Wenn Alkohol den Familienalltag bestimmt - Foto iStock © RomoloTavaniAls ich Frau Weber* kennenlerne, ist sie 38 Jahre alt. Sie ist der Ansicht, dass ihr Sohn Vincent in einer Jugendhilfeeinrichtung besser aufgehoben sei als bei ihr. Das Verhalten des 13-Jährigen sei unerträglich, der Junge sei frech, würde ihr nur noch widersprechen oder sie komplett ignorieren, schimpft sie und auch die Konflikte mit Vincent’s Vater, von dem sie sich schon vor vielen Jahren getrennt hat, nähmen kein Ende. Frau Weber fürchtet, dass die Auseinandersetzungen noch weiter eskalieren und der Junge eines Tages zuschlägt. Die zuständige Sozialarbeiterin im Jugendamt hatte vorgeschlagen, es zunächst einmal mit einer ambulanten Hilfe zu probieren. Frau Weber war bereit, sich auf eine aufsuchende Familientherapie einzulassen und ich wurde eine ihrer Therapeutinnen.

Wenn Alkohol den Familienalltag bestimmt, gehen Sucht und Gewalt oft Hand in Hand.

Frau Weber erzählte gern und viel und insbesondere auch über ihre eigene Kindheit. Sie ist die erwachsene Tochter eines alkoholkranken Vaters und einer Mutter, die – wie Frau Weber sagt – ihrem Mann hörig war und dabei ihre Kinder vergaß. Frau Weber hat Gewalt, Verwahrlosung, Alleinsein und Hunger erlebt.

„Tagelang waren mein kleiner Bruder und ich uns selbst überlassen, allein in der Wohnung, nicht immer gab es zu essen, da haben wir uns mit kleinen Diebstählen über Wasser gehalten.“ Dass ihre Mutter nicht in der Lage war, die Kinder vor den Gewaltausbrüchen des Ehemannes und Vaters zu schützen, kann Frau Weber nicht verstehen. „Wozu haben die denn Kinder gekriegt?“ Zwar habe die Mutter drei oder viermal den alkoholabhängigen Ehemann zwangseinweisen lassen, doch dann kam er zurück und es ging weiter wie zuvor. Als Frau Weber etwa sieben Jahre alt war, haben sich die Eltern getrennt, die Kinder blieben bei der Mutter, die einen neuen Partner hatte, der ebenfalls gewalttätig war und den Kindern „Zucht und Ordnung“ beibringen wollte.

Das Schweigen brechen, wenn Kinder leiden

Wenn Alkohol den Familienalltag bestimmt - Foto iStock © kerklaIm Bekanntenkreis wussten alle, Bescheid – auch in der Verwandtschaft. Die Oma habe viel geweint, erinnert sie sich und „alles Reden hat gar nichts geholfen“. Eines Tages, da war sie 11 und ihr Bruder war 9, haben Nachbarn die Geschwister auf der Straße „geschnappt“ und mit in die Wohnung genommen. Sie haben genau gefragt, was zuhause los ist und die beiden Kinder haben alles erzählt und auch die Hämatome an Armen, Rücken und dem ganzen Körper gezeigt. „Das war eine Erleichterung“, sagt Frau Weber. „Zwei Wochen später kam ein Brief von der Polizei, die ganze Familie wurde vorgeladen. Da war bei uns die Hölle los.“


So würde das heute nicht mehr ablaufen. Die Konfrontation darf nicht dazu führen, dass sich die häusliche Situation verschärft und die Kinder gefährdet. Es gibt ein Kinderschutzverfahren und Kooperationsvereinbarungen von Polizei und Jugendamt. Wenn Sie sich Sorgen um ein Kind machen, können Sie sich (auch anonym) an die Kinderschutzhotline 030 610066 wenden, hier werden auch Anrufe aus ganz Deutschland beantwortet.


Und doch sei es ihr eine Genugtuung gewesen. Sie habe es sich immer gewünscht und es dem Stiefvater prophezeit, dass er eines Tages für alles bezahlen wird. „Auf der Wache wurden wir dann alle einzeln befragt. Die Polizistin hat uns erklärt, wie es weiter geht, und dann kamen wir in ein Heim. Das war unsere Rettung“. Der Bruder ging ein Jahr später zum Vater, der angab nach einer Entgiftung abstinent zu sein. Frau Weber blieb im Heim. Sie wusste, dass der Vater seine Versprechen, so wie tausend Male vorher, nicht einhalten wird. Und so kam es auch. Der Rückfall ließ nicht lange auf sich warten und der Bruder kam nach nur sechs Monaten wieder zurück ins Heim.

