Vom Gegenwillen des Kindes - Foto jandrielombard © iStockKennen Sie das: Nach Ihrem Einkauf im Supermarkt stellen Sie sich in der Reihe der anderen Kunden an und warten geduldig, bis Sie an der Reihe sind. Inzwischen hat sich ein weiterer Kunde hinter Ihnen angestellt, und schon bald spüren Sie, wie der Einkaufswagen hinter Ihnen immer wieder in Ihren Rücken drückt. Es wird nicht allzu lange dauern, bis Sie sich umdrehen und Ihrem Peiniger einen vorwurfsvollen Blick zuwerfen, sehr wahrscheinlich in Verbindung mit einer leicht genervten Äußerung.

Druck erzeugt Gegendruck

Sie können diese Reaktion kaum unterdrücken ­- es ist ein tief in uns verankerter Reflex. Wir mögen es nicht, wenn jemand Druck auf uns ausübt.

Was Ihnen in jenem Moment widerfahren ist, wurde zum ersten Mal vom Wiener Psychoanalytiker und Freud­-Schüler Otto Rank beschrieben. Er nannte diese unbewusste aber sehr mächtige Kraft den Gegenwillen. Obwohl dies nun bereits mehr als hundert Jahre her ist, blieb der Begriff des Gegenwillens bis heute weitgehend unbekannt.

Anna

Die 4-­jährige Anna verhält sich in letzter Zeit sehr widerwillig ihren Eltern gegenüber. Beide Eltern sind in der Erziehung ihrer Tochter sehr engagiert und pflegen einen liebevollen Umgang mit ihr. Dennoch sind sie mit ihrem heftigen Widerstand überfordert. Was sie auch sagen, Anna antwortet fast immer mit einem lauten „NEIN!“ oder sie dreht sich um und läuft davon.

Die Eltern fangen an, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen: Sie meint, er sei zu streng, er erwidert, sie sei zu lasch. Frustration machte sich breit.

Eine häufige Reaktion von Erwachsenen gegenüber Widerstand ist, dass wir unsere Anweisung noch heftiger äußern, lauter und drohender werden. Dadurch verschlimmert sich die Situation, und nicht selten sagt oder tut man Dinge, die man kurz darauf bereut.

Woher kommt dieser Widerstand des Kindes?

Je besser wir die Ursache für dieses Verhalten verstehen, desto einfacher wird es, diese Dynamik in eine positive Richtung zu steuern.

Häufig kommt es den Eltern so vor, als ob ihr Kind einen starken Willen hätte und versuchen würde, sie mit ihrem Verhalten zu manipulieren. Dieses Verhalten hat aber damit nichts zu tun. Es ist ein Reflex – eine Form des Widerstandes, den man als Gegenwillen bezeichnet.

Otto Rank beschrieb den Gegenwillen als einen Instinkt, der dann in Erscheinung tritt, wenn jemand anderes versucht, Sie zu einer bestimmten Handlung zu zwingen.

Gegenwille und Bindung

Gordon Neufeld zeigt auf, dass der Gegenwille ein natürlicher, gesunder Impuls ist, welcher zwei wichtige Aufgaben erfüllt:

Einerseits schützt es das Kind vor äußeren Einflüssen. Es wehrt sich instinktiv gegen Anweisungen von Fremden (und steigt deshalb z. B. nicht einfach so zu Fremden ins Auto).

Ebenso erfüllt der Gegenwille, die sich im Laufe der Zeit entwickelnde Individualität des Kindes.

Wenn wir beginnen, den Zweck des Gegenwillens zu verstehen, wird es uns leichter fallen, mit Widerstand angemessen umzugehen.

Aus der Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung wissen wir, dass die Bindung zwischen Eltern und Kind der wichtigste Faktor in der Entwicklung des Kindes und seines Verhaltens ist. Wenn Kinder in einer tiefen und bedeutungsvollen Weise gebunden sind, haben sie von sich aus den Wunsch, der Führung ihrer Eltern zu folgen.

Da es normal ist, dass die Bindung vom Kind zu den Eltern nicht immer ‚aktiviert‘ ist, kann ein widerwilliges Verhalten immer wieder auftreten. Da wir primär Bindungswesen sind, ist in diesen Momenten das Kind an etwas oder jemand anderen gebunden. Dies kann ein Spielzeug sein, ein Bilderbuch oder die Spielkameraden.

Da Ihr Kind nicht dazu bestimmt ist, von jemandem Anweisungen anzunehmen, an den es im Moment nicht gebunden ist, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass Sie den Gegenwillen im Kind auslösen.

Dies kann für Eltern sehr irritierend sein, da sie ja eigentlich eine sehr gute Beziehung zu ihrem Kind haben und es ihnen normalerweise auch folgt.

Wenn also Anna im Moment sehr an ihre Spielzeuge gebunden ist, etwas, was bei 4­-Jährigen sehr häufig zu beobachten ist, so wird sie den Aufforderungen ihrer Eltern vermutlich nur wenig Folge leisten. Das heißt nicht, dass sie ihre Eltern nicht mehr liebt oder sonst nicht gut an sie gebunden ist. Es heißt bloß, dass sie in diesem Moment woanders gebunden ist.

Reifung und Individualisierung

Der Gegenwille hilft dem Kind, sich selber zu werden, indem es sich darin übt, eigene Gedanken und Gefühle zu haben.

