Eltern-Bashing2 - Foto © Colourbox 2037525„Keine Gewalt gegen Kinder!“ Unter keinen Umständen und schon allemal nicht in der Erziehungsarbeit. Soweit der Konsens zumindest aller an Kindererziehung Beteiligter. Aber unter dieser deklamatorischen Kuscheldecke tut sich Erstaunliches. Was die einen schon als Gewalt gegen Kinder begreifen, ist für die anderen noch legitime Erziehungsarbeit. Und mit zunehmender Hektik, Stress und Erfolgsdruck auf Seiten der Erziehenden verschiebt sich diese Grenze und mit ihr das Verständnis, was tatsächlich Gewalt gegen Kinder bedeutet.

Erziehung ist Be-ziehungsarbeit

Die jüngst in den Medien kontrovers und leidenschaftlich diskutierten „Fälle“ sind nur die Spitze des Eisbergs, machen aber ein Paradox sehr deutlich: Die jubelnde Zustimmung gerade auch gut meinender Eltern zu den Methoden des Kinderpsychiaters und millionenfach gelesenen Ratgeber-Autors Dr. Michael Winterhoff oder der „Elternschule“ der Kinderklinik Gelsenkirchen-Buer (ausführlich zu beiden Themen die Diskussionsbeiträge von Dr. Herbert Renz-Polster in seinem Blog-Kinder verstehen), ist ein Zeichen für die wachsende Verunsicherung von Eltern, die bei aller Liebe zu ihren Kindern im Erziehungsalltag an ihre Grenzen stoßen, sich oft verzweifelt nach – einfachen – Lösungen sehnen und sich aufatmend auf die einfach und plausibel daherkommenden Lösungsangebote zweifelhafter Experten einlassen. Und unversehens wird da scheiternde Liebe zur Anerkennung mehr oder weniger subtiler Gewalt als Mittel der Erziehung – das „Ziehen“ wird wichtiger in der Hoffnung, dass so die Be-Ziehung wieder harmonisch werde.

Diese Verunsicherung wird tagtäglich verstärkt und auf die Spitze getrieben durch das beliebte „Eltern-Bashing“, das Einprügeln auf die ohnehin zweifelnden Eltern, ganz gleich ob „Überbehütung“ und „Helikoptern“ oder „Vernachlässigung der Erziehungspflichten“ und „mangelnder Gehorsam“ als Anklage herhalten müssen.

Bedingungslose Annahme (k)eine leichte Aufgabe

Auch die liebevollsten Eltern sind zunehmend verunsichert und suchen nach dem richtigen (Erziehungs-)Weg für ihre Sorgen und Bemühungen in einer Kultur, die ausgerichtet ist auf Mehr-Leistung und Wettbewerb und die wenig Spielraum bietet für kindliche Freude und Freiheit. (siehe: Lasst eure Kinder in Ruhe! S. 41)

Dabei ist die Angst, Fehler zu machen in der Erziehung von, und in der Beziehung zu den Kindern, der eigentliche Fehler. Eltern dürfen Fehler machen und tun das ständig, aber für die Kinder zählt vorrangig, sich bei den Eltern aufgehoben, in ihren Eigenarten angenommen und geliebt zu fühlen. Die mangelnde „Fehlertoleranz“ einer permanent multimedial aufgeregten Leistungsgesellschaft und die Furcht der Eltern, den Ansprüchen dieser Leistungsgesellschaft nicht zu genügen, die Angst vor dem Verlust sowohl der materiellen Lebensgrundlagen einerseits, aber mehr noch der „Achtung“, dem Ansehen in dieser Gesellschaft andererseits, schlägt sich geradezu symbolisch in dem unendlichen Strom immer neuer Erziehungsratgeber mit immer neuen sensationellen Tipps und Tricks für den „richtigen“ Umgang mit den Kleinen nieder.

In Wirklichkeit ist die Frage: was Kinder tatsächlich brauchen, doch ganz einfach zusammenzufassen:

Liebe und Auslauf. Chance und Ermutigung zum Abenteuer, zum Erkunden des aufregend Neuen und ein absolut sicherer, schützender Rückzugsort.