Lebenskompetenz entwickeln, aber wie?

Wenn Alkohol den Familienalltag bestimmt - Foto 123rf © jmpaget„Alles was brauchbar ist fürs Leben, habe ich im Heim gelernt“, sagt Frau Weber. Möglichst unabhängig von staatlicher Unterstützung zu leben, das ist ihr wichtig. Sie kann mit wenig Geld haushalten, ihre Wohnung ist liebevoll und den Jahreszeiten entsprechend geschmückt. Frau Weber ist ausgesprochen hübsch, gepflegt und immer freundlich. Obwohl beide Elternteile sorgeberechtigt sind, tritt sie als Familienmanagerin in Erscheinung.

Sie fühlt sich für alles verantwortlich, es fällt ihr schwer, sich aus dem Verantwortungsbereich des Sohnes und auch aus dem des Kindesvaters herauszuhalten. Genau genommen sind die Verantwortungsbereiche gar nicht so genau definiert. Das Einmischen ist ein bedeutender Wert für Frau Weber. „Ich mag mir nicht vorstellen, was geworden wäre, wenn sich damals bei uns niemand eingemischt hätte“. Seit der Ex-Mann eine neue Partnerschaft einging, aus der ein weiteres Kind hervorkam, steht Frau Weber auch hier hilfreich und meist unaufgefordert, mit Rat und Tat zur Seite, wann immer es Probleme gibt oder zu geben scheint. Auch für ihren Bruder, der so wie der Vater eine schwere Alkoholabhängigkeit entwickelte, ist und war sie immer da. Oft wurde sie angerufen, wenn er verwahrlost und volltrunken in der Notaufnahme gelandet war. Manchmal war er nüchtern und Frau Weber hat dem Bruder die Beaufsichtigung ihres Sohnes anvertraut, als dieser noch klein war. Wenn sie nachhause kam, war er nicht immer nüchtern. Einmal kam ein Anruf von Vincent. „Ich glaube Onkel Markus ist tot, er bewegt sich nicht mehr“. Ab da hat sie ihren Jungen nicht mehr mit ihrem Bruder allein gelassen.

Seit fünf Jahren ist er jetzt trocken, hat Anschluss an eine Selbsthilfegruppe, eine feste Beziehung, schließt mit sechsunddreißig Jahren zum ersten Mal eine Ausbildung ab und möchte ein zuverlässiger Onkel für seinen Neffen werden. Er kommt jetzt wieder öfter zu Besuch, die Geschwister sprechen viel über ihre Geschichte und manchmal streiten sie sich, wenn es um die Beziehung und den Kontakt zu den Eltern geht. Er besucht den Vater und die Mutter gelegentlich oder zu Festtagen; Frau Weber hat keinen Kontakt mehr. Ihren Vater hat sie zuletzt gesehen, da war sie schwanger. Er habe sich unmöglich benommen und nur an ihr herumgemäkelt. „Vielleicht war er auf Entzug. Bei mir gab es keinen Alkohol“. Die Mutter hat vor fünf Jahren den Mann, der damals die Kinder misshandelte, geheiratet. „Das war zu viel“, sagt Frau Weber. „Ich will sie nicht mehr sehen.“

Sichere Bindung gelingt ohne Fesseln

Ihre Geschichte erzählt Frau Weber offen und fließend. Beim Zuhören, empfinde ich Traurigkeit und Wut. Wenn ich Frau Weber nach ihren Gefühlen frage, weicht sie gern aus und ich überlege, ob sie vielleicht Lust hat, sich in einer Einzeltherapie ihrer Lebensgeschichte und dem was noch alles aus ihr werden kann, zu widmen. „Ein Buch könnte ich schreiben“ hat sie gesagt. Dabei ist sie eine, die spricht und nicht schreibt. Viel lieber möchte sie, dass jemand anders ihre Geschichte aufschreibt und weitererzählt. Sie wünscht sich, dass die Menschen sich viel öfter einmischen und dass sie hinschauen, was um sie herum geschieht und sich nicht nur um sich selber kümmern. Manchmal fühlt sich Frau Weber überlastet und der Rücken macht ihr Probleme, eine Kur erlaubt sie sich nicht. An die eigene Gesundheit denkt sie erst, wenn alle anderen versorgt sind. Dass Mütter sich gut um sich selbst kümmern sollen, dieses Denken ist ihr fremd.

