Erziehung der Angst 1. Foto © privat Die 36. Jahrestagung der Gesellschaft für Psychohistorie und Politische Psychologie (GPPP) zum Thema „Erziehung der Angst – Transgenerationale Weitergabe einer kinderfeindlichen Haltung“ wurde mit folgenden Worten angekündigt:

„Traumatisierende Erlebnisse in der frühen Kindheit schaffen eine Disposition für Entwicklungsstörungen. Nicht verarbeitete Angsterlebnisse, vor allem Verlusterlebnisse in der präverbalen Lebenszeit, bilden dazu die Grundlage, dass eine besondere Sensibilität und Anfälligkeit für Ängste entwickelt wird. Eine „heiße Spur“ gegenwärtiger Forschung ist die generationsübergreifende Weitergabe von unbewussten und tabuisierten Traumata der Eltern- und Großelterngeneration durch Erziehung. Unsere Jahrestagung 2022 will diesem Thema Raum geben. Sie ist aber auch ein Forum, um aktuelle Entwicklungen in der Psychohistorie zu diskutieren.“

Im Eröffnungsvortrag ging es zunächst um den Blick in die Vergangenheit, sowohl unserer Persönlichen wie auch in die Weltgeschichte. Der Psychohistoriker Ludwig Janus erklärte auf eindrückliche Weise, dass Menschenkinder sozusagen „halbfertig“ zur Welt kommen. In den ersten 18 Monaten sind Babys und Kleinkinder noch ohne einen vollumfänglich funktionierenden präfrontalen Cortex unterwegs und somit sehr stark auf Ko-Regulation von außen angewiesen. Das heißt,

als Eltern und vor allem als Mutter ist ein feinfühliger Umgang mit dem Kleinstkind eine der größten Herausforderungen, da das kindliche Gehirn hochempfänglich für die Eindrücke von außen ist. In dieser Zeit ist Bindung geradezu elementar.

Dass der Mensch in den ersten Lebensjahren, aber auch davor, also pränatal sehr verletzlich ist und bereits vor der Geburt traumatisiert werden kann, dieser Gedanke war lange Zeit undenkbar. Die Forschung diesbezüglich ist noch sehr jung.

Wenn Angsterleben traumatisch wird

Im zweiten Teil dieses Vortrages ging es dann um die Angst. Die Wurzel der Angst ist laut der „christlichen Mythologie“ der Sündenfall. Ludwig Janus schlägt hier den Bogen von den Anfängen der Menschheit zur gegenwärtigen Ursache der Angst: Kinder würden zu oft in fremde Hände gegeben, in einer Zeit, wo sie – aus oben genannten Gründen – sehr viel emotionale Begleitung bräuchten. Hieraus entsteht eine Angst, die nicht gespürt werden kann und folglich nicht gespürt wird.

Anhand des aktuellen Kriegsgeschehens und am Beispiel von Wladimir Putin zeigte Ludwig Janus eindrücklich auf, was für Folgen eine traumatische Kindheit haben kann. Nicht nur Putin, sondern die ganze russische Bevölkerung und auch die Ukrainer leben mit den Folgen der Traumatisierungen ihrer Vorfahren, die sie durch den 2. Weltkrieg erlitten haben. Menschen wie Putin gehen zum Angriff über und andere erstarren vor Angst, sind wie gelähmt …

Auf den Vortrag von Anja Röhl zum Thema: „Das Elend der Verschickungskinder – Angsterzeugung als Mittel der Disziplinierung bei Kindern in Institutionen des Kur-Wesens der 50-80/90er Jahre“ war ich am meisten gespannt, da ich einen persönlichen Bezug dazu habe.

Mein Vater, Jahrgang 1944, wurde als 11-jähriger Junge aus dem bergischen Land nach Norderney „zur Kur“ geschickt. Ziel dieser „Kur“ war die Erholung nach einem 6-wöchigen Spitalaufenthalt inklusiv Penicillinkur, sowie Verbesserung des Asthmas und einer Gewichtszunahme.

Ohne Liebe und elterliche Geborgenheit: In der Fremde gedemütigt gesunden?

Aus den ursprünglich geplanten 11 Wochen wurden 14 Wochen „Kur“ bei den pommerschen Schwestern auf Norderney in einem sogenannten „Fürsorgekinderheim“.