Zu manchen Zeiten z. B. im Kindergartenalter, werden Sie häufiger mit ungebremstem Gegenwillen konfrontiert. Dies hat mit der Entwicklung des noch jungen Gehirns des Kindes zu tun. Der Teil des Gehirns, welcher die sich widersprechende Gedanken und Gefühle ausgleicht und ihnen dabei hilft, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, bildet sich erst später (Präfrontaler Kortex). Bis zum Alter von 7-8 Jahren sind Kinder nicht in der Lage, widersprechende Gefühle und Gedanken zu haben. Ihr Bindungsverhalten ist sehr polar: Wenn das Kind an dies oder jenes gebunden bin, sträubt es sich unbewusst gegen konkurrierende Bindungen. Dies verstärkt den Gegenwillen, da das Kind sich noch nicht auf zwei Bindungen (Spielzeug und Mutter) gleichzeitig einlassen kann.

Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat schon früh auf diese eingeschränkte Wahrnehmung des Kindes hingewiesen.

Auch während der Pubertät zeigt sich der Gegenwille sehr stark. In dieser Lebensphase ist er aus entwicklungspsychologischer Sicht angemessen, denn die Adoleszenz sollte u. a. eine Zeit des schwindenden (aber nicht fehlenden) Einflusses der Eltern sein. Der Gegenwille hilft dem Jugendlichen, den Raum zu bekommen, den er braucht, um herauszufinden, wer er als Individuum wirklich ist.

Der Schlüssel zum Umgang mit Gegenwillen

Vom Gegenwillen des Kindes - Foto Nadezhda1906 © iStockWie oben beschrieben, ist der Gegenwille eine durchaus sinnvolle Strategie. Ihn komplett unterbinden zu wollen, macht keinen Sinn und widerspräche der natürlichen Entwicklung des Kindes.

Dennoch möchte ich nachfolgend ein paar Strategien nennen, die den Widerstand des Kindes verringern und Ihnen helfen, gelassener mit der Situation umzugehen.

Nehmen Sie’s nicht persönlich!

Der Widerstand ist nur scheinbar gegen Sie gerichtet. Die Versuchung ist groß, darauf mit Frustration und Aggression zu reagieren. Auch das Wegnehmen von den Dingen, an die das Kind im Moment gebunden ist oder eine auf Trennung basierende Maßnahme („Geh auf dein Zimmer!“) wird die Situation nicht verbessern, sondern eher noch verschlimmern.

Bindung vor Weisung

Ich empfehle, das Kind immer zu ’sammeln‘, bevor Sie ihm Anweisungen geben. Sammeln bedeutet, dass Sie zuerst mit dem Kind in Beziehung treten, bevor Sie Ihre Anweisung aussprechen. Im Konflikt selber ist dies jedoch oft nicht möglich.

Den Konflikt später klären

Viele moderne Erziehungsratgeber empfehlen den Eltern, den Konflikt immer sofort zu klären. Das Kind müsse im Moment des Geschehens die Konsequenzen spüren. Es gehe darum, die elterliche Autorität in jenen Momenten aufrecht zu erhalten.

Tatsache ist aber, dass sowohl Sie wie auch das Kind in solchen Konfliktsituationen emotional sehr geladen sind. Versuchen Sie, gelassen auf den Widerstand zu reagieren. Sorgen Sie dafür, dass niemand und nichts zu Schaden kommt. Lassen Sie den Konflikt ruhen. Kommen Sie erst dann wieder auf den Vorfall zu sprechen, wenn Sie und Ihr Kind in einer guten, entspannten Bindung sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Kind sich kooperativ zeigen wird, steigt um ein Vielfaches!

Den Willen trainieren

Geben Sie Ihrem Kind immer wieder Gelegenheiten, selbständig Entscheidungen zu treffen. Gordon Neufeld nennt dies das ‚kleine Lenkrad‘. Denken Sie an diese Einkaufswagen im Einkaufszentrum, an welchen vorne ein kleines Auto befestigt ist. Ihr Kind bekommt ein Gefühl dafür, wie es ist, über etwas die Kontrolle zu haben. Zum Beispiel könnten Sie dem Kind die Entscheidung übergeben, welches der beiden Gemüsesorten für das Abendessen zubereitet werden sollte. Das Kind bekommt so die Möglichkeit, selber zu entscheiden, ohne dass Sie gegen Ihr Prinzipien verstoßen müssen.

Sie mögen einwenden, dass dies alles viel Zeit in Anspruch nimmt. Das mag sein, aber bedenken Sie all die Zeit, die während den nervenaufreibenden Konflikten verloren geht – ganz zu schweigen von den einhergehenden Frustrationen und Gefühlsausbrüchen. Zudem kann sich dadurch die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Kind aufgrund der häufigen Streitereien merklich verschlechtern.

Seien Sie vorbereitet!

Es gibt Tageszeiten, an denen der Gegenwille des Kindes schon fast vorprogrammiert ist. Es sind jene Momente der Übergänge: Früh am Morgen nach dem Aufstehen, am Mittag nach der Schule, vor dem Schlafengehen und in jenen Momenten, wo ihr Kind in einer Tätigkeit vertieft ist. Wenn Sie um diese neuralgischen Momente wissen, können Sie sich innerlich darauf vorbereiten und souveräner damit umgehen.

Nähren Sie das Bindungsbedürfnis des Kindes

Je besser ein Kind an Sie gebunden ist, desto leichter wird die Erziehung. Schenken Sie Ihrem Kind die Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe, die es von Ihnen braucht. Wenn eine längere Trennung bevorsteht, versuchen Sie diese zu überbrücken, indem Sie z. B. während Ihrer Abwesenheit mehrmals zuhause anrufen.

Übernehmen Sie die Führung

Sie sind die Person mit der größeren Weisheit und Erfahrung. Machen Sie in Bezug auf Ihre Kinder den ersten Schritt und übernehmen Sie die Führung.

von Michael Miedaner

Quelle

Roots of Life, veröffentlicht am

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