Erst als sie wahrnimmt, dass ihr Sohn sich um die Mutter sorgt, denkt sie darüber nach, dass sie möglicherweise durch die eigene Selbstfürsorge den Jungen entlasten kann.

In den gemeinsamen Elterngesprächen und in den Familienrunden konnten Absprachen zu konkreten Vorhaben getroffen und Verantwortlichkeiten formuliert werden. Neben der aufsuchenden Familientherapie wurde eine sozialpädagogische Familienhilfe installiert, deren Angebote im Freizeitbereich, insbesondere von Vincent intensiv genutzt werden. Gegen Ende des Hilfezeitraums traut Frau Weber ihrem Sohn zu, dass er seinen Weg machen wird und sie kann es immer mehr aushalten, dass der Vater nicht alles so macht, wie sie es gern hätte.

Neue Fäden im Familienmuster

Wenn Alkohol den Familienalltag bestimmt - Foto Shutterstock © KieferPixIch habe das Beispiel von Frau Weber ausgewählt, weil mich ihr Satz: „Nicht immer sind die Kinder am besten bei den Eltern aufgehoben!“ so berührt hat und weil sie es geschafft hat, so vieles anders zu machen, als sie selbst es erlebte. Sie war dabei, das Muster der Mutter zu wiederholen, indem sie eine Partnerschaft mit einem Mann einging, der reichlich Alkohol konsumierte und ihr gegenüber gewalttätig wurde. Anders als ihre Mutter konnte Frau Weber ihr Kind schützen. Inzwischen ist auch bei ihrem Ex-Ehemann weder Alkohol noch Gewalt ein Thema. Er hat andere Wege zum Umgang mit Konflikten und Belastungen gefunden. Den Kontakt zu seinem Sohn hat er immer gehalten.

Frau Weber hat erfahren, dass Kinder in einem Heim besser aufgehoben sein können als bei den Eltern und sie war zu Beginn der Familientherapie darauf ausgerichtet, dass auch ihr Sohn nicht bei ihr, sondern in einer Jugendhilfeeinrichtung leben wird. Im gemeinsamen Arbeitsprozess hat sie es geschafft, Konflikte auszutragen, verschiedene Lösungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen und an der Balance zwischen elterlicher Führung und altersgemäßem Freiraum und Verselbständigung zu arbeiten. Sie weiß, dass das Zusammenleben mit ihrem pubertierenden Sohn nicht immer bequem sein wird, aber sie ist ja nicht allein. Dass Vincent in einer Jugendhilfeeinrichtung besser aufgehoben wäre, als bei seiner Mutter, das denkt hier niemand. Frau Weber hat sich das „Einmischen“ genauer angeschaut und kann unterscheiden, wann es wichtig und möglicherweise lebensrettend ist und wann das Einmischen eine nicht gerechtfertigte grenzüberschreitende Handlung darstellt. In der Arbeit zur Familienbiografie haben wir herausgefunden, dass auch der Großvater ein Alkoholproblem hatte. Frau Weber meint, es könne irgendwie mit seiner Kindheit im Krieg zu tun haben. Ob sie demnächst noch eine Einzeltherapie machen möchte, darüber denkt sie noch nach. „Alles zu seiner Zeit“.

von Mechtild Römer

*alle Namen wurden geändert

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weitere Informationen

Vater, Mutter, Sucht von Waltraud Barnowski-Geiser, Klett-Cotta, 2015

Wenn Eltern zu viel trinken von Martin Zobel (Hrsg.), Balanceverlag, 2008

Klein, Michael (Hrsg.): Kinder und Suchtgefahren. Risiken – Prävention – Hilfen. Verlag Schattauer, 2007

Schiffer; Eckhard: Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde. Anstiftung gegen Sucht und Selbstzerstörung bei Kindern und Jugendlichen. Beltz Taschenbuch, 2010

Zobel, Martin (Hrsg.): Kinder aus alkoholbelasteten Familien. Entwicklungsrisiken und -chancen. Hogrefe Verlag, 2006

Schloss aus Glas von Jeanette Walls, Hoffmann und Campe, 2005

Kinderbuch: Flaschpost nach irgendwo von Schirin Homeier und Andreas Schrappe, Mabuse-Verlag, 2019, Rezension

außerdem:
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen mit vielen Informationen und Broschüren zum Herunterladen wie etwa:
Bitte hör auf! Pixi-Buch, Die Broschüre im Bilderbuchstil richtet sich an Kinder aus suchtbelasteten Familien im Vorschul- und Schulalter. Sie ermutigt dazu, Hilfeangebote zu nutzen. Info und Downloadlink