Was mein Vater in diesen 3,5 Monaten erlebt hat, lässt wohl niemanden kalt. Zitat:

„[…] sie verprügelte mich derart, wie es noch nie jemand in meinem kurzen Leben getan hatte. Sie hat mich an den Haaren aufgezogen und die Schläge prasselten von allen Seiten auf mich. Mein Bett sah aus, als hätte man eine Schlacht veranstaltet und überall lagen meine Haare als stumme Zeugen dieser Prügelveranstaltung herum, die übrigens von eindeutigen Drohungen begleitet war.“

Als er nach 14 Wochen Martyrium nach Hause kam, sagten meine Großeltern zueinander: „Er ist nicht mehr derselbe, was hat man wohl mit ihm gemacht?“

Mit diesem familiären Hintergrundwissen war ich sehr gespannt zu hören, in welchem Ausmaß das wohl auch anderen Personen geschehen sein mag.

Kein Einzelfall: zu dünn, zu blass und bei frischer Luft als Lügner bezichtigt

Erziehung der Angst - eine Fahrt ins Kinderkurheim mit traumatischen Erlebnissen - 2. Foto © privatMit großem Schrecken und Erstaunen hörte ich, dass dieses „Fürsorgekinderheim“ auf Norderney kein Einzelfall war, es muss über 800 solcher Verschickungsheime (Kindererholungsheime, -kurkliniken, -heilstätten) gegeben haben! Auf der Seite www.verschickungsheime.de kann man sich über die Hintergründe und Fakten informieren und in einem Forum auch die eigene Erfahrung mit der Verschickung öffentlich machen.

Viele dieser Verschickungsheime wurden von den pommerschen Schwestern geführt. Also Frauen, die aus Pommern in die BRD geflüchtet waren und somit selbst eine traumatische Vergangenheit hatten. Bei einem Betreuungsschlüssel von 100 bis 200 Kindern auf eine Erzieherin der „Tante“ war es zudem geradezu unmöglich, eine Beziehung zwischen „Tanten“ und Kind aufbauen zu können. Etwas, was Kinder in dieser Trennungssituation bitter nötig gehabt hätten.

Es war den Kindern zwar erlaubt, Briefe zu schreiben und auch zu empfangen. Auf beiden Seiten wurde aber streng zensiert. Nicht selten wurde ein geschriebener Brief vor den Augen des Kindes zerrissen und das Kind musste einen vorgegebenen Text von der Tafel abschreiben. Der Inhalt empfangener Pakete wurde unter den Kindern verteilt, nur selten erhielt ein Kind wirklich etwas von seinen Angehörigen.

Wenn diese Kinder dann nach Hause kamen, entstand zwischen dem, was sie wirklich erlebt hatten und auch erzählten und dem Inhalt ihrer „Briefe“ eine große Diskrepanz. Die Kinder mussten sich dann selbst der Lüge bezichtigen.

Wenn das innere Kind verängstigt zurück bleibt …

Einige „Fürsorgekinderheime“ wurden mit ärztlicher Betreuung geführt, andere nicht. Einblicke in Akten legen nahe, dass es in solchen Heimen auch Vorfälle von Medikamentenversuchen gab. Betroffene berichten beispielsweise, dass „Bettnässer“ geradezu „produziert“ wurden, in dem es den Kindern über Stunden hinweg verboten war, die Toiletten zu besuchen. Anschließend wurden sie als Bettnässer mit Tabletten und Spritzen behandelt. Ob dies Einzelfälle oder ein Massenphänomen war, ist heute noch nicht klar. Es gibt aber starke Hinweise auf nicht mit den Eltern abgestimmte Medikamentengaben und Arzneimittelversuche.

Die Kinder wurden mit einer unglaublichen Härte und Strenge „gehalten“

Erziehung der Angst 3 - Knabenheilstätte St. Marienwörth Bad Kreuznach ca. 1953 - Foto © privatZu den „medizinisch empfohlenen Strafen“ gehörten unter anderem der Entzug von Beachtung und liebgewonnener Spielsachen, Isolierung, Strafsitzen am Tisch oder Strafstehen an der Wand. Kinder mussten Schilder um den Hals tragen z. B. mit der Botschaft „Vorsicht, ich beiße“. Die Strafe sollte sich nach der Psyche des Kindes richten, diese treffen.

