kinderschutzes wurde von vermehrter Gewalt in Familien berichtet.

Befragte Eltern wünschten sich vor allem:

  • Zuverlässige Kindertagesbetreuung
  • Entlastungssysteme
  • mehr Kontakte
  • Unterstützung durch den Arbeitgeber
  • mehr gesehen zu werden von der Politik

Die anschließenden Referate und Workshops griffen im interdisziplinären Austausch auf unterschiedlicher Weise Lösungen und Perspektiven raus, die ihre Aufmerksamkeit jeweils auf die kindliche Befindlichkeit richteten. Im Fokus stand die Entwicklung und Beziehungswelt und die Auseinandersetzung mit nahen Bezugspersonen mit ihren Entwicklungsaufgaben als Eltern oder als Betreuende in ihrer Funktion im Kinderschutz und Frühe Hilfen, Entwicklungsbegleitung, Psychisch kranke Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern, Psychotherapie und Psychoanalyse, Säuglingspsychosomatik, Pränatale Psychologie, Psychotherapie und Psychosomatik. Dieses ambitionierte Unterfangen zeigte, dass problematisches Verhalten in der frühen Kindheit und das Leiden in der Eltern-Kind-Beziehung als Antworten aller Beteiligten auf Hindernisse im komplexen individuellen und sozialen Entwicklungsgeschehen verstanden werden muss. Der Blick auf aktuelle Forschungsergebnisse im Bereich der seelischen Gesundheit des kleinen Kindes spiegelt dies in allen Fachbereichen wider. So etwa wegweisend in folgendem Vortrag:

Die Bedeutung der Affektregulierung und des frühen Schamerlebens

Prof. Dr. Eva Rass, Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin

Krisen! – Formen, Herausforderungen, Lösungen - Foto epert © photocaseEva Rass stellte zunächst die Veränderung der Sicht auf das Kleinkind dar: Während Freud den Säugling noch als polymorphes Triebbündel eingeschätzt habe (hier in seiner Rückbezüglichkeit aus Therapien mit Erwachsenen), sehen wir Kleinkinder heute, und dies sei vor allem Allan N. Schore und seinen Arbeiten zu verdanken, als aktiv agierende komplexe Wesen von Beginn an. Von Beginn an gehe es demnach um Abstimmung zwischen Bezugsperson und Säugling, eine Anpassung an die jeweilige hirnorganische Reife. Beispielhaft zeigte sie einen Ausschnitt aus dem bekannten „Still-Face-Experiment“ von Edward Tronick, bei dem Mütter nach einer Phase innigem bezogenen interagierenden Spiel mit ihrem Kleinkind (im Beispiel ein etwa 1 Jahr altes Kind) aufgefordert sind, mit unbeweglicher Mine nicht mehr auf die Interaktion des Kindes einzugehen. Im Filmausschnitt zeigt sich: zunächst strengt das kleine Kind sich noch vermehrt an, die Mutter mit seinen Interaktionen doch zu erreichen, dann stößt es Quietschlaute aus und weint schließlich verzweifelt. Dieser Ausschnitt dauerte hier nur etwa zwei Minuten.

Eindrucksvoll ließe sich so ableiten, wie Eva Rass anschaulich ausführte, wie schlimm es für ein Kleinkind sein muss, wenn die nahen Bezugspersonen nicht angemessen auf es eingehen können. Sie bezeichnete die frühen Jahre als Fundament in einem Haus der Entwicklung, das sich bis ins hohe Alter als entscheidend zeigen könne, anstehende Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Geschehe dies nicht, folgten normative Krisen. Therapie müsse sich somit mit den Bruchstellen der vorhergehenden Entwicklungsphasen beschäftigen.