Doch wie gelingt es Müttern und Vätern in ihrer Elternrolle selbstbewusst und gelassen zu sein, statt in ihrem ängstlichen Perfektionismus das Erfahrungslernen der Kinder durch ständiges Eingreifen, Vorgreifen, Korrigieren zu verhindern? Und welchen Schutz und Fürsorge, der jeder Mutter laut Artikel 6, Absatz 4, GG zugesichert ist, kann die Gemeinschaft als solches beisteuern?

Wo die Gründe in den Persönlichkeitsstrukturen der Eltern liegen, kann eine Lösung nur über die persönliche Unterstützung und Stärkung auch in Form von öffentlichen Hilfsangeboten erreicht werden.

Wenn der Grund für das „Helikoptern“ oder das „Vernachlässigen“ in den funktionalen Zwängen der modernen Wachstums- und Konsum-Gesellschaft liegt – etwa der Isolation städtischer Kleinfamilien, der permanenten Einschränkung der unmittelbaren Lebens- und Erfahrungsräume, der Überforderung mit Informations-, Kommunikations- und Konsum-Entscheidungen – oder in Unsicherheiten und Zukunftsängsten – etwa die Bedrohungen durch Abstieg und Armut, durch zu raschen sozialen wie technologischem Wandel oder die Entgrenzung der Horizonte und ein Gefühl der Entfremdung – dann ist die (Sozial-)Politik gefordert.

Wertschätzung fürs Elternsein?

Eltern-Bashing stillende Mutter - Foto © anne PHOTOGRAPHIEDie Politik hat die Aufgabe, Verhältnisse zu schaffen, in denen Eltern angstfrei und abgesichert ihre Elternschaft nach den Eigenheiten und Potentialen ihrer jeweiligen Kinder – wobei jedes Kind anders ist – und den berechtigten Entwicklungsinteressen und Neigungen der Eltern selbst ausrichten und ausüben können. Das heißt sehr unterschiedliche und ständig auch wechselnde Lebensformen und Erziehungsarten zu ermöglichen und abzustützen.


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Davon ist derzeit wenig zu spüren; eher der erstaunlich parteienübergreifende Konsens, die Kinder völlig unabhängig von ihren individuellen Temperamenten und Persönlichkeitsmerkmalen durch kollektive Fremdbetreuung so lange und häufig wie möglich „aus dem Weg zu räumen“ und den Eltern die Freiräume für andere (wichtigere?) Aufgaben wie Existenzsicherung, Selbstverwirklichung und wirtschaftliche Produktivität freizuschaufeln – zusammengefasst im quasi religiös überhöhten Begriff von „Arbeit“ als Erwerbsarbeit.

Die Konsequenz ist der permanente Versuch, Einheits-Strickmuster, Institutionen und Methoden kollektiv applizierbarer Anleitungen für das Lernen, die „Bildung“ und die Persönlichkeitsentwicklung schon der Kleinstkinder zu entwickeln und durchzusetzen.

Aber:
Kinder lernen nicht durch das Wiederholen von Vorgekautem, sondern durch das wagemutige Angehen des Unbekannten, das Manipulieren und „Begreifen“ der Welt um sie herum, die grenzenlose Neugier im freien Spiel. Den Mut dazu haben sie nur, wenn sie sicher sein können, dass bei einem – möglicherweise schmerzhaften – Scheitern ihrer Versuche und Abenteuer immer und ohne Frage der Rückzug in die tröstenden Arme liebender Eltern (Großeltern, Bindungspersonen) möglich ist. Eine unabdingbare Voraussetzung für diese spielerische und experimentelle Art des Lernens und Wachsens ist aber im Gegenzug der Mut der Eltern zum Loslassen. Für diesen Mut gilt es, die Voraussetzungen bei Eltern und Umwelt zu schaffen.

Auch Regeln akzeptieren und Selbstdisziplin lernen Kinder nicht, jedenfalls nicht ohne Schaden zu nehmen, durch „strafbewehrte“ Disziplinierungsmaßnahmen der „Erziehungsberechtigten“, sondern durch den natürlichen Impuls, dem elterlichen Vorbild zu folgen und ohne Angst Grenzen wahrzunehmen und zu akzeptieren – nicht ohne gelegentlichen Protest, aber immerhin.

Der verstorbene Kindertherapeut und Mitbegründer der Stiftung „Zu-Wendung für Kinder“, Wolfgang Bergmann, hatte die Gabe seine Positionen leicht verständlich – auch im Streit mit Michael Winterhoff – darzustellen.