Betroffene erzählen in ihren Zeugnissen noch von weiteren Disziplinierungsmaßnahmen, wie dem Zwang, ekelerregendes Essen zu sich nehmen zu müssen, Erbrochenes „eingefüttert“ zu bekommen. Sie wurden mit anderen Namen oder nur mit Nummern angesprochen, mussten Anstaltskleidung tragen, wurden zum Einnehmen von Tabletten und zu Spritzen gezwungen. Fieberthermometer wurden unter Schmerzen eingeführt. Außerdem Schläge und Prügel auf Gesicht, Körper und Po usw.

Erziehung der Angst 4 - Knabenheilstätte St. Marienwörth Bad Kreuznach ca. 1953 - Foto © privatDie vorfallenden „Taten“ dieser Kinder waren als Reaktion auf die Trennung von ihren Bezugspersonen ganz normale Dinge: Heimweh, Reden, Lachen mit anderen Kindern, Weinen, Erbrechen, Verschmutzen und Verlieren von Kleidung, Gewichtsabnahme, Krank werden und immer wieder „nicht vorschriftsgemäße Ausscheidungsvorgänge“.

Anja Röhl, selbst ehemaliges Verschickungskind, berichtete davon, dass es in den Heimen immer wieder zu Todesfällen kam. Bei zwei Kindern ist bekannt, dass sie nach erzwungenem Essen gestorben sind, da Nahrung oder Flüssigkeit über die Luftröhre in die Lunge gelangten. Doch wie viele Kinder erlebten in Wirklichkeit dieses Schicksal?

NS-Spuren, die verblassen, aber dennoch allgegenwärtig sind

Auf jeden Fall weiß man, dass Strafen und Quälen in Büchern und von den Ärzten empfohlen und vorgegeben wurden. Es gab nicht die einzelnen sadistischen Schwestern, sondern die Misshandlungen waren breit angelegt. Die ganze Organisation der Verschickungskinder war riesig und alles hing mit Geld und Profit zusammen.

Als mögliche historische und strukturelle Ursachenkomplexe führt Anja Röhl drei Bereiche auf:

Der unmittelbare historische Kontext ist die NS Zeit. Davon waren die Tanten, Kinderärzte und Heimleiter beruflich wie auch biografisch geprägt.

Weiter zurückliegende Ursachen sind die strafende Pädagogik des 19. Jahrhunderts, die Klimaheilkunde, ebenfalls 19. Jahrhundert, und die Religionen.

Allgemeine Gründe: dazu zählen die Theorie der totalen Institution, Forschungsinteresse, Ökonomie, Gewinnstreben, Sadismus, sexuelle Gewalt.

Bei einer Umfrage mit über 6.000 Fragebögen kamen folgende Punkte als die drei schlimmsten traumatischen Erlebnisse heraus:

Essen und erzwungenes Essen
Trennung von den Eltern und Heimweh
Bestrafungen

In Recherchen und Erinnerungen von Betroffenen zeigt sich, dass viele Kinder bei den Kuren Misshandlungen erlitten, u. a. durch Esszwang, Toilettenverbot, körperliche Strafen, Demütigungen und Erniedrigungen. Von allen Beteiligten – Eltern, Ärzten, Kostenträgern, Heimträgern – wurden diese Misshandlungen und Missstände jahrzehntelang ignoriert. Den meisten Kindern wurde nicht geglaubt, bzw. ihnen wurde die Fähigkeit zur Einschätzung der Situation abgesprochen.

Versöhnung mit dem Blick nach vorn

Die damaligen „Verschickungskinder“ sind heute selbst Eltern und viele sicher auch Großeltern.
Mein Vater reiste vor einigen Jahren noch einmal auf die Insel Norderney und stellte sich dort seiner Geschichte. Eine Besichtigung des ehemaligen Kinderheims wurde ihm aber verwehrt. Er entschied sich bewusst für den Weg der Vergebung und erlebte, dass ihn das wirklich frei machte.

In mir wuchs durch diese Tagung eine große Dankbarkeit für die Resilienz meines Vaters und für sein Umfeld, dass ihn unterstützen und auffangen konnte. Er ist ein wunderbarer Vater und Großvater!

von Angela Indermaur

Quelle
Erziehung der Angst – Transgenerationale Weitergabe einer kinderfeindlichen Haltung, Programm der Tagung

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