Donald Winnicott beschrieb bereits, wie der Stoffwechsel der Mutter schon im Mutterleib die Entwicklung des Kindes beeinflusse. Mit der psychoneurowissenschaftlichen Affektregulation hat sich Allan N. Schore in besonderem Maße beschäftigt. Eva Rass hat sein Werk ins Deutsche transferiert und zusammengefasst. Das affektive Geschehen bestimmt diesem Ansatz zur Folge das Grundgeschehen in der Persönlichkeit. Die Reifung der Affekte hängt maßgeblich von der Bindungserfahrung ab. Das Kind, das lernt durch die Mutter extern reguliert zu werden, kann dies in interner Regulation fortsetzen. Das Kleine kann dies aufgrund seiner hirnorganischen Reifung noch nicht selbst leisten, und benötigt dazu Erwachsene, die von Außen regulieren – erst dann kann die Affektregulierung internalisiert werden. Eva Rass beschrieb den Bindungsdialog der ersten 18 Monate als prägend, die erlernte Spannungsregulierung als zentrale Säule psychischer Gesundheit. Die bange Frage mancher Eltern, ob man dann im Umgang mit dem Säugling nicht furchtbar perfekt sein müsse, entkräftete sie mit der Aussage, dass 70 % der Interaktion „daneben“ gehen dürfe und 30 % synchron verlaufen solle.

Neurowissenschaftlich interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Untersuchungen von Stephen W. Porges: die elterliche Sicherheits- und Regulierungserfahrung hat demzufolge einen maßgeblichen Einfluss darauf, wie der Vagusnerv myelinisiert wird: wird dieser durch fehlende Regulierungserfahrungen weniger ummantelt, so macht das Kinder und Erwachsene vulnerabler d.h. verwundbarer oder verletzlicher. Sehr wichtig ist natürlich, dass Eltern regulieren können und selbst eine regulatorische Kompetenz erworben haben. Fehlt diese Fähigkeit, können Kinder mit überflutenden Affekten überfordert werden. Bei wiederholter Erfahrung hat dies Einfluss, wie die rechte Gehirnhälfte ausgebildet wird, die Eva Rass als „Regisseur“ im Leben ansieht.

Es ist nachweisbar, dass affektive (vorübergehende Überflutungen negativer Gefühle) Prozesse das Grundgeschehen im tiefsten Persönlichkeitskern ausmachen, was dazu beiträgt, viele Phänomene im menschlichen Leben aus dieser Perspektive zu verstehen. Viele experimentelle und klinische Arbeiten zeigen, dass die Reifung der Affekte das Schlüsselereignis im Säuglingsalter ist, und dass der Erwerb einer Kontrollfunktion für die Selbstregulation von Affekten einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung darstellt. Die Entwicklung der Affektregulation ist somit ein wesentliches organisierendes Prinzip der emotionalen Entwicklung und der Hirnreifung, Eva Rass.

Erst eine angemessene Regulationsfähigkeit ermöglicht Kindern, einen Affekt wie die Scham auszuhalten. Erfahren Kinder in diesen frühen Phasen eigene Wirkungslosigkeit, so ist das, wie auch Léon Wurmser darstellte, eine frühe Quelle für spätere schwierige Schamdynamiken. Erleben Kinder etwa ein depressives Elternteil, so entsteht dann die Überzeugung: An mir ist etwas falsch (Hilgers), ich bin schuld, dass mein Elternteil so ist (Léon Wurmser). Eva Rass führt Schamerleben auf fehlende Responsivität zurück, als mangelnde Synchronisation zwischen Kind und Bezugsperson. Affektabstimmung bedeute, dass Kinder mit niedrigem Antrieb durch die Bezugspersonen vitalisiert würden, überdrehte Kinder reguliert. Dem Dreieck Vater-Mutter-Kind komme dabei die Feindosierung zu.

von Waltraut Barnowski-Geiser

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Stress und psychische Probleme während des ersten COVID-19-Lockdowns, Universität Zürich und La Source (HES-SO) Lausanne, Medienmitteilung vom 03.05.2021, Abstract und Download PDF

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Significant increase in depression seen among children during first UK lockdown, ScienceDaily, 8 December 2020, University of Cambridge, Abstract und Download PDF

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