In Buchform, in Interviews, Vorträgen und Talkshows wendete er sich immer wieder gegen eine einseitige „Gehorsamspädagogik“. Hier nur ein paar Beispiele:

Zur Hölle mit der Disziplin

„Ich habe etwas gegen diesen disziplinarischen Jargon, der auf eine unterdrückte, verkrampfte, verklemmte Art und Weise daherkommt. Dieser Bürokratenkram, dieses halb verfehlte Psychologendeutsch ödet mich zutiefst an. Die Welt ist zu komplex für die einfachen Antworten von Bueb und Winterhoff. Ihre reaktionären Thesen können, wenn es schlecht geht, die Hölle in einer Familie anrichten. Davor muss man die Familien schützen.“

Strafe als Liebesbeweis: „Das ist eine Perversion von Erziehung. Wenn Sie sehen, mit welchem Vertrauen Kinder ihre Hand Mama oder Papa geben. Und dann kommt dieses permanente „Das muss man kontrollieren“ und „Das muss man bestrafen“ solcher Disziplinarpädagogen wie Winterhoff. Er schreibt ja allen Ernstes, dass Kinder unter gewissen Voraussetzungen nicht zwischen einem Stuhl und der Oma, die drauf sitzt, unterscheiden können. Das ist natürlich Unsinn.“ [1]

Ein Kind liebt Vater und Mutter. Mit dieser Liebe kann man fast jedes Problem lösen.

Plädoyer gegen Gehorsamspädagogik

Elterliche Autorität: „Ich war schon immer dafür, dass Erwachsene Kindern gegenüber autoritär sind. Mein Buch heißt „Gute Autorität“, gut heißt beschützende Autorität. Bei meinen Vorträgen vor Eltern sage ich immer, Kinder wollen nicht gleichberechtigt sein, das war ein Irrtum der Vergangenheit, Kinder wollen beschützt werden.“

„Kinder haben zunehmend Probleme … Darauf müssen wir Antworten finden, aber doch nicht dieses etwas Tumbe „da muss man mal dazwischen hauen, da muss man mal strafen und kontrollieren, dann wird das schon“. Das führt die Eltern auf die falsche Ebene, das richtet die Hölle in den Familien an und macht die Kindheit der Kinder endgültig kaputt. Da wird man zornig, und das bin ich auch.“ [2]

Zuerst die Liebe, dann der Gehorsam

„Gehorsam ist ein Kind der Liebe. Kinder brauchen Liebe und Gehorsam. Entscheidend ist die Reihenfolge: Zuerst muss sich das Kind geliebt fühlen, es muss seinen Eltern vertrauen – dann folgt der Gehorsam von ganz alleine. Grundsätzlich wollen Kinder ihren Eltern ja folgen, und sie machen das gerne, wenn sie darauf vertrauen können, dass ihre Eltern wissen, wo es langgeht.“

„Und wenn das Grundvertrauen stimmt, dann werden Sie weder Brüllen noch körperliche Gewalt brauchen, um sich durchzusetzen. Kinder empfinden Eltern als stark, denen sie vertrauen können. Die liebevoll und voller Verständnis sind, aber wenn es sein muss, auch mal auf den Tisch hauen. Die eben nicht lau sind. Das mögen Kinder nicht. Klare Worte sind ihnen lieber als weitschweifige Erklärungen …“

„Eine innige Beziehung zu seinem Kind aufzubauen – das ist wichtiger als großes Wissen, kluge Erziehungstricks und ein allzeit ausgeglichenes Wesen. Eltern, die darauf setzen, statt auf Strafen, vertrauen Kinder. Aus diesem Vertrauen wächst Neugier, Klugheit, Selbstbewusstsein. Und diese Kinder gehorchen ihren Eltern, wann immer es darauf ankommt.“ [3]

von Redaktion fuerKinder

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weitere Informationen

[1] Kindererziehung: Zur Hölle mit der Disziplin, Süddeutsche Zeitung, 17.05.2010

[2] Plädoyer gegen Gehorsamspädagogik, Wolfgang Bergmann im Gespräch mit Joachim Scholl, Deutschlandradio, 10.2.2009

[3] Zuerst die Liebe, dann der Gehorsam, Expertengespräch Wolfgang Bergmann mit Oliver Steinbach, Eltern.de